Stilikonen 3: Charleston, das Haus der Bloomsbury Group

Zu den Bohemiens, wie sich die Künstler, Schriftsteller, Philosophen und Idealisten nannten, die sich Ende des 19. Jahrhunderts der Gesellschaft entzogen und nach neuen Lebensformen suchten, gehörten auch das Bloomsbury Set in England. Mitglieder der Gruppe waren unter anderen Virginia Woolf, Lytton Stratchey, E.M. Forster, Maynard Keynes, Duncan Grant und Vanessa Bell. Ihr Zuhause und Treffpunkt hiess Charleston, ein Landhaus in Sussex, welches mit seinen dekorativen Malereien und dem künstlerisch improvisierten Einrichtungsstil auch heute noch für viele eine Inspirationsquelle ist.

wkbnvs,M

Das Haus Charleston war das Zuhause von Vanessa Bell, der Schwester von Virginia Woolf, ihrem Mann Clive Bell, ihrem Liebhaber Duncan Grant und dessen Lover David Garnett. Sie führten einen für die Bohemiens typischen unkonventionellen Haushalt. Die Ehe von Vanessa und Clive war eine offene, beide hatten Liebhaber. Vanessa Bell hatte zwei Söhne von ihrem Mann Clive und eine Tochter von Duncan, Angelica, welche Clive Bell als seine eigene anerkannte. Angelica heiratete später, zum Horror ihrer Eltern, Duncans Ex-Freund David.

Vanessa Bell und Duncan Grant bemalten den ganzen Innenbereich des Hauses: Wände, Türen, Möbel und Wohnaccessoires. Beide arbeiteten zudem auf Auftragsbasis für den Omega Workshop, ein Projekt von Roger Fry, eines früheren Liebhabers Vanessas. Der Künstler und Kunstkritiker hatte mit Omega eine Designfirma gegründet, die Kunstgewerbe und Kunst anbot: Keramik, Textilien, Wandgemälde und ganze Inneneinrichtungen.

WV ms,x

Das idyllische Haus Charleston kann man heute als Museum besuchen und gar als Fotolocation buchen. Was von aussen wie eine Kulisse für einen gemütlichen Miss-Marple-Film aussieht, ist ein Gesamtkunstwerk, das zeigt, wie eine Gruppe von Menschen vor etwa 100 Jahren nach neuen Lebensformen suchte. Sie waren alle im viktorianischen Zeitalter geboren und aufgewachsen in üppigen, dunklen, überfüllten, repräsentativen Räumen. Die Gesellschaftsformen waren streng und persönliche Freiheit praktisch inexistent. Kein Wunder, fanden Künstler und Intellektuelle keinen Platz und suchten nach Neuem. Sie erfanden ein Land der Freiheit und nannten es Bohemia, nach dem Heimatland vieler Fahrender, die damals mit ihren farbigen Kleidern und bunten Wagen durch England zogen. Diese Farbenfreude und der Look der Zigeunerkleider war denn auch Inspiration für die Künstler. Die Bohème war durch Normverstösse in ihrer Lebensführung Rebellion, die Bloomsbury Group war da sehr früh und ganz vorne mit dabei.

Lewis Durham Kent News & Pictures Ltd (01622) 755133 outside the summerhouse in the thirtys Virginia sits by the open door (centre) with her house guests economist Maynard Keynes (right) and Angelica, Vanessa and Clive Bell.

Ein Bild aus den 30er-Jahren, das wichtige Bloomsbury-Mitglieder zeigt. In der Mitte sitzt Virginia Woolf, rechts von ihr der Ökonom Maynard Keynes. Auf der anderen Seite sitzt ihre Schwester Vanessa Bell zwischen Clive und Angelica.

sD,V ,msx

Der Einrichtungsstil von Charleston musste anders sein, als die düsteren, steifen viktorianischen Räume. Mit wenig Geld und viel Talent war Farbe für die Künstler, die das Haus bewohnten, das Naheliegendste. Vanessa Bell und Duncan Grant verzierten das Haus und bemalten Tapeten, Paravents, Stuckaturen, Fenstersimse, Türen, Schränke, Stühle, Tische, Decken.

48985-charleston-house-and-its-unforgettable-bloomsbury-group-interiors

Dekoration und Kunst verfliesst in Charleston zu einem Gesamtkunstwerk.

a,c b,a

Der Bloomsbury Circle war gedacht als eine Gruppe von Freunden, die Ideen austauschen, Zeit miteinander verbringen und Neues kreieren. Die Mitglieder der Gruppe wollten informell und freundschaftlich verbunden sein. Im Gegensatz zu den bürgerlichen Idealen Position, Einschränkung, Status und Erfolg waren ihnen persönliche Beziehungen, Nähe, Gefühle, Freude und Genuss wichtig. So brachen sie möglichst viele Tabus, manche auch ganz pragmatisch aus den eingeschränkten Möglichkeiten heraus. Trotz allem Sinn für Schönheit und Ästhetik stand Waschen und körperliche Hygiene nicht auf ihrer Favoritenliste. Die Männer liessen sich Haare und Bärte wachsen, die Frauen trugen lange Haare offen oder schnitten sie zu einem Bob. Weite, bunte Röcke und Schals waren beliebt und Männer trugen oft Ohrringe, man ging barfuss, in Espadrilles oder Sandalen. Frauen begannen, Hosen anzuziehen, und Männer versuchten es mit Röcken. All das wohlweislich in einer Zeit, in der Frauen Korsetts trugen, sich mehrmals am Tag umziehen mussten, täglich in Abendkleidern dinnierten und absolut keine Haut zeigten. Die Bohemiens waren die Vorbereiter des individuellen Stils. Mode war Ausdruck der Persönlichkeit, eine Möglichkeit zu zeigen, dass man anders war als die Masse.

sdkn <mx

Das galt auch für den Wohnbereich. Da viele Künstler und Schriftsteller Werke produzierten, die damals niemand wollte, prägte oft auch der Geldmangel den Lebensstil. In schwer heizbaren Räumen ohne warmes Wasser und Elektrizität war Kreativität und Improvisation gefragt. Bohemiens wohnten oft auf kleinem Raum oder im Atelier, in dem sie auch malten oder als Bildhauer arbeiteten. Das war in Charleston nicht so stark der Fall, da Clive Bell Einkommen aus einem Vermögen hatte. Aber auch in Charleston wurde gearbeitet: gezeichnet, gemalt und geschrieben. Es rannten Hühner durch den Garten und manchmal ins Haus. Die Bloomsbury Group wertete dekorative und bildende Kunst gleich und die beiden Maler Vanessa Bell und Duncan Grant benutzen das Haus Charleston sozusagen als Leinwand. Ihr Stil war geprägt vom Impressionismus und Fauvismus. Ihre Innendekoration ergänzten sie laufend. Kunstgegenstände und Prototypen fanden einen Platz auf Kamin- und Fenstersimsen, an den Wänden oder auf Regalen. Handgedruckte, gestickte oder gewobene Textilien wurden als Bezugstoffe für Sessel und Sofas eingesetzt.

svsm ,x

Vanessa Bell blieb bis zu Ihrem Tod in Charleston wohnen. Auch Ihr Sohn Quentin, der ältere Sohn Julian starb im spanischen Bürgerkrieg 1937, wohnte und arbeitet in Charleston als Töpfer, Künstler und Autor. Duncan Grant überlebte Vanessa Bell und hielt das Haus noch eine Weile, bis es ihm zu gross wurde. Heute ist Charleston eine Stiftung und wird als Kulturdenkmal erhalten.

sdv, sm

Detail einer Tür, die Vanessa Bell bemalt hat.

5 Kommentare zu «Stilikonen 3: Charleston, das Haus der Bloomsbury Group»

  • manuela vargas sagt:

    Grossartig….

  • barbara seiler sagt:

    sehr schön, ein Haus mit Charakter und Seele!

    Geldmangel ist zwar unangenehm, hat aber die durchaus positive Eigenschaft, alles Überflüssige gar nicht zuzulassen, sodass nur das Wesentliche übrig bleibt. :-)

  • Holly Golightly sagt:

    Ein wunderschöner Beitrag, vielen Dank!
    Ich liebe Sweethome.

  • Angelina sagt:

    Das Haus sieht von aussen wunderschön aus mit dem Grün herum!! Traumhaft!! Da komme ich mir vor wie in einem Jane Austen-Film! Innen wäre es mir ein bisschen zu viel von allem, die Bemalungen an der Türe sind jedoch sehr schön!

  • Franka sagt:

    Ich kann sehen, wie einem das gefallen kann, aber mir ist es zu unruhig, zu bunt und „laut“. Wenn ichs aber richtig verstanden hab, wars ein Startschuss für die individuelle Inneneinrichtung und das gefällt mir sehr :)

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.