Jetzt wird Wohnen noch wichtiger

Das Zuhause erhält gerade eine völlig neue Bedeutung. Oder doch nicht?

Werden Sie zum Homebody

Vor vielen Jahren las ich einen Artikel im Magazin einer englischen Wochenendzeitung. Ich weiss nicht mehr, ob es der «Sunday Telegraph» oder die «Sunday Times» war, aber es war die erste Geschichte, die ich über das Phänomen «Homebody» gelesen habe. Wahrscheinlich gab es auch damals eine Rezession, aber die Welt war trotzdem nicht so voll mit schrecklichen News wie heute. Man konzentrierte sich einfach auf das, was man halt tut, wenn es gerade nicht so rosig ist – und machte dies zum Trend. Der Artikel begann so: «When your too cool to mingle, stay home with a Pringle.» Gemeint waren natürlich nicht die künstlich anmutenden Chips aus der Kartonrolle, sondern die schicken schottischen Kaschmirpullis. Der Artikel beschrieb, wie cool es ist, daheim zu bleiben, statt auszugehen, und was einen echten Homebody zum Trendsetter macht. Wie gesagt, damals war alles nicht so ernst und streng. Dieses gemütliche, inspirierende Zuhause auf dem Bild oben gehört übrigens Alix Thomson, entdeckt auf dem stylischen Blog von Garance Doré.

Kümmern Sie sich um Ihre Lieblingsdinge

Das Zuhause, das Zuhausesein und damit das Wohnen sind jetzt von sehr grosser Bedeutung. Während ich diese «Sweet Home»-Bloggeschichte schreibe, kommt mein Mann regelmässig herein mit immer neuen schrecklichen Nachrichten, die er im Fernseher sieht und hört. Die Sonne scheint zum Glück gerade in die Wohnung, und unser Hündchen Miss C. schläft friedlich an einem sonnigen Platz (schauen Sie hier). Ich habe das Haus mit Osterglocken und Forsythien geschmückt. Auch der Kühlschrank ist voll – vielleicht ein bisschen voller als sonst. In den letzten Tagen putzte und räumte ich tüchtig. Das beruhigt mich immer, wenn ich verunsichert bin, weil es mich mit der Wohnung verbindet, den Dingen, die wir haben, und dem Leben, das mit diesen Objekten verbunden ist. Es ist auch die Eroberung der eigenen, kleinen Welt. Dabei habe ich natürlich viel zu tun, denn unser Zuhause ist alles andere als minimalistisch eingerichtet. Wir haben viele Sachen, und diese sind ein Teil des Glücks. (Bild über: Fox and June

Werden Sie kreativer

Anderen bringt die Reduktion Glück. Als Maximalistin finde ich das zuweilen sehr attraktiv und fotogen, aber tief im Herzen verstehe ich es nie so ganz. Was tut man bloss den ganzen Tag zu Hause, wenn es keine Bücher hat, keine Zeitschriften, keine Stoffe, Bänder, Perlen? Kreatives Schaffen hilft meiner Meinung nach in vielen Situationen. Beginnen Sie mit einem Moodboard. So nennt man eine Wand, die mit inspirierenden Dingen behängt wird. Kreativschaffende finden damit oft zu einem neuen Projekt. Zu Hause können solche Moodboards Fenster in andere Welten sein. Schneiden Sie aus Zeitschriften Bilder aus, die Sie beflügeln – und Ihnen Lust machen auf etwas Neues. Vielleicht vermitteln diese Bilder auch einfach eine gute Stimmung. Auch Fotos und andere Dinge eignen sich dafür. Wer es lieber privater mag, kann auch die Innenseiten von Schränken schmücken. (Bild über: Sight Unseen

Wie wärs mit mehr Komfort und Schönheit?

Schön zu wohnen, hat mehr mit Komfort zu tun als mit Dekoration. Aber das eine zieht das andere nach sich. Geben Sie Ihren Sitzmöbeln Ablagen: Kleine und grosse Tischchen, Satztischchen oder Poufs sind gut dafür geeignet. Manche Beistellmöbel sind nicht nur praktisch, sondern auch dekorativ. Vielleicht haben Sie wie ich viele Stoffe unvernäht im Schrank? Dann ist jetzt eine gute Zeit, einige Kissen neu zu beziehen. Das gibt Ihrem Sofa nicht nur neuen Pep, sondern macht es auch kuschliger. Ich bin auch daran, die Bilder besser oder schöner aufzuhängen und eventuell alte Rahmen mit tollen Farben zu lackieren. Einfacher, als Bilder immer wieder neu zu hängen, ist es aber, sie in einer Wechselausstellung auf Bilderleisten zu platzieren. (Bild und Interiordesign: Avenue Designstudio

Schwelgen Sie in Erinnerungen

Nostalgie ist ein schönes Gefühl. Es verbindet. Fragen Sie Ihre Liebsten öfter mal: «Weisst du noch?» Das macht mein Mann David gerade auffällig oft. Zum Beispiel: «Weisst du noch, dass Miss C. gleich wieder rauswollte, als sie das erste Mal in diese Wohnung gekommen war?» Wir zeigten dem damals noch ganz jungen Hündchen voller Stolz sein neues Reich. Die Wohnung war noch leer, und wir nahmen schon mal ein Bettchen für sie mit. Wir waren überglücklich, dass wir diese schöne Wohnung, die nur hundert Meter von unserer alten Wohnung entfernt liegt, gefunden haben. Dort mussten wir raus, weil das Haus für ein Luxusprojekt abgebrochen wurde. Miss C. dachte wohl, dass wir sie einfach in diese grosse, leere Wohnung bringen und dann gehen. Als wir kurz darauf einrichteten, haben wir vieles so gestellt, dass es für Miss C. wunderbar war – und dafür für uns vielleicht nicht ganz so stylisch oder clever. So steht zum Beispiel ein Sofa direkt am Fenster, damit der kleine Hund aufs Sofa und dann auf den Fenstersims springen kann. Dort ist sein Thron mit Sicht auf den Garten. Mein Mann bekam ein Zimmer als Männerbude, die vielleicht auch hübscher sein könnte. Aber das bisschen Höhlengefühl, das der Raum vermittelt, tut ihm dort gut. Mein Arbeitszimmer strichen wir pink, und den grossen Schrank darin nutze ich als Moodboard. Wohnen ist eben nicht bloss eine Stil- oder gar Statusfrage, sondern die Quintessenz vom Zuhausegefühl. Die hübsche Idee, Lieblingsfotos in einer Schale aufzubewahren, stammt vom Interiordesignstudio Tali Roth.

Souvenir-Liebe

«Weisst du noch?»-Fragen betreffen nicht nur Momente oder Fotos, sondern auch Dinge, die man gefunden hat. Oder zu denen man einfach eine besondere Beziehung hat: Muscheln vom Strand der wunderschönsten Ferien «ever», Glücksbringer, Kitsch, der glücklich macht, und vieles mehr. Haben diese Objekte nicht so sehr viel mehr Wert als ein todschickes Stück, das überall auf Instagram auftaucht? (Bild über: In Bed Store

Lieblingsplätze für alle

Haben Sie Lieblingsplätze? Und wenn ja, welche? Es gibt eine Redensart, die sagt: «Wenn Sie den besten Platz im Haus suchen, dann müssen Sie den Hund verjagen.» Hunde haben tatsächlich den natürlichen Instinkt – man kann es auch Weisheit oder Selbstliebe nennen –, jenen Platz auszuwählen, der am gemütlichsten, sonnigsten, wärmsten oder zentralsten ist. Lernen wir von ihnen, und finden oder kreieren wir solche Plätze in der Wohnung auch für uns und unsere Liebsten. (Bild über: My Interiorescape on Instagram

Geben Sie sich dem Fernweh anders hin

Wenn man wie jetzt nicht mehr viel unterwegs sein kann – und noch viel weniger reist –, dann ist die Vorstellung vom Unterwegssein besonders attraktiv. Ich lese in solchen Momenten gerne Bücher, die mich wirklich entführen: in andere Welten, andere Zeiten oder in ein anderes Leben. Auch Kochbücher mit Rezepten aus anderen Kulturen finde ich besonders attraktiv. (Bild über: In Bed Store)

So brachte ich von meiner letzten Shoppingtour im Supermarkt Tacos, Avocados, Koriander oder Limetten mit. Ich experimentiere mit mexikanischem Streetfood für den Hausgebrauch herum. Dazu presse ich die herrlichen Tarocco-Orangen aus Sizilien und schaue mir «The Durells» an, eine Mini-Fernsehserie über das Bohème-Leben der exzentrischen Familie von Gerald und Lawrence Durell auf Korfu.

Zufrieden sein mit dem, was man hat

Wenn ich mit Miss C. durch die Stadt spaziere, dann schaue ich mir immer die Häuser an, während mein Hündchen mit Begeisterung an irgendetwas herumschnuppert. Es gibt fantastische Häuser in Zürich. Dann stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, darin zu wohnen. Das Resultat ist immer ein völlig anderes Leben. Und das will ich nicht. Ich liebe mein Dasein, auch wenn es, wie die meisten Leben, seine Ecken und Kanten hat. Dasselbe Bewusstsein kommt bei den vielen fantastischen Interiorbildern und absolut perfekten Instagram-Welten auf. Es ist schön, dass es sie gibt, die Villen, die glamourösen Lebensstile, die tollen Ideen – sie inspirieren zu Neuem, Anderem. Aber zufrieden sein mit dem, was man hat, ist ein viel grösseres Glück. (Bild über: Historiska Hem)

Buchtipp 

Zu diesem Thema gibt es das fantastische Buch «A Gentleman in Moscow», das auch auf Deutsch erhältlich ist. Es gehört zu jenen Büchern, die man nicht weglegen kann. Gekauft habe ich es einfach so, weil mir der Umschlag gefiel. Wie auch das Zitat: «A life without luxury can be the richest of all.» Der Satz ist eine Herausforderung für eine Stylistin, die immer auf der Suche nach dem Schönsten und Besten ist, dieses oft sieht – und all das erst noch in die Hände nehmen kann. Amor Towles‘ Geschichte erzählt von einem russischen Aristokraten, der nach der Revolution in einem Luxushotel unter Hausarrest gestellt wird. Seine Welt wird immer kleiner – und gleichzeitig grösser. (Bild: MKN)

Credits: 

Blogs und Magazine: Sight UnseenFox and June, Doré
Shops und Magazine: In Bed Store
Instagram: My Interiorescape
Immobilienagenturen: Historiska Hem
Interiordesign: Tali Roth, Avenue Designstudio

 

12 Kommentare zu «Jetzt wird Wohnen noch wichtiger»

  • Berlinliebt sagt:

    …wieder wunderbar aufs Wesentliche gebracht und ein Plädoyer für Persönlichkeit statt Massenhype. Dazu passt auch der Hinweis auf das umwerfende Buch von Amor Towles! Zauberhaft, danke!
    Herzliche Grüße aus Berlin.

  • Apartamento sagt:

    Mir gefällt, dass Sie nicht dieses absolut reduzierte Wohnen propagieren, sondern das man auch gerne üppig seine vier Wände dekorieren kann, ohne das man gleich als Messi taxiert wird. Weiterhin alles Gute …

  • marlise und roland mit balzac sagt:

    liebe marianne,
    dein blog heute ist unschlagbar geschrieben.
    diese unglückliche zeit treibt uns an für gemütlichkeit und das schätzen einer wohlwollenden pantoffel.
    tragt sorge zu euch, bleibt gesund und auf ein wiedersehen.
    love spirigs

  • Andrea sagt:

    Danke für diesen Artikel, wir müssen nur ein wenig die Perspektive verändern und im vermeintlich negativen das positive finden. Das ist Ihnen hier auf jeden Fall gelungen. Alles Gute und bleiben Sie gesund!

  • madame choufleur sagt:

    sooo wunderbar und es passt – auch zu mir. so hat jeder seine prioritäten, vorstellungen und wünsche – was auch macht, dass ich mich immer wieder auf mein zuhause freuen – ohne wenn und aber. für mich die gelegenheit in altem und vergessenem zu kramen und dinge für ein paar wochen oder auch monate wieder in mein leben zu lassen. denke viel an die welche keinen rückzugsort haben, am kämpfen sind und immer noch hoffnung haben.

  • Sonusfaber sagt:

    Vielen Dank für den wunderbaren Beitrag, Frau Kohler!

  • Sigrid sagt:

    Danke, Sie sprechen mir aus dem Herzen!

  • Squirrel and Owl sagt:

    Liebe Frau Kohler

    Aaaahh, dieser wundervolle Blog wieder….. ich glaube, Sie sind meine Seelenverwandte….:)

    Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen Sonntag!

  • Spring sagt:

    Liebe Frau Kohler, danke für diesen schönen und persönlichen Text. Und danke all den Hunden, die unser Zuhause bereichern und unser Leben sowieso.

  • Alexandra sagt:

    Danke Frau Kohler für den Artikel. Ich werde versuchen auch aus meinem Zuhause , trotz Rückzug , Kontakte zu erweitern, das Altaegliche wertzuschaetzen, guten Erinnerungen einen Ehrenplatz zu geben und den Lieben zu danken fuer deren Dasein.

  • Sabine Pfeifle sagt:

    Liebe Frau Kohler Nizamuddin
    Ihre heutige Home Story ist wunderbar herzlich und ganz besonders persönlich. Ich finde, gerade in der momentanen Situation mit “Social Distancing” etc. berühren Ihre Offenheit und Ihre persönlichen Anekdoten. Die Inspiration, die Farben in den Fotos und die Lebensfreude, die Ihr Blog vermittelt, sind herzerwärmend und wohltuend – ich lese “Sie” wahnsinnig gerne. Vielen Dank!

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