Kleine Wohnung – grosse Kunst

Die Galeristin Frédérique Hutter bringt in ihrer Zürcher Altstadtwohnung Charme, Kunst und Persönlichkeit zusammen.

Fotos: Rita Palanikumar für Sweet Home

Mitten im Sommer, mitten in der Altstadt, im grossen Brunnen vor dem Haus planschen die Kinder der Nachbarschaft – so sah ich Frédérique Hutters Wohnung zum ersten Mal. Der erste Eindruck bleibt, und das Wetter blieb auch beim Fotoshooting später im Herbst. Die Wohnung in einem alten Stadthaus aus dem 15. Jahrhundert ist klein, wirkt aber luftig und sonnendurchflutet. Die vielen Bilder an der Wand machen sie auch bei weniger Licht freundlich und interessant. Die Frau, die Kunst zu ihrem Beruf machte, nützt den beschränkten Platz perfekt aus und hat ein wunderbar elegantes und persönliches Zuhause geschaffen. Kein Wunder, wohnt sie schon viele Jahre hier. «Die Lage!», schwärmt sie. «Und dann ist ja noch der Swimmingpool vor dem Haus», erklärt sie lachend ihre Liebe zur Altstadtwohnung.  

Das gross sichtbare Bild an der Wand ist von Elisabeth Llach. «Ich habe es vor vielen Jahren gekauft und viel später zufällig die Künstlerin kennen gelernt und sie dann gleich ausgestellt. Wir sind inzwischen auch gute Freundinnen geworden.» Daneben hängt ein Werk eines anderen befreundeten Künstlers, Daniele Buetti, und darüber eine Zeichnung von Tracy Emin. 

 

Seit 25 Jahren arbeitet Frédérique Hutter in der Kunstwelt. Zuletzt führte sie als Direktorin die Galerie Katz Contemporary, die sie 2008 gründete. Dort hat sie in zehn Jahren über 50 Ausstellungen kuratiert und konzipiert. Jetzt führt sie ihre Tätigkeit mit einem neuen, erweiterten Konzept unter ihrem Namen Frédérique Hutter Art Concept ohne feste Ausstellungsräume und mit dem Fokus auf Beratung weiter. Ihr persönliches Lager Bilder und Skulpturen ist gross, denn nur kleinere Kunstwerke schaffen es in ihre Wohnung.

«Die Bilder wechsle ich

regelmässig aus. So kann ich immer wieder

mit neuen Lieblingen wohnen.»

Frédérique Hutter

So harmonisch, wie sich die vielen Bilder zueinanderfügen, stehen auch die Möbel im Raum. Es sind alles Einzelstücke. Und zu jedem hat Frédérique eine Geschichte. Genauso wichtig wie die Möbel und die Kunst sind für sie die Wohnaccessoires. Nichts dominiert oder stiehlt etwas anderem die Show. Alles trifft sich wie eine freundliche Gesellschaft von einzigartigen Persönlichkeiten im Raum. Auch hat alles genügend Platz, der wie ein Wunder für jedes einzelne Stück perfekt scheint. Aus Frédériques vielen edlen Glasvasen ragen wunderschöne Blumen heraus: «Ich habe Glück, meinen Lieblingsfloristen Urs Bergmann sozusagen vor dem Haus zu haben. Wir fanden heraus, dass wir beide aus dem gleichen Dorf kommen und gar denselben Lehrer hatten. Die Altstadt hat viel von einem Dorf: die kleinen charmanten Läden, die Nachbarschaft, die man kennt, eine alte Geschichte, und trotzdem ist man mitten in der Grossstadt.» Die lange Geschichte der Wohnung spürt man in den Details. Da sind Balken, tiefe Räume und gar ein Guckloch nach draussen, das gut getarnt zwischen den Bildern am linken Rand sichtbar ist. Öffnet man den hölzernen Laden, sieht man direkt nach draussen.

Nicht nur Kunst sammelt die Frau mit dem Sinn für Schönheit, Wert und Qualität. Dosen sind eine andere Sammelleidenschaft von Frédérique. Sie bringt sie von Reisen mit, bekommt sie geschenkt oder entdeckt sie irgendwo. Dabei sind Lackdosen aus Japan, eine Keramikdose von Grazia Conti Rossini, aber auch Schnupftabakdosen aus dem Appenzell. 

Das elegante, hellgraue, kubische Sofa hat Frédérique beim Einzug vor 20 Jahren in einem Möbelhaus gekauft. «Die Kissen aber sind aus Venedig», erklärt Frédérique. Die ganz unterschiedlichen Einzelstücke, die wunderschön entspannt und stilvoll zusammenkommen, machen den besonderen Charme der Einrichtung aus. Das tiefe, schlichte Holzregal dient als Ablage für Bilder, Dosen und Blumen und beherbergt einen Teil von Frédériques Kunstbüchern. An der Wohnungstür, die in ein kleines Entree führt, hängt ein Plakat von Andy Warhol, von der Galerie Bruno Bischofberger, einer der ersten Galerien, in der Frédérique arbeitete. Die Zeit beim grossen Galeristen und Freund von Warhol und Basquiat sei sehr wichtig für sie gewesen – und hätte sie viel über ihr Handwerk gelehrt.

Auf dem Regal stehen ein Foto von Araki, ein Werk von Curtis Leslie Anderson, ein grosses Kunstbuch von Urs Lüthi, Dosen und eine Duftkerze von Dipitique. Bei den Blumen liebt Frédérique einen ähnlich eklektischen Mix wie bei ihrer Einrichtung. 

«Unterschiedliches fügt sich,

wie bei einer Ausstellung oder einer Kollektion,

zu einem neuen Ganzen zusammen.»

Frédérique Hutter

Der Wohnraum dient an manchen Tagen auch als Homeoffice. Das raffinierte nordische Pult aus dem Midcentury lässt sich zu einem grossen Tisch aufklappen. «So kann ich auch eine Dinnerparty mit mehr als zehn Personen hier feiern», freut sich Frédérique. Auch das Satztischchen und das Sideboard sind skandinavische Möbelstücke aus der gleichen Zeit. Über den Satztischchen hängt ein Bild von Le Corbusier. Die Stehleuchte ist von Ettore Sottsass von Memphis. Die langen weissen Vorhänge geben den kleinen Altstadthaus-Fenstern Grösse und Eleganz.

Schaut Frédérique aus dem Fenster hinter dem Pult, sieht sie nicht nur die Dächer der Altstadt, sondern auch den Uetliberg und den bereits genannten grossen Brunnen auf dem kleinen Platz vor dem Haus. Sie arbeitet nicht so oft zu Hause, sondern hat ein Büro in einer Loft in der Nähe ihres Wohnorts. Diese teilt sie mit ganz unterschiedlichen Kollegen und Kolleginnen, die einen sind in der Finanzbranche tätig, die anderen in der Architektur und in Kreativbereichen. Nach zehn Jahren in der Galerie Katz hat sie sich ein Sabbatical gegönnt und ging erst einmal nach Indien. Sie dachte vor allem an Ayurveda und Entspannung. Erst landete sie im berühmten Studio Mumbai, wo sie sich wieder unter Künstlern, Kreativen und wohlhabenden Menschen befand. Bald aber tauschte sie diese luxuriöse Seite der Grossstadt Mumbai für Kerala und ein spannendes Projekt in der Sanni Foundation ein. Dort arbeitete sie mit HIV-positiven Waisenkindern an einem Kunstworkshop und entwickelte mit den jungen Frauen aus dem Dorf eine Capsule-Schmuckkollektion. Die Arbeit an dem Schmuck und der Erlös von dessen Verkauf fördert die Frauen und kommt der Stiftung zugute. In Zürich kann man den Schmuck übrigens in der Boutique Modestrom kaufen.

Zurück in Zürich entschied sich Frédérique, ihre Arbeit weiterzuentwickeln: Ausstellungen flexibler und ohne feste Räumlichkeiten zu konzipieren, sich der Kunstberatung und dem Aufbau sowie der Pflege von Sammlungen zu widmen. Zudem organisiert und begleitet sie Kunstreisen, zum Beispiel an die Kochi-Muziris-Biennale 2020 in Kerala, und arbeitet ehrenamtlich als Botschafterin für die Sanni Foundation.  

« Prächtige Orchideen

in bezauberndem Lila bringen

ein bisschen Exotik

in meine Stadtwohnung.»

Frédérique Hutter

Sie stehen auf dem Midcentury Sideboard. Darüber hängt ein grosses Foto von Thomas Walther, ein Geschenk vom Künstler und Sammler selber. Vom Wohnzimmer geht es ins Schlafzimmer, wo ein weiteres Regal viele Kunstbücher beherbergt. 

Auch auf dem Regal stehen zusätzliche Boxen, die Platz für Sachen bieten. Und daran hängt gerade ein glamouröses silbernes Kleid von Prada. Daneben ein kleines Bild von Florian Bühler, einem jungen Künstler, den sie erfolgreich vertritt und fördert.

Frédérique erklärt mir, dass sie beruflich viel an Vernissagen, Eröffnungen und Anlässe geht und ihr Geld lieber in Kunst investiert als in eine Garderobe voller Designerkleider. Sie zeigt mir ein zauberhaftes Kleid mit Mustern von Schmetterlingsflügeln, das sie bei Zara entdeckt hatte, und verrät mir, dass es, wenn sie es mit einer schicken Vintage- Tasche von Saint Laurent kombiniert, superchic aussieht und niemand weiss, woher es kommt. So sucht, findet und selektioniert sie auch in der Mode einzigartige Stücke mit ganz unterschiedlicher Herkunft zu einem unverwechselbaren, eigenen Stil. 

Das grosse Bett hat einen blauen Baumwollüberzug und viele Kissen. Als Kopfteil dient ein kunstvoll bestickter Wandteppich, den sie in Indien gefunden hat. 

Sehr charmant und stilvoll ist Frédérique auch mit ihrem kleinen Bad umgegangen. Sie hat es mit einer Kommode, einem Ledersessel, Teppich, Pflanzen, Kunst, Dosen und Boxen in einen wohnlichen Salon verwandelt. So lenkt sie geschickt von seinem Seventies-Look ab. 

Das «dritte» Zimmer der Zweizimmerwohnung ist die Küche. Auch hier wird der Blick auf die Wohnlichkeit und weg von der Einbauküche gelenkt. Als elegantes Wohnmöbel steht ein Salontisch voller hübscher Dinge und mit vielen Stauboxen darunter. 

Auf dem Salontisch treffen sich Kunst, Keramik, Körbe und Kastanien. Das entzückende lila Lämpchen hat die Jägerin und Sammlerin einmal in einem Kaufhaus entdeckt, und es wurde zu einem Lieblingsstück.  

Ein Teppich schafft zusätzliche Wohnlichkeit in der Küche. Darauf platziert als gemütliche kleine Tischrunde der Ess.Tee.Tisch von Horgenglarus, zwei Stühle von Fritz Hansen und der Hocker von Max Bill. 

Die Küchenwände sind wieder voller Bilder. Im Zentrum eine Wachszeichnung von Sandra Vasquez, daneben eine Fotografie von Leonardo Bezzola von Joseph Beus und darüber eine Zeichnung des Künstlers Marc Bauer. Über dem Esstisch sorgt eine schlichte skandinavische Hängeleuchte für stimmungsvolles Licht, wenn die Sonne einmal nicht in die charmante Wohnung scheint. 

 

Frédérique Hutter auf dem Netz: 

Frédérique Hutter Art Concept

Instagram: @frederiquehutter 

JEWELLERY CAPSULE COLLECTION SANNI FOUNDATION

SANNI Foundation

 

 

2 Kommentare zu «Kleine Wohnung – grosse Kunst»

  • claudia sagt:

    Schön, wieder einmal eine Homestorie zu sehen! Ich liebe den Blick in verschiedene Wohnungen und jede sieht auf ihre Art toll aus. Sehr schön die viele Kunst.

  • marianne pomeroy sagt:

    Die Wohnung von Frédérique Hutter gefällt mir ausserordentlich gut! Auch ich lebe in einer kleinen Wohnung welche mit Bildern „tapeziert“ ist. Darunter sind es Werke von Hermann Scherer, Josef Beuys und Rémy Zaugg. Es sind aber auch solche von weniger namhaften Künstlern darunter welche ich zum Teil auch persönlich kenne. Ich habe keine beliebige Accessoires. Wenn, dann sind es Skulpturen oder Artefakte, wie jene der Nordamerikanischen Hopi Indianer. Diese Werke sind eine tägliche Bereicherung für mich.

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