Monumental wohnen

Als ich in Paris lebte, war das Palais d’Abraxas von Ricardo Bofill im Pariser Vorort Marne-la-Vallée mein absoluter Architekturliebling. Damals hatte die Postmoderne Hochsaison und das monumentale Gebäude war der architektonische Ausdruck eines neuen Stils. Die Moderne war zu Ende, alle Designs schienen bereits kreiert und die Popkultur der 70er-Jahre ausgeschöpft. So wühlte  man in der Vergangenheit nach Neuem und mischte Art déco und Pop. In London eroberten die New Romantics mit Piratenlook und Synthesizer die Musik- und Clubszene. In dieser Zeit versprach der Vorortspalast Glamour und eine neue Welt, oder mindestens eine neue Stadt. Der Bau ist inzwischen zwar Teil einer grauen Vorstadtwelt geworden. Doch versetzt er uns in andere Welten, Zeiten und Geschichten, vor allem in die 80er-Jahre.

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In den 80ern hatte man Grosses im Sinn. Die Wirtschaft boomte, und man musste Platz schaffen für die vielen Menschen, die in die Stadt zogen. So entstanden an den Stadträndern neue Städte. Ein Beispiel dafür ist Marne-la-Vallée ausserhalb von Paris. Die Stadt ist in verschiedene Sektoren aufgeteilt und war ein Tummelfeld für experimentelle Architektur. Das Espace d’Abraxas des spanischen Architekten Ricardo Bofill ist nicht das einzige postmoderne Gebäude. Genauso bekannt ist die Picasso Arena, mit ihren runden, im Volksmund als Camembert bekannten Gebäudekomplexen.
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Das monumentale Gebäude war von Anfang an umstritten. Einerseits wurde es als neue, andersartige und gar romantisch motivierte Archtektur bejubelt, anderseits als grössenwahnsinnig und unmenschlich verschrien. Auf 17 Etagen befinden sich über 600 Wohneinheiten, die zum Teil eine fantastische Sicht auf den Eiffelturm bieten. Balkone und Gärten gehören auch im Zentrum von Paris nicht zum urbanen Alltag. So gleicht denn diese formelle, strukturierte Gartenanlage eher einem Platz als einer Grünfläche.
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Symmetrisch, monumental und klassizistisch zeigt sich das aus vorfarbrizierten Elementen bestehende Wohngebäude.
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Rosa Architektur ist in Frankreich oft anzutreffen. So enthält auch das postmoderne Palais d’Abraxas rosa Fassadenteile. Wohnen in diesem Palast ist aber nicht ganz so romantisch wie «la vie en rose» und die Idee des Monumentalbaus.
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Wie eine Art Versailles mit Ghettoappeal wirkt Bofills Wohnkomplex in der Pariser Vorstadt. Was auf Bildern surreal und ästhetisch attraktiv wirkt, sieht im Wohnalltag anders aus. Die Gemeinde Noisy-le-Grand in Marne-la-Vallée hat bereits über den Abriss des Monumentalbaus diskutiert, denn die Architekturidee der 80er entspricht nicht mehr den Vorstellungen des neuen Milleniums.
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Der postmoderne Palast hat zwei Seiten: Eine glamouröse Idee und eine rauhere Realität, die hier in der Rückenansicht erkenntlich wird. Der Monumentalbau diente auch schon als Filmkulisse für Science Fiction. Der Film «Brazil» von Monty-Python-Mitglied Terry Gilliam spielt zum Teil in diesem Gebäude. Ein Grund, sich den Kultfilm aus dem Jahr 1985 wieder einmal anzusehen. Hier ein Auschnitt:

Keine Kommentare zu «Monumental wohnen»

  • Georg Stamm sagt:

    Solche postmodernen Experimentalsiedlungen gibt es auch in anderen franz. Städten, z.B. in Montpellier. Dabei fällt auf, dass abends dort kein Leben mehr ist und die Athmosphäre generell steril ist. Man geht in die Altstadt, dort vibriert es, dort sind die Menschen. Das Architektur- und Städtebauexperiment scheint gescheitert.

  • Iso Meyer sagt:

    So eine Hässlichkeit ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Hässlichkeit dieses Gebäudes, die so brutal ist, dass man sich sofort übergeben muss, ist ein neuer Beweis, dass die Postmoderne Scheisse ist. Sie ist nicht kulturgeschichtlich im Sinne eines Naturgesetzes gegeben. Sie wird von Leuten gemacht.

  • Daniel sagt:

    Hoffentlich sieht es wenigstens von innen atraktiver aus als von aussen?

  • Danielle sagt:

    Grauenhafte Geschmacksentgleisung, erinnert an sozialistische Wahnbauten oder noch Schlimmeres. Sowas kann sich nur ein Architekt mit Namen leisten, dann wird es ja dann auch gleich als etwas ganz Besonderes hochgestylt, das halt nur die Erleuchteten unter uns verstehen.

    • Thomas Maurer sagt:

      Danielle, Ihren Text könnte man 1:1 auf das Meiste anwenden, was hierzulande unter „Architektur“ verkauft wird. Natürlich immer schön mit dem Attribut „urban“ (welch‘ grässliche Worthülse!) versehen. Warten wir nur mal ab, bis der Kunsthaus-Erweiterungsbau fertig ist: Brutal-Architektur in ihrer hässlichsten Form. Um nur ein Beispiel zu nennen.

  • frank sagt:

    Sie können das Quartier Antigone in Montpellier besuchen: momentan ein lebloses Quartier ohne Identität. Letztlich ein grandios gescheitertes Experiment für eine Stadtbelebung. Vielleicht verändert sich die Sichtweise auf Bofill’s Architektur in 10-20 Jahren, dann gelten seine Bauten ev. als Architektur Ikonen der Monumentalität. Hier und heute jedoch finde ich es grauenhaft.

  • Alain sagt:

    Der Philosoph Schopenhauer hat einmal geschrieben:
    „Die Natur ist schön anzuschauen – aber es ist nicht immer schön, ein Teil dieser Natur zu sein“.
    Trifft ev. im übertragenen Sinne auch auf die Bewohner dieser Monumentalbauten auch zu.

  • Alain sagt:

    Die Rückenansicht zeigt leider einiges – nicht unüblich in Frankreich.
    Vorne „Glamour“ – hinten vielfach „Bonjour tristesse“ …
    In der früher noblen Stadt Fontainebleau ist es auch so…

  • Manfred sagt:

    Schon bei einer Besichtigung im Jahr 1990 sah man die schlechte Bauqualität, bröselnde Fassaden, abgefallene Elemente, schief in den Angeln hängende Eingangstüren. Solches war auch beim optisch interessanteren Bauprojekt namens „Camenbert“ zu sehen.

  • Filo Sof sagt:

    Faszinierend! Ungewöhnlich! Habe ich noch nie gesehen. Hätte nur zu gerne auch gewusst, wie es innen aussieht und was für Leute drin leben.

  • Heidi Merz sagt:

    Ich auch. Und ich hätte gerne Innenansichten gesehen.

  • Einfach nur grässlich, Ceaușescu lässt grüssen!

  • Alfred sagt:

    Tristesse, verpackt in hohle Gesten. Man pfercht Hunderte in einen Kaninchenstall, der wie ein Schloss aussieht. Zynischer geht’s wohl nimmer.

    • Richi sagt:

      Na, bei unseren Neubau-Quartieren sieht es ja nicht viel besser aus: Man pfercht Hunderte in einen Kaninchenstall, der heute halt wie ein Kaninchenstall aussieht! Würde mich schon interessieren, was die nächsten Generationen unsere neuen Wohnsilos dann beurteilen…

    • lukas sagt:

      finde die idee dahinter faszinierend, das resultat kann in meinen augen leider einen leicht gewalttätigen beigeschmack von despoten-architektur nicht abschütteln

  • Snilek sagt:

    Ich finde diesen Komplex immer noch viel schöner als manche Wohnblockquartiere.

  • matthias brügger sagt:

    Vielen Dank für den Beitrag , habe den Komplex fast schon vergessen!
    Mehr noch als diese Arbeit von Bofill würde ich gerne wieder mal sein Büro-Gebäude sehen, in welcher seine Firma untergebracht ist: es ist die Umwandlung eines alten Zementwerks in eine moderne Architektur-Fabrik, gebaut in Silotürmen.
    Falls Ihnen die Ideen mal ausgehen sollten, wäre ich Ihnen dankbar um diese Fotos!

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