I’m in Love with Margaret Thatcher

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Ah, Herr Ackermann! Der war neulich mal wieder im Fernsehen. Im deutschen, natürlich. Zu Gast bei Günther Jauch in jener Talk Show, die nach ihm (Herrn Jauch) benannt ist, also nicht allzu viel Konfrontation verspricht, obschon Konfrontation eigentlich das Leitmotiv jenes Abends sein sollte, denn Josef Ackermann wurde der ehemaligen APO-Ikone Daniel Cohn-Bendit gegenübergesetzt, und beide sollten über die brennenden Fragen der Gegenwart streiten: Banken, Euro, Europa, Krise, Schuld und Schulden. Es wurde dann doch nicht so konfrontativ, was auch an Herrn Ackermann lag, der, im Gegensatz zu vielen seiner Gegner, gar nicht auf Konfrontation aus ist. Doch ich will hier keine Fernseh-Kritik verfassen, das haben andere getan. Nein, ich will auf was ganz anderes hinaus, denn mir wurde klar: Ich vermisse Herrn Ackermann. Natürlich ist Herr Ackermann noch da und rege und aktiv auf verschiedensten Feldern, wenn auch nicht mehr bei der Deutschen Bank, so doch in diversen Funktionen: Er ist Verwaltungsratspräsident bei der Zurich Insurance Group und im Stiftungsrat des Weltwirtschaftsforums und im Ehrensenat der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen sowie im Advisory Board der Metropolitan Opera in New York. Ausserdem ist er Gastprofessor im Fachbereich Finance der London School of Economics and Political Science, dieser wunderbaren Schule, der ich einen wichtigen Teil meiner Ausbildung und einige der besten Zeiten meines Lebens verdanke. Das alles und noch viel mehr macht Herr Ackermann heute. Und doch vermisse ich seine exponierte Präsenz, nicht nur als Träger einer Überzeugung, sondern auch quasi als stilistischen Phänotyp: einen der letzten sichtbaren Repräsentanten des Corporate Honcho.

Ich will das gerne ausführen: Neulich, bei einer Dinnerparty in Zürich, hielt ich aus dem Stehgreif eine flammende kleine Ansprache darüber, dass Ronald Reagan nicht nur ein offensichtliches Vorbild für Barack Obama, sondern einer der besten amerikanischen Präsidenten überhaupt gewesen sei (von seiner Homopolitik natürlich abgesehen). Alle dachten, ich scherzte. In Kontinentaleuropa gilt, ganz anders als im angelsächsischen Raum, Reagan besonders bei Intellektuellen (und solchen, die sich dafür halten) für eine Art mittelgefährliche historische Witzfigur, genau wie seine Zeitgenossin und Verbündete Margaret Thatcher, die ich gleichfalls schätze (von ihrer Homopolitik abgesehen).

Denn hier handelt es sich um Politikertypen, die zuallererst von Überzeugungen geleitet wurden (bei Reagan und Thatcher war dies die tiefe Überzeugung von der erstrebenswerten Freiheit des Einzelnen – und dies ist im Kern wohl immer noch ein zutiefst angelsächsisches Ideal). Und mir gefallen ganz allgemein Leute mit Überzeugungen (wobei ich die Kategorie mit offensichtlich irrsinnigen Überzeugungen hier ausnehme). Überzeugungspolitiker aber gelten in unseren Tagen eines umgreifenden pseudo-pragmatischen Taktierens in der Politik als irrationale Reliquien einer anderen Zeit, sie sind vielleicht im Aussterben begriffen und haben jedenfalls schlechte Karten im täglichen Spiel mit den opportunistischen Bürokraten, die den modernen Politikertypus vorstellen. Ja, obschon – oder gerade weil – sie in der Regel charismatischer und glaubwürdiger daherkommen, scheinen Überzeugungspolitiker vor allem nur noch für eins zu taugen: Zum Feindbild. Genau wie der Geschäftsmann alter Schule. Was uns zu Herrn Ackermann zurückbringt. Herr Ackermann ist ein Symbol, auch ein stilistisches, er ist seinem ganzen Habitus nach die gescheitelte Zielscheibe linker Systemkritik, deren Exponenten betrüblicherweise selten Ahnung von Ökonomie haben, sehr im Gegensatz zu Herrn Ackermann.

Der Corporate Honcho als Stiltyp

Wohl kaum eine Kategorie hat in den letzten 25 Jahren einen derartigen Ansehensverlust durchlitten wie die des «Managers» – bis hin zum völligen Aus-der-Mode-Kommen des Wortes «Manager» überhaupt, das heute, wie «Playboy», kaum noch benutzt wird. Noch vor gut zwanzig Jahren, als ich, wie ein paar Dekaden zuvor Josef Ackermann, mein Wirtschaftsstudium an der Hochschule St. Gallen aufnahm, war «Manager» was Grossartiges, Lee Iacocca, den heute keiner mehr kennt, ein Held, und (beinahe) jeder wollte Geschäftsmann werden und Denver Carrington leiten. Heute hingegen gehört es in der veröffentlichten Meinung zum guten Ton, Unternehmer als gierige, verantwortungslose Monster zu brandmarken, die ungefähr so sympathisch sind wie der Jäger, der Bambis Mutter erschoss. Schlimmer als «Manager» ist nur «Hedge Fonds Manager» oder «Investmentbanker», was ungefähr gleichbedeutend ist mit Bernie Madoff, was ungefähr gleichbedeutend ist mit Luzifer. Dieses Klischee ist dumm und gefährlich. Ich meine, es mag Gründe geben, Manager nicht zu mögen; einige sind tatsächlich skrupellos und korrupt (wie zum Beispiel auch manche Ärzte oder Kuratoren); viele sind, egal wie viel sie verdienen, langweilig und sozial verarmt (wie die meisten Schriftsteller) – aber Unterhaltsamkeit und Altruismus gehören auch nicht zur Qualifikation des Geschäftsmannes. Zu seiner Qualifikation gehört vielmehr der effiziente Umgang mit Ressourcen, und dies ist, Krise hin oder her, nicht notwendig gleichbedeutend mit dem Erhalt von soviel Status quo wie möglich. In der Regel ist das Gegenteil der Fall, besonders in der Krise. Darinnen liegen die Dynamik und innovative Kraft des marktwirtschaftlichen Systems, für die der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter zu Recht den (letztlich auf Friedrich Nietzsche zurückgehenden) Begriff der «schöpferischen Zerstörung» prägte: was nicht mehr effizient arbeitet, wie zum Beispiel eine Bank mit zu geringer Eigenkapitalquote, wird durch die Marktkräfte eliminiert und die solcherart freigesetzten Ressourcen werden produktiveren Verwendungen zugeführt. Insofern zeugt es bloss von Ignoranz und Neid, diesem üblen Dauerpärchen, beispielsweise auf Herrn Ackermann rumzuhacken, wenn Herr Ackermann auf seinen Bonus verzichtet oder ankündigt, die Deutsche Bank müsse keine Staatshilfen in Anspruch nehmen. Herr Ackermann, ein billiges Ziel für üble Nachrede, erhöht durch solche Signale lediglich die Markttransparenz: Er weist den potenziellen Anleger darauf hin, wer effizient mit seinem Geld umgeht.

Yes, ich vermisse sie, die Corporate Honchos! Eigentlich sind fast nur noch die Haare von Donald Trump von ihnen übriggeblieben. Aber es wäre schön, wenn sich mal wieder jemand trauen würde, einen Typus wiederzubeleben, dessen letztes Untergangssignal das Victory-Zeichen von Herrn Ackermann war. Ich habe Herrn Ackermann mal getroffen, vor so ungefähr 1000 Jahren, weil wir beide vom deutschen Botschafter in der Schweiz zu einer Bootsfahrt eingeladen waren, und fand ihn überaus umgänglich. Aber ich bin ja auch von gestern. Und deshalb will ich anstelle von selbsternannten Planetenrettern und Konsumverbietern und Sittenwächtern den guten alten Macho Corporate Honcho zurück, please; den Archetypen, keine Mad-Men-Karikaturen, sondern das Original mit Krawatte und Savile-Row-Anzug, dieser Uniform der Gesittung, und Panerai und Zigarre, der unter seinesgleichen über Portfolios und Prostataprobleme redet, der den Profit maximiert und dazu steht! Das war früher Norm und Leitbild, heute taugt es höchstens für Ramschladenkönige oder Besitzer von Selbstbedienungssolarienketten.

Stilistisch, genauer: lebensstilistisch betrachtet war die Hauptqualität dieses Geschäftsmanns alter Schule, der selten Gefühle zeigte, sich nicht für Kunst interessierte (sofern sie keinen Preis hatte), massenhaft Spesen verursachte und Deals mit Johnnie Walker Black Label schmierte: die Fähigkeit zur Grenzziehung. Corporate Honchos pflegten ihr Privatleben, als es den Begriff «work-life balance» noch gar nicht gab. Arbeit war Arbeit, und Vergnügen war Vergnügen. Nicht zuletzt aber gerade die Freude am Leben und Privaten stempelte die Kategorie zum Feindbild – denn Missgunst ist die Mutter aller Feindbilder, besonders in jener wiederaufkommenden Prüderie und dem neuen Puritanismus, der unseren gefühlten Krisenkontext kennzeichnet. Dass wer arbeitet, auch spielen muss, ist wiederum eine alte angelsächsische Maxime, die nach den scheinbaren Exzessen der goldenen Achtziger in der westlichen Welt allmählich nicht mehr mehrheitsfähig war. Mit Reagan und Thatcher ging der Corporate Honcho den Bach runter, und auf dem Wasser scheinen jetzt nur noch die Haare von Donald Trump zu schwimmen. Verzeihen Sie, dass ich die Haare schon wieder erwähne. Sie sind ein Faszinosum. Wenn ich mich recht erinnere (aber nageln Sie mich nicht drauf fest), ist Mr Trump vor einigen Jahren einmal im Proust-Questionnaire von «Vanity Fair» die Frage gestellt worden: What do you dislike most about your appearance? Worauf er sinngemäss antwortet: Dreimal dürfen Sie raten!

Der Phänotyp des Corporate Honcho scheint, wiewohl wir seinen Trägern viel Prosperität zu verdanken haben und bis heute von ihren ökonomischen Hinterlassenschaften profitieren, also gegenwärtig nur noch als materielles und stilistisches Feindbild zu taugen. Darinnen, in seiner Feindbildtauglichkeit, unterscheidet er sich von einem prominenten Geschäftsmanntyp unserer Tage: dem Business Geek. Der taugt nicht zum Feindbild, dafür ist er viel zu weich. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, Leser, aber ich für meinen Teil kann diese Nerds und Dorks, die die neuen Wirtschaftskapitäne vorstellen sollen, nicht mehr sehen; ich will keine anämischen Sozialtrottel mit riesigen Informationsvorräten, keine unbeholfenen Spätentwickler, deren Wirklichkeit einen Stecker am Ende hat, thank you very much. Oder, in den Worten von Mrs T: No! No! No!

Im Bild oben: Die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher in London 1996. (Foto: Reuters)