Benehmen Frauen sich besser als Männer?

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Gelegentlich besuche ich die Lebensmittelabteilung des Zürcher Kaufhauses «Globus». Dort rekrutiert sich das Publikum nicht zum kleinsten Teil aus jener Kohorte, die man hierorts als «Zürichberghausfrauen» kennt: windhunddünne Blondinen, die in der Regel 49 Kilo wiegen und mit einem Hedge-Fonds-Manager verheiratet sind und 4900 Kilo schwere Pseudogeländewagen fahren und dazu Brillanten von einer Grösse tragen, wie man sie sonst höchstens in Zeichentrickfilmen sieht. Neulich also, im Globus, stand ich hinter so einer Dame am Brotstand, die sich dort von der Verkäuferin allerlei Brote vorführen liess, in der Art, wie man sich wohl sonst Lippenstifte vorführen lässt. «Hm. Soll ich das nehmen oder das? Oder das?», so frug die Dame sich und vielleicht auch die Verkäuferin. «Ich nehme das», beschloss sie endlich. Und korrigierte: «Nein – doch lieber das! Oder das da drüben?»

Ich für meinen Teil wurde, obschon mir ja neulich Herr Müller eine machohafte Zürischnörre zuschrieb und ich tatsächlich Zürcher bin, in einem preussischen Haushalt erzogen, und vielleicht ist dies der Grund dafür, dass ich in der Öffentlichkeit ein knappes, strackes Betragen schätze. Ich schätze es zum Beispiel überhaupt nicht, wenn Menschen, egal welchen Geschlechts, zu langsam laufen oder im Weg herumstehen oder beim Gehen die Füsse nicht heben. Das macht mich wahnsinnig. Und diese Dame vor dem Brotstand benahm sich so, als wäre sie, neben der Brotverkäuferin, die letzte Person auf der Welt; es war ihr vollkommen gleichgültig, dass die Schlange der Wartenden länger und länger ward. Wie ungehörig! Schliesslich war meine Geduld erschöpft. «Gute Frau», so sprach ich, «nehmen Sie doch einfach irgendeins!»

Worauf die Dame pikiert erwiderte: «Ich kann doch wohl noch allein entscheiden, welches Brot ich will.»

«Diesen Eindruck», entgegnete ich, «habe ich nicht.»

Wäre dieser Zusammenprall, der mich kurz die Distanz verlieren liess, auch mit einem Mann möglich gewesen? Ich behaupte: Nein. Männer sind zwar nicht a priori manierlicher oder unmanierlicher als Frauen, benehmen sich aber grundsätzlich anders, nämlich 1.) territorialer und 2.) direkter. Mit Frauen hingegen entstehen Benimmprobleme oft nicht im unmittelbaren Kontakt, sondern zum Beispiel auf dem Umweg über den Brotstand. Und so wie ich es persönlich bei Frauen irgendwie schockierender finde als bei Männern, wenn sie abgrundtief böse sind (wie Margot Honecker), so halte ich auch Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit bei ihnen für etwas befremdlicher. Dies ist zwar mein Privatempfinden, wird aber von vielen Leuten geteilt, was schlicht damit zusammenhängt, dass mangelhaftes Benehmen bei Frauen jenem weitverbreiteten Stereotyp widerspricht, wonach dem weiblichen Geschlecht mehr Empathie und Rücksicht attestiert werden – und dies sind zwei Grundvoraussetzungen guter Umgangsform.

Zum Beispiel war ich unlängst zu Besuch in meiner Geburtsstadt Berlin und stieg in einen Bus und der Busfahrer fuhr ein bisschen an wie Margot Käßmann, weshalb ich kurz stolperte, vor den Augen einer jungen Mutter, die keinerlei Anstalten unternahm, mir zu helfen. Ich fing mich und stellte mich neben die junge Mutter, wobei sich «jung» hier mehr auf deren Kind im Wagen bezog; die Mutter selbst war eher der Typ «Schwäbische Wutbürgerin kurz vor der Menopause». Jedenfalls keine Berlinerin. Der Berliner nämlich ist, einigen Vorurteilen zum Trotz, vielleicht ein rauer, aber ein herzlicher Schlag. Ich stellte mich also hin, im Bus, lehnte mich an irgendeine gepolsterte Rückenstütze, die Mutter aber sah mich und sprach: «Würden Sie sich festhalten. Sie fallen sonst auf mein Kind!» Was ich selbstverständlich verneinte. In beiden Belangen.

Wir sehen am Beispiel dieser Dame zwei Grundeigenschaften schlechten Benehmens: Es ist 1.) ausschliesslich eigennützig motiviert und 2.) übergriffig. Das Beispiel ist ausserdem insofern eher frauentypisch, weil hier der Unmanierlichkeit eine Spekulation zugrunde lag, eine Unterstellung über das mögliche zukünftige Verhalten der Gegenseite. Männer sind in ihren Unmanierlichkeiten (wie auch in ihrem sonstigen Verhalten) wie gesagt viel direkter. Indirekt hingegen verfuhr auch jene Seniorin, die sich neulich bei Starbucks am Zürcher Hauptbahnhof die Wartezeit ersparte, indem sie sich einfach von der falschen Seite an die Kasse stellte und ihre Order aufgab. Die Schlange stand, deutlich sichtbar, auf der anderen Seite. Der Barista unternahm: gar nichts, weil auch die Seniorin das Stereotyp auf ihrer Seite hatte: Omas sind lieb und gebrechlich und vielleicht etwas zerstreut. Das hier war aber keine tüdelige, liebe Oma; das war die Variante Leni Riefenstahl, mit Schleifchenbluse und übertoupierter Alopezie und zuviel Rouge auf den Wangen und Stützstrümpfen in High Heels. Deshalb griff ich zum wirksamsten Mittel in derartigen Situationen: der öffentlichen Zurechtweisung. Ein vernehmliches «Die hat sich vorgedrängelt!» mit Fingerzeig auf die kesse Greisin führte zur Solidarisierung der gesamten Warteschlange und wird die Rentnerin davon abhalten, das wieder zu tun. Vielleicht. Hoffentlich. Who knows.

Dies letzte Beispiel zeigt uns ebenfalls, dass, während Alltagskonflikte mit Männern oft territoriale Ursachen haben, dieselben mit Frauen meist organisatorisch begründet sind, also weniger aus Überfüllungs-, sondern eher aus Konkurrenzsituationen entstehen. So wie vor dem Brotstand im Globus. Wobei ich fairerweise hinzufügen muss, dass sich gerade heute in der Migros an der Kasse auch wieder mal ein Opa vorgedrängelt hat, also ein Mann. Unmanierliche Senioren jedweder Geschlechtszugehörigkeit sind sowieso gar nicht so selten. Aber alte Leute mit schlechter Umgangsform sind eines der letzten Tabus in unserer Gesellschaft. – Und was folgt aus all dem? Nun, ein provisorisches Fazit würde lauten: Frauen benehmen sich im Schnitt nicht weniger gut oder schlecht als Männer, sondern anders. Und sind mit anderen Verhaltenserwartungen konfrontiert. Das ist alles natürlich nur anekdotische Evidenz ohne Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Oder vielleicht besteht das Fazit dieser kleinen Betrachtungen auch hauptsächlich darin, was für ein Monster ich bin. So ’ne Mischung aus Jackie Burkhart und Bud Spencer. Sagt der beste Ehemann von allen bisweilen. Ja, ich bin möglicherweise ruppig und fürchterlich und weise schwerreiche Blondinen am Brotstand und mutmasslich alleinerziehende Mütter in öffentlichen Verkehrsmitteln zurecht, die es doch ohnehin schon schwer genug haben (die Mütter), und stauche arglose Seniorinnen mit geringer prospektiver Restlebenszeit bei Starbucks zusammen. So bin ich. Ein Monster. Doch dies, meine Damen und Herren, liebe Kinder, ist nicht weiter schlimm, denn das gelegentliche Monster ist notwendig zur Erhaltung des biologischen Gleichgewichts, wie Ihnen Mutter Natur gerne bestätigen wird, die sich das ausgedacht hat. Mutter Natur ist ja auch eine Frau. Und ich für meinen Teil bin übrigens jederzeit bereit, charmanten und gut aussehenden Menschen mangelhaftes Benehmen sofort zu verzeihen. Ohne Ansehen des Geschlechts. Und ich bin ein Riesenfan von Dalia Royce. Ich bin Dalia Royce. So much for Zürichberg.

Im Bild oben: Jaime Pressly als Joy in der Serie «My Name is Earl». (Foto: PD)

23 Kommentare zu «Benehmen Frauen sich besser als Männer?»

  • Cybot sagt:

    Wir Schweizer sind in solchen Situationen leider doch oft viel zu zurückhaltend. Grad vor kurzem in der U-Bahn in München hab ich erlebt, wie ein junges Girl in einer unglaublichen Lautstärke in ihr Handy quasselte – es dauerte keine halbe Minute und sie wurde gleich von drei Leuten zurechtgewiesen. In Zürich im Tram hatte wahrscheinlich keiner etwas gesagt, es wären alle nur still dagesessen und hätten sich innerlich aufgeregt.

  • Kurt Meier sagt:

    Herr Tingler , ich bin erschuetert . Sie frequentiern Starbucks ? Glauben Sie etwa auch das Latte macciato ein italienischen Nationalgetraenkt ist ? Starbucks DIE Bedrohung der suedeuropaesischen Kaffekultur .Pfui !

    • Philipp Tingler sagt:

      Nein, Herr Meier, ich glaube, dass Starbucks sehr amerikanisch ist, und dies ist einer der Gründe dafür, dass ich es liebe. Ja, ich liebe Starbucks. Und ich habe noch nicht mal einen Endorsement Deal. Ich liebe Starbucks einfach so.

  • Stefan Meier sagt:

    Kommt mir bekannt vor. Einmal bemerkte ich auf der Rolltreppe wie ein Kind an mir vorbeikrabbelt. Oben beim Rechen hob ich es an seiner dicken Jacke auf, nicht dass es sich seine Finger abschert. Und was macht die „dankbare“ Mutter? Pfeift mich an, obs mir noch geht, so an der Jacke zu reissen. Dämliche Zwetschge. Macht mich heute noch sauer.

  • Leo Klaus sagt:

    Wir Schweizer sind teils sehr ruecksichtslos. Wie oft habe ich Leute gesehen, die versuchen, der Schlange vorbeizudraengeln. Am schlimmsten ist es wenn man mit dem Schiff oder Bergbahn reist. Die aeltere Generation ist hier keineswegs anstaendig, und nein! das waren auch keine Auslaender!

    „Ig ha kei Zyt“ oder „Mir isch gliich“ bestimmt unser Verhalten. Wir nehmen an, dass die anderen doch mehr Zeit haben als wir. Schliesslich stehen die Dummkoepfe ja doch Schlange! Da koennten wir von den Amis (allerdings nicht waehrend dem Thanksgiving-Ausverkauf) etwas lernen.

  • Friederich Bünzli sagt:

    Das Leben ist der kompliziertesten eines. Es wird nur noch vom Zusammenleben getoppt.
    Das mit den Zürichberghausfrauen kann ich jederzeit unterschreiben, bestätigen, beschwören, was auch immer, wobei ich befürchte, dass diese Damen, nein, blondierten Xanthippen mit Wahrnehmungseinschränkung, um das intellektuelle Defizit nett zu umschreiben, ich befürchte also, dass sich keine von ihnen angesprochen fühlt sondern mit maniküertem Fingernagel pikiert – selbstverständlich verdeckt von einem Vorhang -auf die Nachbarin zeigen wird, um dann spitz zu quiecken (ja, diese Damen quiecken): „Die da wars!

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