Einmal ganz normal, bitte!

Kein Skandi-Look, kein Boho, kein Eklektizismus: Traditionelle, klassisch-moderne Einrichtungen sind gerade wieder sehr hoch im Kurs.

Kürzlich hat eine Freundin bei einem Schwatz gemeint: «Die Jungen, mit denen ich arbeite, sind sehr talentiert, selbstsicher, aber ein bisschen bieder.» Mit ihren Listen, ihrer Korrektheit, dem Pünktlich-Feierabend-Machen und einem gut ausgeklügelten Karriereplan könne sie mit ihrer eigenen, eher spontanen Art nicht immer mithalten.

Der traditionelle Zugang zum Leben macht sich auch sonst im Alltag bemerkbar. Man trennt die Arbeit von der Freizeit, macht Sonntagsausflüge, trägt Schuhe, mit denen man auf dem Boden bleibt, und Mode, die nicht auffällt. Und auch beim Wohnen sucht man nicht nach den coolen Dingen, nach Eklektizismus oder nach Unverwechselbarem, sondern geht auf Nummer sicher: Neutrale Farben, ein solider Stil, ein grosses Sofa in der Stube, der Couchtisch brav davor. Am Tisch passen alle Stühle zusammen, das Bett hat ein Kopfteil, und die Fenster tragen Vorhänge. Man sehnt sich offenbar nach einem normalen, geordneten Leben und einem schönen, ruhigen Zuhause. Zara Home, immer schnell dabei, wenn es ums Nach- und Mitmachen der neusten Trends geht, nimmt diese Tendenz mit einer Stilrichtung auf, die die Ladenkette «Timeless» nennt. 

Modernität zeigt sich elegant

Diese Zeitlosigkeit hat im Vergleich zur ebenfalls braven Hipster-Bewegung viel Eleganz. Man sortiert die Bücher nicht mehr nach Farbe, sondern ordnet sie themenbezogen und gemischt mit Wohnaccessoires ins Regal. Die Möbel sind grosszügiger als die Skandi-Lieblinge der Kinfolk-Anhänger und werden gerne – «comme il faut» – paarweise eingesetzt. Verarbeitung, Material und Natürlichkeit bleiben wichtige Werte. Man schaut sich eher wieder bei edleren Möbelmarken um, denn Komfort wird grossgeschrieben. Es sitzt sich eben gemütlicher im grossen, eleganten Sessel und auf dem ausladenden Sofa statt im Retrosessel auf Holzbeinen oder auf der kleinen Couch, bei der die schmale Sitzfläche kein Liegen erlaubt. Auch gehören hübsche Kissen und edle Plaids auf die Sitzmöbel. (Bild über: The Design Chaser, das Foto und die Wohnaccessoires sind von Città

Die Anmutung ist hell und freundlich

Hell, freundlich und möglichst neutral ist die Wohnung des Moments. Damit sichert man sich ab und setzt auf Langfristigkeit. Schön wohnen ist zwar gross im Trend, aber nicht mehr trendy. Die Wahl ist für viele eine Qual. So werden tausend angesagte Stile oder strenge Influencer-Diktate häufig mit der Wahl von ganz Normalem übergangen. Dieses Normale lässt mehr Platz zum Atmen, befreit – und macht ein Zuhause möglich, das man sich für sich und seine Liebsten wünscht. (Interiordesign: Avenue Design Studio)

Alles steht am richtigen Ort

Dabei stellt man die Möbel auch wieder dahin, wo sie hingehören. Klar, dass dabei auch die klassische Raumverteilung mit Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Esszimmer wieder gilt. Kein Mix und vor allem keine Experimente! Die Möbel rücken brav an die Wand, von Eckgruppen und grossen Sofas wird Liegekomfort erwartet und von Couchtischen, dass sie genügend Ablagefläche für Bücher, Blumen und einen Drink bieten. Wie schön ganz normale Klassik aussehen kann, zeigt dieses Beispiel der dänischen Einrichtungsfirma House Doctor.

Der Stil ist warm, aber unauffällig

Der unaufgeregte Wohntrend ist durchaus gemütlich und hat ein warmes Herz. Denn er beruhigt und bietet eine eher neutrale Umgebung, die Platz lässt zum Sein, um die Seele baumeln zu lassen, um Freunde zu treffen und sich wohlzufühlen. Auch ist er anpassungsfähig. So passt normales Wohnen in alle Wohnungen. Egal ob man nun eine Klötzliparkettwohnung hat, ein Altbaureich sein eigen nennt oder im Betonhaus zu Hause ist. Die klassische Moderne wirkt überall gleich gut. (Bild über: The Design Chaser, das Foto und die Wohnaccessoires sind von Città)

Die Details sorgen für Gemütlichkeit 

Ein wichtiger Aspekt der neuen Normalität im Einrichtungsbereich ist die Liebe zu Kleinem und Schönem. Die Menschen, die sich in dieser Art einrichten, lieben die Schönheit. Es handelt sich hier – nicht wie bei der Hipster-Community – um die Zurschaustellung einer Ideologie, sondern um den Rückzug ins Private. Tritt man bei Freunden ein, die hübsch, hell, dezent und traditionell wohnen, tragen diese weder Adiletten noch goldene oder grellgrüne Birkenstocksandalen. Es baumeln keine Spinnenpflanzen in einem Makramee-Korb von der Decke, und man muss keine Mottos in hellen Holzrahmen lesen. 

Dafür stehen Körbchen auf der Kommode oder dem Fenstersims, in denen Karten, Schmuck oder irgendwas Hübsches vom letzten Waldspaziergang liegen. Leuchten mit Lampenschirmen strahlen warmes Licht aus, dank Leinenkissen sitzt man auch auf einem Holzstuhl oder dem Fenstersims weich. Auch gelesene Zeitungen liegen da – nicht zur Dekoration, sondern weil man sie wirklich gelesen hat und später vielleicht noch weiterblättern will. (Die Wohnaccessoires sind von der dänischen Einrichtungsfirma House Doctor.)

Natürliche Farben und edle Materialien sind Ehrensache

Was die neuen Einrichtungs-Traditionalisten von der Hipster-Welle jedoch mitgenommen haben, ist die Nachhaltigkeit. Die Liebe zum Echten, zur sorgfältigen Verarbeitung und zur Natürlichkeit. So sind Naturfarben in allen Schattierungen, Naturmaterialien und gutes Handwerk bei der Wahl von Möbeln und Wohnaccessoires ausschlaggebend. (Diese Baumwolldecke und die Leinenkissen sind von &Tradition.)

Schlafen mit viel Hotelchic …

Langsam ist fertig lustig für zerknitterte Leinen. Hat man solches, bügelt man es wieder. Im Bettwäschebereich drängen sich edlere Wäschestile auf die begehrtesten Plätze. Sie zeigen Stickereien, Muster und Farben. Man mischt und kombiniert, aber auf eine erwachsene, gepflegte Art. Vorbilder sind dafür elegante Hotels und der Chic, mit denen Hotelzimmer eingerichtet sind. (Diese Bettwäsche ist von H+M Home.)

… sanft und ruhig

Ein Schlafzimmer im neuen normalen Stil ist ein ruhiges, elegantes Refugium. Da sorgen Vorhänge und Teppiche, sanfte Farben und ein schön gerichtetes Bett für Komfort und Schönheit. Edle Leuchten stehen auf beiden Seiten des Bettes, es gibt Tagesdecken, Kopfteile, Bänke am Bettende, Bilder an der Wand, einen Boudoirtisch und einen Sessel zum Ruhen und Kleider ablegen. (Bettwäsche und Wohnaccessoires von Zara Home.)

Klassiker kommen gut an

Wo Tradition wichtig ist, haben auch Klassiker ihren Platz. So wählt man, wenn es ums Design geht, Bewährtes aus und integriert dies auf selbstverständliche Art in die Einrichtung. Designermöbel oder Designerleuchten (wie hier von Vitra) werden nicht als Hingucker genutzt. Sie werden untergemischt und als das, was sie sind, eingesetzt – nämlich als Gebrauchsgegenstände. (Bild über: In Bed Store)

Trendstücke können praktisch sein

Beliebte Trendstücke gibt es natürlich auch. Gekauft werden aber nur solche, die man brauchen kann. Also keine wahnsinnig speziellen Blickfänger, sondern praktische Stücke wie Bänke, Kleinregale, Boxen, Dosen oder Körbe. (Alles von Ferm Living.)

Ordnung hat Stil

Eine Wohnung im diskreten, modern-eleganten Wohnstil ist immer aufgeräumt. Nicht, weil man bei anderen gut dastehen möchte, sondern weil man es ganz einfach immer schön haben möchte. Man ist stolz auf seine Wohnung und kommt gerne nach Hause. Homeoffice ist beliebt und jetzt noch viel beliebter. Und man weiss: Attraktive Wohnaccessoires sehen ganz einfach nicht so toll aus, wenn sie voller Staub sind. Zudem wird Wohnen und Arbeiten leichter und vergnüglicher, wenn alles da ist, wo es auch sein sollte. (Bild über: The Design Chaser)

Der Alltag wird gefeiert

Tischdecken und schönes Geschirr statt Holzplättchen und Keramikschälchen. Ein feines, selbstgekochtes Menü statt Smoothiebowl, Kuchen und Tee. Cocktails auf dem Balkon. Wer gerne wohnt, zelebriert den Alltag. Es braucht nicht für alles Besondere Gäste oder ein Instagram-Posting. Zwar lädt man gerne ein, postet auch mal ein Foto von den Ferien oder dem Hund, aber man pflegt, würdigt und geniesst das Privatleben. (Bild: H+M Home)

Alles ist hübsch …

Die kleinen Ecken und Nischen, der Frühstückstisch in der Küche: Alles ist hübsch, proper, liebevoll zusammengestellt und lädt dazu ein, überall in der Wohnung zu wohnen. (Bild über: Découvrir l’endroit du décor, Quelle: Bjurfors)

… und bietet viel Platz zum Leben

Da kommen wir wieder an den Anfang dieser Wohntrend-Geschichte zurück: Im Kern geht es stets um die neue, alte Erkenntnis, dass es sich schön und entspannt leben lässt, wenn man auf Tradition, Eleganz und Unaufgeregtes setzt. Ganz normal zu wohnen, bietet viel Platz zum Leben. Es vermittelt Beständigkeit und lässt zugleich Veränderung zu. (Interiordesign: Leanne Ford.)

Credits: 

Shops und Kollektionen: H+M Home, Ferm Living, In Bed Store, Zara Home, &Tradition, House Doctor, Zara Home, Città
Blogs und Magazine: Découvrir l’endroit du décor, The Design Chaser
Interiordesign: Leanne Ford 
Immobilienagenturen: Bjurfors

 

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