Willkommen im Weihnachtswunderland

Weihnachtsmärkte, Lebkuchen und ein Städtchen wie ein Adventskalender – zu Besuch im Weihnachtsland Deutschland.

Als Kind kannte ich den Weihnachtsmarkt aus einem kleinen Pixiebüchlein. Es erzählte die Alltagsabenteuer von Susi und Thomas, und in diesem besagten Büchlein ging es um den Besuch der beiden auf dem Christkindlmarkt. Also war der typische Weihnachtsmarkt für mich eine Art Märchen aus einem für mich unbekannten fernen Land. Erst viel später, als ich in München wohnte, habe ich den Zauber eines solchen Marktes so richtig erlebt. Klar, gibt es auch in der Schweiz nun überall Weihnachtsmärkte, aber die sind ganz anders als ein echter Christkindlmarkt. Dieser gehörte in den Alltag meiner Münchner Kollegen und Freunde. Wir gingen nach der Arbeit auf den Markt, so wie die Engländer in den Pub gehen, tranken Glühwein und liessen uns von den an den Ständen angebotenen hübschen, feinen Dingen verführen. Es gab all die Leckereien und Weihnachtskunstwerke, die ich aus den Kinderbüchern kannte: Rote Zuckeräpfel, Lebkuchen, Strohsterne und Strohengel, üppig bemalte Kugeln und zauberhafte Spielsachen aus dem Erzgebirge. Grosse Weihnachtsmärkte gibt es in ganz Deutschland. Berühmt sind etwa der Nürnberger Markt oder derjenige aus Dresden. Dieses Foto zeigt den Weihnachtsmarkt in Quedlinburg im Harzgebiet. In diesem märchenhaften Städtchen beginnen wir unsere kleine Reise ins Weihnachtswunderland. (Foto: Jürgen Meusel)

In diesem für mich völlig unbekannten Städtchen war ich im Oktober, auf der Reise ins Bauhaus auf Einladung der Deutschen Zentrale für Tourismus. Ich dachte zuerst, ich lese nicht richtig, als ich das Programm der Pressereise bekam. Der Name klang nämlich eher so wie aus einem Harry-Potter-Buch. Und etwa so sieht die entzückende Stadt mit über zweitausend Fachwerkhäusern auch aus. Die Stadt hat viele Kriege unversehrt überlebt und die Häuser sind teils über 800 Jahre alt. (Foto: MKN)

Natürlich sanierte man viele Häuser, die unter Denkmalschutz stehen. Die wunderschönen Details wirken wie eine Art Architektur-Zuckerbäckerei. (Fotos: MKN)

So ähnlich wie in den Märchenbüchern entdeckt man beim Spaziergang durch die verwinkelte Altstadt schmale Gassen, Tore, Durchgänge und Aussichten, die bezaubern. Sie lassen an die Adventskalender denken, bei denen man sich beim Rätseln, was wohl hinter den Türchen und Fensterchen steckt, fantastische Geschichten ausdenkt. Aus den Spalten und Ritzen dringen Düfte hervor: Vanille von Pfannkuchen oder der gemütliche Duft von gerösteten Zwiebeln und Würsten. Die Altstadt hat nämlich viele kleine Cafés und Läden, die zum Pausieren oder Souvenirsuchen einladen. (Fotos: MKN)

Auch Grossartiges findet sich in der verwunschenen Putzigkeit. Das Rathaus etwa hat genügend Fenster, um als Sujet für einen Adventskalender zu dienen. Drinnen ist es mit spektakulären, kirchenartigen Fenstern ausgestattet, wobei deren farbige Glasscheiben das Licht in die Räume tanzen lassen. (Fotos: MKN)

Der grosse Rathaussaal ist mit Bildern bemalt, die die Geschichte der Stadt erzählen. Quedlinburg war nämlich einmal eine Blumenstadt. Zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert gewann die Stadt wirtschaftliche Bedeutung in der Saatzucht von Zier- und Nutzpflanzen. Mit den Kriegen, dem Kommunismus und der Wiedervereinigung verlor diese Industrie aber an Bedeutung. (Foto: MKN)

In vielen kleinen Geschäften macht man eine Art Zeitreise. So musste ich unbedingt diese Kasse in einem Bücherladen fotografieren. Uralt und voller Pennys ist sie etwas ganz anderes als die sich hier verbreitenden Self-Scan-Modelle. «Aber vieles, was heute als super trendy propagiert wird, hatten wir schon lange», erzählt mir die Verkäuferin, die in der DDR aufgewachsen ist. «So hatten wir schon immer Stofftaschen, pflanzten Gemüse im Garten und kochten meist vegetarisch.» Heute ist das Leben für sie härter, meint sie. Wie für viele andere, die in den Geschäften in der Altstadt arbeiten, sind auch für sie die Touristen die wichtigsten Kunden. (Foto: MKN)

Ich habe ein paar Bücher gekauft, von denen eines die wechselhafte Geschichte der Stadt in Bildern erzählt und das andere den Märchen, Sagen und Legenden des Harzgebiets nachgeht. (Fotos: MKN)

Wie aus dem Märchenbuch wirkt auch das Schloss auf dem Schlossberg, das ein Frauenstift war. Dieser bot unverheirateten Töchtern von adligen Familien und Witwen ein Zuhause. Die Frauen waren meist hochgebildet und verrichteten kunstvolle Handarbeiten. (Foto: MKN)

Heute ist der Samichlaustag. Bei uns hat der Samichlaus seinen Knecht Schmutzli dabei. In alten deutschen Kinderbüchern wird der Nikolaus aber vom Krampus begleitet, einem teuflischen Kerl. Meine Freundin Margit, die aus dem Südtirol kommt, erzählt mir immer vom Krampustag, der in ihrem Dorf am 5. Dezember gefeiert wird. Da toben die teuflischen Gestalten durchs Dorf und erschrecken mit schrecklichen Masken, Glocken, Lärm und Ruten die Kinder, Frauen und Passanten. (Foto: MKN)

Meine liebste Weihnachtsgeschichte ist E.T.A. Hoffmanns «Nussknacker und Mausekönig». Wie die meisten kenne ich die Geschichte von Tschaikowskys Ballett, das ich als Kind mitgetanzt habe. Ich kann mich an lange, heisse Sommernachmittage erinnern, an denen ich den Rosenwalzer immer und immer wieder repetierte, bis die Zehen blutig waren. An Weihnachten waren wir dann bereit für die grosse Aufführung im Theater 11. Alle waren wir verliebt in den Prinz, der toupierte Haare mit Goldstaub hatte. Für uns kleine Mädchen war das Pas de deux mit Klara und dem Prinzen der absolute Höhepunkt, den wir in unseren Tutus zwischen den Vorhangspalten voller Sehnsucht und Verzauberung anschauten. Die Geschichte, die Musik und das Ballett verbreiten für mich auch heute noch die allerschönste Weihnachtsstimmung! Noch lieber als das Original von Hoffmann habe ich die Version von Alexandre Dumas gelesen. Schon wie er das Weihnachtsessen mit Leberwurst und Lebkuchen beschreibt, ist ein grosses Weihnachtsfest. (Foto links: MKN, Foto rechts: Eric Schmid, Styling: Marianne Kohler Nizamuddin) 

Wer heute das Türchen von einem klassischen Adventskalender aufmacht, der entdeckt einen Nikolaus, einen Klausstrumpf oder den Inhalt eines Klaussackes. Die Adventskalender haben ihren Ursprung im 19. Jahrhundert und kommen aus der protestantischen Tradition. So zeigen sie nicht selten deutsche Städte und deutsche Märchenfiguren. Die schönsten sind meiner Meinung nach die, welche Schneepartien mit Silberglitter unterstreichen und beim Öffnen der Türchen eine neue Dimension eröffnen statt bloss ein Bildchen zu zeigen. Also wirklich in den Sack vom Samichlaus sehen lassen, in ein Zimmer hinter dem Fenster – oder einen Stern hinter der Wolke zeigen. (Foto: MKN)

Etwas vom Besten, was der Samichlaus in seinem Sack mitträgt, sind die Lebkuchen. Und die Könige dieser Pfefferkuchen kommen aus Nürnberg. Die Stadt war schon früh ein Kreuzungspunkt auf den Handelsrouten und kam so zu exotischen Gewürzen aus fernen Ländern. (Foto über: Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg)

Die klassischen Nürnberger Lebkuchen werden auf Oblaten gebacken und mit Zuckerguss, Mandeln oder Schokolade verziert. (Foto über: Congress- und Tourismus-Zentrale Nürnberg)

Was die echten Nürnberger Lebkuchen so fein macht, ist der hohe Anteil an Nüssen und Mandeln. Da der Name geschützt ist, ist das Rezept hohen Qualitätsansprüchen unterworfen und natürlich geheim. (Foto: MKN)

Wer Lust hat, dieses Jahr einen Weihnachtsbaum wie aus einem deutschen Märchen zu dekorieren, der bindet Lebkuchen, Pilzchen, Äpfel und Märchengestalten an den Baum. Letztere habe ich aus Märchenbüchern kopiert, auf Karton oder Glanzpapier geklebt und ausgeschnitten. Auch Geschenkpäckli lassen sich mit solchen Märchengestalten schmücken. Damit ein Geschenk wie ein Lebkuchen aussieht, packen Sie es in braunes Papier und verzieren Sie es mit Zuckerguss aus der Tube. (Foto: Eric Schmid, Styling: Marianne Kohler Nizamuddin)

Eine andere weltbekannte deutsche Weihnachtsspezialität ist der Dresdner Christstollen. Darin stecken ein kleines Kunsthandwerk und fantastische Zutaten. (Foto über: Schutzverband Dresdner Stollen e. V., Tobias Ritz)

Auch der Dresdner Christstollen ist ein geschütztes Produkt. Nur Stollen, die wirklich in Dresden zubereitet und gebacken werden, dürfen als solche verkauft werden. Auch die Rezeptur ist ein gut gehütetes Geheimnis und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Jeder Bäcker hat zudem seine eigenen Gewürze und Tricks, die seinen Stollen unvergleichlich machen. Dabei sind aber immer Rosinen, Marzipan, Orangeat, Zitronat, Mehl, Wasser, Hefe und reichlich Butter. Am Schluss des Backprozesses werden die sichtbaren Rosinen von Hand abgestreift, der Hefekuchen mit noch mehr Butter durchtränkt und mit Puderzucker umhüllt. (Foto: MKN)

Ein bäuerlich deutscher Weihnachtsbaum wird mit Spielsachen, Kugeln, Strohsternen, Äpfeln, Zuckerzeug und echten Kerzen geschmückt. Der Weihnachtsbaum wurde erst im 19. Jahrhundert populär und kommt auch aus dem protestantisch deutschen Kulturgut. Immergrün hatte aber schon in früheren Zeiten eine wichtige Bedeutung, denn es verkörpert Lebenskraft. (Bild über: The Fuller View)

10 Kommentare zu «Willkommen im Weihnachtswunderland»

  • Marusca sagt:

    Einfach zauberhaft das alles und das schönste, was ich hier je gesehen habe. Herzlichen Dank.

  • Gabriella Laura sagt:

    Sehr schöner Artikel. Frau Kohler, wo kann man diesen wunderschönen, weissen Nussknacker kaufen?

  • Maura Hanley sagt:

    Wunderschöne Märchenreise in mir unvekanntes Gebiet. Sie haben mich ‚wunderfitzig‘ gemacht. Herzlichen Dank für Ihre schöne Reise-Idee und Weihnachtsvorbereitungen.

  • Gabriella sagt:

    Ich kenne Quedlinburg sehr gut, da ich beruflich in der Umgebung zu tun habe. Ich habe mir dann auch einmal einen privaten Führer gegönnt und so die Stadt auch im Detail kennengelernt. Interessant ist auch die Geschichte des Otto I., welche in einen spannenden Roman (Haupt der Welt, R.Gablé) verpackt wurde.
    Die ehemalige DDR ist für Touristen ein Eldorado. Mit dem Solidaritätszuschlag der Westdeutschen wurde der Osten liebevoll restauriert. Ich kann Besuche da, nur empfehlen (Dresden, Meissen, Bamberg, Ostseeküste).

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