Handwerkskunst statt Massenware

Eine Messe, die ich immer gerne besuche, ist die Maison et Objet in Paris. Dort geht es weniger um die Möbel als vielmehr um Wohntrends, Dekoration und Styling. Kurzum: Die kleinen Dinge, mit denen wir Wohnung und Alltag verschönern. Der Trend kommt der kleinen, feinen Pariser Messe entgegen, denn die Zukunft im Dekorationsbereich gehört dem Echten, dem Handwerk, dem nachhaltig Produzierten. Die schnellen Effekthascher, die in Massen hergestellten Schönmacher der Wohnung, verlieren ihren Stellenwert. Eine natürliche Entwicklung in einer Zeit, in der die angesprochene Kundschaft alles und von dem erst noch zu viel hat.

 

sweet home

Die Maison et Objet feiert dieses Jahr den 20. Geburtstag. Verglichen mit der Modeindustrie, die in den 70er-Jahren zu boomen begann, ist das Geschäft mit der Liebe zum Wohnen und Dekorieren relativ jung. Klar, da waren immer die Möbel, das Design und die Innenarchitektur – Vasen, Schalen oder Dekorationsartikel kaufte man aber beim Antiquitätenhändler oder in edlen Haushaltgeschäften. Dann kamen neue Wohnkonzepte wie Ikea oder Habitat, welche ganze Wohnwelten anboten, die für eine breite Masse erreichbar waren – zu den Möbeln gab es dann auch gleich die passenden Accessoires. Das Geschäft mit der Kleinware wurde entdeckt und es entstanden Kollektionen mit Dekoartikeln. Mittlerweile gibt es Tausende von Anbietern, die an grossen Messen ihre Ware feilbieten für Einkäufer von Einrichtungshäusern, Warenhäusern, Boutiquen, Webshops oder Innendekorateure. Maison et Objet wurde 1995 gegründet als eine Boutique-Messe, an der es auch junge Designer und interessante Trends zu entdecken gibt.

Im Gegensatz zu Möbeln kann man Wohnaccessoires nach dem Kauf gleich mitnehmen und damit die Lust am Einrichten unmittelbar ausleben. Es ist diese Unmittelbarkeit, die das Geschäft zum Boomen brachte, welches nun an einer Art Explosionsgrenze angelangt ist. Es gibt zu viele Kollektionen, die sich dem Landhausstil, dem Vintagelook, der neuen skandinavischen Moderne oder dem Industrial Chic verschrieben haben, und noch mehr, die gar zu allem etwas anzubieten haben. An Messen kann man durch Hallen wandern, in denen es nur Dinge gibt, die duften, und solche voller seltsamer Produkte wie farbiger Sand und Kiesel, oder ach so lustiger Gadgets, die Geschenkartikel genannt werden. An der Pariser Messe, die im Vergleich zur Frankfurter Ambiente viel kleiner ist, ist all das auch da – einfach in weniger rauen Mengen. Aber die Messe konnte sich eine gewisse Exklusivität bewahren, nicht zuletzt mit gekonnt inszenierten Trendinformationen und Platz für junge Designer und kleine Firmen.

Diese Saison stand die Messe, die am Dienstag zu Ende ging, ganz im Zeichen des Handwerks. Die Installationen in den Hallen, die Trends vorstellen, werden jeweils von jungen Künstlern und Designern gestaltet. Sie sollen über Trends informieren und geben aussergewöhnlichen und starken Stücken einen dominanten Platz, an dem sie von Einkäufern entdeckt werden können. 

Viele der toll inszenierten Trendboxen stellten Ateliers dar. Da gab es eines für Keramik und andere für Glas, Holz, Metall oder Textilien. 

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An dem Tag, an dem ich durch die Messe ging, waren viele junge Studenten zu Besuch, die sich schön gemacht haben und mit Ehrfurcht und Neugierde die ausgestellten Stücke bewunderten. 

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Firmen, die sich schon immer dem Handwerk und der Fabrikation verschrieben haben, gibt es in Frankreich einige, ist das Land doch die Heimat von Stil, Mode und Wohnen. Eine, die den Sprung in die Gegenwart elegant geschafft hat, ist Moissonnier. 1885 gründete der Kunsttischler Emile Moissonnier das Geschäft in einem kleinen Atelier im Garten hinter seinem Haus in Bourg en Bresse. Es wurde von seinen Söhnen zu einer kleinen Fabrik weiterentwickelt, die in den 60ern begann, für das renommierte New Yorker Kaufhaus Bloomingdale’s zu produzieren. In den 80ern übernahmen Jean-Loup und Marie-Pierre Moissonnier das Geschäft. Sie prägten mit aussergewöhnlichen und einzigartigen Stücken den speziellen Stil von Moissonnier. Die barocke Buffetkommode in leuchtendem Pink oder Türkis zum Beispiel wurde ein kleiner Star, der in allen Hochglanzzeitschriften fotografiert wurde. Jedes Jahr zeigt Moissonnier neue Kollektionen. Diesen Sommer spielt Miami die Hauptrolle. Sonnig leuchtende Farben wie Türkis und Mandarine setzen Akzente in Räumen, die Umsetzungen wirken wie eklektisch eingerichtete Ocean Suites im schicken Art Deco Hotel.

Ganz Anderes zeigt die kleine englische Tapeten- und Stofffirma Miss Print. Aber auch sie hat sich dem kleinen Feinen und der sorgfältigen manuellen und nachhaltigen Produktion verschrieben.

Lee Drury von Miss Print erklärt mir den Namen: «Ich war ein Punk in den 70er-Jahren und der Name kommt aus dieser Zeit und passt zu uns!» Mit uns meint er seine ganze Familie, die zusammen die Firma hat. Er erzählt, dass er sein ganzes Leben für die British Gas gearbeitet habe und 2005 wegrationalisiert wurde. Mit seiner Abfindung und der plötzlich gewonnenen Freizeit gründete er zusammen mit seiner Frau, einer Textildesignerin, die Firma, in der mittlerweile auch eine der beiden Töchter arbeitet. Die zweite Tochter fotografiert die schönen, bunten Retrotapeten und Stoffe. Seine Liebe zum skandinavischen Design und die Tatsache, dass er schon von jung auf immer alte Muster gesammelt hat, beeinflussen die aparte Kollektion stark.

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Ein anderer aussergewöhnlicher Aussteller ist die kleine, französische Manufaktur Antoinette Poisson, die sich spezialisiert hat auf Tapeten und Papiere, die nach alter Tradition von Hand hergestellt werden. Die bedruckten Papiere heissen Papiers dominotés und wurden benutzt, um zum Beispiel Kisten, Schränke oder Schubladen auszukleiden. Antoinette Poisson restauriert aber auch alte Tapeten, nimmt Aufträge in Interior Design entgegen und hat auch Wohnaccessoires wie Kissen im Angebot. 

Einer meiner französischen Lieblinge ist die Firma Ibride. Sie kreiert einzigartige, märchenhafte Möbel und Wohnaccessoires, wie zum Beispiel dieses Steinbock-Regal.

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Die tollen Kissen von Silken Favours London hat Sweet Home schon einmal vorgestellt. Nun habe ich aber die glamouröse Vicki kennen gelernt, die diese fantastischen Seidenkissen und Foulards kreiert. 

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Vicki hat ihre kleine, exklusive Kollektion mit fröhlichen, sommerlich anmutenden Stücken wie Karpfen, Melonen oder Kakteen erweitert. 

Die alte Technik Decoupage hat John Derian neu entdeckt und perfektioniert. In seiner kleinen Werkstatt in New York kreiert er Teller, Schalen oder Briefbeschwerer, deren Motive Ausschnitte von alten Drucken sind. Jedes Stück ist ein Einzelstück.

Auch klassische Handarbeitstechniken können neue Formen annehmen. Das beweist die Niederländerin Anne Claire Petit schon seit einer ganzen Weile erfolgreich. Ihre gehäkelten Puppen und Tiere sind mittlerweile Klassiker. Diesen Sommer wollen übergrosse Früchte, Hummer oder Fische einziehen. 

sweet homeDie niederländische Firma Pols Potten hat Handgemachtes von holländischen Designern im Angebot. Neu sind zum Beispiel Körbe mit Neonakzenten, schlichte Keramikschalen oder grosse Glasprodukte in starken Farben.  

Hinreissend sind bunte Berberteppiche aus Marokko. Diese hier von Afolki möchte man am liebsten alle gleich mit nach Hause nehmen. 

Und weil man auch von einer Messe gleich etwas heimtragen möchte, gibt es natürlich auch Shops, die Trends verkaufen. Allen voran der Monocle Shop, der sich chic mit kanariengelben Schweizer USM-Möbeln zeigt. 

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Gleichzeitig zu der Messe in Villepinte fand in der Stadt eine kleine Parallelmesse statt. Stoff- und Tapetenhersteller wie die französischen Haute-Couture-Stars der Branche, Pierre Frey, Brunschwig & Fils oder Zuber, zeigten ihre Kreationen, die nicht selten wahre Kunstwerke sind, in den eigenen Showräumen. Auch Schweizer waren dabei wie Christian Fischbacher oder Jakob Schläpfer. Erwähnenswert ist auch die deutsche Firma Sahco, die sich für den Anlass gleich neben Vivienne Westwoods Showroom eingemietet hat und neu die exklusive Kollektion von Bruno Triplet ins Sortiment aufgenommen hat. Sweet Home berichtet zu einem späteren Zeitpunkt über die wunderbaren Stoffneuheiten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10 Kommentare zu «Handwerkskunst statt Massenware»

  • Ruth sagt:

    Das letzte Photo gefällt mir besonders, eine witzige Strassendeco und ich bin schon gespannt auf weitere Infos zu dieser Messe. Die Teller von John Derian sind mir eher ein Graus, da ändert auch die Tatsache nichts, dass es Einzelstücke sind. Zur Technik, das sind keine Decollagen, sondern Decoupagen, von ausschneiden. Die Motive werden ausgeschnitten und aufgeklebt. Ja liebe Mütter tut das auch euren Töchtern nicht an.

    • déjà-vu sagt:

      die teller von derian gibts in paris aktuell bei conran shop zu kaufen. sieht wirklich sehr gut aus. wären sie nicht so schwer, hätte ich meiner tochter einen ‚fisch‘-teller geschenkt! und könnte ich fotos posten (mr adam, wie haben sie das hingekriegt?), dann sähen sie die tanzenden leuchten in der rue jacob auch by night! très joli!

  • Heidi Arn sagt:

    Haaha, Sonntagsfröhlichkeit mit den Nippes Ihrer Mutter :-)

  • filosof sagt:

    Adam Gretener: Ein altes chinesisches Sprichwort lautet: „Die Welt ist so bunt und lebendig, wie wir selbst sie uns machen.“ Für deine Mama hats gestimmt, sie war glücklich dabei. Jedem das Seine. Meine Kindheit: In jedem Zimmer eine andere, gemusterte Tapete. Darauf so alte Schinken wir röhrende Hirsche, Segelschiffe etc. Bis auf den heutigen Tag hasse ich Tapeten mit Muster.
    Bilder nur, wenns unbedingt sein muss und nur moderne, grosse. So ändert es sich immer von Generation zu Generation. Das Grauenhafte von dazumal scheint aber wieder im Kommen zu sein…

  • adam gretener sagt:

    Das Koi-Kissen ist ja noch schön. Aber soviel Nippes in der Wohnung würde mich in den Wahnsinn treiben. Meine Mutter hatte so ein Faible für Porzellanschühchen und Wandteller, vielleicht daher mein Trauma. Porzellan-Gänsefamilie im Bad, Kristall-Karäfchen noch nie benutzt, unspielbare Phantasie-Instrumente an der Wand, peruanische Teppiche an der Tapete, obwohl die gute Frau noch nie auch nur in der Nähe von Peru war.

    Liebe Mütter, tut das euren Söhnen nicht an.

    • déjà-vu sagt:

      werden sie vater, cher monsieur adam, dann können sie gegensteuer geben!

    • marie sagt:

      @mütter dieser welt: weiter so! denn das stärkt den charakter der söhne. und dieses trauma verarbeiten sie dann kochend und schlemmend. ich finde das super gut. danke übrigens.
      :)

  • marie sagt:

    der steinbock ist der HAMMER!

  • filosof sagt:

    Das Steinbockregal – phantastisch!

  • Irene sagt:

    Hallo!
    Ist das Steinbock-Regal von Ibride auch in der Schweiz erhältlich oder nur direkt beim Designer?

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