Burkas und Silikonbrüste

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Vergangene Woche vermeldete «20 Minuten», dass in Dietikon die erste Fashionshow mit islamkonformer Mode durchgeführt wurde, organisiert vom Islamischen Zentralrat und exklusiv Frauen vorbehalten. Bilder vom Anlass zeigen Frauen in langen Gewändern mit verhüllten Köpfen. Eine Organisatorin des Anlasses diktierte der Reporterin, man habe zeigen wollen, dass man sich nach den Regeln Allahs kleiden und trotzdem trendy aussehen könne.

Mit trendy meinte sie wohl sexy. Denn wo die Kopftuchmodels ihr Haupthaar schamhaft bedeckten, prangten an ihren Füssen jene nuttigen Plateautreter, die bis vor wenigen Jahren selbst im dekadenten Westen noch ein Indiz für käufliche Weiblichkeit und somit unstatthaft waren. Seit sie aber an den Füssen waghalsiger Moderedaktorinnen den Sprung vom Rotlichtmilieu in den Mainstream geschafft haben, gelten sie nicht länger als Verbrechen gegen das Schamgefühl, sondern höchstens gegen die Gesundheit weiblicher Knöchel. Die aber scheint dem Islam ebenso wenig am Herzen zu liegen wie dem Westen.

Trotz Absturzgefahr möchte ich die Diskussion vom Kopf auf die Füsse stellen und einen kurzen Ausflug zum bekannten Kopftuchstreit vorschlagen, der den Westen seit einigen Jahren in Atem hält. Denn Kopftuchträgerinnen sind für westliche Gemüter in vielerlei Hinsicht eine Provokation. Die einen lehnen die Kopfbedeckung als Zeichen fehlenden Integrationswillens und der Unterdrückung der Frau ab und möchten es am liebsten verbieten. Andere sind gegen Kleidervorschriften und plädieren dafür, den Frauen freizustellen, wie sie sich kleiden wollen, zumal viele islamische Frauen betonen, das Kopftuch freiwillig, manchmal sogar gegen den Willen ihrer Väter oder Männer zu tragen.

Der Streit ist gerade aus feministischer Perspektive interessant. Denn hier wird einmal mehr ein kultureller und politischer Konflikt am Erscheinungsbild der Frau ausgetragen. Dies zumindest haben der Islam und der säkularisierte Westen gemeinsam, nämlich dass der weibliche Körper als Projektionsfläche dient, mit dem man je nach Bedarf die moralische Überlegenheit einer Religion signalisieren oder einen Hamburger verkaufen kann.

Im Kern aber geht es bei dem Streit um die Position der Frau, zumal das Kopftuch ja deren untergeordnete Stellung anzeigen soll, während der Westen sich ja um ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bemüht – mehr oder weniger erfolgreich. Viele Musliminnen, die hier im Westen leben, scheinen aber nicht sonderlich überzeugt davon, dass dies ein Erfolgsmodell ist und tragen ihren Schleier gerade deshalb, weil sie sich von den westlichen Dominanz- und Assimilationsansprüchen bewusst abgrenzen wollen.

Ihr Zweifel ist ihnen nicht zu verdenken, denn der Westen ist, was das Frauenbild betrifft, nicht über jeden Zweifel erhaben, oder wie es Kurator Philippe Meyer mit seiner provokativen These formuliert hat: Die Silikonbrust ist die Burka des Kapitalismus. Damit meint er, dass es mit der gern zitierten Freiheit der westlichen Frauen auch nicht so weit her sein kann, solange sie nichts Eiligeres zu tun wissen, als sich körperlichen Schönheitsdiktaten zu unterwerfen. Und diese Diktate von beiden Geschlechtern auf allen Kanälen eifrig weiter befeuert werden. Besagte Zeitung, die über die Kopftuch-Modeschau berichtete, titelte vor wenigen Tagen mit der Geschichte über Beauty-Operationen, die mit schiefen Gesichtszügen und unförmigen Brüsten enden, ein paar Seiten weiter widmet sie eine halbe Seite der schönsten Baslerin und noch ein paar Seiten weiter wird Calida-Chef Felix Sulzberger zitiert, der das Niveau einer Frau daran festmacht, welche Art von Unterwäsche sie trägt.

Auf die Gefahr hin, von einer populären Autorin erneut des «eurozentristischen Mittelschichtsfrauenkitschs» bezichtigt zu werden, möchte ich anmerken, dass ich das Kopftuch zwar aus politischen Gründen ablehne und zwar deshalb, weil ich Ideologien ablehne, die Frauen als Gebärmaschinen und Sklavinnen ihrer Männer definieren. Aber Ideologien, die Frauen darüber definieren, welche Unterwäsche sie tragen, sind keinen Deut besser.

Bild oben: Zwei Models präsentieren an einer Show in Istanbul die Frühlings-/Sommerkollektion 2008.

34 Kommentare zu «Burkas und Silikonbrüste»

  • Monica Ruoff sagt:

    Es sind die Kleider, die jemand trägt, die als Projektionsfläche dienen und nicht der Körper darunter. Ein Versicherungs- oder Bankvertreter wirkt angeblich nur in Anzug und Krawatte seriös, der Papst hält die Messe im bodenlangen Gewand und nicht im Jogging-Anzug. Als ich, ausgebildete Lehrerin und PR-Fachfrau, mal im Business-Look eine Stellvertretung machte, wurde ich von den anderen Lehrern behandelt, als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte. Andererseits musste ich mich für die Tätigkeit in der Wirtschaft verpflichten, niemals in Birkenstöcken, verwaschenem T-Shirt usw. zu erscheinen.

  • Joli sagt:

    Die Burkas des Westens sind: rasierte Beine u.Achseln usw…, Büstenhalter, BMI -10%, grosse Brüste bis möglichst unter das Kinn, kein Bauch, keine Hüften, klapperdürr sein mit weiblichen Kurven, immer schön frisiert, top modische Kleidung bei 25% weniger Lohn, Notwendigkeit, Frauenparkplätze zu schaffen, faltenloses Gesicht bis 90, freche, unhöfliche, rücksichtslose .. usw. Männer… usw. usf….
    Aber eines haben wir: Die PILLE!!!

  • Teilzeitpapi sagt:

    Es gibt schon kleine Unterschiede. Was passiert mit einer Frau, die in gewissen Ländern (oder bei uns von gewissen Männern, weil so gelehrt in gewissen Religionshäusern) ohne Kopftuch als Freiwild gilt? Schauen Sie die Vergewaltigungsrate in Schweden oder die Täter-Opfer-Muster in Norwegen an (das ebenfalls Rekorde an Vergewaltigungen verzeichnet). Passiert sowas auch ohne Silikonbrüste? Gilt eine Frau ohne Silikonbrüste und ohne Calida-Unterwäsche als Freiwild?

  • Martin Frey sagt:

    Keine westliche Frau wird irgendwie gezwungen, sich Silikon implantieren zu lassen. Die Frauen die dazu bereit sind wollen das alle selber. Dafür gibt es gute und weniger gute Gründe, letztendlich ist es aber Geschmackssache wie auch die Wahl der Unterwäsche. Wobei ich als Mann definitiv VS favorisiere, aber dies nur nebenbei.
    Der Unterschied ist doch der, dass eine afghanische Frau keine Wahl hat. Sie riskiert schlicht ihr Leben, wenn sie sich ohne Burka auf die Strasse traut. Genauso wie wenn sie lesen und schreiben lernen möchte. Dies gleichzusetzen ist purer Kulturrelativismus, meine ich.

    • Teilzeitpapi sagt:

      Langsam habe ich das Gefühl, dass die Gleichstellung von durchaus kritisierungswürdigen Trends/sozialem Druck, etc. mit massiven Menschenrechtsverletzungen (Zwang zum Kopftuch, sonst Strafe wie Schläge oder mehr) von den Feministinnen benutzt werden, um gegen letzteres nicht aktiv werden zu müssen. Also erst mal 0% Probleme in der eigenen Kultur. Weil so Zwangsverhüller ganz anders reagieren als Silikonimplantierer. Verständlich, dass Journalistinnen Drohungen aus dieser Szene vermeiden wollen, van Gogh lässt grüssen.

  • gabi sagt:

    Der Vergleich schreit zum Himmel:

    “ Ideologien, die Frauen darüber definieren… “ , weil die Chefin einer Unterwäschefirma (!) behauptet, Frauen – also Ihre Hauptkundschaft – über deren Unterwäsche zu definieren, wollen Sie das allen Ernstes eine „Ideologie“ nennen?

    – Echt jetzt?!

    Und die Silikonbrust ist die Burka des Kapitalismus?

    Dann sind also all meine Freunde Kommunisten?
    – ich kenn grad mal einen Einzigen, der mit Silikontitten was anfangen kann.

    Ich find´s bedenklich, was hier mit leichter Hand gemischt und direkt verglichen – und so vollkommen verharmlost! – wird.

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