Der Alptraum jedes Mannes

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Der Freund, der mich auf den Facebook-Account aufmerksam machte, gab keinerlei Warnung ab. Er sagte bloss, dieser Account erfreue sich wachsender Popularität und ich solle mir das mal anschauen. Das tat ich dann auch. Was ich unter der angegebenen Adresse vorfand, hatte einen ähnlichen Effekt wie ein Horrorunfall. Es ist erschreckend und abstossend – und trotzdem kann man nicht wegschauen.

In gewisser Weise ist es tatsächlich ein Horrorunfall – kommunikativer Art allerdings. Besagter Account gehört einer gewissen Frau E.N., die mit einem verheirateten Herrn R.K. ein Verhältnis hatte. Irgendwann kam sie dahinter, dass R.K. neben ihr noch eine zweite Affäre mit einer ihrer Freundinnen pflegte. Sie stellte ihn zur Rede, aber R.K. scheute die Konfrontation und machte Schluss. Das erfährt man alles auf E.N.s Facebook-Account und noch viel mehr. Denn E.N. weigerte sich, das Ende der Beziehung hinzunehmen und so begann sie alles zu veröffentlichen, was sie mit R.K. erlebt hatte. Stück für Stück. Emotionaler Revenge-Porn.

Anekdoten, E-Mails, Liebesbriefe: Kein Detail ist zu intim, als dass E.N. es nicht ihrer wachsenden Fan-Gemeinde zum Frass vorwerfen würde. Dazwischen erklärt sie sich. Sie tue das alles, weil R.K. sie angelogen habe und nun auch noch das Gespräch verweigere, schreibt die Frau. Und sie werde es so lange tun, bis er wieder mit ihr rede, bis er die Wahrheit sage, bis er sich dazu bekenne, dass er sie geliebt habe. Sie tue das im Namen aller Frauen, die von ihren Männern betrogen wurden, schreibt E.N. Denn sie liebe ihn noch immer. Dazwischen gibt es Fotos von Sonnenuntergängen und Kätzchen zu bestaunen, und ab und zu ruft sie dem sie verschmähenden Ex-Liebhaber zu, er solle sie doch bitte heiraten.

Das ist der Alptraum jedes Mannes, sagte mir mein Freund, als ich ihn fragte, was das eigentlich solle. Womit er zweifellos recht hat, nur dass noch zu ergänzen wäre, dass auch Frauen im Allgemeinen wenig erfreut sind, wenn intime Details ihrer verflossenen Liebesbeziehung an die Öffentlichkeit gelangen. Nur dass Männer diese besondere Form der Rache wohl nicht wählen würden, weil man auf diese Weise ja auch die eigenen Gefühle und damit natürlich vor allem sich selber blossstellt. Genau das, wovor Männer tendenziell eher zurückschrecken.

Nicht, dass Männern Racheaktionen im Allgemeinen fremd lägen. Sie gehen bloss anders vor. Es gab in den letzten Jahren genügend Fälle, da Ex-Partner irgendwelcher Starlets intime Fotos oder Filme ins Netz stellten, um sich an ihren Verflossenen zu rächen. Niemand würde bestreiten, dass der sogenannte Revenge-Porn eine Schweinerei ist. Erstaunlicherweise erhält aber E.N. auf ihrer Facebook-Site auch noch Unterstützung für die öffentliche Kampagne gegen ihren Ex-Lover.

Doch ich frage mich: Ist es wirklich schweinischer, der Öffentlichkeit Fotos intimer Körperteile zu zeigen als Worte, die von intimen Gefühlen zeugen? Würde irgendjemand einem Mann öffentlich Beifall zollen, der täglich Nacktbilder seiner Ex-Geliebten posten würde, nur weil sie ihn verletzt hat? Die Öffentlichkeit, die sich durch Social Media herstellen lässt, ist eine Waffe. Da kann mir mein Freund noch so süffisant erklären, dass nicht die Waffe tötet, sondern der Mensch, der den Abzug betätigt. Es ist wohl an der Zeit, ein Bewusstsein dafür zu wecken, wie viel Schaden man mit mutwillig hergestellter Öffentlichkeit anrichten kann.

R.K. soll die Frau inzwischen angezeigt haben.

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