Der weinende Mann

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Während einer Pressekonferenz im Januar 2008 schrieb US-Footballspieler Terrell Owens, ein ungefähr zwei Meter grosser, anderthalb Zentner schwerer Fels von einem Mann, Geschichte. Als er nämlich vor laufenden Kameras in Tränen ausbrach. Die flossen zwar hinter einer riesigen Sonnenbrille, aber mit allem, was dazugehört: Kinnzittern, brechende Stimme, kleine Schluchzer. Ein bisschen wie ein Kind, dem jemand das Liebste weggenommen hat. Owens weinte, weil sein Team (damals die Dallas Cowboys) verloren hatte und alle der Freundin des Quarterbacks die Schuld gaben. Die Clips dieser Gefühlsaufwallung sind inzwischen unendlich oft auf Youtube konsumiert worden, und Mr. Owens hat im Grossen und Ganzen mit seinem Auftritt nicht so gute Kritiken geerntet, was weniger daran liegt, dass American Football eine Sportart ist, bei der es nicht selten um rohe Kraft geht – sondern eher daran, dass Owens wegen eines Sachverhalts die Fassung verlor, über den auch deutlich kleinere Männer normalerweise anstandslos hinwegkommen: ein verlorenes Spiel.

Grundsätzlich OK hingegen sind nach allgemeiner Auffassung Männertränen beispielsweise bei einem Heiratsantrag oder wenn der Familienhund eingeschläfert werden muss oder – sogar – während der Schlusssequenz von «Milk» oder «Brian’s Song» (dem Paradebeispiel des sogenannten Guy-Cry Movie, einer Unterkategorie des Man Flick – Männertränen bei Chick Flicks sind hingegen verpönt; mehr dazu später unter dem Stichwort «Meg Ryan»). Auch beim Zuzug tödlicher Verletzungen oder einem wunschgemäss oder nicht wunschgemäss ausgefallenen Schwangerschaftstest der Lebensabschnittspartnerin sind Männertränen erlaubt. Nicht hingegen bei einer Trennung von besagter Partnerin (schwanger oder nicht): wenn der Mann hier heult, hat er verloren. Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen ist, dann – holt eure Violinen raus – kann’s losgehen: Kleenex (Mansize, natürlich) und Scotch und schwimmende Augen, begleitet von Kinnzittern und zusammengezogenen Brauen … dann nässten Tränen seine Unterlider, um in Sturzbächen die Wangen hinunterzurinnen, begleitet von nach Luft schnappenden Schluchzern. Solange es die Verflossene nicht mitkriegt. Männer weinen einsam und heimlich – jedenfalls war das bisher so. Oder nicht?

Womit wir schon mitten im Thema wären: Wann dürfen Männer weinen – und wann wirkt das peinlich? Hat sich da was geändert? Die davorliegende Frage haben wir ja quasi ansatzweise schon beantwortet: Welchem Typ Mann stehen Tränen und welchem nicht? Hier ist es wie mit Schmuck und kleinen Taschen und anderen dem überlieferten Verständnis nach nicht-so-männlichen Sachen: Je maskuliner der Typ, desto eher kommt er damit durch. Desto eher stehen ihm Tränen und Leidenschaften überhaupt, ohne dass man ihn für instabil, launisch und wehleidig hält. So wie die leidenschaftlichsten Männer der Literatur ja auch immer ganze Kerle waren, denken Sie nur an den Grafen Wronskij, dem Anna Karenina verfiel. Ganze Kerle dürfen heulen. Dies alles heute vor dem Hintergrund, dass sich ganz allgemein die gesellschaftliche und kulturelle Bewertung von (öffentlich) weinenden Männern geändert hat – drastisch und schnell. Wir haben sofort die Bilder vor Augen: Bill Clinton, Helmut Kohl, Gerhard Schröder: Männer mit Macht dürfen Gefühl zeigen, ein Public Display of Affection (PDA), als dessen Gipfel die öffentliche Träne erscheint, ist längst nicht mehr nur im Sport oder Showgeschäft zulässig, sondern sorgt auch in der politischen Sphäre für Sympathie und Stimmen. Das war vor ein paar Dekaden noch ganz anders. Da galt in der westlichen Welt der öffentlich weinende Mann als archetypisches Tabu. Aber heute lachen die Leute schliesslich auch lauthals in der Öffentlichkeit, bisweilen sogar auf Kommando, und auch das galt früher als unschicklich.

Tränen im Weissen Haus

Lachen und Weinen, Äusserungen der Leidenschaft, können beide mit Tränen verbunden sein, und beide wertet die postkapitalistische Entspannungsgesellschaft mit ihrem Ideal der ganzheitlichen Person als Zeichen der sogenannten Emotionalen Intelligenz und als notwendige Akte der Psychohygiene, was sie ja auch sind. Aber das erkannte übrigens schon 1880 ein Pionier, der Amerikaner William James, Professor für Psychologie und Philosophie in Harvard, der in seinem Werk «The Principles of Psychology» unterscheidet zwischen «dry sorrow», also jenem stumpfen, betäubenden Kummer ohne Tränen, der vollkommen unerfreulich ist, und dem Weinen aus Traurigkeit, das immer auch den angenehmen Effekt der Befreiung und Reinigung hat. Dieses ganz eigene Vergnügen mag eine Erklärung dafür sein, wieso Politiker nicht mit Tränen geizen – auch konservative Politiker nicht. Die Bush-Männer zum Beispiel haben ziemlich nah am Wasser gebaut. George W. Bush kämpfte bei seiner Inauguration mit den Tränen, und sein Vater, George Herbert Walker Bush, liess quasi bei jeder Gelegenheit den salzigen Strömen freien Lauf: Er weinte, als Dixie Carter die Nationalhymne sang; er weinte, als die Oak Ridge Boys an Bord der Air Force One auftraten; und Berichten zufolge brach er ebenfalls in Tränen aus, als ihm der erste Wurf seiner Hündin Millie präsentiert wurde. Kurz: Damals wurde im Weissen Haus offenbar öfter geheult als bei «America’s Next Top Model».

Doch auch jenseits der politischen Sphäre hat sich schon vor einiger Zeit eine Art Tränenkultur gebildet, interessanterweise gerade unter jungen Männern, die ja sonst am wenigsten weinen, jedenfalls öffentlich. Ich meine die Emos. «Emo» leitet sich ab von «emotive», also gefühlgeladen, und bezeichnet eine Art von Softcore-Punkmusik, die auch schon als Punk auf Östrogen bezeichnet worden ist: viel Akkustikgitarre, sanfte, hohe Männergesangsstimme, melancholische Texte. Um diese Musik scharen sich dann nicht weniger melancholische späte Teens mit engen Wollpullovern und noch engeren Jeans und schwarzen Hornbrillen und schwarz gefärbtem Haar, das mindestens drei Fünftel des Gesichts verdecken muss, und zwar asymmetrisch. Das sind die Emos. Sie sind bisweilen mager bis zur Anorexie, schlucken Antidepressiva und fühlen sich unverstanden und missplatziert in ihrem ziemlich komfortablen vorstädtischen Mittelklassedasein. Und deshalb weinen sie oft und gern. In dieser Art, Gefühle zu zeigen und zu betonen, überschneiden sich die Emos übrigens mit den inzwischen aussterbenden Metrosexuellen, die ebenfalls für sich reklamieren, in enger Verbindung mit ihrer emotionalen Seite zu stehen.

Krokodilstränen

Der Wandel in der öffentlichen Zurschaustellung von Leidenschaften zeigt sich nirgends so deutlich wie beim Bild des weinenden Mannes. Und natürlich, nachdem die Tränen nun also gesellschaftsfähig geworden sind, sind wir hier, wie bei allen Leidenschaften, nicht sicher vor Heuchelei – auch Männer heucheln Gefühle. Im Fall simulierter Tränen spricht der Volksmund mit der ihm eigenen entzückenden Prägnanz von «Krokodilstränen». Dabei können bekanntlich nur Menschen weinen; Tiere verfügen zwar auch über Tränendrüsen, befeuchten die Hornhaut allerdings nicht aus psychogenen Gründen (so wie sie auch nicht rot werden können). Krokodile hingegen sehen gelegentlich aus, als ob sie weinten, weil ihre gewaltigen Kiefer bei aufgesperrtem Rachen buchstäblich auf die Tränendrüsen drücken. (Wie ein schlechter Film mit Meg Ryan. Was wiederum ein Pleonasmus ist.) Da dies dem Krokodil also ausgerechnet regelmässig dann widerfährt, wenn es Beute verschlingt, zum Beispiel ein niedliches kleines Reh, das aussieht wie Bambi, wirken seine Tränen aus der Menschenperspektive besonders aufgesetzt und hypokritisch, und so wurden die weinenden Krokodile bereits im Mittelalter zur Metapher für Scheinheiligkeit. Denn, interessanterweise, warum finden wir vorgetäuschtes Gelächter in Gesellschaft völlig akzeptabel, vorgetäuschte Tränen aber nicht? Dabei sind die doch viel schwerer zu simulieren.

Bill Clinton etwa soll ein Meister der Krokodilstränen und virtuoser Beherrscher der Tränendrüsen sein, und ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir hätte er Erfolg damit. Denn wenn Sie irgendwas von mir wollen – fangen Sie einfach neben mir an zu weinen. Ich werde mit Wutanfällen fertig und mit Beleidigungen und auch mit Pampigkeit, Dummheit und Arroganz; doch bei Tränen kapituliere ich sofort und tue augenblicklich alles, damit die betreffende Person aufhört. Beziehungsweise falle ich meistens eigentlich eher in eine Art Duldungsstarre, weil mich fremde Tränen, besonders in Situationen, die ich für nicht tränenwürdig halte, regelmässig überfordern. Ich kannte einen texanischen Soldaten, der ziemlich tough war und zu schlimmster Zeit in Bagdad Dienst tat und so weiter, und dann, zu Besuch in Europa, wollte er gerne «Les Misérables» sehen, eine Show, die, wenn Sie mich fragen, ihren Titel völlig zurecht trägt, aber, na schön, Derek (so hiess er) muss in Bagdad patrouillieren, dachte ich, da ist jawohl «Les Misérables» das Mindeste, was ich ihm bieten kann, wenn er es gerne möchte. Also sahen wir «Les Mis». Und dann, bei irgendeiner besonders tragischen Szene, an denen dies Werk so reich, bemerkte ich, dass Derek die Tränen in den Augen standen. Und dies war fürchterlich. Und zwar für mich. Ich sass einfach da, frozen in horror. Und vielleicht ist dieses Reaktionsschema ebenfalls typisch männlich. Jedenfalls ist es eine häufig von Frauen gehörte Klage, dass Männer bei Tränen gerne auf eine Art Autopilot umschalten, was im Wesentlichen heisst, dass sie abwarten, wohl weil sie hinter dem Gefühlsausbruch irgendwelche hormonellen Verschiebungen vermuten, die ihnen fremd und unheimlich sind. Insofern waren Tränen auch schon immer selbst Konfliktstoff – und nicht nur dessen Begleitmusik – im Kampf der Geschlechter. Die diesbezüglichen Annäherungsaussichten für Frauen und Männer scheinen auch im Zeitalter der Emotionalen Intelligenz nicht wirklich besser zu werden.

Die Tugend der Reserve

Nennen Sie mich altmodisch, aber ich halte es für kein neues Paradigma für Maskulinität, bei jeder Kleinigkeit gleich loszuheulen (besonders, wenn man nicht alleine ist). Ich schätze es nicht, wenn Leute, Männer oder Frauen, bei jeder Kleinigkeit gleich ein Pandämonium aus dem Boden stampfen und darinnen waten, auf mich wirkt das instabil, ein bisschen jämmerlich und geltungssüchtig und demonstriert nicht irgendeine emotionale Bandbreite, sondern schlicht fehlende Selbstkontrolle. Selbstkontrolle ist aber wichtig, sonst bricht unsere Gesellschaft zusammen. Ich schätze Selbstkontrolle. «Get off the cross, we need the wood!», pflegt der Engländer jammervollen Naturen zuzurufen, die endloses Gewese um Kleinigkeiten veranstalten.

Männer weinen, wenn überhaupt in Gesellschaft, lieber in jener von Frauen, möglicherweise mit dem halbbewussten Hintergedanken, mit ihrer so dargestellten Empfindsamkeit zusätzliche Bonusmeilen zu sammeln, das wäre dann quasi der Trauergewinn, wobei der Tränenfilm sozusagen als Gleitmittel wirkt. Und erwiesenermassen reagieren Frauen auf Männertränen aus nichtigem Anlass genauso wie jeder vernünftige und erzogene Mensch: Man lächelt freundlich, klopft dem weinenden Mann beruhigend auf die Schulter oder den Arm und hofft inständig, dass auf der Stelle in drei Metern Entfernung ein Schwelbrand ausbrechen möge, damit man eine Entschuldigung hätte, diese unsäglich peinliche Situation zu beenden.

Übrigens bin ich mit meiner Skepsis gegenüber Tränen, besonders männlichen, nicht allein. Die kürzlich verstorbene amerikanische Autorin Nora Ephron warnte in ihrer Erzählung «Heartburn» vor der Überschätzung von tränenreicher männlicher Passion. «Nimm dich in Acht vor weinenden Männern», liest man dort, «Männer die weinen, hören auf Gefühle, aber in der Regel bloss auf ihre eigenen.» Frau Ephron schrieb diese Zeilen im Jahre 1983, und jene zweifellos richtige Einsicht hielt sie übrigens nicht davon ab, zehn Jahre später einen der grössten Tränendrüsendrücker (fachsprachlich: tearjerker) aller Zeiten nicht nur zu schreiben, sondern auch als Regisseurin zu verantworten, nämlich «Sleepless in Seattle», mit der bereits erwähnten, aber trotzdem eigentlich unsäglichen Meg Ryan.

Doch möglicherweise war Frau Ephron dabei nicht inkonsistent, sondern sich lediglich der Tatsache bewusst, dass Tränen, wie jede Äusserung von Leidenschaft, in einigen Zusammenhängen angemessen sind, in anderen nicht. Dieses Bewusstsein nennt man die Tugend der Reserve, und das kennen wir alle. Wo kämen wir auch sonst hin? Das wäre ja ein einziges Jammertal! Ich selbst kann wie gesagt die härtesten Auseinandersetzungen am Senator-Check-in-Schalter führen oder Seniorinnen mit Gehhilfe beim Kampf um die letzte Diptyque-Duftkerze im Ausverkauf zu Boden ringen, und dann – stelle ich fest, dass mir schon bei bestimmten Episoden von «The West Wing» das Wasser in die Augen steigt. Aber da bin ich auch privat, zuhause, neben Richie auf dem Sofa in Trainingshosen mit ’ner Tüte Fruchtgummi auf dem Bauch. Und auch solche Momente wirken ja ohne weiteres psychohygienisch, indem sich unsere Tränen auf etwas konzentrieren und kanalisieren und mit geringstmöglichen psychosozialen Kosten abfliessen können. Das hat nichts mit schädlicher Verdrängung von Leidenschaften zu tun, sondern mit Zivilisation.

Filmstill oben: Jon Hamm heult als Don Draper in der Fernsehserie «Mad Men». (Quelle: Lionsgate)