Marilyn ist zu dick

IMG_5657

Jetzt ist Marilyn 50 Jahre tot. Es gab niemals wieder ein Phänomen wie sie. Marilyn Monroe bleibt einzigartig, unimitierbar, ein Wesen aus einer anderen Sphäre und zugleich ein elendes Menschenkind, zerrissen und kaputt von Anfang an. Sie kennen das Thema. Marilyn ist endlos analysiert und theoretisiert und verstanden worden, noch heute unterhält sie ganze Deutungsindustrien sowie Elisabeth Bronfen. Doch selten wurde die Frage gestellt: Würde Marilyn heute Karriere machen? Ich persönlich weigere mich ja, zu glauben, dass sich in unserer heutigen Rummelplatzgesellschaft Talent überhaupt nicht mehr durchsetzt. Aber da ist noch ein anderes Problem: Marilyn wäre zu rund. Für die heutige Leinwand. Marilyn war in der Tat, natürlich auch durch den fortwährenden Tabletten- und Alkoholkonsum, zuzeiten ein ganz schöner Brummer. Und nicht nur sie. Elizabeth Taylor zum Beispiel, ebenfalls eine Kategorie für sich, ebenfalls grösser als das Leben selbst – und doch auch immer wieder am Boden zerstört: ebenfalls zu rund. Und damit meine ich nicht jene Elizabeth Taylor, die mit Jack Warner verheiratet war und aussah, als wäre sie in einem Süssigkeitenladen eingeschlossen gewesen. Nein, ich meine die phänomenale Schönheit aus «Cat On A Hot Tin Roof». Nach dem Tode von Elizabeth Taylor im März letzten Jahres lief im Filmpodium der Stadt Zürich eine Retrospektive. Das dazugehörige Plakat zeigte Frau Taylor, noch bevor sie Frau Taylor Burton wurde, auf dem Zenit ihrer Schönheit. Sie sehen es oben, denn ich habe es rahmen lassen. Für heutige Leinwandstandards: zu viel Bauch. (Und noch was anderes: Auf dem Bild ist Frau Taylor 26. Aber irgendwie wirkt sie älter, reifer – ohne dass man ihr ein bestimmtes Alter zuordnen könnte. Die heutigen 26-Jährigen sehen ganz anders aus.)

Und das bringt mich wieder mal zu Tanya Gold. Sie erinnern sich an Tanya Gold? Ich habe kürzlich im Guardianihren Beitrag zum mysteriösen Tod von Eva Rausing gelesen, der attraktiven und drogensüchtigen Gattin des unendlich reichen Tetra-Pak-Erben Hans Kristian Rausing. Eva Rausings stark verweste Leiche wurde am 9. Juli bei einer Drogenrazzia im zweiten Stock ihres Hauses im Londoner Stadtteil Belgravia unter Müllbeuteln und Kleidern gefunden. Das Zimmer war angeblich voller Fliegen. Hans Kristian Rausing wurde zunächst festgenommen, unter Verdacht, seine Frau ermordet zu haben. Beide Eheleute hatten seit Jahren Suchtprobleme. Belgravia ist einer der teuersten Stadtteile der ganzen Welt. Eine Dominick-Dunne Story, würde ich sagen; Frau Gold sagt: «Like a Tatler story gone wrong.» Wieder ein altes Motiv: Menschen, die alles zu besitzen scheinen und in Wahrheit nichts haben. Das Marilyn-Motiv. (Hans Kristian Rausing hat inzwischen gestanden, die sterblichen Überreste seiner Frau zwei Monate lang versteckt zu haben, und ist zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt worden. Eine psychiatrische Untersuchung ergab, dass er überfordert, traumatisiert und verängstigt gewesen sei, als er die Leiche seiner Gattin fand. Das ist das eine. Das andere ist Frau Gold, die den Spruch zitiert: «In England justice is open to all – just like the Ritz.»)

Doch im Folgenden soll es nicht um Eva Rausing gehen. Sondern um die Entscheidung der britischen Advertising Standards Authority vom letzten Jahr, zwei Reklamen des Kosmetiktitanen L’Oréal zu verbieten, in denen die Konterfeis von Julia Roberts und Christy Turlington so stark digital bearbeitet worden waren, dass man sozusagen den Bereich des Realen verlassen hatte. (Das passiert L’Oréal gelegentlich, dieses Jahr mit Rachel Weisz.) Die britische Werbeaufsichtsbehörde entschied, derlei Reklame würde die Ergebnisse verzerrt darstellen, die man mit Kosmetik erreichen könnte. Frau Gold nahm dieses Verbot nicht nur mit Genugtuung zur Kenntnis, sondern auch zum Anlass, die omnipräsente und rapide Verschärfung von Idealbildern überhaupt zu reflektieren. Sie schreibt:

«In den fünfziger und sogar noch in den siebziger Jahren – die Sechziger hingegen waren schon ein Probelauf für heute – fanden sich auf Anzeigen oder in Filmen noch Hüften und Dekolletés, und Grösse 40 war keine Seltenheit. Marilyn Monroe, Jane Russell, Ava Gardner – hatten alle Fleisch am Körper und interessante Gesichter und Imperfektionen. Jane Russells Augenbrauen erinnerten an Handtuchrollen und Ava Gardner verfügte über eine Kinnspalte, in der man ein Schlüsselbund verlieren konnte. Das waren Individuen. Und das gibt es nicht mehr. Models und Schauspielerinnen sind heutzutage klein, geradezu winzig, und sehen sich seltsam ähnlich, völlig ohne Fett und Schatten. Das ist nicht nur langweilig und anstössig, sondern kommt einer Massenpsychose gleich, bei der das Reale verachtet und das Inexistente wünschenswert wird.»

Und dann schliesst Frau Gold mit dem Satz: «The camera lies, like never before.»

19 Kommentare zu «Marilyn ist zu dick»

  • Noe W. sagt:

    Mag ja sein, dass wir heute unrealistischen Idealen nacheifern, und doch gibt es heute mehr Übergewichtige als Unterernährte! Wie viele von denen jeden Tag an den Folgen dessen sterben wird leider nie genau erwähnt. Wir hören aber immer wenn ein Model an Folgen ihres Essverhaltens stirbt. Wie viele Models sich immer wieder umbringen weil der Job einsam und brutal ist, das wird in den Medien auch nie erwähnt. S. auch zB. Sabina Karlsson die sich vom „Schlankmodel“ zum +Size Model mutierte,weil sie einfach dem Druck des Schlankseins nicht mehr ausgeliefert sein wollte, sollten mehr erwähnt werde

    • Philipp Tingler sagt:

      Das stimmt, Noe. Nur ist „plus size“ in model lingo eine andere Kategorie als das, was man alltagssprachlich unter „plus size“ verstehen würde.

  • Pippi Langstrumpf sagt:

    Ich würde sogar behaupten, dass der grassierende ‚Dünn-Wahn‘ – schlank reicht ja nicht mehr, dünn muss frau sein – mitverantwortlich ist für die zunehmende Fettleibigkeit. Wenn eine junge Frau feststellen muss, dass sie ohnehin nie den gewünschten Massen nach Grösse 0 entsprechen kann, es sei denn, sie nimmt den Hungetod in Kauf, lässt sie die Kontrolle über ihr Essverhalten gleich sausen und isst, was Spass macht und schnell sättigt. Ausserdem ist kalorienreiche Kost Seelennahrung und tröstet über Frust hinweg.

  • Tobi sagt:

    Kleine Korrektur:
    Das Filmplakat zeigt nicht Elizabeth Taylor in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, sondern in „Telefon BUtterfield 8“.
    Das wird häufig verwechselt, weil sie in beiden Filmen ähnliche Seidenunterkleider trägt.
    Allerdings sind ihre Haare anders – in COATR pechschwarz und kürzer, in BU8 eher dunkelbraun und welliger.
    Sie ist also auch nicht 26 Jahre alt, sondern 28.

  • Ri sagt:

    Die alten Stars hatten definitiv mehr Charakter als die heutigen, die wie beschrieben, alle einander ähneln. Perfektion ist langweilig. Madonna & Co. gewinnen nicht mit ihrem eingebauten Plastik und zu guter letzt müssen auch sie sterben……..

  • Mirabelle sagt:

    Sie geraten nicht ausser Kontrolle, es liegt daran dass früher noch nicht so viele Frauen der „Grenadierkrankheit“ verfallen waren. Es ist wie in der Kunst allgemein… wenn die Realität schön ist, bildet die Kunst auch ebendiese ab.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.