Rock ’n’ Roll am Waldrand

Warmer Beton, ein Büro im Garten und ein Spielparadies im Keller: Bei Viviane Gall und Daniel Donati finden Familie, Wohnen und Arbeiten zusammen.

Fotos: Rita Palanikumar für Sweet Home

Jedes Zuhause hat einen bestimmten Rhythmus und Charakter. Betritt man ein Haus, lernt man auch dessen Bewohner kennen, selbst wenn sie nicht da sind. So ist es mir mit der Familie Donati ergangen, denn ich war zuerst beruflich für ein Fotoshooting in ihrem Haus. Es war mir so sympathisch, dass ich die Bewohner später zu einer Homestory überredete.

Dass man sich bei Daniel Donati und Viviane Gall sofort willkommen und wohlfühlt, hat nicht nur mit der Grösse und der Schönheit der Räume zu tun, sondern auch mit der kreativen Stimmung im Haus, die persönlich, unkompliziert und lebendig ist und eine sympathische Portion Rock-’n‘-Roll-Allüre zeigt. Hier lebt eine kreative, coole, stylishe und aktive Familie. Daniel ist Creative Director und hat seine Branding-Agentur gerade nach Hause gezügelt. Viviane war, bevor die Söhne Jamiro (5) und Marley (3) auf die Welt kamen, Partnerin und Leiterin einer PR-Agentur. Nun betreibt sie ein Onlineportal, das sich rund um das Wohlbefinden von Frauen dreht und auf dem sie eigene energetische Produkte anbietet. Das grosse, unkonventionelle Haus am Waldrand bietet der Familie die Möglichkeit, Arbeit, Kreativität und Familienleben zu verbinden. 

Wohnen im Atelier

Gebaut wurde das Haus in den Sechzigern vom berühmten Schweizer Architekten Eduard Neuenschwander. Das Paar ist vor sechs Jahren eingezogen. «Es war nicht geplant, in ein Haus ausserhalb der Stadt zu ziehen. Aber als sich diese aussergewöhnliche Gelegenheit bot, dank einem Tipp von Freunden, wagten wir, die Stadtmenschen, das neue Wohnabenteuer», erzählen Viviane und Daniel. Das Haus wurde für den Grafiker, Künstler und Bildhauer Karl Schmid gebaut, der es als Atelier und Wohnraum nutzte.

Der grosse Wohnraum, der sich in Schmids ehemaligem Atelier befindet, hat denn auch einen fantastischen Industrie-Holzboden und ist aussergewöhnlich hoch. Beim Einrichten sind Inseln entstanden, bei denen sich die unterschiedlichen Möbel der Familie wie Freunde begegnen und zum Wohnen einladen. So stehen sich hier zwei grosszügige Minotti-Sofas auf einem marokkanischen Teppich gegenüber. Die Midcentury-Sideboards, Fundstücke aus Vintagegeschäften, lehnen cool an die Wand, zeigen Wohnaccessoires oder Kunst, wie das Schriftbild, das Daniel als Willkommensgeschenk für Vivianes Rückkehr aus dem Spital nach Marleys Geburt gemalt hat.

Die Liebe zum Raum

Bei der Renovation des Hauses und beim Einrichten und Gestalten der Räume hat vor allem Daniel seine kreativen und handwerklichen Talente eingebracht. Er spricht von einem «Work in Progress»: «Für mich ist die Liebe zum Raum von grosser Bedeutung.» Der kreative Kopf hat sofort das Potenzial gesehen und entdeckt, dass das Haus mehr als bloss Wohnraum bietet. «Es ist eine kleine Welt. Nicht zuletzt durch die Verbindung der Innen- und Aussenräume, was ja für den Architekten, der sich selbst Umweltgestalter nannte, sehr wichtig war.»  

Eroberungen

Die Möbel werden gebraucht, und zwar von allen Familienmitgliedern. So erobern hier Jamiros und Marleys Dinosaurier Design- und Architekturbücher. Diese türmen sich auf einem der drei baumstrunkförmigen Beistelltische aus Metall. 

Gruppenbildung

Da der Raum nicht typische Ecken hat, sondern auch eine dynamische Rundung, sind kleine Möbelgruppen entstanden, wie hier ein entspannter Ort zum Lesen. Den Sessel hat Daniel in der Zürcher Boutique Zoé entdeckt, wo er ganz versteckt in einer Ecke stand. «Er ist sehr chic und elegant, und ich denke, er hatte bestimmt einmal einen passenden Hocker.» Nun hat er neue Begleiter wie Bücherstapel, Beistelltischchen, Designerleuchte, Edelstein, Feriensouvenir und eine lesefreudige Familie. 

Quer denken

Daniel erobert mit viel Eigeneinsatz die einzigartigen Räumlichkeiten zurück. Nach dem Künstler Schmid wohnten verschiedene Familien hier und veränderten den ursprünglichen Charakter. «Man merkt auch, dass es unterschiedliche Bauperioden gab, denn einiges wirkt wie später hinzugefügt und anderes nicht ganz durchgezogen.» So erklärt Daniel voller Leidenschaft, er denke, dass die Betonwand im Garten, die sich hinter einem Flügel als weisse Mauer in den Raum zieht, auch mal im Innenraum als Betonwand geplant gewesen sei. Er geht das Familienhaus mit der gleichen Energie an wie seine anderen kreativen Projekte. Das bedeutet für ihn quer denken, Potenzial erkennen und ausschöpfen.  

Kleine Burg

Sehr interessant an der Architektur des Hauses ist, dass sich die erwähnte Betonmauer als Gartenmauer entpuppt, an die wiederum ein altes Schmiedeeisentor montiert ist. So umfasst das Haus den Garten, zäunt ihn ein und macht so Wohnraum und Garten zu einer abgeschlossenen Welt, einer Art kleinen Burg. Der Wachhund dieser Burg ist ein typisches Donati-Familienstück. «Wir haben ihn an einer Auktion ganz ungewollt ersteigert«, lacht Viviane. «Unsere 250 Franken hat niemand überboten, und etwa zwei Wochen später bekamen wir Bescheid, dass wir ihn abholen sollen. Danach stand er lange in unserem Esszimmer in der kleinen Stadtwohnung, in der wir zuvor lebten.» 

Waldrand

Zum Haus gehört noch ein kleines Grundstück, das ausserhalb des grossen Gartentors in den Wald führt. «Im Sommer gibt das einen tollen Spiel- und Grillplatz ab», schwärmen Viviane und Daniel. Und fragen sich, ob der kleine Anbau wohl einmal ein Hundezwinger war oder eine Lagerfläche, und ob er von Anfang an dazugehörte oder erst später angebaut wurde. «So ganz genau werden wir wohl nicht mehr alles herausfinden.» Das Gebäude strahlt auf jeden Fall etwas Geheimnisvolles aus. 

Kreativraum

Quer denken ist für Daniel Donati eine der wichtigsten Qualitäten, die ein Kommunikationsspezialist mitbringen muss, wenn er erfolgreich sein will. Dazu kommen seiner Meinung nach Offenheit, Neugierde, Fantasie, abstraktes Denken und räumliches Vorstellungsvermögen. «Nur so können Designer mit ihren Kreationen überzeugen.» Der Creative Director, der seit 25 Jahren erfolgreich Kommunikation, Branding, Werbung und Design macht, hat sich gerade das räumliche Potenzial des Hauses zu Nutzen gemacht – und ein besonderes Homeoffice eröffnet. Denn als Atelier, Studio und Büro dient ein kleiner Pavillon, der zum Haus gehört. Daniel hat ihn umgebaut, ein Bad und eine Küche installiert, alles hübsch möbliert und seine wichtigsten Arbeitsutensilien und Bücher platziert. «Heute kann man als digitaler Nomade überall arbeiten. Ich bin auf diese Art näher mit meiner Familie verbunden.»

Schöne neue Welt

Daniel Donati wollte sich in seiner Kreativität nie einschränken lassen: «Ich habe mir vieles selbst beigebracht.» Und er hatte Erfolg damit. Bereits seine erste Agentur, gegründet mit einem Partner, wurde bekannt als Grafik- und Designschmiede für junge kreative Arbeiten in den Bereichen Jungendkultur und Musik. Später gründete Daniel seine eigene Agentur «Zürich Tokio» und spezialisierte sich auf Branding. «Ich kreiere nicht nur die Werbung für eine Marke, sondern die ganze Welt, die mit einem Produkt verbunden ist», erklärt er. Mit dem neuen Modell, von zu Hause aus zu arbeiten, vergrössert er auch gleichzeitig sein Tätigkeitsfeld. Die Auseinandersetzung mit der Architektur hat ihn dazu inspiriert, sein Kreativangebot auf Raumgestaltung auszuweiten.  

Spielparadies

Im Untergeschoss befindet sich ein grosses Spielzimmer für die Buben. Ihr Schlafzimmer ist im oberen Stockwerk, wo auch das Elternschlafzimmer und das Bad liegen. 

Das Zentrum

Das Herzstück der Wohnung, die offene Küche, ist mittendrin, leicht erhöht – und eine weitere Eigenkreation von Daniel. «Für uns ist die Küche sehr wichtig. Sie muss funktional, aber auch schön sein. So habe ich bereits in unserer Mietwohnung in der Stadt die bestehende Küche mit einer hübscheren von Ikea ersetzt. Das hat sich gelohnt, denn wir verbrachten viel Zeit darin.» Im eigenen Haus konnte das Paar von Anfang an alles nach seinen Wünschen gestalten. So ist die Küche ein offener wohnlicher Raum, der viel Wärme ausstrahlt. An der grossen Theke ist der Kochherd integriert und erinnert, da das angrenzende Esszimmer etwas tiefer liegt, ein wenig an ein DJ-Pult. Dahinter strahlt eine glamouröse Muschelplättchen-Hängeleuchte aus einer speziell dafür kreierten Nische.

Zusammensein

«Die Kinder sind immer da wo wir sind», strahlen die Eltern. So bekommen sie ihre Kuschelecken und die passende Unterhaltung. Das sind während unseres Shootings ein gemütlicher Pouf, Kissen und ein Korb voller Kinderbücher. 

Für Gross und Klein

Auch in der Küche sind die beiden Buben mit dabei. Sie haben nämlich ihren eigenen kleinen Spielzeug-Kochherd. Schönes und Praktisches vereint sich in diesem Backofenmodul. Es ist, wie auch andere Elemente in der Küche, umfasst von einer Betonverschalung. Zwischen den beiden Backöfen stecken Kochbücher in einem Regal. Darüber sorgt eine Vintage-Industrieleuchte für stimmungsvolles Licht.  

In der Küche kann man wohnen

Für Wohnlichkeit in der Küche sorgen zudem noch ein gemütlicher Sessel und ein farbiger Kelimteppich. «Rock on» – das Motto der Familie ist zugleich Vivianes neues Projekt. 

Die Schönheit im Alltag

Dazu gehören Wohlfühlprodukte, welche die gelernte Drogistin selbst kreiert hat. Viviane kennt sich auch aus mit der Kraft von Edelsteinen. Hier zieren einige dieser «Rocks» Vorratsgläser. 

Stillleben

Das wunderschöne Stillleben zeigt ein Stück Familienalltag: Da sind Blumen, Vasen, eine gute Flasche Wein, Früchte, Fotos, Kinderzeichnungen und viele Holzkellen in einem dekorativen Topf mit Pottwalmotiv. 

Detailliebe

Die Treppe, die Küche und Esszimmer mit dem oberen Stock verbindet, zeigt ein schmuckes Geländer, das Daniel entworfen hat. Die tolle Kommode war einmal der Wickeltisch. Nun bietet sie Platz für Kochutensilien und die vielen kleinen Dinge, die zu einem Familienleben gehören.

Vier Meter Tisch

Der grosse, schwere Tisch ist indisches Handwerk. Viviane und Daniel haben ihn auf einer Messe in Paris gekauft. Er zeigt viele Arbeitsspuren wie Löcher und Spalten. «Wir lieben aber genau dieses gelebte Leben, das macht den Tisch persönlich und gemütlich.» Und da Kochen, Essen und Zusammensein – auch mit Gästen – den Donatis wichtig sind, ist die über vier Meter lange Tafel nicht selten voll besetzt. Zudem dient er den Kindern zum Zeichnen und Malen. 

Neue Ideen

Viviane hatte, bevor sie Mutter wurde, eine eigene PR-Agentur und betreute viele Kunden aus dem Beauty-Sektor, wie zum Beispiel Kiehl’s. Doch der turbulente PR-Zirkus, zu dem auch viele Events gehören, liess sich nicht so recht mit dem Leben mit kleinen Kindern verbinden. So hat sich Viviane weitergebildet als Bachblüten- und Energiezentren-Therapeutin, als Crystal Reader und in Frauennaturheilkunde. «Ich dachte, dass es bestimmt vielen Frauen ähnlich geht wie mir. Als Mutter fehlt es einem oft an Zeit für sich selbst. Man kann immer dieses bisschen mehr Energie, Kraft und Unterstützung brauchen. So habe ich zurück zu meinen beruflichen Wurzeln als Drogistin gefunden und eine Linie von Wohlfühlprodukten entwickelt.» «Rock on», so der Name, verbindet Therapie, Workshops und energetische Produkte.

Mobile Ablage

Der hübsche Barwagen ist ein Fundstück aus dem Brockenhaus. Er dient als Ablage für Lieblingsbücher, einen Blumenstrauss und hübsche Kleinigkeiten mit besonderen Bedeutungen. 

Eingang und Aufgang

Seit meinem ersten Besuch im Haus und den Sweet-Home-Fotoshootings sind nur drei Monate vergangen. In diesen hat sich aber einiges verändert. So ist der zweite Eingang verschwunden und zu einem schönen Aussichtsfenster geworden. Man sieht es auf dem vorherigen Bild mit Viviane, die aus ebendiesem Fenster blickt. Der Eingang befindet sich nun auf dem Stockwerk mit dem grossen Wohnzimmer. Sehr schön sind auf diesem Bild die verschiedenen Ebenen des Hauses zu erkennen. Nach unten geht es ins Spielzimmer, nach oben zuerst in die Küche mit dem Esszimmer und dann weiter in die privaten Räume der Familie. 

Ein Zimmer mehr

Auch in der oberen, privaten Etage hat sich etwas verändert. Aus dem einst grossen, offenen Familienschlafzimmer sind nun zwei geworden, ein Kinder- und ein Elternschlafzimmer. Letzteres wirkt dank einer Trennwand privater. 

Offenes Bad

Das Badezimmer ist offen, hat aber abschliessbare Toiletten. Es befindet sich leicht erhöht zu den Schlafräumen und zeigt sich im gleichen, schlichten und warm wirkenden Betonlook der Küche. 

Kleine Wunder

Im Kinderzimmer steht ein Kajütenbett für die Jungs. Ein heller, freundlicher Teppich bedeckt fast die ganze Bodenfläche. Andere Möbel sind ein kleiner Korbstuhl für die Kleider, ein bunt bemalter Schrank aus dem Brockenhaus und ein antikes Schülerpult am Fenster. 

Schulfreunde

Noch drücken die beiden Brüder die Schulbank aus reiner Spielfreude. Dabei leisten ihnen einige kuschlige Freunde und ein tierisches Lämpchen Gesellschaft. 

Hängeordnung

Beim Eintritt ins Schlafzimmer erzählt Viviane lachend, dass Daniel gerade Marie Kondo auf Netflix entdeckt habe und sich voller Energie um die Kleider kümmere. Wir finden, dass die Hängegarderobe mit den hübsch nach Farben geordneten Outfits mindestens so chic aussieht wie in einer Boutique! 

Sicht in den Wald

Das Glanzstück im Schlafzimmer ist das grosse Fenster mit direkter Sicht in den Wald. Davor ist eine kleine Terrasse geplant.

Frühling am Eingang

Unser Besuch für Sweet Home fand an einem kalten, dunklen Januartag statt. Die schönen Magnolienblüten, die Viviane an den Eingang gestellt hat, und die Pflanzen in den Körben sind aber bereits ein zarter Frühlingsgruss. 

Grosse kleine Welt

Wir haben beim Besuch bei den Donatis nicht nur ein Familienhaus gefunden, sondern eine grosse kleine Welt voller Persönlichkeit, Ideen, Aktivität und einem coolen Bisschen Rock ’n‘ Roll. 

Die Links von Daniel und Viviane: 

Daniel Donati: zurichtokio.comspacelove.life
Viviane Gall: rockon.life 

7 Kommentare zu «Rock ’n’ Roll am Waldrand»

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