Liebe ist verhandelbar

bmFr1

Üblicherweise haben der beste Ehemann von allen und ich so viel Spass wie die Reagans zu ihren besten Zeiten. Die Sache ist nur die: Selbst wenn man, wie ich, bloss ein Schriftsteller ist, zählt man in einem kleinen und an Berühmtheiten armen Land wie der Schweiz doch schon zur Lokalprominenz, und das bedeutet: Man kriegt Einladungen. Modenschauen, Botschaftsempfänge, Filmpremieren, Hundebeerdigungen und wasweissich. Ich sortiere immer schon achtzig Prozent aus, aber an einigen Veranstaltungen muss man einfach auftauchen, Sie wissen ja, wie das ist, an der Peripherie des Showgeschäfts. Und da habe ich gern meinen Ehemann an meiner Seite. Zu zweit sieht man ja auch immer viel besser aus bei solchen singlediskriminierenden Anlässen. Und Nancy Reagan ist ja auch immer gern mitgegangen, um an der Seite ihres Gatten bewundernd an demselben aufzublicken.

Richie, der beste Ehemann von allen, ist aber nicht Nancy Reagan – oder höchstens insofern, als er sich Frau Reagans Maxime im Kampf gegen die Drogenprobleme von Teenagern zueigen gemacht hat: Just Say No. Das heisst: Wenn ich Rich frage: «Ich habe hier eine Einladung zu einer Autobahnabschnittseinweihung, und die Tochter des Generalunternehmers war damals meine Tischdame bei dieser Gartenparty in Küsnacht, you know, bei diesen Leuten, die wir auf diesem Hochzeitsempfang im Baur au Lac kennen gelernt haben, Du weisst schon, diese Hochzeit von Dings, Dingens, so, anyhow, würdest du bitte mitkommen, Kleines?», dann erwidert der beste Ehemann von allen in seiner Muttersprache: «Thanks, but no thanks.» Manchmal fügt er auch noch was hinzu wie: «Lieber stelle ich mich in den Garten und starre mit offenen Augen in die Sonne!»

Das wiederum heisst: Ich muss gesellschaftliche Verpflichtungen, die ich zusammen mit meinem Ehemann zu bewältigen wünsche, am besten Wochen vorher anmelden und mir Richies Wohlwollen durch Gegenleistungen erkaufen. Nicht was Sie jetzt denken. Sex ist nicht die Währung bei diesen Deals. Sondern das geht ungefähr so: Du kommst mit mir an die Schiffstaufe, und ich verbringe dafür Weihnachten mit deiner Familie.

Über die vielen herrlichen Jahren unseres Zusammenlebens haben Richielein und ich nach diesem Schema ein ganzes sorgfältig kalibriertes System von wechselseitigen Ansprüchen und Gegenleistungen ausgearbeitet, das gewiss sein Scherflein dazu beiträgt, unsere Lebensgemeinschaft im Gleichgewicht zu halten: Ein Familiengeburtstag auf einer Seite entspricht einem religiösen oder weltlichen Feiertag im Kreise der Mischpoke auf der anderen Seite (es sei denn, es ist nur die eigene Generation involviert, dann ist die Sache bloss halb so viel wert, also halb so teuer). Ein gesellschaftlicher oder kultureller Abendanlass ohne Hinsetzen und/oder nur mit Finger Food oder fliegendem Buffet entspricht einem Motocross-Turnier oder einem halben Test-Icicles-Konzert. (Eigentlich wäre das ein ganzes Test-Icicles-Konzert gewesen, aber Rich war ungeschickt und hatte erst in letzter Minute die Tickets bestellt, und Kurzfristigkeit treibt natürlich den Preis nach oben. Die Test Icicles ihrerseits hatten sich dann übrigens inzwischen aufgelöst. Doch das fällt unter höhere Gewalt.)

Natürlich sind die Tarife und Gegenleistungen in einem derartigen System immer gewissen natürlichen Fluktuationen unterworfen, und so empfiehlt es sich, wenn man weiss, es steht bald wieder eine der regelmässigen Terminabgleichungsbesprechungen an und man hat eine besonders schwerwiegende Dinner- oder gar Hochzeitseinladung zu platzieren, diese zunächst strategisch zurückzuhalten und im Vorfeld erstmal die eigene Verhandlungsmacht auszubauen, indem man zum Beispiel unter grossem Gewese die Hemden in die Reinigung bringt oder erklärt, man fände das eine gute Idee, wenn der Partner einen fragt, was man davon hielte, dass er sich schon wieder ein neues Motorrad kaufte. Nur im äussersten Notfall sollte man zu sehr direkten Einleitungen greifen wie: «Ich bin die Quittungen der letzten sieben Jahre durchgegangen. Du hast in dieser Zeit mehr Geld für Tätowierungen ausgegeben als für Geschenke für mich. Also könntest du mal wieder was für mich tun; zum Beispiel indem du mich begleitest, und zwar zu dieser Wohltätigkeitstombola am …»

Des weiteren habe ich neulich zufällig festgestellt, wie man das kategorische Nein vermeidet:

«Kommst du am 17. mit zu diesem Jubiläums-Apéro, Kleines?», frug ich.

«Da bin ich leider bei diesem Barbecue», antwortete Richie.

«Oh», erwiderte ich, «ich sehe gerade, der 17. ist nur das RSVP-Datum. Die Sache ist am 24.»

Bei dieser Strategie, einer harmlosen Verwechslung entsprungen, profitieren Sie davon, dass die allermeisten Menschen nur ungern zweimal hintereinander nein sagen, well, jedenfalls wenn sie ihrem Wesen nach einigermassen sensibel und entgegenkommend sind, wie mein Ehemann.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Derartige Verhandlungsprozesse haben mit Streitgesprächen a priori nichts zu tun, sondern sind, nach meinem Dafürhalten, sogar ein Vehikel der Konfliktvermeidung und leisten damit einen wichtigen Beitrag an die Stabilität einer Beziehung. Indem man sich ganz konkret und begrenzt über Leistung und Gegenleistung für die Teilung partnerschaftlicher Verpflichtungen auseinandersetzt, kann jede Menge potenzieller Aggression und Verstimmung bereits während des Feilschens um die nächste Saisoneröffnungsparty oder Vernissage geltend gemacht werden – und also verpuffen. So dass es gar nicht erst zur Bildung jener unterschwelligen Ressentiments und unausgesprochenen Vorhaltungen kommt, die eine Lebensgemeinschaft wirklich gefährden.

Das eigentlich Verrückte an der ganzen Sache hingegen ist, dass die Gesellschaft, diese irre Schimäre, gerade auf solchen Anlässen, zu denen ich meinen Ehemann nur mit einer Mixtur aus emotionaler Erpressung, Eisenketten, Betäubungsgewehr und Gefeilsche wie auf dem Grossen Basar in Istanbul bewegen konnte – dass also die versammelte Gesellschaft Richie gemeinhin als den Freundlichen, Umgänglichen, Sympathischeren wahrnimmt. Wir sind eines dieser Paare, wo die Leute sagen: Wie hält es der nur mit diesem Monster aus? Und das Monster bin ich. Denn mein Mangel an Feingefühl ist anscheinend legendär. Wenn wir zum Beispiel auf einer Buchpremiere sind und ich die vortragende Schauspielerin frage, ob sie ihre Bluse in einem Casino Shop in Atlantic City gekauft habe – dann sieht die halbe literarische Welt mich wieder an, als plane ich einen Vernichtungsangriff auf alles Gute und Anständige in dieser Welt. Danach pflegt Richie mich am Arm zu fassen und von dannen zu ziehen.

«Was soll denn das?», empöre ich mich. «Ich mache doch bloss Konversation!»

«Hm», erwidert der beste Ehemann von allen, «wie kann ich es dir sagen, ohne deine Gefühle zu verletzen? Also: Du bist eine furchtbare Person, Kleines, und wo du hintrittst, wächst kein Gras mehr!»

Im Bild oben: Joely Fisher und Brad Garett in der Fernsehserie «’Til Death» («Ehe ist»). (Foto: Sony Pictures Television)