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Ich hoffe, Sie haben ein schönes Weihnachtsfest, meine Damen und Herren. Ich selbst war vor kurzem noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken in einer englischen Buchhandlung in Zürich, und dort entdeckte ich zwischen «Mindfulness for Busy People« und «Difficult Mothers» folgenden Titel: «The Flirting Bible». Reich illustriert mit Bildern: Your Ultimate Photo Guide. Zuerst dachte ich: super Idee, und dies finde ich immer noch, aber die Ausführung ist leider etwas enttäuschend. Im Wesentlichen laufen die Ratschläge darauf hinaus, dass man lächeln-lächeln-lächeln soll und so weiter, und dies ist jetzt nicht eben revolutionär neu, egal, ob daneben noch ein Foto einer lächelnden Person abgebildet ist, anhand derer man vielleicht üben könnte; jedoch, andererseits, wahrscheinlich ist das Repertoire der menschlichen Anziehung eben auch begrenzt, nichts Neues, trotz exuberierender technischer Möglichkeiten. Und alleweil noch so diffizil, dass das irritierte spätmoderne Subjekt auf eine «Flirting Bible» zurückgreifen muss, verfasst von einer Dame namens Fran Greene, laut Buchcover: Former Director of Flirting at Match.com. Eurgh. Dann vielleicht doch lieber «For Mothers of Difficult Daughters».

Nach der erfolgreichen Anbahnung der Beziehung folgt übrigens nicht selten irgendwann deren Abbruch, und im Zusammenhang damit war neulich in der «Huffington Post» folgender Überblickartikel zu lesen: Die peinlichsten Ich-will-Dich-zurück-Textnachrichten. Dies wiederum, meine Damen und Herren, bringt mich, im gefühlsseligen Geiste der Weihnacht und eingedenk des alkoholseligen Geistes der bevorstehenden Feiertage, zu einer kleinen Warnung: Vorsicht mit Textnachrichten unter Einfluss von Rauschmitteln. Was früher der Drunk Call war, ist heute der Drunk Text: rührselig, peinlich, reuevoll. Dabei geht es gar nicht darum, ob die NSA das möglicherweise liest. Sondern Sie selbst, nüchtern, anderntags, und denken: «Oh, nein. Wie konnte ich nur?»

Denn unter Alkoholeinfluss wird der Mensch von durchschnittlichem Innenleben (wie Erich Kästner das ausdrückte) nicht nur anspruchsloser bei neuen Bekanntschaften, sondern auch milder bei alten. Und weil Sie noch Dingsbumsens Nummer im Speicher haben, schreiben Sie also was Sentimentales an Dingsbums, was Sie in nüchternem Zustand nie tun würden, denn in nüchternem Zustand wäre Ihnen klar, dass es seine Gründe hat, dass sie keinen Kontakt mehr mit Dingsbums haben. Doch in den herrlich beschleunigten Zeiten, in denen wir leben, ist es ja von der Kommunikationsabsicht bis zum Vollzug technisch gesehen oft nur ein winziger Schritt. Und dieser winzige Schritt ist ein Rückschritt. Früher hat man einfach Leute, nachdem sich die Bekanntschaft überlebt hatte, nie wieder gesehen, weil selbst in sentimentalen Momenten der Aufwand für die Bekanntschafts-Reanimation zu gross war. Man musste einen Brief schreiben oder so was Absurdes. Heute dagegen hat man, selbst wenn man regelmässig löscht, durchschnittlich die Einwohnerzahl einer chinesischen Provinzhauptstadt im Telefonspeicher. Und so schreiben Sie was Sentimentales an Dingsbums, und die Folge davon ist, dass Sie kurze Zeit später in irgendeinem Lokal zum soundsovielten Mal Dingsbums erklären, dass man sich besser nie wieder sähe.

In Fachkreisen ist dies Phänomen, also das Versenden von Textnachrichten, von denen man im nüchternen Zustand absehen würde, bekannt als Drunken Message Disorder (DMD). Offenbar ist die DMD-Symptomatik so verbreitet, dass schon vor Jahren in Südkorea ein besonderes Mobiltelefon entwickelt wurde; das konnte man anhauchen, bevor man in aufgeräumter Stimmung einer zu Recht verschollenen Bekanntschaft ein paar freundliche Zeilen zukommen lassen wollte (oder seiner Ex-Frau oder seinem Vorgesetzten ein paar weniger freundliche). Nach einer Blitzauswertung des Atems meldete dann das Telefon: «Sie stehen unter der Einwirkung von Alkohol» und «Sie sollten diese Person nicht kontaktieren». (Das Telefon warnte einen übrigens auch vor dem Autofahren. Und vielleicht auch noch vor roten Schuhen zu einem grünen T-Shirt. Aber nur in der Karl-Lagerfeld-Edition.) Das klingt zunächst wundervoll, ist aber, wie viele technische Vorkehrungen unserer herrlich beschleunigten Welt, bloss eine Scheinlösung. Und deswegen hat sich wohl das auch nicht richtig durchgesetzt. Denn das würde ja bedeuten, dass ich mich bei wichtigen Lebensentscheidungen komplett auf mein Telefon verlassen müsste, einen seelenlosen Apparat, von dem ich sowieso nur ungefähr zehn Prozent seiner Funktionen verstehe. Nee, da verlasse ich mich lieber auf die gute alte Willenskraft. Oder auf den lieben Gott. Weihnachten hat ja schliesslich nicht zuletzt auch was mit dem lieben Gott zu tun, und ich stelle mir den lieben Gott bisweilen so vor wie Erni Singerl in «Monaco Franze» als Haushälterin Irmgard, Arme in die Hüften gestemmt: «Macht’s nur so weiter!»

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