Mitten im Kreis 4

Mitten in einer typischen Kreis-4-Strasse, neben Bars, die auch am Tag Nachtleben vermitteln, Thairestaurants und Quartierläden steht ein hübsches, modernes Haus, gekonnt eingefaltet in eine gemischte, alte Häuserreihe. Hier haben wir den Schweizer Regisseur Stefan Jung in seiner eleganten und praktisch konzipierten Genossenschaftswohnung besucht, die er reduziert, männlich, aber sehr persönlich eingerichtet hat.

Fotos: Rita Palanikumar für Sweet Home

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Stefan Jung arbeitet als freischaffender Regisseur, er dreht viel für den Kulturplatz im Schweizer Fernsehen, hat eine eigene Firma namens real Film, dreht Auftragsfilme und ist gerade dabei, einen ersten, abendfüllenden Spielfilm auf die Beine zu stellen. Bei seiner Arbeit ist er viel auf Location. Das kann im Ausland sein, in den Bergen oder einfach irgendwo. Seine Wohnung mitten im Zürcher Kreis 4 ist sein Rückzugsgebiet, sein Zuhause seit fünf Jahren. «Das Haus ist ein Genossenschaftshaus», erklärt er, «aber emotional ist es meine Wohnung». Es sind sechs Parteien im Haus, im Erdgeschoss haben die Architekten des Hauses ihren Sitz. Stefan erzählt begeistert von dem Projekt, das Homelab heisst, denn es ist mitten in der Zürcher Wohnproblematik eine positive Geschichte. «Keine Spekulation», erklärt er, «also ist und bleibt die Miete zahlbar. Da das Haus mitten in einer Strasse gebaut wurde, in der man früher nicht mal vom Velo abgestiegen ist, ist es kein Familienhaus. Alle Parteien, die hier wohnen sind Paare oder Einzelpersonen. So sind auch die Wohnungen gebaut. Wir haben zum Beispiel nur ein Bad und ein WC und nicht, wie heute üblich, und für Familien auch praktisch, mehrere». Die Wohnung hat einen Grundriss, der nicht mehrere Schlafzimmer bietet, sondern einen grossen, offenen Raum auf zwei Ebenen, in dem auch die Küche eingebaut ist. Vorne ist ein grosser Balkon und im Schlafzimmer eine riesige Schrankwand. «In diesem Schrank habe ich wirklich alles was ich besitze», lacht Stefan, auch die Bücher, nach denen wir uns erkundigten. So wirkt die Wohnung stets aufgeräumt, ist einfach zum Putzen und strahlt eine unbeschwerte Grosszügigkeit aus.

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Der grosszügige Wohnraum befindet sich auf zwei Ebenen. Die obere Ebene benutzt Stefan Jung als Wohn- und Essraum, die untere als Büro und Atelier. An der Fensterwand hat Stefan ein langes Sideboard platziert. Die Ledercouch, der Holzstuhl und der runde Holzcouchtisch bilden eine gemütliche Sitzecke mit schöner Aussicht. Der Boden, hell und attraktiv, fällt auf. «Es ist ein Anhydritboden», beantwortet Stefan unsere Frage. Stefan erklärt uns seine Wahl der Möbel. «Das Wohnen in diesen neuen, eher kühlen Räumen, hat mir gezeigt, dass hier nur Naturmaterialien wirken. Also habe ich vor allem Holz und Leder gewählt, und Leinenvorhänge montiert. Das bringt dann eine gewisse Wärme. Metall ging gar nicht. Warmes Licht am Abend vermitteln auch die punktuell eingesetzten Leuchten».

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Durch die kurzen Vorhänge bleibt der Platz vor dem Fenster frei für Möbel, wie für dieses perfekt platzierte, lange und schmale Sideboard.

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Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich eine offene Küche und gleich daneben ein grosser Esstisch, um den verschiedene Stühle platziert sind. «Die Möbel sind alles Einzelstücke. Ich habe sie meist Secondhand gefunden, Freunden abgekauft und auch von anderen, früheren Wohnungen mitgebracht», kommentiert Stefan Jung seine Einrichtung. Er wartet immer, bis er das richtige Stück hat und hilft sich mit einer billigen Baumarktlöung aus, bis er genau das hat, was ihm gefällt.

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Die Vorhänge hat er absichtlich kurz gehalten. «Das gibt mir mehr Platz unter dem Fenster und vermittelt der Wohnung eine Leichtigkeit»,  so Stefan. Die Vorhänge oberhalb des Esstisches sind zum Beispiel aus bestickten Tischtüchern genäht, die er einmal in Madagaskar gefunden hat.

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Die kleinen Sachen, alle auf einem Silbertablett auf dem Tisch ausgestellt, sind Geschenke von Göttikindern, Fundstücke und Erinnerungen. Das Schildchen, das mit »Frei» angeschrieben ist, hat Stefan Jung zum Beispiel aus einem Gefängnis, in dem er mal gedreht hat, mitgebracht: «Ich fand es einfach zu ironisch, dass ein Frei- Schildchen in einem Knast hängt. Es hat da eine Zelle markiert, die frei war für einen neuen Gefangenen».

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Gleich beim Eingang begrüsst Stefans freundlicher Mitbewohner, der Marmorschneemann vom befreundeten Schweizer Künstler Peter Regli die Gäste.  «Er war mal eine Leihgabe, aber irgendwann konnte ich einfach nicht mehr ohne ihn sein. Der Schneemann wiegt über 300 Kilogramm und ist gar einen Tag vor mir in die Wohnung gezogen», so Stefan.

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Alle Freunde und Gäste lieben den freundlichen, gemütlichen Schneemann mit Blütenknöpfen und langer Nase, der im Eingang seinen Platz gefunden hat.

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Auf dem Couchtisch sind immer die aktuellen Lieblingsbücher, die anderen sind im grossen Schrank im Schlafzimmer.

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Klein, fein – aber unecht! Ein wunderschönes Landschaftsbild von Corot zieht die Blicke auf sich und spielt harmonisch mit der elegant geschwungenen, tulpenförmigen, antiken Stehleuchte.

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Wenig aber das Richtige – das ist Stefans Motto, wenn es ums Einrichten geht. Zwei andere Stücke, die schön zusammenpassen, sind der Holzstuhl, «von dem niemand weiss, wie alt er eigentlich ist» und die antike Wandleuchte mit der angerosteten Metallfassung.

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Stefan hat sein Büro auf der unteren Raumebene eingerichtet, zwischen Balkon und spannender Sicht auf das Strassenleben. Abgetrennt hat er den grossen Arbeitstisch mit einem Schubladenböbel, das einst in einem Damenlingeriegeschäft stand.

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Die oberste Ausstellungsfläche benutzt Stefan für seine Lieblingsstücke. Für uns wirken diese wie der Inhalt eines typischen Buben-Hosensacks oder der berühmten Schatzkiste unterm Bett.

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Eine andere Schublade zeigt Fotos, Bilder von Filmen und noch mehr Erinnerungsstücke.

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Vor dem Lingeriemöbel hat Stefan eine gemütliche Liege paltziert und ein kleines «Filmset». Das Möbelstück, die Tapete und der Teppich sind aus Wellkarton und waren mal ein Entwurf für ein Fimset. Nun sind sie Stefans kleine Installation, die Zuhausegefühl mit Filmarbeit verbindet.

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Der schönste Platz im Sommer ist der grosse überdachte Balkon, der eigentlich schon fast eine kleine Terrasse ist.

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Der Balkontisch war eigentlich ein klassischer Gartentisch mit Metallplatte. Stefan hat aber das Metall mit einer Holzplatte ausgetauscht, da dies einfach wärmer wirkt in der modernen Architektur.

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«Im Bad durften wir die Farben der Plättchen aussuchen», kommentiert Stefan Jung das frische Swimmingpoolblau. Auch hier wieder die kurzen Vorhänge aus einem Baumwollstoff.

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Für mehr Privatsphäre im Bad hat sich Stefan eine hübsche Idee ausgedacht: gemusterte Fenster. Seine Idee hat die gleiche Setdeisgnerin, die auch die Kartonmöbel geschaffen hat, umgesetzt.

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Zusammen mit den Vorhängen und dem Sonnenlicht entstehen wunderschöne Spitzenmuster, die auf Stoff, Boden und Möbel tanzen und die Strenge des Raumes brechen.

Stefans Webseite: real Film
Tipps aus Stefans Adressbuch: Architektur: Haustein, LaRoche Schedler Genossenschaftsprojekt: homelab Setdesign: Dessert Kunst: Peter Regli Stoffe: Barré

15 Kommentare zu «Mitten im Kreis 4»

  • Johnny sagt:

    very, very nice apartement! colors, furniture, decoration, just everything! :)

  • Sabina M. sagt:

    Sehr sehr schöne Wohnung! Kompliment!!!!

  • Christoph sagt:

    Echt coole Whg. und deren spartanischen Einrichtung gefällt ungemein. Die Möbel sind eine Zeitreise zurück, in die Kindheit.

  • GAbriele sagt:

    Was sind das für Böden, in der Wohnung und auch im Bad? Ist das Linoleum? Würde gerne mehr über dieses natürliche Material erfahren, das ja wieder recht in ist. vielen Dank

  • Hedi sagt:

    Hahaha, die Plättli im Bad erinnern mich sofort an: „…die Ente bleibt draussen!“. Scheint mir, Herr Jung hat viel Humor. ;-)

  • Nina sagt:

    Schön! Ich mag dieses Schlichte, Helle, Aufgeräumte (und dann noch die Naturmaterialien und persönlichen, ausgewählten Einrichtungsstücke – das i-Tüpfelchen!). Entspricht mir besser als die üblichen bunten oder vollgestopften Einrichtungsvorschläge, die sonst so hier die Runde machen (auch wenn sie meist sehr kreativ sind…). Schade, dass man keinen Blick ins Schlafzimmer werfen durfte!

  • neni sagt:

    einfach schön, man könnte auch Supercalifragilisticexpialidocious sagen…….!!!!

  • marie sagt:

    unglaublich schöne wohnung!
    …ob herr jung etwas dagegen hätte, wenn ich einziehen würde? herr jung ich bin eine gute köchin :-)

  • Rima sagt:

    Der Mann hat (fast meinen) Geschmack! Nur, bitte den Leuchter etwas tiefer hängen. Der klebt zu sehr an der Decke und das sieht komisch aus. Aber sonst, schön schlicht.

  • Stylewatch sagt:

    Einfach toll! Gefällt mir sehr! Alles! Deshalb hätte ich wahnsinnig gern auch noch einen Blick ins Schlafzimmer (resp. in den Schlafzimmerteil) mit dem grossen Schrank geworfen. Aber auf alle Fälle Kompliment!

  • Christof Vetsch sagt:

    Der Stuhl von dem niemand weiss wie alt er ist: Jörg Bally Saffa Stuhl ca. 1960

    • Rolf Thalmann sagt:

      Hier noch etwas präziser (von der Website des Museums für Gestaltung Zürich)
      Jürg Bally
      Armstuhl
      Doppelschalenstuhl (offizieller Name)
      Entwurf: 1955
      Eine zweimal in einem sehr engen Radius formgebogene Sperrholzplatte bildet den Sitz mit Armauflage, darunter ist die nach vorne gezogene Rückenlehne montiert. Der Stuhl, erstmals im Kunstpavillon der Ausstellung Saffa (1958) öffentlich in Gebrauch, wurde in verschiedenen Varianten hergestellt und vom Schweizerischen Werkbund mehrmals ausgezeichnet.

    • Christof Vetsch sagt:

      sorry, Jürg B. …..

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