Der vorbildliche Mann

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Vergangene Woche war ich zu einer Podiumsdiskussion ins Basler Antikenmuseum eingeladen. Dort wird gerade eine Ausstellung über Männerbilder in der Antike gezeigt, weshalb an diesem Abend über die Frage diskutiert werden sollte: «Sind Männer noch das starke Geschlecht?» Mit auf dem Podium sassen eine Genderwissenschafterin, ein Männerarzt und ein Männeraktivist. Das heisst, der Männeraktivist sass noch nicht bei uns, er kam zu spät. So sassen wir inmitten antiker Männerstatuen herum und warteten. Hinten auf der Bühne war ein Bild projiziert, bestehend aus kleinen Profilbildern unterschiedlichster Männer, von Rocky über Ryan Gosling bis hin zu Obama und Mick Jagger.

Schliesslich verkündete die Moderatorin, bis der Männeraktivist eintreffen würde, könnten wir uns ja schon mal Gedanken über ihre Einstiegsfrage machen. Jeder von uns solle, so gebot sie, von diesen vielen Mannsbildern dasjenige heraussuchen, das sein Geschlecht auf vorbildliche Weise vertrete und Gründe nennen warum. Wir starrten also alle auf die vielen Männer da oben und studierten.

Zumindest ich studierte. Fieberhaft. Von Berufs wegen denke ich zwar regelmässig darüber nach, wie Frauen sich als Frauen typischerweise verhalten und Männer als Männer und welche Auswirkungen das auf unser Zusammenleben hat. Trotzdem habe ich mich konkret noch nie gefragt, welcher Mann sein Geschlecht auf vorbildliche Weise vertritt. Vielleicht deshalb, weil ich Menschen in erster Linie nicht als Vertreter ihres Geschlechts wahrnehme. Sondern als Menschen, die mich interessieren oder auch nicht. Das war, so wurde mir bewusst, vielleicht ein Fehler. Denn gleich würde ich mich vor Publikum über vorbildliche Männlichkeit äussern müssen – und das anhand einer Auswahl real existierender Männer.

Welchen Mann also sollte ich als Idealverkörperung von Männlichkeit an sich erwählen? Einen der attraktiven, einfach weil ich eine Frau bin und deshalb nicht unempfänglich für die Anziehungskraft männlicher Schönheit? Das wäre naheliegend, aber zu einfach, sagte ich mir. Schliesslich ist Attraktivität als Kriterium für vorbildliche Vertretung des eigenen Geschlechts im besten Falle unzulänglich – Schönheitskonkurrenzen fand ich immer schon hohl, egal, ob nun die Schönste oder der Schönste gekürt wird.

Sollte ich also den weinenden Roger Federer wählen? Erstens war ich immer Federer-Fan, und dass er im Moment seiner grössten Triumphe jeweils Tränen vergoss, anstatt den Helden zu mimen, würde sich trefflich eignen für eine Diskussion über Männerbilder. Doch auch das wäre zu billig, schliesslich schätze ich Federer wegen seiner überragenden Leistungen im Tennis und nicht deswegen, weil er seine Emotionen mit Tränen ausdrückt. Ganz abgesehen davon dürfte sein Weinen ja weniger einer spezifischen Auffassung der eigenen Männlichkeit geschuldet sein als einem individuellen Charakterzug. Also einen anderen, aber wen? Den genialen Unternehmer, bekanten Politiker, leidenschaftlichen Musiker? Aber bei allen stellte sich dasselbe Problem. Ich mag sie schätzen, aber bei keinem habe ich je gedacht, dass er deshalb toll ist, weil er der Inbegriff einer Männlichkeit ist, die auch alle anderen Männer anstreben sollten.

Sorgenzerfurcht sass ich in meinem Stuhl und beobachtete heimlich die andern Diskussionsgäste. Der Männer-Arzt hatte sich bereits mit zufriedenem Lächeln zurückgelehnt und verkündete, er habe seine Wahl getroffen. Ich warf ihm einen neidischen Blick zu und dachte: Das ist vorbildliche Männlichkeit, sich angesichts einer Aufgabe zu entscheiden, ohne lange hin und her zu zaudern und zu zögern wie ich. Die Genderwissenschafterin deutete auf das Bild eines älteren Herrn und erkundigte sich bei der Moderatorin, wie der nun schon wieder heisse, sie fände ihn gut, auch wenn ihr sein Name entfallen sei. Und ich dachte: Wie kann sie ihn gut finden, wenn sie nicht weiss, wer er ist? Nur weil er alt ist?

Ich selber scannte die Bilder all dieser Männer mit wachsender Panik und fragte mich, warum diese Frage zu entscheiden mir so unmöglich vorkam. Ich kam zum Schluss, dass es mir nicht nur so vorkam, sondern dass es wirklich unmöglich ist. Dies ganz einfach deshalb, weil ich kein Mann bin und deshalb auch ausserstande, vorbildliche Männlichkeit zu definieren. Das kann ich genauso wenig, wie ich meinem Sohn ein männliches Vorbild sein kann.

Nun ging mir auch auf, was mich schon an der Frage störte. So sehr ich die Diskussion um sich verändernde Männlichkeitsideale begrüsse – ich glaube, sie wird letztlich von den falschen Leuten geführt, nämlich mehrheitlich von Frauen. Sie waren es, die die Krise des Mannes ausgerufen und die Männer dazu aufgefordert haben, ihr Handeln als Männer und Väter mehr zu reflektieren. Und es sind auch Frauen, die in jüngster Zeit vermehrt dazu aufrufen, nicht so hart zum Mann zu sein, die verkünden, dass sie eben schon auch nicht nur Softies, sondern richtige Männer, Machos, Haudegen schätzen. Das ist ja schön und gut, aber in dieser Frage sollte es für einmal nicht um die Frauen gehen und darum, was sie wollen. Sondern darum, wie die Männer sich mit den vervielfältigten Ansprüchen und Rollen arrangieren. Die Frauen sollten zur Abwechslung in dieser Frage einfach mal die Klappe halten und die Männer über sich selber reden lassen. Wenn die denn überhaupt etwas zu sagen haben.

Endlich traf auch der Männeraktivist ein. Er entschuldigte sich für seine Verspätung, er habe sich noch um seine siebenmonatige Tochter kümmern müssen, für die er diese Woche zuständig sei, weil seine Frau arbeite. Ich dachte: Vorbildliche Männlichkeit! Einer, der für sein Baby Verantwortung übernimmt und seiner Frau den Rücken freihält. Und ich beschloss, mich einfach zurücklehnen, die Männer machen und reden lassen und zuschauen, was dabei herauskommt. Es könnte interessant werden.

 

Am 29. Oktober 2013 findet um 19 Uhr eine Podiumsdiskussion zum Thema «Stärken und Schwächen heutiger Männer» im Kunstmuseum Bern statt.

Im Bild oben: Sylvester Stallone, Barack Obama und Mick Jagger (v. l.). (Fotos: Keystone)

26 Kommentare zu «Der vorbildliche Mann»

  • TJ sagt:

    Hm, die Schweiz sollte sich ein bisschen mehr zurückhalten, was die Suche nach Vorbildern angeht. Es wirkt peinlich, andere Länder haben nicht die peinliche Eigenschaft, die Nationalität derart in den Vordergrund zu stellen. Was man findet, ist ein Formloses Etwas und vielleicht jene Kinder, die am besten die Irrtümer der Eltern kopieren. Wer ist ein Vorbild?

  • Jan Holler sagt:

    Man stelle sich die reziproke Veranstaltung vor. Ein Moderator, ein Genderwissenschaftler vor antiken barbusigen Frauenstatuen und ein Journalist diskutieren mit 2 Frauen (eine kommt zu spät, aus dem selben Grund: Kinderhüten) über das Frauenbild. Zuerst wird die selbe Frage gestellt, die Männer sollten sich eine Frau als Vorbild aussuchen, während hinten Bilder von Angelina Jolie, Paris Hilton und Hillary Clinton projiziert werden. – Wäre doch wirklich zu komisch und allzu deplaciert. Aber Frauen dürfen hemmungslos darüber diskutieren, was den Mann ausmacht, ohne dass sich eineR darob empört.

  • James sagt:

    Eigentlich haben Sie absolut Recht mit Ihrer Analyse. Frauen sollten die Männer über sich selbst reden lassen. Nur – interessiert das die Männer überhaupt? Also wenn ich mal in ein interessantes Gespräch verwickelt wurde über das Thema „Mann sein“, dann war es garantiert mit einer Frau. Es braucht diesen Gegenpart, ansonsten ist es echt langweilig.

  • Sparter sagt:

    Die einzige männliche Rolle, die ich kenne, ist die, austauschbar zu sein.
    Ansonten gibt es halt ein grosses Problem, unterteilt man in zwei Gruppen: Man kann nichts über die eine Gruppe sagen, ohne nicht gleichzeitig auch etwas über die andere auszusagen oder bei diesem Thema: Für die Gruppe der Männer bleibt als Rolle nur übrig, was die Frauen übrig lassen, sozusagen die Brotkrumen auf dem Boden – es sei denn, sie machen dieses Spielchen gar nicht mit, gehen nicht an solche Ausstellungen und nehmen am Gerede über männliche Rollen nicht Teil, frei nach dem Motto: „Blast mir in die Schuhe“

  • Peter Waldner sagt:

    Faszinierend die Bezeichnung „Krise des Mannes“. Nur Frauen können meinen, dass es solches gäbe, denn – soweit meine Wahrnehmung – unter dieser sogenannten „Krise des Mannes“ leiden nur Frauen. Wählen sie sich nämlich einen Macho (Pascha), weil sie dieser Männlichkeit verfallen, hat sich seit Jahrhunderten gar nichts geändert.; nur Scheidungsvorteile. Wählen sie den Traum der Feministinnen, fehlt ihnen seine Bestimmtheit, seine Übernahme aller Verantwortung. Eigentlich eine „Krise der Frauen“, die zwar emanzipiert, aber oft sehr unglücklich und einsam sind.

    • Michèle Binswanger sagt:

      @Waldner: da lehnen Sie sich nun etwas sehr weit aus dem Fenster. Männeraktivisten berichten durchaus auch von Identitätskrisen, das wurde an diesem Abend deutlich. Natürlich nur solche, denen kein Stein aus der Krone fällt wenn sie zugeben, dass Männer auch nicht immer über alles erhaben sind. Guckst du hier: http://www.maenner.ch/personen/markus-theunert und Hier: http://www.verlag-hanshuber.com/index.php/co-feminismus.html

      P.S. Krise der Frauen? Das ist ja nachgerade originell!

    • Peter Waldner sagt:

      @ Binswanger: Dass es Männeraktivisten gibt, die ihre Krise hegen und pflegen, streite ich ja nicht ab. Entnimmt man dort jene Männer, die nach der Scheidung mit dem finanziellen Existenzminium auskommen müssen und jene, denen ihre Kinder vorenthalten werden, dürfte aber die „Krise“ überschaubar sein. Die „Krise der Frauen“ betrifft mehrheitlich alleinstehende (geschiedene, verwitwete) Frauen über 50; klar – nicht alle, aber viele. Ob die jetzt noch jungen Frauen dannzumal auch betroffen sind, weiss ich natürlich auch nicht. Aber jetzt, heute, ist es durchaus so. Eine Generationsfrage?

    • Henry Wotton sagt:

      „Männeraktivisten“ , what ? Ich meine, es handelt sich doch per se um einen Pleonasmus, zumindest die ganze gesamte Menschheitsgeschichte betreffend, bis auf die letzten hundert Jahre. Vielleicht zeigt uns ja die Zukunft, daß es sich beim Feminismus (und ich halte mich da gerne an die Nietzsche Definition )um einen Irrtum unserer Zeit handelt und nicht um ein Weiterkommen a priori. Ich finde, die zufriedensten Frauen sind die femininsten und die unzufriedensten die Femininstinnen. Wir lösen doch nicht dieses Frauenproblem indem wir Männer zu Frauen metamorphosieren.

    • Grace sagt:

      @Wotton: Dass Ihre Auslegung von Geschichte eng ist, weil Sie das herauspicken, was Ihre Klischees und Ihr Weltbild bestätigt, kann ich Ihnen nachsehen. Sie wissen es nicht anders, nicht wahr? Dass Sie aber einen so differenzierten Philosophen und Autor Nietzsche missbrauchen, um Ihre Behauptung zu untermauern, verzeihe ich Ihnen nicht. Sie haben ihn so gründlich missverstanden, wie es nur jemand kann, der ihn bloss von Kalenderblattsprüchen her kennt.

    • Henry Wotton sagt:

      @ Beste Grace, genau so ist es. Es ist ein Dauerkalender, den ich unablässig jedes Jahr am 1. Januar beginne von neuem auswendig zu lernen. Aber als Kennerin des geschätzten und „so differnzierten Philosophen“ werden Sie ihn doch sicher nicht für „Ihre“ Sache einspannen wollen……Und richten Sie doch bitte liebe Grüsse an den verehrten Herrn Gemahl aus.

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