Kleine Geschichte über das Wohnen mit Pflanzen

Und ewig grünt die Zimmerpflanze: Was wann «Saison» hat, von damals bis heute.
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Sweet Home nimmt Sie heute mit auf eine kleine Zeitreise. Entdecken Sie, welche Wohnstile wann angesagt waren, und vor allem: welche Pflanzen man dazu kombiniert hat. (Bild über: Jungalow)

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Das 19. Jahrhundert

Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte man ganz andere Vorstellungen von wohnlichem Glück als heute. Die Räume waren meist überladen und dunkel. Tageslicht oder frische Luft zogen erst später ein. Bis dahin war Wohnen gewichtig: schwere Holzmöbel mit Spitzen- und Brokatdeckchen drauf, mehrschichtige Vorhänge, die auch tagsüber oft zugezogen wurden, Teppiche, gemusterte Tapeten und tausenderlei Dekorationen. In dieser Umgebung hatten es Pflanzen nicht einfach. Man liebte auch «Totes», stellte ausgestopfte Tiere aus, sammelte Schmetterlinge und Kuriositäten unter Glashauben. Dazu gehörten auch getrocknete Blumen oder solche aus Wachs oder Stoff. Eine Grünpflanze aber konnte in diesem ausserordentlichen Klima überleben, das war die anspruchslose Aspidistra. (Bild über: 51t3.wordpress)

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Die Lieblingspflanze des ausgehenden 19. Jahrhunderts: die unzerstörbare Aspidistra, auch Schusterpalme genannt. Sie verträgt Zugluft, Trockenheit, Staub und Temperaturschwankungen. (Bild über: Joginder Nursery)

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Das goldene Zeitalter der Jahrhundertwende

Mit der Jahrhundertwende begann ein goldenes Zeitalter, in dem viele einen ausschweifenden Lebensstil pflegten. Man verkehrte in grossen Hotels auf der ganzen Welt, feierte Gartenpartys, ging oft ins Theater und ass üppige Mahlzeiten mit unendlich vielen Gängen. So öffnete sich auch der Wohnbereich dieser Zeit. Der Jugendstil war mehr als eine Kunstrichtung und zeigte sich auch im dekorativen Bereich mit helleren Farben und verschlungener Ornamentik. Wichtige Beispiele dieser Zeit sind etwa die Tiffany-Glaslampen oder Glasobjekte von Lalique. Die Farben wurden heller und die Einrichtung leichter. Ein beliebter, neuer Raum war der Palmengarten. Diesen fand man in Hotels, Restaurants oder grossen Kaufhäusern. Auch im Privaten wurde dieser Trend umgesetzt mit vielen Palmen, Korbstühlen und mit Chintz bezogenen Sesseln. (Bild über: bartboehlert)

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Lieblingspflanze des goldenen Zeitalters: die Goldfruchtpalme. Sie braucht einen hellen Raum und Sonne im Winter, wächst sehr langsam und ist daher gut geeignet für den Innenbereich. (Bild über Palmtree Passion)

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Der Art déco

War das goldene Zeitalter ein letztes Aufblühen der «guten alten Zeit» und der privilegierten Gesellschaftsschicht vor dem Ersten Weltkrieg, war die Zwischenkriegszeit (vor allem die Zwanzigerjahre) ein hysterisches Feiern und der Beginn der Moderne. Der Art-déco-Stil wurde geboren und zeigte sich in Architektur und Einrichtung, bei Fahrzeugen, Mode, Möbeln und Wohnobjekten und grundsätzlich im Designbereich. Seine wichtigsten Merkmale sind die Geometrie, der Glanz, die Artifizierung. Art déco hat das noch junge Hollywood erreicht und wurde im Film noch lange zelebriert. Da alles modern, hell und gradlinig wurde, zog man das Kunstvolle dem Natürlichen vor. Darum waren auch echte Pflanzen nicht so wichtig. Eine aber, die in die Zeit passt, ist die Calla-Lilie – hier wunderschön interpretiert auf einem Gemälde von Tamara de Lempicka, deren Art-déco-Malerei etwas Dekoratives hat. (Bild über: Ackerman’s Fine Art)

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Die glamourösen 30er-Jahre

Die Geschichte hat nach dem grossen Fest der Twenties mit schnellem Geld an der Börse, Jazz und Charleston auch den Zusammenbruch gebracht, die Depression und grosses Elend. Politische Unruhen und Umbrüche leiteten den Zweiten Weltkrieg ein. Ablenkung kam aus Hollywood: Die Filme und die Stars der 30er zelebrierten Glanz und Glamour bis zum Exzess – und prägten einen neuen Stil: elegant, hell, fliessender und weniger modern als jener der Zwanzigerjahre. Die Frauen im Film trugen fast ausschliesslich helle Satinabendkleider und bewegten sich in Salons. Der Wohnstil war, um in Schwarzweiss besser zur Geltung zu kommen, auf Hell-dunkel-Kontrasten aufgebaut. Und da auch in den 30er-Jahren stilmässig die künstliche Welt und Theatralik dominierten, sind es Blumen und nicht Zimmerpflanzen, die zu der Epoche gehören. Blumen waren grosse Gesten und die Lieblinge dramatische, riesige Sträusse von duftenden, weissen Lilien. (Bild über: Jane Hall at Pinterest)

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Die 40er-Jahre mit Constance Spry

Die Kriegsjahre stellten mehr Überlebens- als Stilfragen. Doch setzte sich aus der allgemeinen Zerstörung eine neue Lebensart durch, die wieder auf Traditionen setzte, auf klassischere Rollenverhältnisse, und die Dramatik und häusliches Glück verschmelzen liess. In Sachen Blumen und Pflanzen tauchte ein interessanter Name auf: Die Engländerin Constance Spry hatte bereits Ende der Zwanzigerjahre ihren ersten Blumenladen namens «Flower Decoration» eröffnet. 1942 schrieb sie das Buch «Come into the Garden» und lehrte, wie man selber Gemüse anpflanzen kann. 1946 gründete Spry eine Hauswirtschaftsschule, ihre Blumenarrangement-Kurse wurden berühmt und von vielen Frauen besucht. So stehen denn die 40er-Jahre in Sachen Pflanzen für die Umsetzung von Praktischem und Schönem in der eigenen kleinen Welt. (Bild über: Lost Past remembered)

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Die heile, biedere Welt der Fifties 

Die Nachkriegsjahre waren einerseits der Biederkeit und andererseits einer neuen Moderne verpflichtet. Schneller Wohnungsbau verdrängte das Einfamilienhaus und machte die Mietwohnung zum wichtigsten Zuhause. Schnelle Lösungen waren auch in Sachen Einrichtung gefragt. So gab es viele Multifunktionsmöbel in der Art von Fernsehmöbeln, die zugleich Platz für Zimmerpflanzen und eine Hausbar boten. Die Rollen wurden wieder klar verteilt, man wollte ja schliesslich, dass die vom Krieg zurückkehrenden Männer Arbeit und ein schönes Zuhause fanden. So musste die Frau weg von der Fabrik- oder der Feldarbeit, die sie in den meisten Ländern anstelle der abwesenden Männer geleistet hat, und zurück an den Herd. Ihre Aufgaben waren es, ein hübsches Heim zu gestalten und die Kinder zu erziehen. Für die angesagte neue, moderne Gemütlichkeit sorgten Zimmerpflanzen. Sie waren auch der Ersatz des kleinen Gärtchens, das man ja im Wohnblock nicht mehr hatte. Die Lieblingspflanzen der Epoche waren die klassischen, pflegeleichten Pflanzen wie Gummibaum, Spinnenpflanze, Schwiegermutterzunge oder Philodendron.

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Die Sixties und die Moderne

Kein Wunder, bahnten sich in den Sechzigerjahren Aufstände an gegen die Biederkeit und das eingeschränkte Leben der Frauen. Man wollte mehr als das häusliche Glück: Freiheit, Zukunft, das Weltall erobern … So wurden auch die Einrichtungen bunter, klarer, leichter, heller und mischten Futurismus und Weiblichkeit auf eine interessante Art. Die Pflanzen, die man nun öfter im Haus antraf, sind der filigrane Farn, Azaleen oder Margeriten. 

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Flower Power

In den Siebzigern war ganz klar Flower Power angesagt, die Hippies hatten die Natur und neue Lebensformen entdeckt. Die Seventies zeigten aber auch die Kommerzialisierung dieser Lebensformen und brachten eine neue Art von Romantik und Glamour nach Hause. Man liess sich stilmässig von der romantischen Zeit der Jahrhundertwende inspirieren. Dazu gehörten nicht nur Maxikleider mit Blümchen und Rüschen, sondern auch der Palmengarten. Man holte sich Grün in die gute Stube, mischte Gartenmöbel mit futuristischen Plüschsesseln, kokettierte mit Jugendstil und Discoglamour. In den Siebzigern gab es auch viele Objekte für die Wohnung, die einfach nur verspielt waren und keine eigentliche Funktion hatten. Neben den Palmen blühten auch grosse Blumen aus Krepppapier auf. 

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Sheila Metzners elegante 80er-Jahre

In den 80er-Jahren war die grosse Zeit der Mode. Eine neue Welle von Eleganz und Reichtum überflutete die Gesellschaft. Eine, die das auf die allerschönste und gekonnteste Art fotografisch umgesetzt hat, ist die Amerikanerin Sheila Metzner. Die Bilder des grossen Fotostars der 80er waren vor allem in der «Vogue» zu sehen und vermittelten die damalige Liebe zu Art déco, den Dreissigern und Hollywood. Auf vielen von Metzners kunstvollen, wie gemalt wirkenden Fotos sind Art-déco-Objekte und Blumenarrangements zu sehen. Diese zeigen die Lieblinge der Dekade: die Calla-Lilie, weisse Lilien und Orchideen, oft auch als Einzelblüten und in Kombination mit grossen exotischen Blättern. (Bild über: journalofanobody)

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So wohnte man in den frühen 90ern

Der Glamour der 80er beeinflusste auch den Wohnstil in den 90er-Jahren. Ein gutes Beispiel dafür ist das französisch-schweizerische Designerpaar Garouste und Bonetti, das unter anderem Modemacher Christian Lacroix zu seinen Fans zählt. Garouste und Bonetti spielten mit Theatralik, Ornamenten, starken Farben und Kontrasten. Die passenden Blumen dazu: Gerbera. In vielen Wohnungen sah man die Blume als Einzelstück in einer blauen Glasflasche. Wichtige allgemeine Stilelemete der Periode waren Schwarz-Weiss-Streifen, Rot als Akzentfarbe, Vanillegelb und andere warme helle Gelbtöne als Wandfarbe. Aber auch das Triviale war nahe um die Ecke. Alle wollten alles, und das hilft der Schönheit meistens nicht! Und pflanzenmässig sollte es noch schlimmer kommen – mit der Yuccapalme! 

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Die Liebe zur gepflegten Natur

Ende der Neunziger- und zu Beginn der Nullerjahre wurde es wieder leiser im Haus. Man entdeckte die Liebe zum Einrichten, das auch dank vielen neuen Interiormagazinen, nicht zuletzt der legendären englischen «Elle Decoration» mit Ilse Crawford als erster Chefredaktorin. Sie holte sich Berater wie Li Edelkord, Romeo Gigli oder Terence Conran an Bord. Und sie machte Wohnen zur neuen Mode – zu einer, die sich bis heute gehalten hat. Langsam hatte man genug von Kunst und Glamour und wünschte sich wieder mehr Natürlichkeit und Einfachheit. Dazu gehören Pflanzen wie Olivenbäume, Buchs und Efeu. (Bild: Uare Design)

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Heute: Skandinavischer Purismus

Was vor zehn Jahren die Interiormagazine waren, sind heute die Blogs. Sweet Home gibt es seit 2010, und er war von Beginn weg einer der meistgelesenen Blogs der Schweiz. Das zeigt, dass sich auch die Schweiz zu einem Einrichtungsland entwickelt. Eine wichtige Region für Wohnblogs und Einrichten ist aber Skandinavien. Hier werden viele Trends gesetzt, das natürlich mit der dazugehörigen Industrie. Denn in allen skandinavischen Ländern gibt es sehr viele Interiorfirmen, für Accessoires und für Möbel. Einer der Pflanzentrends, die aus Skandinavien kommen, geht in Richtung Purismus. Ein schönes Beispiel dafür sind junge Baumsprösslinge in grossen Glasvasen, entdeckt auf My domaine.

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Jetzt: Trendpflanze Geigenfeige

Auch wenn Hängepflanzen, Fifties-Klassiker wie Gummibaum und Spinnenpflanze oder Sukkulenten in allen Varianten gerade sehr angesagt sind – die Trendpflanze, die gerade jeder im Wohnzimmer haben möchte, heisst Geigenfeige. Die grossblättrige Grünpflanze ist im Henkelkorb, auf dem Bild entdeckt auf The Picket Fence Projets, besonders wirkungsvoll. 

10 Kommentare zu «Kleine Geschichte über das Wohnen mit Pflanzen»

  • Jean sagt:

    Toller Beitrag, danke Frau Kohler.
    Ich bin ziemlich versiert betreffend Wohntrends und Design. Jedoch suche ich seit langem nach einem tollen Geschäft, welches eine grössere, schönere & moderne Auswahl an Pflanzen anbietet als Bau&Hobby etc. Tolle Beispiele finde ich nur im Ausland (Skandinavien / UK). Gibts sowas auch in der Schweiz – Raum Zürich?

    • Kim sagt:

      Probieren Sie es mal im Green Swizz Green (gretener.ch). Natürliche Pflanzen ohne Schnickschnack in speziellen Vasen.

  • Jutta Maierr sagt:

    Wenn ich könnte, würde ich in einem Wintegarten leben, mit einer Trockenzelle für meine Bücher…

  • Heidi sagt:

    Die Geigenfeige hat es mir angetan… weiss jemand, wo ich eine Auswahl in/um Zürich finde? Herzlichen Dank im Voraus für Tipps!

    • Claudia sagt:

      Hab meine im gartenzenter in schwamendingen bestellt. Die konnten sie innert weniger wochen für mich auftreiben.

      • Nathalie sagt:

        habe meine aus der gärtnerei gisler in niederwil ag. zwar nicht direkt in/ um zürich aber eine reise wert und ein super preis-leistungs-verhältnis.

  • Marlis Frederiksen sagt:

    Ich Weiss nicht wie es in den anderen Laendern Skandinaviens ist aber in Daenemark sind auch Sukkulenten und Kaktusse hoechste Mode. Sehr praktische Pflanzen da sie fast kein Wasser brauchen.

    • Dieter Neth sagt:

      Kakteen! Nicht Kaktusse. Vielleicht auf Dänisch? Aber wenn Sie dort Kakteen halten kriegen Sie womöglich eine Anzeige wegen Pflanzenquälerei. Die haben gerne viel direkte Sonne. Aber auf Sylt hab ich damals in den Siebzigern ebenfalls viele Kakteen gesehen. Ja die Siebziger! Kann mich da nicht gerade an viele Hippies erinnern. Die waren weg, sobald der Vietnamkrieg vorbei war, und das war am Anfang jener Dekade.

  • Maria Bertschinger sagt:

    Diese „Zeitreise mit Zimmerpflanzen“ spiegelt sich auch in meinem Grünzeugs im Haus: Neben der Veteranin Schefflera (ca. 30 Jahre alt) etwa steht eine Geigenfeige, die ich vor 20 J. als zerzaustes, praktisch kahles hochbeiniges Exemplar auf dem Entsorgungsgestell bei Migros fand und für 2 Fr. (!) erstand. Immer noch eigensinnig ausgreifend u. nach Lust (oder Pflegeintensität ;-)) mehr oder weniger belaubt. So haben wir auch im Winter einen grünen Vorhang in der Stube, der die graue Tristesse draussen etwas mildert. Danke für Ihre immer wieder anregenden Blog-Artikel!

  • Flo sagt:

    Nun weiss ich es: ich bin in den Sixties stehen geblieben:
    Ich gestehe, ich liebe Farne – je grösser, je lieber und komischer Weise die scheinen sich bei mir wohlzufühlen und gedeihen prächtig. Ausserdem sind sie (so sagt man) zuständig sind für eine gute Luft.
    Grundsätzlich kann ich mir, für mich, eine Wohnung ohne (echte) Grünpflanzen nicht vorstellen. Das gehört für mich einfach dazu, genau so wir Bücher und für mich ganz speziell ein Haustier. so fühle ich mich wohl und zu Hause – und das sollte doch eigentlich das wichtigstes sein. Jeder so wie es ihm selbst gefällt.

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