Smileys am Hals

IMG_5460

Also, neulich bin ich so in Zürich unterwegs zum Training, und dann steigt in die S-Bahn ein Typ mit einer Smiley-Krawatte. Siehe Bild. Dann habe ich kurz überlegt, ob das cool ist, ich meine, vielleicht trägt er sie ja ironisch. Allerdings wäre das dann höchstens so eine Art von unreflektierter Hipster-Ironie, die von wahrer Ironie, der Mittlerin zwischen Geist und Leben, so weit entfernt ist wie Justin Bieber von Kid Cudi … – Nope, das perfekte Wort für eine Smiley-Krawatte ist nicht «cool», es ist«naff». Forever naff. Und bei dieser Gelegenheit fiel mir meine erste selbstgekaufte Krawatte wieder ein. Sie war schmal und gestrickt und quergestreift in Gelb und Weiss und von Benetton. Ich konnte die super zu meinem gestreiften Polo Ralph Lauren Knit Crewneck Crest Sweater mit den angekletteten Schulterpolstern und der Studio-Line-Volumen-Haarspray-Frisur tragen. Das Haarspray wog damals noch eine Tonne, denn es enthielt jede Menge FCKW, und man konnte es in Ost-Berlin gegen Sex eintauschen. Denn es war 1983. Ich war 13. Ungefähr im Jahr 2000 habe ich besagte Krawatte wiedergefunden, zusammen mit einem Kamelhaarmantel von Gaultier, in dessen Innentasche sie steckte – und beides in die Altkleidersammlung gegeben. Und vor 5 Jahren habe ich dies ein bisschen bereut, jedenfalls was die Krawatte anging, denn da waren schmale Achtziger-Jahre-Krawatten gerade wieder irre modern. Bands wie Franz Ferdinand, die Kaiser Chiefs und The Wombats trugen sie auf der Bühne. Überhaupt gab es eigentlich schon immer die Unterscheidung zwischen Bands, die Krawatten tragen, und solchen, die das nicht tun; genau wie es die ewige Unterscheidung gibt zwischen Männern, die Krawatten tragen, und solchen, die es nicht tun. Letztere scheinen allerdings zahlreicher zu werden. Dresscodes wie «Smart Casual» oder «Casual Friday», die sich bei aller Unbestimmtheit vor allem durch die Abwesenheit einer Krawatte definieren, erobern mehr und mehr Lebens- und Arbeitsbereiche, auch an der Wall Street geht man immer öfter zu Chinos und Button-Down-Hemden (zu denen man bekanntlich keine Krawatten trägt) oder sogar Poloshirts über, und selbst an Londons Savile Row hielten Revolutionäre (der Begriff wird heutzutage leichtfertig gebraucht) wie Carlo Brandelli Einzug, seinerzeit Kreativdirektor des Traditionshauses Kilgour, der unterm Navy Jacket oftmals nur noch ein dünnes weisses T-Shirt mit V-Neck vorsah. Keine Krawatte.

Und etliche Männer dürften aufatmen. Nicht nur weil sie jetzt den Hals frei haben, sondern weil sie sich mit der Krawatte von einer ganzen Reihe von Fallstricken befreit glauben: dem richtigen Knoten (der halbe Windsor reicht meist aus), Krawattennadel ja oder nein (nein), Krawattenschal ja oder nein (auf keinen Fall, es sei denn, Sie sind James Galanos), wohin damit beim Essen (immer zwischen die Knöpfe ins Hemd stecken, auf keinen Fall in die Hemdtasche stopfen oder gar über die Schulter werfen). Doch so einfach ist das nicht. So schnell werden wir die Krawatte nicht abhängen können. Zwar scheinen die Zeiten von Gentleman-Instanzen wie dem Fiat-Tycoon Gianni Agnelli vorbei zu sein, der zu den massgeschneiderten Anzügen von Caraceni in Mailand gerne eine absichtlich schief sitzende Krawatte trug, um das auszustrahlen, was der Italiener «Sprezzatura» nennt: die Kunst, mit viel Aufwand so auszusehen, als betreibe man gar keinen Aufwand. Wobei Sie jetzt einwenden könnten, viel Aufwand einzusetzen, um den Eindruck von Sorg- und Mühelosigkeit hervorzurufen, sei middle class. Das stimmt. Aber nur, wenn Geschmack dabei als moralische Grösse verstanden wird. Wie man gerade wieder in einem sehenswerten Dreiteiler mit dem hübschen Titel «All In The Best Possible Taste» lernen konnte, präsentiert von Turner-Prize-Träger/Trägerin Grayson Perry.

Anyways: Die Krawatte ist ein wichtiger Persönlichkeitsindikator geblieben. Ich persönlich laufe ja gerne, falls ich dann schon wach bin, mittags über die Zürcher Bahnhofstrasse, wenn die Anzugträger ihren Lunch Break nehmen, denn ich finde, Männer in Anzügen sehen immer so adrett aus. Eine Uniform der Gesittung. Beim uniformen Businessdress, der trotz Casualisierung noch nicht obsolet ist, bleibt (neben Schnitt und Qualität des Anzugs und der Schuhe) die Krawatte das Einzige, was spricht. Und zwar wenn’s geht leise. Wir sind hier in einem dieser Bereiche, wo vermeintliche Ironie oder Provokation nichts verloren haben. Krawatten sollen nicht unkonventionell oder aufregend sein; ihre Botschaft ist Dezenz. Die Nuance. Und auf diese Ausdrucksform sollte man nicht leichtfertig verzichten. Tatsache ist: Viele Männer sehen gut und unter Umständen sogar cool aus mit Krawatte – aber klassische Muster und mittlere Breiten sind immer zu bevorzugen. Paisley ist zu recht verpönt. Die Grundregel lautet: Langweilige Leute tragen laute Krawatten.

 

Die Arbeitswelt ist eine Sache, aber noch schwieriger ist: Auszugehen mit Krawatte und nicht so zu erscheinen, als käme man gerade aus einer Grossraumnische bei Goldman Sachs oder aus dem Klassenzimmer in Eton oder Ipswich. Gerade deshalb sollte man auch nachts nichts forcieren: Leder- und Wildlederkrawatten waren, wie mein Strickexemplar von Benetton, nur etwa 5 Minuten lang trendy, und diese 5 Minuten sind unwiederbringlich vorbei. Schmale Schlipse sind grundsätzlich OK, aber schmaler als vier Zentimeter geht bloss für Männer unter 40 (sogenannte Ewan-McGregor-Regel). Und Krawatte mit Kurzarmhemd ist nur adäquat, wenn man hinter einer Fast-Food-Theke steht oder das Oval Office bewacht. Völlig vorbei hingegen ist der Pete-Doherty-Standard (PDS): ausgeleiertes T-Shirt und lockere schmale Krawatte, deren Knoten auf dem Brustbein sitzt, kombiniert mit Drainpipe Jeans. Das haben wir jetzt lange genug gesehen, und sowas wollen wir nicht mehr. Da halten wir uns streng an den französischen Dichter Honoré de Balzac, von dem die Worte stammen: «Ein Mann ist soviel wert wie seine Krawatte.»