Anna's Best

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Greetings funkateers! Heute werfen wir einen Blick auf die kleine englische Frau mit dem Bob. Die berühmteste Chefredaktorin der Welt. Sie ist als «Darth Vader im Kleid» und als «Nuclear Wintour» bezeichnet worden und, spätestens seit der Filmversion von «The Devil Wears Prada», zu einer Art popkultureller Blaupause aufgestiegen; sie hat ihren eigenen Animationscharakter (Edna Mode aus «The Incredibles») und ganze Fernsehserienformate («Ugly Betty», «Running in Heels») inspiriert – sowie dem Vernehmen nach Johnny Depps Interpretation von Willy Wonka in «Charlie and the Chocolate Factory». Die Rede ist, natürlich, von Anna Wintour, einem schwer fassbaren sonnenbebrilltem Phänomen, das seit beinahe einem Vierteljahrhundert das wichtigste Modemagazin der Welt leitet: die amerikanische Ausgabe von «Vogue» (eine Position, die sie selbst übrigens stets mit erfrischender Ambivalenz und Distanz betrachtet hat, was paradoxerweise wohl ein Grund ihres ikonischen Erfolges war). Frau Wintour wird wahlweise als Drachen oder Eisberg apostrophiert. Es wird kolportiert, dass ihre Sonnenbrillen starke Korrekturgläser tragen und dass sie darauf besteht, bei Modenschauen so weit weg wie möglich von anderen Modejournalisten gesetzt zu werden (well, who can blame her?).

Dann kam die Wirtschaftskrise und traf die Sphäre der Hochglanzmagazine in Form drastischer Anzeigenverluste, und plötzlich wurde eine Luxustribüne wie «Vogue» als ein bisschen was Gestriges angesehen – und mit ihr Frau Wintour, deren Vertragsneuverhandlungen mit Condé Nast anstanden. Doch Miss Anna war gerüstet. Sie hatte längst gehandelt und die Türen geöffnet. Und zwar die Türen der Hallen von «Vogue» am Times Square – für eine Filmcrew unter Leitung des Regisseurs R. J. Cutler. Heraus kam im Jahre 2009 «The September Issue», eine Dokumentation, die uns die Entstehung der 840 Seiten starken Ausgabe von «Vogue» vom September 2007 zeigte (die September-Ausgabe ist stets die wichtigste im «Vogue»-Jahr). Frau Wintour schien ein bisschen ihre britische Reserve abzulegen und zeigte sich menschlich, ab und zu. Zum Beispiel, als sie, selbst bekanntlich dünn wie Nan Kempner, dem Kameramann riet, ein wenig abzunehmen und ab und zu mal ins Training zu gehen, um seine Figur zu verbessern. Herrliche Szene.

Wie dem auch sei: Anna Wintour scheint, obschon sie stets irgendwelche anderen Karrierepläne dementiert, bei «Vogue» nicht mehr so ganz unangefochten, und nun halten sich, wie wir an dieser Stelle schon gemeldet haben, hartnäckig Gerüchte, dass Mrs. Wintour nicht nur Michelle Obama beim Anziehen hilft, sondern eine diplomatische Karriere anstreben könnte. Frau Wintour ist ein überaus wichtiger Fundraiser für die Wiederwahl Barack Obamas und hat bereits über eine halbe Million Dollar für den Obama Victory Fund aufgetrieben, und traditionellerweise besetzen frisch- oder wiedergewählte US-Präsidenten bestimmte Botschafterpositionen (nämlich die in unkontroversen Orten mit grosser gesellschaftlicher Relevanz, wie etwa London) gerne mit prominenten Unterstützern. Und der Posten in London soll demnächst frei werden. Und damit der Weg für Anna Wintour.

Falls daraus aber doch nichts werden sollte oder Mrs. Wintour dies tatsächlich auch gar nicht anstrebt, sie aber andererseits auch so keine rechte Lust mehr hat, «Vogue» länger zu regieren als Königin Beatrix die Niederlande, – kein Problem! Da gibt es jede Menge Möglichkeiten. Anna Wintour ist durchaus nicht darauf angewiesen, nach «Vogue» nur noch das zu tun, was alle ehemaligen Regierungschefs machen, nämlich für umwerfende Honorare Vorträge zu halten und einen dreiteiligen Memoirenband vorzulegen. Da gibt’s noch jede Menge anderer Wege. Hier sind ein paar Ideen:

  1. Showgeschäft

    Für Jurymitgliedschaften in Rummelplatzformaten wie «America’s Next Topmodel» ist Frau Wintour zu classy. Trotzdem gibt es diverse Möglichkeiten für sie in der Unterhaltungsindustrie, zum Beispiel:
    Gastkommentatorin für CNN (mit bestrickendem britischen Akzent), etwa an der Seite von Anderson Cooper
    oder
    Gastauftritt in «Suburgatory» als Patentante von Dallas Royce
    oder
    Management-Beratung. Zum Beispiel durch Herausgabe eines dreiteiligen DVD-Sets:
    Teil 1: Rede-Trainig
    Teil 2: Wie schreibt man ein attraktives Strategiepapier?
    Teil 3: Wertschätzende Kommunikation

  2. Krisenschlichtung

    Im persönlichen Umgang wirkt Frau Wintour gar nicht so eisig, sondern ganz umgänglich, von der Körpersprache her eher scheu, stets beherrscht und immer noch ziemlich britisch. Das macht sie ideal geeignet für beinahe jede Task Force zur Krisenbewältigung. Wer zwischen Grace Coddington und André Leon Talley erfolgreich ein komplexes Kommunikationssystem nervöser Blicke kommandiert, ist die perfekte Ergänzung für jede Nordkorea-Kontaktgruppe.

  3. Wirtschaft

    a) Sprecherin der Pelzindustrie: Frau Wintour ist schon so oft von Pelzgegnern mit irgendwas beworfen worden, dass sie selbst gar nicht mehr mitzählt. Perlt alles an ihr ab.
    b) Tourismus-Botschafterin für New York City (AW und NYC sind wechselseitig ohne einander unvorstellbar)

  4. Kunst

    Herausgabe einer Weihnachts-CD mit Sprechgesang (zusammen mit William Shatner) zugunsten der Aktion «Chanel-Gummistiefel für Krisengebiete»

  5. ... und dann noch ein paar Sachen, die Anna Wintour auf keinen Fall machen könnte:

    a) Reklamations-Annahmeperson bei Kmart (oder sonstwo)
    b) Türsteherin im Berliner KitKatClub
    c) Pressesprecherin des Vatikan
    d) Telefonseelsorge
    e) Tourismus-Botschafterin für New Jersey
    f) Body Double für Sarah Jessica Parker

Nein, für ein paar Sachen kann man Mrs. Wintour leider (oder Gott sei Dank) nach wie vor überhaupt nicht gebrauchen. Denn es handelt sich hier um eine Frau, die keine Konzessionen macht, die mit ihrer unnachgiebigen Ästhetik den Blick einer ganzen Generation erzogen hat und die konsequenterweise stets aussieht, als sei sie selbst gerade den Seiten ihres Magazins entstiegen, als lebender Beweis dafür, dass ein Hochglanzleben tatsächlich möglich ist, auch wenn es unerbittliche Disziplin und 200’000 Dollar Garderobenspesen im Jahr kostet. Aber erstens ist das weniger als die Hälfte dessen, was Carla & Nicki Sarkozy bis vor kurzem jährlich für Blumenschmuck ausgegeben haben, und zweitens arbeitet Frau Wintour eben nicht beim Roten Kreuz. Ihr Geschäft ist Image und Illusion, und gerade dieses Geschäft lebt von Originalen, und deshalb lieben wir Frau Wintour eigentlich so kompromisslos und perfektionistisch und vielleicht auch ein bisschen kratzbürstig, wie sie nunmal ist, denn herzensgute Dilettanten haben wir schon genug. Nicht zuletzt auf diplomatischem Parkett. Anna Wintour, bleiben Sie wie Sie sind! Und vielleicht doch noch ein bisschen bei «Vogue». Thank you.

Im Bild oben: Anna Wintour besucht eine Fashion-Show von Karl Lagerfeld. (Foto Reuters)