Weihnachtswahn

WEIHNACHTEN, LAUF, RENNEN,

Morgen ist Heiligabend, meine Damen und Herren, und, Sie haben es gewiss gemerkt: Ich habe mich dieses Jahr zurückgehalten mit Weihnachtsthemen. Nun aber, ganz kurz vor dem Fest, muss es doch sein, im Sinne einer Hilfe und Warnung, denn diese Zeit, so herrlich und selig und glitzernd sie auch sei, sie birgt ihre Gefahren, nicht zuletzt für die menschliche Psyche, dies primitive Ding, das ja im Grossen und Ganzen noch auf Cro-Magnon-Ausstattung verharrt. Deshalb folgt also hier im komprimierten Überblick, zur Früh- oder Gerade-Noch-Rechtzeitig-Erkennung und Behandlung, der Katalog der häufigsten psychischen Störungen des spätmodernen Menschen zur Weihnachtszeit, kurz Modern Christmas Disorders (MCDs). Die fünf gängigsten Symptombündel wären die folgenden:

  1. Wrap Rage

    Wrap Rage, also der Fassungsverlust angesichts einer nicht zu öffnenden Verpackung, ist zwar keine Weihnachtsstörung im engsten Sinne, tritt aber in dieser Jahreszeit natürlich am häufigsten auf. Zum Beispiel versucht man, ein paar eingeschweisste Zahnbürstenköpfe freizukriegen, die man von Tante Gretel für seine Ultraschallzahnbürste bekommen hat, – und verzweifelt. Und dreht durch. Wohlgemerkt: das Problem ist hier nicht die persönliche Verpackung, also das Elfenzaubergeschenkpapier von Tante Gretel, sondern die industrielle: atomsicher eingeschweisst.

    Mögliche Abhilfe: Weitestgehende Vermeidung des Elektrohandels.

  2. Christmas Bells Fatigue Syndrome (CBFS)

    Es lässt sich regelmässig konstatieren, dass sich Weihnachtszauber im öffentlichen Raum in Klumpen- oder Cluster-Formationen ansammelt: Adventszirkus, Kinderchöre, Glühwein im Flugzeug. Das alles kann zu Übersättigungsgefühlen mit akuten hysteriformen Begleiterscheinungen führen: Ich kann keine Weihnachtsmärkte mehr sehen! Und wenn ich noch einem singenden Heilsarmisten zuhören muss, kann ich für nichts mehr garantieren!

    Mögliche Abhilfe: Rückzug und Besinnung.

  3. Do-It-Yourself Disorder (DIYD)

    Was nichts kostet, taugt nicht viel, so eine alte Botschaft der Reklame. Die, leider, an Weihnachten plötzlich nicht mehr zu gelten scheint: Unter Eindruck von Geschenkestress fangen unvermittelt auch ansonsten bodenständige und vernünftige Menschen an, Dingen selbst herzustellen, die man eigentlich problemlos in Geschäften kaufen könnte. Bleistifthalter, beispielsweise. Oder Handschuhe. Genauer: schlechte Versionen von Handschuhen. Den Alptraum eines Bleistifthalters. Um das dann zu verschenken. Das ist sogar noch passiv-aggressiver als Gutscheine. Der Do-It-Yourself-Störung ist ausserdem, wie vielen Belastungsstörungen, eine eskalierende Tendenz eingeschrieben.

    Mögliche Abhilfe: Eiserne Selbstdisziplin. Wenn Sie das plötzliche Verlangen verspüren, für Ihre Cousine Chantal einen Satz Untersetzer aus Peddigrohr zu flechten, gehen Sie sofort auf den nächsten Weihnachtsmarkt und betrinken sich.

  4. Family Avoidance Compulsion

    Nicht nur der Weihnachtszauber und die Bastelarbeiten treten in Klumpen auf, sondern auch die Einladungen: Weihnachtskarpfen bei den Schwiegereltern in spe, Adventsgans bei der zukünftigen Ex-Ehefrau Ihres Schwippschwagers – sogar die entferntesten Zweige der Sippschaft bitten zum Beisammensein. Es handelt sich hier quasi um die weihnachtliche Ausprägung eines vor allem aus der Spieltheorie bekannten Phänomens, das auch als Bandwagon-Effekt bezeichnet wird und die Tendenz von Menschen beschreibt, sich den voraussichtlich erfolgreichen Handlungsweisen anderer Menschen anzuschliessen. Beziehungsweise einfach das zu machen, was die anderen machen: Du lädst ein; ich lade ein. Und gerade bei der Familie gilt ja: Sie ist wie Medizin. Zuviel ist schädlich.

    Mögliche Abhilfe: Falls Sie angesichts der x-ten Familieneinladung ein zwanghaft scheinendes Gefühl von Weigerung verspüren – geben Sie ihm nach. Aber tischen Sie wenigstens eine einigermassen glaubwürdige Entschuldigung auf.

  5. Calorie-Over-Attention Condition (COAC)

    Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Kalorien. Für den ernährungsbewussten Menschen, der die von Raquel Welch jetzt gerade wieder erhöhten Leitbildstandards unserer kategorischen Wellnessgesellschaft im Kopf hat, steigt damit der Stress: Mit zunehmender Auswahl an und gesellschaftlicher Nötigung zu Kalorienbomben müssen dieselben in einem rapiden und komplexen mentalen Prozess anhand ihrer wahrgenommenen Vor- und Nachteile auf einer Prioritätenskala eingeordnet werden. Dieser Selektionsvorgang ist in der Regel verbunden mit Anspannung und Emotivität, verschärft durch sozialen Druck in beide Richtungen: zu essen und nicht zu essen.

    Mögliche Abhilfe: Denken Sie in dieser kritischen Saison einfach an die Maxime von Jill Werner aus «Suburgatory»: Happiness Through Carbo-Loading. Oder: Zucker macht glücklich. Proteine übrigens auch. Also Essen überhaupt. So viel glücklicher als die zwangsneurotischen schlussfolgernden Denkprozesse, die einen Teufelskreis anzetteln, wenn man sich bei jedem Paradiesapfel die Kalorienbelastung vor Augen hält. Hauptsache, Sie können wieder aufhören. Mit dem Essen, meine ich. Wenn der Baum wieder rausgetragen wird.

Soweit dazu. Ich nutze die bevorstehenden Festtage, Ihnen je nach Religion, Konfession oder Façon frohe und gesegnete Chanukka (heuer freilich leider nur nachträglich) und/oder Weihnachten und/oder einfach bloss friedliche, schöne und erholsame Feiertage zu wünschen sowie mich für Ihre Treue auch im zu Ende gehenden Jahr zu bedanken, werte Leserschaft. Für heute entlasse ich Sie mit der Antwort, die Noël Coward auf folgende Frage von David Frost gab: «What are the two most beautiful things in the world?» Sie lautet: «Peace of mind and a sense of humour.»

 

Bild oben: Auch eine Art von Weihnachtswahn: Als Geschenke verkleidete Läufer am diesjährigen Christman Midnight Run in Lausanne. (Bild: Keystone)

8 Kommentare zu «Weihnachtswahn»

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