Erfolgsformel der Liebe

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Meine alte Freundin Gloria erzählte mir neulich folgende Geschichte: Gloria und ihr Ehemann waren quer durch die Vereinigten Staaten mit einem gemieteten Motorhome gefahren, und ein Teil des Deals bestand darin, dass man nach Rückgabe des Motorhome in Los Angeles (well, irgendwo im Valley) eine freie Limousinenfahrt zum Flughafen erhalten sollte. Nun wollten aber Gloria und ihr Mann Nils nach Rückgabe des Motorhome gar nicht zum Flughafen, sondern zu einer Autovermietung, um sich einen Wagen zu mieten, und als der Limousinenfahrer sagte, dies würde 20 Dollar kosten, da liess Gloria ein perlendes Gelächter vom Stapel, weil sie das für einen Scherz hielt; schliesslich befand sich die Autovermietung direkt auf dem Weg zum Airport LAX. Das war aber kein Scherz. Und so entspann sich in der Einfahrt der fraglichen Autovermietung eine Debatte um die 20 Dollar Fahrpreis; der Fahrer sagte, nur direkte Fahrten zum Flughafen wären gratis und inklusive, sonst nichts. Und Gloria sagte, die Autovermietung würde ja genau vor dem Flughafen liegen, es sei also kein Umweg, im Gegenteil, die Fahrt wäre noch kürzer ausgefallen. Und Nils sagte: «Können wir bitte einfach den Fahrer bezahlen und aussteigen?» Und Gloria sagte: «Ich denke nicht daran. Wenn er uns unbedingt zum Flughafen fahren will, dann soll er uns eben zum Flughafen fahren! Und dann nehmen wir von dort den Shuttle Bus zurück zur Autovermietung.» Und so geschah es. Wenn auch zur Verstimmung von Nils, der es nachvollziehbarerweise ein wenig unökonomisch fand, ungefähr 90 Minuten und ein Extra-Hin-und-Herfahren mit Gepäck in Kauf zu nehmen, um 20 Dollar zu sparen und einem Limousinenfahrer eine Lektion zu erteilen.

«Aber du hättest dir sowas doch auch nicht bieten lassen», sagte Gloria zu mir, nachdem sie mir die Geschichte erzählt hatte. «Natürlich nicht», erwiderte ich, «im Gegenteil, ich debattiere oft so leidenschaftlich mit Service-Personal, dass mein zurückhaltender englischer Ehemann findet, ich hätte vielleicht einen Anflug von NAD – Needless Accusation Disorder. Bei uns wäre die Sache allerdings anders ausgegangen: Der Fahrer hätte seinen Teil gesagt, ich hätte meinen Teil entgegnet, und dann hätte Richie, der beste Ehemann von allen, die 20 Dollar bezahlt und so hätten alle das Gesicht gewahrt und niemand einen Umweg über den Flughafen in Kauf nehmen müssen. Das ist das, was ich Arbeitsteilung in der Beziehung nenne. Jetzt mal ganz abgesehen davon, dass ich niemals Ferien in einem Motorhome machen würde.»

Die Glücksformel

Wir haben es in diesem Magazin, meine Damen und Herren, im Zusammenhang mit dem Spousonomics-Ansatz oder der Wahrnehmung gesellschaftlicher Verpflichtungen schon früher angedeutet: Lebensgemeinschaften sind nicht zuletzt auch Lebensbewältigungsgemeinschaften. Dies aber beantwortet ja per se noch nicht die alte Frage, ob für eine glückliche Beziehung zwischen zwei Menschen eher jene Spannung nötig ist, wie sie zwischen einander ewig suchenden, auf Temperamentsausgleich bedachten Wesen besteht, oder die tiefe Harmonie der Wahlverwandtschaft. Meine persönliche Antwort lautet: Beides! Ich bin der festen Überzeugung, dass (und verzeihen Sie mir, sollte ich auch das schon mal gesagt haben) funktionierende Beziehungen (FB) nach folgender simpler Gleichung aufzuschlüsseln sind: Charakterliche Ergänzung (CE) plus geteilter Sinn für Humor (GSH). Also: FB = CE + GSH. Ay! Da haben Sie Ihre Glücksformel! Anything else in the box, Pandora?

Nun, «charakterliche Ergänzung» hört sich supi an und ist es auch – aber das ist nichts Statisches, daran müssen Sie arbeiten, das ist eine Übungsfrage und bedeutet unter anderem ständiges Entgegenkommen. Dem liegt eine Einstellung zugrunde, die neuerdings populärpsychologisch «Resignative Reife» genannt wird, in der gleichen Diktion, die den Zustand der Verliebtheit als akutes psychiatrisches Durchgangssyndrom, also als Funktionspsychose begreift. «Resignative Reife» klingt nicht gerade dufte, ist aber nichts Schlechtes, im Gegenteil, im Grunde wird damit im Wesentlichen jener Zustand der erfahrungsbedingten Erkenntnis umschrieben, in dem man nicht (mehr) versucht, seinen Partner zu ändern. Denn nur Singles, Teenager und vielleicht noch so Schreckschrauben wie Elfriede Jelinek glauben, man könne seinen Partner irgendwie grundlegend ändern. It’s not gonna happen. Never. Ever.

Komparative Vorteile und psychische Gesundheit

Ökonomisch gesprochen hingegen bedeutet besagtes Entgegenkommen, dass jeder Partner diejenigen Pflichten und Verrichtungen übernimmt, bei denen er effizienter ist, mithin sogenannte komparative Vorteile hat. Das heisst: der eine tankt, der andere streitet sich mit dem Tankwart, wenn die Abrechnung nicht stimmt (ich werde jetzt hier nicht die Story einflechten, wie meine alte Freundin Gloria eines Tages wegen 23 Cent eine Chevron-Tankstelle in Palm Desert lahmlegte). Und wenn das leidlich aufgeht, dann stellt sich ein dauerhafter Zauber ein; jene Magie, die aus der besonderen Anziehungskraft erwächst, die zwischen zwei Menschen entsteht, die eben gleichzeitig von innerlich verwandter Art und gegensätzlich gestimmt sind. Oder, wie der beste Ehemann von allen zu sagen pflegt: «Man heiratet, damit jemand da ist, der einen ins Krankenhaus fährt, wenn der Blinddarm durchbricht.»

Nennen Sie mich altmodisch, aber ich glaube unbedingt an die Zweierbeziehung. Sie ist mir lebendig-freudvoller Daseinsinhalt, und nach meiner unmassgeblichen Privatmeinung bestehen das grösste Geheimnis und das grösste Geschenk des Lebens darinnen, dass sich zwei dauerhaft zueinander passende Menschen über den Weg laufen – welches Geschlecht, welche Form und Farbe auch immer die haben. Die von mir verehrte Liz Lemon hat einst festgestellt, sie hätte bei einer neuen Beziehung gerne sofort den Zustand, bei dem man eigentlich erst nach ungefähr zwölf Jahren als Paar ankomme, und ich denke, dieser glückselige Status ist in der Tat erreicht, wenn man von seiner besseren Hälfte Sätze hört wie: «You know, ich liebe dich, aber manchmal macht es mich wahnsinnig, dass du … da bist.» oder «Im Grunde ist es noch gar keine richtige Ehe, wenn nicht ein Teil von dir einfach nur weglaufen will!» oder «These decisions all go through you, Kleines, cause you’re the mayor of Crazytown.»

Und das bringt es auf den Punkt. Die Beziehung als Beitrag zur Psychohygiene. Manchmal ist man ja nur einen kleinen Schritt davon entfernt, ein wenig durchzudrehen. Und gelungene Partnerschaften zeichnen sich nicht zuletzt dadurch aus, dass man sich gegenseitig davor bewahrt, völlig irre zu werden. Ich für meinen Teil bin sowieso schon etwas eigen (und «etwas» ist eventuell stark verniedlichend), manche Leute finden mich schwierig, dogmatisch, selbstherrlich, unnachgiebig; und wenn Richie nicht wäre, wäre ich vermutlich Howard Hughes. Oder Leona Helmsley. Whatever. Sie wissen, was ich meine. Oder immer noch nicht? Dann hilft Ihnen vielleicht folgende Anekdote: Neulich auf einer Elefantensafari im Damaraland Camp in Namibia sagte eine Amerikanerin, die mich stark an Kelly Kapoor erinnerte, beim Dinner zu uns: «I love your good-cop-bad-cop thing.» «It’s not really a thing», erwiderte ich, «it’s more that Richard’s nice, and I am not.»

Thank you. Tell a friend.

Im Bild oben: Graham Crowden und Stephanie Cole in der britischen Fernsehserie «Waiting for God». (Foto: BBC)