Nein heisst Nein

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Man könnte denken, die Aussagen des republikanischen US-Senators Todd Akin über «legitimate rape», was übersetzt so viel heisst wie «echte Vergewaltigung», sei bloss eine Epiphanie der Dummheit eines einzelnen Politikers gewesen. Echte Vergewaltigungen («legitimate rape») zögen selten Schwangerschaften nach sich, so Akins tiefe Einsicht in die Natur der weiblichen Biologie, denn der weibliche Körper habe Mittel und Wege, «das Ganze abzublasen». Das zeugt nicht nur von politischem Analphabetentum – flugs distanzierte sich das republikanische Establishment bis hin zu Mitt Romney von Akin und seinen Aussagen. Es hagelte wütende Kommentare von Frauen, wie etwa der «Legitimate Rape Song» auf Youtube. Aikin seinerseits ruderte zurück, er habe seine Worte unglücklich gewählt und eigentlich von «Vergewaltigung unter Zwang» (forced rape) gesprochen. Aha.

Aikins Aussage ist in vielen Hinsichten schockierend. Da wäre erstens die krude Auffassung, dass der weibliche Körper eine eingebaute Empfängnisverhütung hat, die bei Gewaltanwendung aktiviert wird. Wirklich erschreckend aber ist die Rede von echten und unechten Arten von Vergewaltigung. Was kann er damit meinen? Dass eine Vergewaltigung keine ist, wenn der Mann dazu provoziert wird? Dass ohnehin nur Frauen vergewaltigt werden, die es irgendwie verdient haben? Weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren und die falschen Kleider getragen haben?  Dass sie selber schuld sind, wenn sie nicht zu Hause in ihrem Zimmer bleiben? So absurd es tönt, so weit verbreitet ist diese Aufassung. Tatsache ist aber, dass die meisten Frauen nicht einmal in ihrem eigenen Zimmer vor Übergriffen sicher sind.

Ich kenne mindestens zwei Frauen, die als Jugendliche missbraucht wurden, beide von Familienmitgliedern und es sind sehr, sehr üble Geschichten. Die Feministin Laurie Penny hat vergangene Woche in einem Essay ihre eigene Geschichte geschildert. Sie war neunzehn, es geschah auf einer Party eines in ihrem Freundeskreis angesehenen Mannes, den sie kannte und schätzte. Während der Party wurde ihr schlecht, sie legte sich im Schlafzimmer hin und erwachte, als der Gastgeber ungeschützt in sie eindrang. Ohne dass es vorher zu irgend einer Art Verständigung gekommen wäre. Benommen und wehrlos, liess sie es schliesslich über sich ergehen. Danach dauerte es Wochen und Monate, bis sie das Erlebnis richtig einordnen konnte. Der Tenor im Freundeskreis lautete, dass sie damit hätte rechnen müssen, als sie sich ins Schlafzimmer des Mannes legte. Die alte Leier: Es kann nicht sein, dass ein so angesehener Mann ein Vergewaltiger ist, also muss sie schuld sein. Sie hat es provoziert. Und deshalb war das nicht mal eine richtige Vergewaltigung.

Mich macht das wütend. Es gab Dutzende Gelegenheiten in meiner Jugend, da mir dasselbe hätte passieren können. Und ich fürchte jetzt schon den Tag, da meine heranwachsende Tochter selbstständig durch die Welt ziehen und sich diesem Risiko aussetzen wird. Leider ist es unumgänglich. Denn wir leben in einer Welt, in der sexuelle Gewalt ein Kavaliersdelikt ist und Opfer nicht ernst genommen werden. Eine Welt, in der Männer wie Berlusconi oder Strauss-Kahn, die Frauen ganz offen als Konsumgüter behandelt, an die Spitzen der Macht vordringen. Eine Welt, in der ein riesiges Geschrei darum gemacht wird, wenn Frauen falsche Sex-Klagen gegen Männer erheben, was zweifelsohne eine Schweinerei ist. Tatsache ist aber, dass dies nur in ca. zwei bis vier Prozent aller zur Anzeige gebrachten Vergewaltigungen der Fall ist. Demgegenüber steht eine bis ins Hundertfache gehende Dunkelziffer von Fällen, die nicht angezeigt werden. Die Opfer schämen sich, weil der Täter aus einem familiären Umfeld stammt, sie Angst vor ihm haben oder sich fürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird. Denn die meisten Vergewaltigungen werden eben nicht von einem bösen Fremden verübt, sondern von nahen Verwandten und angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft. Sich dies einzugestehen ist  schmerzhaft. Einfacher ist es, das Opfer dafür verantwortlich zu machen, was ihm geschehen ist.

Es geht hier nicht darum, den Generalverdacht gegen die Männer als potenzielle Täter wieder aufzufrischen – schliesslich sind Vergewaltigungen auch für die meisten Männer eine Horrorvorstellung. Ganz abgesehen davon, dass rund neun Prozent aller Vergewaltigungsopfer männlichen Geschlechts sind. Aber genau deshalb braucht es in dieser Hinsicht extrem klare Haltungen.

Nirgends ist die Machtfrage zwischen den Geschlechtern prekärer, als wenn es um Sexualität geht. Denn natürlich gibt es hier viele Graubereiche und natürlich kann man es kompliziert finden, dass es Frauen gibt, die ihre Sexualität als Mittel zum Zweck einsetzen, dass Frauen neuerdings ihre Unterwerfungsphantasien zelebrieren und dass es Frauen gibt, die mal so mal so wollen und sich nicht entscheiden können. Aber wenn man davon ausgeht, dass Sexualität Kommunikation ist, dann kann es bezüglich Vergewaltigung eigentlich keine Missverständnisse geben. Nein ist Nein. Versehentliche Vergewaltigungen gibt es nicht.

 

 

Im Bild oben: Noomi Rapace als zur Selbstjustiz greifendes Vergewaltigungsopfer Lisbeth Salander in «The Girl Who Played With Fire». (Foto: PD)

53 Kommentare zu «Nein heisst Nein»

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