Lang lebe die Zeitschrift!

Ohne Zeitschriften gäbe es keine Blogs. Viele bedeutende Schriftsteller, alle wichtigen Fotografen und Illustratoren haben ihre Werke zuerst in Zeitschriften veröffentlicht. Den Zeitschriften haben wir auch die Supermodels zu verdanken, und zwar die echten wie Kate, Naomie oder Cindy, nicht die, welche in grellen TV-Shows fabriziert werden. Zeitschriften prägen und dokumentieren den Stil der Zeit seit über zwei Jahrhunderten. Kein Wunder, lassen sie sich nicht einfach so verdrängen. Dafür sorgt jetzt auch eine Gruppe von sechs Freunden. Sie verkaufen nämlich diesen Sommer die schönsten und besten internationalen Zeitschriften, all die, die in Zürich bisher praktisch nicht erhältlich waren, in einem kleinen Laden mitten auf dem Predigerplatz in Zürich.

 

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Seit gestern und bis Ende August findet man bei Print Matters! die allerschönsten internationalen Zeitschriften, und zwar auf beste Old-School-Art: in einem hübschen, kleinen, kioskartigen Geschäft. Hier kann man blättern, entdecken, abtauchen, die schönsten Exemplare kaufen und sich damit den Sommer schöner und interessanter machen.

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Hinter dem tollen Projekt steht ein junges Team. Die Mittel dazu wurden per Crowdfunding aufgetrieben. Sweet Home hat die Initianten gebeten, für das Gruppenbild doch gleich ihre Lieblingsmagazine vorzustellen:

(Von links:) Matteo, hat Politologie studiert und ist am Doktorieren. Für ihn ist das Doktorat das Projekt für den Kopf und Print Matters! jenes für das Herz. Sein Ressort hier ist die Auswahl der Zeitschriften: «Ich mag ‹Pie Paper› wegen der unglaublichen Liebe zum Detail im Design.»

Rico hat Wirtschaft studiert und arbeitet im Bereich Business Development. Er kennt Florian und Matteo vom Studium her, hat zusammen mit Matteo die Auswahl der Magazine getroffen und ist überzeugt, dass sie hier die schweizweit beste Auswahl von Zeitschriften anbieten: «Ich mag ‹Toiletpaper› wegen der Bilder und ihrer abgedrehten Ästhetik.»

Florian ist am Doktorieren in Volkswirtschaft und Statistik an der Uni Zürich und betreibt dieses Projekt als kreativen Ausgleich. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Laurin und Joël Gessler begann er vor gut einem Jahr, mit up&coming einen digitalen Katalog der jungen Schweizer Kunst aufzubauen. Zudem betätigt sich auch journalistisch und schreibt hin und wieder Artikel für das Zürcher Magazin ‹Punkt›: «Vergiss ‹GQ› und ‹Men’s Health›. Wer ein wirklich gutes Männermagazin will, kauft das ‹Londoner Jocks & Nerds›.»

Chöying hat soeben ihr Wirtschaftsstudium abgeschlossen und plant einen Aufenthalt in Paris. Für das Preopening und das Opening hat sie sich mit Matthieu so richtig ins Zeug gelegt: «Ich liebe ‹Gentlewoman› wegen der authentischen Porträts und ihres erfrischenden und inspirierenden Verständnisses von Weiblichkeit.»

Matthieu hat gerade sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und ist gespannt, wie Print Matters! ankommt, er kümmert sich um die Events und die Buchhaltung des Projektes: «‹The Printed Dog› ist die skurrilste Liebeserklärung an unsere Vierbeiner – ein Lifestylemagazin mit Hunden statt Models.»

Laurin studiert im zweiten Semester Industriedesign und hat mit Chöying zusammen das Ladenbaukonzept erarbeitet: «‹032c› ist für mich DAS Magazin für Kunst und Kultur. Das Heft ist für mich nicht mehr aus der deutschen Printlandschaft wegzudenken.»

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Das hübsche kleine Ladenlokal von Print Matters! ist so ziemlich das Gegenteil von den mittlerweile heruntergekommenen Kiosken. Den Ladenausbau haben sich Chöying und Laurin ausgedacht. Industriedesign-Student Laurin hat das tolle Regal aus Sperrholz mit eingebauten Lichtschienen selber geschreinert. 

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Die restliche Möblierung für das kleine Altstadt-Ladenlokal besteht aus einer Sperrholz-Ladentheke und zwei Lesesesseln mit Beistelltischen, beides aus Styropor.

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Matthieu und Chöying blättern hier Zeitschriften zusammen durch. Eigentlich hatten die Freunde das Projekt ursprünglich als eine Art Bibliothek und Lesekiosk geplant. Dann kamen sie aber zur Überzeugung, dass es wohl den meisten Kunden so gehen würde wie ihnen und sie die edlen Printprodukte gerne nach Hause nehmen würden, um sie immer wieder anzuschauen und zu lesen. Diese neuartigen, kunstvollen Zeitschriften findet man an keinem Kiosk. Einige Szeneboutiquen oder Concept-Stores bieten einzelne Magazine, die zum Sortiment passen, an. Sonst aber sucht man in der Schweiz vergeblich nach diesen edlen und liebevoll gemachten Printprodukten. Man bringt sie von Auslandreisen mit nach Hause oder bestellt sie halt im Internet. Print Matters! bietet nun endlich einen Ort, an dem man auch die Sinnlichkeit der Produkte erfahren kann. Denn Zeitschriften sind zum Blättern und Schmökern gedacht, das weckt schlussendlich auch die Lust auf den Besitz. 

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Mir ist gleich das wunderschöne Interior- und Reisemagazin «Cereal» ins Auge gestochen. Das edle, frische Layout mit viel Weissraum, das dreidimensionale Logo und die ruhigen, stilvollen Aufnahmen liessen mein Herz höherschlagen.

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Andere tolle Magazine sind zum Beispiel auch «CR», das Fashionbook der ehemaligen Chefredakteurin der französischen «Vogue», Carine Roitfeld, «Open House» oder «Disegno».

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Als Hundeliebhaberin blätterte ich natürlich auch gerne im «The Printed Dog», einem der wenigen querformatigen Magazine. 

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Da ich beim Besuch bei Print Matters! mit Miss C. unterwegs war, sie unbedingt noch in den schönen, nahe liegenden Rechberg-Park wollte und ich keine Lust auf eine schwere Tasche hatte, habe ich nur drei Magazine gekauft: «Cereal», «Open House» und «Pie». Dafür habe ich etwa 70 Franken ausgegeben. Auf dem Heimweg habe ich dann noch die englische «Elle Decoration» am «normalen» Kiosk erstanden und für diese über 16 Franken bezahlt. Die Druckqualität des kommerziellen Magazins fällt extrem ab im Vergleich zu all den Zeitschriften, die in dem kleinen Sommer-Shop zur Auswahl angeboten werden. Auch sind viele Fotoproduktionen von «Elle», «Marie Claire» oder den Condé-Nast-Produkten eingekauft und erscheinen immer öfter auch in den Schwesterausgaben anderer Länder. Der Zeitschriftenmarkt ist auf jeden Fall im Umbruch, was aber bleibt, ist die Liebe zu schön und gut gemachten Magazinen.

 

12 Kommentare zu «Lang lebe die Zeitschrift!»

  • Daniel Stanislaus Martel sagt:

    Genial – einfach genial! Schade, dass das Experiment nur einen Sommer dauert! Bitte macht weiter!

  • Eric sagt:

    Vielen Dank Marianne für diesen super Tipp!

  • Findich gut. Obs wohl genug Leute gibt, die für ein Heftli so viel Geld ausgeben können?

    • kurt mäschli sagt:

      Es ist nicht Sache vom Geld ausgeben können, eher für was? Leute geben für verblödende Computer Software mehr Geld aus. Daraus ergibt sich das heute viele Geistig nicht mehr in der Lage sind solche hochstehende Zeitschriften und Magazine, wie sie von diesen initiativen Leuten angeboten werden, überhaupt zu verstehen. Ich wünsche ihnen jedenfalls guten Erfolg damit.

    • Marcus Ballmer sagt:

      Die gibt es schon, die Leute, die für solche Zeitschriften viel Geld ausgeben, sonst würde es die Titel ja gar nicht geben. Die Frage ist mehr, ob diese Leute diesen Laden am Predigerplatz besuchen. Da bin ich – ehrlich gesagt – sehr skeptisch, so sehr ich das Projekt sympathisch finde. Da scheint mir sehr viel Begeisterung und Überzeugung dahinter zu stehen und etwas wenig Business-Erfahrung. Der Bruttoertrag beim Verkauf einer solchen Zeitschrift dürfte zwischen 5 und 10 Franken liegen. Man rechne Miete, Saläre… – nun, sind ja vier Wirtschaftsexperten mit dabei, die haben das hoffentlich mehr als gut durchkalkuliert. Ich wünsche den Jungunternehmern viel Erfolg, werde den Laden auch besuchen und – als grosser Liebhaber edler Publikationen – auch ein paar „Heftli“ kaufen, um meinen Teil fürs gute Gelingen beizutragen.

      • adam gretener sagt:

        Lieber Herr Ballmer. solche temporären Läden – wie ich sie in München und London oft erlebte – sind nicht dazu da, sich gesund zu stossen.

        Es geht um die Liebe zum Produkt, In diesem Fall zum Print. Sagt Ihnen das Kuss Magazin aus Zürich was? Ein einzelner Mann – Paolo Monaco – hat die Druckkosten aus seinem persönlichen Geld bezahlt. Hat über tausend Mannstunden investiert. Nicht um daran was zu verdienen. Sondern weil er es liebte.

  • Famonisa sagt:

    Ungeheuer inspirierend. Super schöner Laden. Würde mir wünschen dass aus den Monaten Jahre würden.
    Wenn es auch nicht wirklich viel mit „Sweet Home“ zu tun hat. Wie wär ’s mit einem Blog „Sweet Shopping“?

  • Heinrich Zimmermann sagt:

    Predigerplatz, das Leben am Predigerplatz liesse sich slch als schoene oder tragische Geschichte herausgeben. Genau dieser laden war Frau Schnells Allerwelts Gemuese und Haushaltslädeli. 1950 bis 1970 wohnte ich 80 Meter von ihr entfernt, an der Chorgasse 22. Aber da waren die Zeiten noch anders, man konnte auf dem Predigerplatz noch Ballspielen ohne von Autos behindert zu werden.

    • adam gretener sagt:

      Was wäre der Predigerplatz wunderschön, wenn er nicht als Parkplatz missbraucht würde. Die Studenten der Bibliothek könnten ein Cafe unter den Bäumen führen, sich etwas dazu verdienen und man hätte einen zentralen Platz zum sich treffen. Ach.

      • Mario Monaro sagt:

        Genau und wenn man noch bedenkt, dass es sich eigentlich nur um wenige Parkplätze handelt und man kaum je auf einen freien spekulieren kann, würde der Verlust dieser Parkplätze wohl nur wenig schmerzen, im Austausch für die Aufwertung, die dieser Platz dann erfahren könnte. Immerhin, Limmatquai, Opernhaus, Münsterhof. Predigerplatz muss als nächstes angepackt werden.

      • Michael sagt:

        Ja das wäre zu schön ein Café unter den Bäumen, betrieben von den Studenten.
        Nur unser Stadtfilz würde natürlich das Kaffee dem Bindella, Kramer, oder Movie Wirt oder Péclard geben…wäre doch schade den Jungen, die was machen wollen, die Möglichkeit dazu zu geben. In Zürich gehts doch nur noch mit Geld…also liebe Studenten kramt mal schön brav mindestens 15’000 Franken Miete pro Monat zusammen dann ja vielleicht dann habt ihr eine Chance…ach nein habt ihr nicht, denn Euch würd mans ja nicht zutrauen, Bindellas und Co: haben mehr Reserven als ihr und die Stadt will doch keine Sozialfälle…oder eben doch …?

    • Veronica sagt:

      Google zeigt mir einen Platz der viel an Wert gewinnen wird, wenn die einzelnen Parkplätze entfernt worden sind.
      Als ich aus einem Dorf zum ersten Mal in die Stadt arbeitete, wunderte es mich wieviele schöne Gärten man gelegentlich sah wenn irgendwo eine Türe offen geblieben war. Viel Licht, viel Grün und je nach dem Wetter auch viel Sonne. Ohne Aufwand köntte dieser Platz ein gemütlicher Ruheort werden. Der Bibliothek sollte sich bewerben für den schlichten Platz-Café.

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