Kleben für eine bessere Welt

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Ich lese ja, wie der treue Verfolger dieser Rubrik weiss, nicht nur gern «Tatler», sondern ab und zu auch mit Vergnügen die deutsche Tageszeitung TAZ, meine Damen und Herren, dies fesselnde Relikt aus den Zeiten einer deutschen Alternativbewegung, inzwischen weitgehend verspiessbürgerlicht; die ehemalige Bewegung, meine ich, nicht die TAZ, die mittlerweile ihrem Publikum voraus ist, was eine lesenswerte Zeitung ja unter anderem ausmacht. Ausserdem ist sie ziemlich reklamefrei, die TAZ, was nun wiederum mit der Qualität einer Zeitung a priori rein gar nichts zu tun hat, wohl aber mit den wirtschaftlichen Problemen der TAZ, welche nun wiederum wohl damit zu tun haben, dass dies verdiente Kampfblatt mitunter zu seiner eigenen Parodie wird. Wie Sie auf der von mir abgelichteten Eigenanzeige aus einer der letzten Ausgaben sehen können. Schon die Einrichtung eines TAZ-Shop ist ja im Grunde schlechterdings eine Kapitulation vor der kapitalistischen Glitzerwelt (und dann heisst das Ding noch nicht mal alternativ angehaucht TAZ-Laden, sondern Shop, in der Diktion des Prekariatsfernsehens, wo «shoppen» eine der meistverwendeten Vokabeln ist). Und da wird uns jetzt Folgendes angeboten: TAZ-Klebebänder. Für sechs Euro. «Umweltfreundlich aus Papier.» Noch umweltfreundlicher wäre es freilich, wenn es die Dinger gar nicht gäbe. Während nun die erste Ausführung des feilgebotenen Klebebands (im klassischen Alternativdesign mit einer Fahrradspur bedruckt) einfach nur beknackt ist und ein Paradebeispiel für ein Ding, das niemand braucht, ist die zweite Klebebandversion («bedruckt mit sieben Statements für eine bessere Welt») etwas heikler, gerade aus TAZ-Perspektive, handelt es sich hierbei doch um ein Paradebeispiel für die Kommerzialisierung von (vorgeblich) kommerzkritischen Symbolen, also um die proaktive Verwandlung vermeintlicher Gegenkultur in Konsumkultur, gutes Gewissen gegen Geld, nur sechs Euro, der kapitalistische Ablass, Sie wissen schon. Dieses in doppelter Hinsicht symbolträchtige Klebeband würde wunderbar auf den Titel des bekannten Buches «The Rebel Sell» passen – wenn da nicht schon ein Kaffeebecker mit Che-Guevara-Antlitz abgebildet wäre.

Ich weiss, dass die TAZ kein Geld hat und alle Leute, die da arbeiten, ganz wenig verdienen. Aber das ist ja nun kein Grund, für sechs Euro die eigenen Ideale zu verramschen. Als Klebeband. Ich habe, wie Sie wissen, meine Damen und Herren, gar nichts gegen Kommerzialisierung, sofern sie nicht völlig geistlos ist, – aber dieses Klebeband ist völlig geistlos. Denn was jetzt? Kann ich jetzt meinen Geschenkkorb aus der Bioladenkette hübscher einpacken, so irgendwie noch korrekter? Oder kann ich als Buchhändlerin aus dem Sauerland, die nach Berlin gezogen ist und ihre Haare trägt wie Ines Pohl, mir so ein paar Zentimeter Band mit allen «sieben Statements für eine bessere Welt» quer über meinen Jack-Wolfskin-Rucksack ziehen und dann ist die Welt irgendwie besser oder was? You know what? Kauft euer Klebeband weiter bei Lidl und spendet den Rest! Oder vertrinkt ihn. In Berlin gibts massenhaft Alkohol für sechs Euro. Und das macht die Welt ungefähr genauso viel besser wie so ’n Klebeband. Sieben Würdepunkte verloren. Ausziehen! Ausziehen! Err, nein, Martin, lieber doch nicht.

3 Kommentare zu «Kleben für eine bessere Welt»

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