Wie schön darf ein Mann sein?

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Unlängst habe ich in einer Zürcher Apotheke obiges Produkt für Sie fotografiert, meine Herren. Und Damen. Dieses Produkt, ein imposantes Beispiel für die Funktionstüchtigkeit der leidlich freien Marktwirtschaft, wirft mannigfache Fragen auf, zum Beispiel: Wer kauft das? Wie oft? Warum? Ganz oben jedoch thront eine andere Frage, nämlich diese: Wie schön darf ein Mann sein, heutzutage? Wie muss er aussehen? Hat sich unser Begriff von männlicher Schönheit gewandelt?

Männliche Attraktivität ist in der Kulturgeschichte der Menschheit schon immer eher als eine Frage der Proportionen und generellen Allüren aufgefasst worden – nicht als eine Frage von Ebenmass und Symmetrie wie bei Frauen. Insofern war es bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts gesellschaftlich vollkommen akzeptabel, dass Herren, wenn sie zu alt wurden, zweimal die Woche dem Tennisball hinterherzulaufen, ihre inzwischen dicken Bäuche (damals ein Zeichen von Wohlstand und Erfolg) in irgendeinem Ehrenpräsidenten- oder Country-Club-Sessel ausruhten. Doch dann passierten zwei Dinge. Erstens: Durch den New-Economy-Boom wurden die erfolgreichen Geschäftsmänner im Durchschnitt sehr viel jünger. Zweitens und gleichzeitig und ebenfalls vorangetrieben durch die Proliferation der Neuen Medien mit ihren Bildbearbeitungsmöglichkeiten sowie durch atemberaubende Fortschritte in jener Sparte der Chirurgie, die nicht immer ganz zu Recht als die ästhetische bezeichnet wird, wurden die plakatierten Geschlechterrollen, Verhaltensstereotype und Altersklischees in der westlichen Hemisphäre gründlich auf den Kopf gestellt. Dieser letztere Prozess, der im Gegensatz zur New Economy immer noch andauert, bescherte uns unter anderem das zeitweilige Phänomen der Metrosexualität sowie das der sogenannten Grups oder Grupsters, also das Segment der Eltern um die Vierzig, die meist freiberuflich in kreativen oder semikreativen Berufen arbeiten, nicht ohne ihren iPod aus dem Haus gehen, sich in Jugendmodeketten wie Urban Outfitters oder H&M einkleiden und ihre Kinder zum DJ Set von Ladytron in die Standard Lounge schleifen. Kurz: Eltern, die nicht älter werden (wollen).

Gleichzeitig sind auch die Ansprüche des vermeintlich schönen Geschlechts gestiegen: Während die Frau von Welt früher von ihrem Ehemann, wenn er mal die Vierzig hinter sich gelassen hatte, nicht viel mehr erwartete als die passende Grösse, gute Zähne und etwas Geist (sowie ein gesichertes Einkommen), werden heutzutage in Internetforen und Partnerwahlsendungen unverhohlen früher sublimierte Wünsche offengelegt: knackiger Popo, stramme Waden, guter Küsser. – Und was bedeutet das für den Mann jenseits der Vierzig? Jenseits der Fünfzig? Nun, es bedeutet einerseits, dass immer mehr Männer über Fünfzig nicht nur sechzig und mehr Stunden pro Woche arbeiten, um mehr und mehr Geld zu verdienen, sondern zusätzlich anstelle ihres Nachmittagsschläfchens ihren Personal Trainer treffen, um für die Skisaison fit zu sein. Dann sterben sie. Männer leben sowieso schon kürzer als Frauen, und ihre durchschnittliche Lebenserwartung wird sinken, wenn sie so weitermachen. Es bedeutet andererseits: Orientierungslosigkeit. Der Jolly Fat Man (JFM) jenseits der Fünfzig ist zwar in unserer kategorischen Wohlfühlgesellschaft, die ihre Schönheitsideale gerne hinter Gesundheitshysterien versteckt (als ob dies besser wäre), definitiv nicht mehr gefragt, denn ziemlich dick heisst ja auch ziemlich unfit. Aber was haben dann Männer jenseits der Fünfzig überhaupt für Rollenvorbilder? Gar keine. Es fehlen populäre Rollenmuster für reifere virile Attraktivität. Natürlich überschwemmt uns täglich ein Tsunami von Image-Konzepten für Maskulinität: von Skeletten in Drainpipe-Jeans (sogenannten Manorexics) auf Mailänder Laufstegen bis hin zu bildungsfernen Raufbolden in MTV-Shows. Natürlich gibt es jede Menge ferner Bilder, von Hulk Hogan über Pete Doherty bis Barack Obama – aber eben keine Rollenvorbilder. Stattdessen: Orientierungslosigkeit. Hollywood versagt hier vollkommen und liefert entweder den Typ «restaurierter Held» (Michael Douglas, Sylvester Stallone) oder «verfallener Held» (Mickey Rourke) oder «skurriles Original» (Jack Nicholson – aber um diesen Typ glaubwürdig zu verkörpern, muss man auch so cool sein wie Jack Nicholson, und wer ausser Jack Nicholson ist schon so cool wie Jack Nicholson?) Und wer ewig lebt, wird dann zu einem allseits blind verehrten Lustgreis wie Hugh Hefner. Oder Helmut Schmidt.

Das Dilemma des modernen Mannes

Der moderne Mann steckt im Dilemma. Während es einerseits wahr ist, dass heute, wo viele Leute lieber sterben als alt auszusehen, sich immer mehr Männer Faceliftings oder anderen Verjüngungsprozeduren unterwerfen, so ist es andererseits wahr, dass derartige Renovationsmassnahmen bei Männern immer noch als anstössiger empfunden werden als bei Frauen, wie uns die Beispiele von Burt Reynolds, Robert Redford oder Bruce Jenner zeigen. Bei Sphären jenseits der Unterhaltungsindustrie sind die gesellschaftlichen Vorbehalte noch grösser. Unvergessen bleiben das riesige Gewese um die plötzliche Verjüngung von Silvio Berlusconi oder Vladimir Putin. Gar nicht zu reden von der Haarfarbe von Gerhard Schröder. Doch auch in der Politik und Geschäftswelt wird geschmiert, gespritzt und geliftet. Es ist eine wohletablierte Tatsache, dass vor allem schnelle, minimalinvasive schönheitschirurgische Prozeduren wie Botox und Filler sich einer zunehmenden Beliebtheit nicht nur unter Männern im Allgemeinen, sondern unter Geschäftsmännern im besonderen erfreuen. Die versprechen sich davon kompetitive Vorteile im Wirtschaftsleben. Dahinter steht ein interessantes kulturmorphologisches Phänomen unserer Tage: Immer mehr geht es heute nicht nur darum, dass man für irgendeine Aufgabe, Arbeit, Position, kurz: Rolle qualifiziert ist – man muss auch qualifiziert aussehen. Für die Geschäftswelt symptomatisiert sich das beispielsweise popkulturell in Reality-TV-Formaten wie «The Apprentice» – wo sich auch zeigt, wie bisweilen die Betonung der äusseren Rollenassoziationen wie Gepräge, Habitus, Auftritt und Aussehen soviel Energie absorbiert, dass für Substanz nichts übrig bleibt.

Das heisst, das plakatierte Bild des Mannes hat sich geändert, ebenso wie das tatsächliche Verhalten der Männer (sie sind körperbewusster und betreiben mehr Pflege- und Wartungsaufwand) – aber mit begrenzten Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit, im Sinne der Rollen- und Aussehenserwartungen an Männer jenseits von Werbung und Bildschirm, jenseits der Plakate. Der Jolly Fat Man mag für immer von uns gegangen sein; doch andererseits werden Herren über Fünfzig, die auf Sonnenbräune und weisse Jeans Wert legen, immer noch gerne in die Flavio-Briatore-Roberto-Cavalli-Ecke eingeordnet (meist zu Recht), und der zeitlos langweilige Wirtschaftskapitän, bei dem das Alter ohnehin egal ist, bleibt ebenso ein Archetyp wie der zeitlos langweilige Akademiker, bei dem das Alter ohnehin egal ist. Und während es selbstverständlich wahr ist, dass männliche Sportlerkörper zu Sex-Ikonen geworden und Anti-Falten-Crèmes für Männerhaut in jedem Supermarkt zu haben sind, so ist es andererseits wahr, dass die massgeblichen Entscheidungsträger und männlichen Identifikationsfiguren besonders im öffentlichen Leben im Durchschnitt durchaus nicht jünger werden. (Oder schöner.) Was irgendwie auch ganz gut ist – oder wünschen Sie sich einen 25-jährigen Präsidenten der Vereinigten Staaten? Oder einen, der aussieht wie 25?

Woran also kann sich der irritierte Mann orientieren? Gilt immer noch das alte Diktum von Mae West: «Ein Mann kann gar nicht schön genug sein!»? Womit hat Schönheit bei Männern zu tun – heute? Dazu fand sich ein treffender Hinweis in der August-Ausgabe von «Vanity Fair», und zwar kam dieser Hinweis von Schauspieler Alec Baldwin, dem die Titelgeschichte gewidmet war. Man las:

Baldwin is a dedicated fan—a student, really—of the golden age of Hollywood. When I ask him which stars of that era he most admires, he singles out William Holden, explaining, “There’s three things: there’s masculinity, there’s intelligence, there’s sensitivity. You’ve got to bring those three things to a leading man’s role: masculinity, sensitivity, intelligence. In some people there’s a little too much in the mix of one or the other. With Holden it was always the perfect mix.”

In der Tat. William Holden. Paramount cool. Und attraktiv. Sunset Boulevard. S.O.B. Auch sein Ableben irgendwie noch maskulin: betrunken mit dem Kopf am Nachtisch angeschlagen. Aah, Hollywood! Die goldenen Tage, als Alkoholismus noch Teil des Showgeschäft war. Im Kiosk des Zürcher Hauptbahnhofs allerdings, wo ich das Vanity Fair mit Alec Baldwin auf dem Cover kaufte, tippte die mutmasslich aus Thailand stammende Verkäuferin an der Kasse auf Baldwins hochglänzendes Konterfei und sprach: «He slimmed down.»

Am Schluss bleibt dem modernen Mann wohl nur die Rückbesinnung auf drei uralte Weisheiten, nämlich:

1. Männer sollten grundsätzlich nicht zu makellos aussehen. Gezupfte Brauen, rasierte Achseln und polierte Zehennägel sind schon an jungen Männern irgendwie suspekt – an Männern über 50 aber schlicht albern.

2. Männer färben sich nicht die Haare. Basta.

3. Maskuliner Charme hat nichts zu tun mit physischer Schönheit, noch nicht mal mit Eleganz, sondern mit einer gewissen Ausstrahlung, mit einer unbewussten Selbstverständlichkeit in der Präsentation der eigenen Person, wie sie entweder sehr selbstsichere oder sehr dumme Menschen haben. Männlicher ausgedrückt: Charme ist wie After Shave, das von der Seele versprüht wird. Nein, halt, das war nicht männlich, sondern schwul ausgedrückt. Versuchen wir’s anders: Charme kann man nicht lernen, aber was man lernen kann, sind Höflichkeit und Manieren, also die klassischen Gentleman-Tugenden, und zur Not greift der Herr im Alter eben auf diese zurück. Was nicht heissen soll, dass nicht auch schäkernde Lebegreise in weissen Jeans und pastellfarbenen Cashmere-Pullovern, die Candace Bushnell «toxische Junggesellen» genannt hat, ihre Berechtigung hätten: Sie führen uns vor Augen, wie verabscheuenswert das Laster ist, wenn es alt wird.