Jedes Stimmchen zählt

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Neulich war ich mal wieder ins Fernsehen eingeladen. Ich werde ab und zu ins Fernsehen gebeten, zum Beispiel zu Interviews und Talk-Shows, und die Standardsorge von Leuten, die mit Fernsehen zu tun haben, ist tatsächlich die, dass man breiter (und übrigens auch grösser) aussieht. Vielleicht liegt das an der Zweidimensionalität des Mediums, wer weiss. Ich selbst komme mit der Zweidimensionalität ganz gut zurecht. Meine Fernseh-Hauptsorge ist nicht, ob ich auf der Mattscheibe aussehe wie Jabba the Hutt oder Til Schweiger, sondern dass ich so klinge. Wie Til Schweiger, meine ich. Gute Besserung an Herrn Schweiger an dieser Stelle. Er hätte ja eigentlich am Zurich Film Festival auftreten sollen, doch dann erlitt er einen Zusammenbruch und konnte nicht kommen. Vielleicht tröstet ihn der Umstand, dass das Zurich Film Festival als Veranstaltung etwa so relevant ist wie die Berlin Fashion Week, also gar nicht. Dies ganze sogenannte Festival ist vor allem damit beschäftigt, mehr oder weniger aktiven Grössen des Filmgeschäfts Preise für ihr Lebenswerk auszuhändigen, damit sie überhaupt nach Zürich kommen. Dieses Jahr bekam unter anderem der Scientology-Jünger und Massage-Freund John Travolta einen Preis, was die Frage aufwirft: Worinnen, bitte, besteht das Lebenswerk von John Travolta? Kann mir das mal jemand verraten? Hm? – OK, ich war vielleicht ein wenig zu strikt: ein Verdienst immerhin kann das Zurich Film Dings für sich verbuchen: Es hat dazu beigetragen, dass der flüchtige Pädophile und Vergewaltiger Roman Polanski festgesetzt werden konnte. Well, jedenfalls für kurze Zeit.

Ich bin etwas abgekommen. Verzeihen Sie. Heuchelei, Prätention und zweierlei Mass machen mich immer rasen. Jedenfalls solange ich nicht unmittelbar selbst davon profitiere. Was ich eigentlich sagen wollte, ist: Ich glaube, ich habe keine so super Fernsehstimme. Sie ist nicht sonor genug, aber trotzdem nicht gerade leise und klingt recht dezidiert. Vor mir in irgendeiner Talk-Show ist zum Beispiel ein Familientherapeut mit handgestricktem Pullover dran, der sanft, weich und langsam ausführt, dass man Milde und Nachsicht üben müsse, wobei er jeden Konsonanten liebevoll betont. Und dann komme ich, und man hört: Mussolini vom Balkon. Oder eher: Karen Walker vom Balkon.

Paraverbale Kommunikation

Nun könnten Sie einwenden, viele Leute könnten ihre eigene Stimme nicht hören, und überhaupt: hat der Mensch keine anderen Sorgen? Aber denken Sie mal einen Augenblick darüber nach, meine Damen und Herren, wie wichtig Ihnen die Stimme eines Menschen für dessen Beurteilung ist. Wir sind ja alle besessen mit dem ersten Eindruck; nicht unbedingt, weil wir dies wünschten, sondern weil wir so programmiert sind: In Sekundenschnelle scannt unser Gehirn bei unserem Gegenüber das Verhältnis zwischen Hüfte und Taille, Pupillengrösse, Symmetrie des Gesichts, Körpergeruch – und damit, ob die Immunsysteme zueinander passen. Falls man sich paaren möchte. Schon dieser Vorgang (das Scannen, nicht das Paaren) ist uns kaum bewusst, und mutmasslich noch viel weniger bewusst ist uns, wie sehr nicht optische, sondern akustische Reize, zum Beispiel eine angenehme Stimmlage oder ein unangenehmes Lachen, diesen ersten Eindruck prägen. Das ist die sogenannte paraverbale Kommunikation (im Unterschied zur nonverbalen, der Körpersprache). Wenn deren Bedeutung den Menschen präsenter wäre, würden sie viel weniger in Duftwasser und Anziehsachen und viel mehr in einen Stimmtrainer investieren.

Dass im Werkzeugkasten der Verführung gutes Aussehen und charmantes Wesen ohne weiteres gleichrangig sind mit der richtigen Stimme, wird deutlich, wenn man beachtet, wie wichtig die Stimme für bestimmte Berufsbilder ist, die zunächst gar keine stimmlichen Anforderungen zu stellen scheinen. Zum Beispiel Proktologe oder Flugkapitän. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, liebe Leser, aber ich für meinen Teil würde die Ankündigung mittelschwerer Turbulenzen oder einer bevorstehenden Darmspiegelung lieber in einem melodischen Bariton als von keifender Fistelstimme hören. Überhaupt ist wissenschaftlich erwiesen, dass Leute, deren Stimme als attraktiv eingestuft wird, mehr Sex und mehr Partner haben als andere Leute, und mir persönlich kann jemand, der sich anhört wie der selige Barry White, auch erzählen, dass zombiehafte Herrscher über unterirdische Klon-Fabriken durch die Steckdosen unsere Gedanken aus unseren Köpfen saugen; ich würde ihm trotzdem hingebungsvoll lauschen (es sei denn, er sähe nicht gut aus). Und wir alle kennen ja diese spezifische Enttäuschung, wenn jemand Hübsches den Mund aufmacht und klingt wie Peppermint Patty. Oder wenn wir von jemandem zunächst nur die Stimme kennen, weil wir uns zum Beispiel nachts verwählt oder uns im Call Center verliebt haben, und sieht man die Person schliesslich – und alles sieht ganz anders aus als man es sich vorstellte.

Sound Design

Die Wirtschaft, die uns Durchschnittsseelen in der kapitalistischen Glitzerwelt ja immer einen Schritt voraus ist, hat das längst erkannt. Neben dem sogenannten Air Design, also zum Beispiel der zielgerichteten Beduftung von Verkaufsräumen (in Europa noch nicht so verbreitet, in Nord- und Südamerika stellenweise bis an die Grenze des Erträglichen praktiziert), wird heutzutage in der Warenwelt auch das Sound Design immer wichtiger: das perfekte Klacken der Crèmedose beim Öffnen, beispielsweise, oder die Auswahl der Warteschleifenmusik wird sorgfältig orchestriert zu wichtigen Elementen des Wiedererkennungswerts von Unternehmen und Marken. Das nennen Marketingfritzen dann «strategische Emotionalisierung der akustischen Kommunikation» (auch wenn man das manchmal nicht glauben mag, wenn man in der Warteschleife von Swisscom zum 72. Mal «Hello» von Lionel Richie hört).

Und wir? Was können wir tun, um unsere akustische Kommunikation strategisch zu emotionalisieren? Oder, weniger beknackt ausgedrückt: Wenn die Stimme schon das wichtigste Organ für den gesellschaftlichen Erfolg ist, was können wir dann unternehmen, um dessen Attraktivität zu erhöhen? Denn gesellschaftlicher Erfolg ist doch das Allerwichtigste im Leben! Jedenfalls hat mir das mein Studienberater in St. Gallen damals eingeschärft. Oder war das mein schwedisches Kindermädchen? Ich weiss es nicht mehr. Was ich hingegen ahne, ist: All die Trainingsstunden und Botox-Injektionen dürften nahezu vergebens sein, wenn man schliesslich den Mund aufmacht und sich anhört wie Til Schweiger, der nicht ohne Grund so heisst.

Selbst-Perfektionierung

«Versuche, sympathisch zu wirken. Und versuch’, ein bisschen tiefer zu sprechen«, sagte Richie, der beste Ehemann von allen, vor meinem letzten Fernsehauftritt zu mir. Daraufhin unternahm ich vorbereitend alles Mögliche: Ich sprach zuhause nur noch mit Berliner Dialekt (weil man in dieser Mundart automatisch tiefer redet), ich steckte mir einen Bleistift quer in den Mund wie die Schauspielschüler und las mir selbst in dunkelstem Bass «Deutschland. Ein Wintermärchen» vor. Das half alles nicht so richtig. Dann erinnerte ich mich daran, dass meine Stimme eigentlich immer recht faszinierend klingt, wenn ich die Nacht vorher Keith-Richards-mässig getrunken, Brad-Pitt-mässig geraucht und Tara-Reid-mässig gegrölt habe. Dann hört sich meine Stimme anderntags immer so interessant an: nach Löwenkäfig, Reibeisen und rostigen Nägeln. «Husky» nennt das der Engländer: heiser, aber kräftig und irgendwie verführerisch.

Also richtete ich meine persönliche Vorbereitung darauf aus: Ich ging vor der Sendung aus und rauchte, trank und grölte, was in den frühen Morgenstunden in einem improvisierten Armdrückwettbewerb endetet, an der Horse Meat Disco im Prince Charles Club in Berlin-Kreuzberg (wo ich zufällig gerade war), unter der spontanen Schiedsrichterschaft einer charmanten Brandenburgerin namens Sandy. Anderntags trat ich im Fernsehen auf und hörte mich an wie Karen Walker. Auf Helium. Ausserdem klang mein Lachen irgendwie nach der Refrain-Melodie von «Barbie Girl». Aber den Leuten hat’s trotzdem gefallen. Und was lernen wir daraus? Vielleicht dies: Wenn Sie Ihre Voice-Coaching-Stunden absolviert haben, wenn Ihre Stimmlage, Ihr Ton und Ihr Tempo makellos sind, wenn Sie Ihre Modulation und vielleicht obendrauf auch noch einen kleinen süssen französischen Accent perfektioniert haben, dann vergessen Sie nicht: Trotz aller Soundeffekte hören die Leute manchmal auch noch auf den Inhalt.

Bleibt nur noch eine Frage: Was ist wohl aus Sandy geworden? Ich vermisse sie ein wenig.

Im Bild oben: Schauspieler Til Schweiger am «New Faces Award» in Berlin (Bild: Keystone).

9 Kommentare zu «Jedes Stimmchen zählt»

  • Philipp Rittermann sagt:

    geschätzter herr doktor. sie neigen dazu, jeweils schwierigere themen auf die freitage zu legen. *seufz*. ich neige dazu, freitags jeweils etwas denkmüde zu sein. aber gut – hier meine alte theorie: männerstimmen sind, (ausser bei eunuchen und hard-core homo’s), meist erträglich. bei frauen verhält es sich leider nicht immer ganz so. (siehe heidi klum). nebst der intonierung ist das problem jedoch hauptsächlich im redeschwall zu suchen. aus diesem grunde erarbeite ich ein konzept eines geregelten sprachmodules im form eines chips. mit ersten probandinnen habe ich schon gute ergebnisse erzielt.

  • Heiner Hug sagt:

    Das einzig Schöne an solchen Theorien ist doch, dass sie regelmässig von der Realität gestraft werden.
    Das Beispiel? Eben genau Til Schweiger (der zwar nicht mein Typ ist) aber doch einer der beliebtesten und erfolgreichsten deutschen Schauspieler, trotz seiner Stimme.

    Der Mensch ist nicht, wird nie, bis ins letzte Detail zu ergründen sein.

  • Pascal sagt:

    Lustiger Text : )

  • Cybot sagt:

    Ich glaube nicht, dass es die Stimme an sich ist, die man beurteilt. Aber man kann über die Stimme sehr schnell feststellen, ob jemand selbstbewusst oder eher unsicher ist. Und wenn man schon solche Zweifel an der eigenen Stimme hegt, kommt das natürlich auch entsprechend rüber. Andernfalls hätten Leute wie Til Schweiger, Verona Pooth, Heidi Klum, Dieter Bohlen und etliche andere nie Karriere gemacht.
    Das ist wie bei Hooks in Police Academy. Anfangs nimmt sie keiner ernst mit ihrer Piepsstimme, aber als sie erst mal richtig loslegt, ist die Stimme zweitrangig.

  • Christian Duerig sagt:

    Diese Betrachtungen gelten für die Film- & Fernsehwelt. Bereits in der 1. Klasse bemerkte ich die Überflutung durch Vorträge, Gesänge, Gebete, Bilder, Texte uam. Was immer fehlte war der Duft. Meine Mitmenschen erkannte ich an ihrem Duft, auch wenn sie sich zum Scherzen verkleideten und mir Angst einjagen wollten. Mit trockener Haut konnte mich mein Vater nicht von harter Arbeit überzeugen. Roch ich aber seinen Schweiss, dann wusste ich zum Voraus, was er mir erzählen wollte. „Le laboureur et ses enfants“ wurde zum Hit in meiner Jugend wie später „Des Sängers Fluch“ (Ludwig Uhland).

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