Popstars in der Sexfalle

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Übergänge sind schwierig, für alle. Vom Sommer in den Herbst, vom Mädchen zur Frau, von der Jugend ins Alter. Doch nicht alle Übergänge sind gleich schwierig. Es gibt solche, die einen Sog entwickeln und denen man sich deshalb gerne und leichtherzig hingibt: Wer freut sich nicht, wenn der Winter sich in Frühling verwandelt oder Misserfolg in Erfolg? Das geht wie von selbst, und deshalb denkt man auch nicht gross darüber nach. Meistens.

Es sei denn, jemand kommt und stellt dich infrage. Diese Erfahrung macht Miley Cyrus gerade. Sie steckt mittendrin im Übergang vom Kinderstar zu etwas anderem. Und dies soll die ganze Welt wissen, weshalb sie bei jeder Gelegenheit die Zunge aus dem Hals hängen lässt und Stofftiere zwischen ihren Beinen reibt oder nackt auf Abrissbirnen reitet wie in ihrem neuen Video. Nichts, was man nicht zuvor schon von anderen Popstars gesehen hätte. Aber jeder weiss, dass Übergänge ein gewisses Absturzpotenzial bergen. Und so schwang sich die Sängerin Sinéad O’Connor zu einem offenen Brief an Miley Cyrus auf, in dem sie Besorgnis äussert und dem Popstar nahelegt, sich nicht weiter von der Musikindustrie missbrauchen zu lassen. Sie wende sich an sie in mütterlichem Geist und mit Liebe, so schrieb O’Connor und warnte die junge Frau davor, sich von den Leuten um sie herum ausnutzen zu lassen, denn sie werde schlecht beraten, wenn man sie dazu anhalte, sich zu prostituieren, wie sie es tue. Sie solle bedenken, dass sie der Musikindustrie und ihren Schergen vollkommen egal sei. Sofern sie damit weitermache, müsse sie damit rechnen, bald in der Entzugsklinik zu landen. Und dort werde sie sehr einsam sein.

Sinéad O’Connor schrieb, was eine Mutter in einer solchen Situation schreiben würde, und Cyrus reagierte, wie genervte Teenie-Töchter auf Mütter eben so reagieren: zurückweisend und verletzend. Sie machte sich über O’Connors psychischen Gesundheitszustand lustig – diese leidet nämlich unter einer bipolaren Störung –, worauf O’Connor in einem weiteren offenen Brief forderte, Cyrus solle sich entschuldigen. Und ausserdem würde ein bisschen Bildung Cyrus guttun, sofern sie überhaupt zum Lesen komme, weil sie so damit beschäftigt sei, ihre Titten raushängen zu lassen. Guter Punkt.

Cyrus hat viel Kritik geerntet für ihre Auftritte, aber das tut dem Erfolg ja bekanntlich nicht unbedingt Abbruch. Auch O’Connor ist nicht unumstritten und erntete für ihren Brief, so vorsichtig er formuliert war, selber Schelte, das, was man in solchen Fällen immer hört: O’Connor sei bloss neidisch auf Cyrus’ Erfolg. Aber das ist idiotisch, denn O’Connors Brief macht klar, dass sie viel Sympathie für die Jüngere hegt. Beim Streit geht es wohl letztlich um die Frage, wer die Kontrolle hat. O’Connor befürchtet, Cyrus könnte fremdgesteuert und von anderen dazu verführt worden sein, sich selber zu verkaufen, während Cyrus darauf besteht, ihr Leben und ihre Karriere im Griff zu haben. Auch ohne dass eine 26 Jahre ältere Frau sie bevormundet. Cyrus tut letztlich, was die meisten jungen Frauen an irgendeinem Punkt tun, wenn sie die Macht und das Manipulationspotenzial der weiblichen Sexualität entdecken: Sie spielen damit und machen sich erst danach Gedanken über mögliche Konsequenzen. So sind auch die Kommentare zu verstehen, die sich bei diesem Streit auf Cyrus’ Seite geschlagen haben. Man solle nicht Cyrus den Vorwurf machen, schrieben diese, denn das sei so etwas wie das berühmte Victim Blaming. Jede Frau solle das Recht haben, sich zu kleiden und aufzuführen, wie sie wolle, was niemandem das Recht gebe, diese Frau zu verurteilen oder gar anzufassen. Und das stimmt, dazu hat niemand das Recht, auch wenn eine Frau sich nackt mit gespreizten Beinen auf Tramschienen legt. Aber dennoch würde man einer solchen Frau vielleicht empfehlen, sich etwas überzuziehen und einen Arzt aufzusuchen. Und allen anderen Frauen, die ernst genommen werden wollen wegen ihrer Persönlichkeit und ihres Könnens, empfiehlt man, das sogenannt erotische Kapital wohldosiert einzusetzen, ein Medikament, das in der richtigen Dosierung vieles bewirken kann, dich aber bei zu hoher Dosierung zum Idioten macht.

In ein paar Branchen gilt dies allerdings nicht, zum Beispiel in der Porno- oder eben in der Musikindustrie. Hier liess sich in den letzten Jahren die bizarre Entwicklung beobachten, dass gerade die erfolgreichsten Frauen sich am konsequentesten sexualisieren – von Madonna über Lady Gaga bis zu Rihanna, die in ihrem jüngsten Video an Stripperstangen rauf und runter gleitet und dazwischen mit gespreizten Beinen auf einem Stuhl sitzt und über Geld und Sex philosophiert. Seht her, ich bin mein eigener Zuhälter, so will sie wohl sagen, die ganze Welt will Sex mit mir – und das ganze Geld geht in meine Tasche.

Ich kann keiner Frau verübeln, dass sie mit ihrer Sexualität spielt – und gerade junge Frauen müssen zunächst mal lernen, was es damit auf sich hat. Und dennoch finde ich diese Entwicklung in ihrer Gesamtheit grauenhaft. Wenn diese Frauen sich als Künstlerinnen verstehen und erfolgreich genug sind, genau das tun zu können, was sie selber wollen, fällt ihnen dann wirklich nichts Besseres ein, als in jedem Video die Beine noch etwas weiter zu spreizen?

Mag ja sein, dass die Musikindustrie hinter den Kulissen immer noch vornehmlich männlich geprägt ist. Aber ich glaube nicht, dass nur die Männer an der Hypersexualisierung schuld sind. Vielmehr sind viele Frauen so abhängig davon, begehrt zu werden, dass sie das denkbar simpelste Mittel wählen, um sich auch begehrt zu fühlen. Und sich dabei einbilden, sie würden auch geliebt. Hat ihnen denn niemand gesagt, dass wahre Befriedigung nicht daraus entsteht, sich lieben zu lassen, sondern selber zu lieben? Seien das Menschen – oder die eigene Kunst. Sich auszuziehen, ist keine Kunst, Klischees zu vermeiden aber schon. Dafür bleibt diese Aufgabe interessant – bis zuletzt.

Bild oben: Miley Cyrus leckt an einem Hammer herum. (Foto: Screenshot «Wrecking Ball»)