Beiträge mit dem Schlagwort ‘Serie: Fussball und ich’

Wie ich GC-Fan wurde, Teil 2

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 21. Februar 2013

In unserer Serie «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schrieb Samuel Reber, wie er GC-Fan wurde. Seine Sympathie für die Grasshoppers hatte jedoch einen Grund: Sie verhalfen 1989 dem FC Luzern indirekt zum einzigen Meistertitel. Das konnte Tobias Meyer*, ein echter GC-Fan, nicht auf sich sitzen lassen.

Das Zürcher Derby am 5. Mai 1984. (Keystone/Str)

Ein Spiel, das in Erinnerung blieb: Das Zürcher Derby am 5. Mai 1984. (Keystone/Str)

Als Sohn von Pfadi-Eltern im fussballerischen Niemandsland des Zürcher Weinlandes war Fussball bei uns nie Thema – bis ein Familienfreund mir aus unbekanntem Motiv ein GC-Leibchen schenkte. Noch im Vorschulalter, war ich sofort fasziniert: symmetrisch und gegengleich blau und weiss nach dem Zürcher Wappen, das wir auf unserer Autonummer hatten? So cool. Ein Club der sich «Heugümper» nennt? Klasse.

In kindlicher Neugier brachte ich alsbald die Namen sämtlicher Spieler in Erfahrung und repetierte sie bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit (Kader 1983 – wer erinnert sich an Livio Zanetti?). Mein Vater hatte mir fortan, etwas widerwillig, jeden Montag die Resultate des vergangenen Spieltages samt Tabellenlage aus dem Sportteil der «Schaffhauser Nachrichten» vorzulesen, worauf ich jeweils ungeduldig wartete – an «FC Zürich – Grasshoppers 3:2» im Mai 1984 und das anschliessende Getobe erinnere ich mich noch lebhaft.

Platini live für 15 Franken: Ticket für das Juve-Spiel vom 7. November 1984. (Bild: grassmokers.ch)

Platini unter Trapattoni live für 15 Franken: Ticket für das Juve-Spiel vom 7. November 1984. (Bild: grassmokers.ch)

Ein besonderes Prozedere auch bei Meistercup-Spielen an Abenden unter der Woche: Weil ich längst vor dem Abpfiff im Bett war, schriebt die Mutter, mittlerweile wohlwollend desinteressiert, die Resultate an die Wandtafel in meinem Zimmer, so dass ich am Morgen beim Aufwachen sofort Bescheid wusste. Und so muss ich eines Morgens – ungläubig, da siegesgewiss – lesen: GC – Juventus 2:4.

Auch der erste Besuch im Hardturm ist eine bleibende Erinnerung – über einen Militärfreund meines Vaters erhielten wir Plätze auf der alten Haupttribüne, Gegner war Xamax: der Vater mühsam bemüht, die Buben einigermassen still zu halten; Heinz Hermann mit wehendem Haar und langen Schritten durchs Mittelfeld; Maurizio Jacobacci dribbelt uns an der Seitenlinie schwindlig; ein Mann in der Nähe brüllt stakkatomässig «Hopp GC, Hopp GC». (Erst viel später lerne ich, dass er ein Habitué ist und aufgrund seiner salvenartigen Ausrufe den Spitznamen «Maschinegwehr» trägt.) Das Spiel, dramatisch, endete 4:4.

Und weg war er: Heinz Hermann verliess GC für Xamax, wo er unter Gilbert Gress spielte. (Bild: Keystone, 5. Oktober 1988)

Und weg war er: Heinz Hermann verliess GC für Xamax, wo er unter Gilbert Gress spielte. (Bild: Keystone, 5. Oktober 1988)

Als Weihnachtsgeschenk einer Tante lag nun der «Sport» dreimal die Woche im Briefkasten; am Montag, Mittwoch und Freitag eilte ich jeweils von der Schule nach Hause, um vor dem Mittagessen mehr Zeit zur Lektüre zu haben. Heinz Hermann geht zu Xamax!? Eine Welt brach zusammen. Ein gewisser Mats Gren kommt aus Schweden und trifft im ersten Spiel gegen YB viermal? Euphorie!

Als Halbwüchsiger dann die ersten selbständigen Matchbesuche im Hardturm mit einer Gruppe Gleichgesinnter aus dem Dorf. HB, Tram Nummer 4 bis Station Hardturm, Estrade Ost – eine neue Welt tat sich auf: Bier; Schlachtgesänge («Der Meister vom See» – jeweils dann am Montag auf dem Schulweg grölend repetiert); Hooligans im Fanblock; die Dynamik der Masse. Wir sahen grosse und weniger grosse Spiele. (Ewigen Dank, Alain, für das Traumtor und die absolute Weltklasseleistung gegen die AS Roma (4:3 nach 0:2 Rückstand), aber was genau war im Cupfinal gegen Lugano (1:4) los?)

Verbannung in die Abstiegsrunde 1992 und die Erkenntnis: GC-Fan zu sein, ist charakterbildend. Nicht nur lehrt es, die Häme und Schadenfreude Dritter zu ignorieren. Es lehrt überdies, eine unpopuläre Minderheitsposition zu vertreten, mithin ein «Contrarian» zu sein; die blosse Erwähnung, GC-Fan zu sein, macht einen oft im Handumdrehen zur Persona non grata, evoziert zuweilen gar Hass – gerade in intellektuelleren Kreisen, welche sich gerne als «Fans» des «Arbeiterklubs» ausgeben und im Allgemeinen vorgeben, «Toleranz» gegenüber anderen Positionen hochzuhalten. So be it.

6:5 gegen den Stadtrivalen: Nunez bezwingt FCZ-Goalie Taini am Derby vom 3. März 2004. (Bild: Keystone)

6:5 gegen den Stadtrivalen: Nunez bezwingt FCZ-Goalie Taini am Derby vom 3. März 2004. (Bild: Keystone)

Apropos FCZ. Die Rivalität der beiden Klubs war in den Achtziger- und Neunzigerjahren kein prägendes Element (meines) GC-Fantums. Wohl schlicht, weil der FCZ in jenen Jahren keine bestimmende Rolle spielte (ausser in der Auf-/Abstiegsrunde gegen Schaffhausen im Letzigrund, wo Jogi Löws Freistoss an der Latte statt im Tor landete, was für den FCZ NLA und für Schaffhausen NLB bedeutete). Im Gegenteil, ich empfand für den FCZ, dessen Handvoll Fans und den damaligen Präsidenten eine Art Achtung. Dies änderte sich erst mit den Hipstern und anderen Modefans, welche den FCZ in den letzten zehn Jahren wie eine Plage befielen. Hierüber ist anderenorts zur Genüge geschrieben worden. Der Aufstieg des FCZ zu einem ernsthaften Rivalen macht die GC-Fanexistenz jedenfalls spannender. Man gewinnt lieber 6:5 nach hartem Kampf, als 6:0 bei Einbahnfussball (Resultate jetzt nur so als Beispiel).

Mit den Jahren hat sich die Fussballpassion etwas abgekühlt (zu den Gründen eine treffliche Analyse von Simon Kuper im «FT Magazine»), geblieben ist das Leiden mit und die Leidenschaft für die Grasshoppers. Im Ausland lebend, schätze ich die sechs Stunden Zeitverschiebung am Spieltag – die Anspannung ist verkürzt, in der Regel kenne ich den (in letzter Zeit zum Glück wieder öfters positiven) Matchausgang schon vor dem Lunch. Bei den periodischen Besuchen in der Schweiz gehe ich wann immer möglich in den Fanblock (obwohl an sich nicht mehr ganz meine Altersklasse), um «Hopp GC» in das halbleere Rund zu schleudern.

*Tobias Meyer lebt und arbeitet als Anwalt in den Vereinigten Staaten. Er spielt in einer Hobbymannschaft und glaubt bis heute, dass er es irgendwann einmal noch zu GC  ins «Eins» schafft.

Impotent durch Feminisierung

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 20. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Bloggerin heute ist Michèle Binswanger*.

Fussball leidet anscheinend an «Penetrationsarmut»: Softie-Trainer Pep Guardiola an einer Pressekonferenz im Zürcher Kongresshaus, 7. Januar 2013. (Keystone/Walter Bieri).

Fussball leidet anscheinend an «Penetrationsarmut»: Softie-Trainer Pep Guardiola an einer Pressekonferenz im Zürcher Kongresshaus, 7. Januar 2013. (Keystone/Walter Bieri).

Es steht nicht gut um den Fussball. Jeder weiss, dass die Fifa korrupt ist, die Fussballer überbezahlt, die Hooligans Idioten und die ganz normalen Fans ganz einfach bemitleidenswert, weil die ganze Chose langweiliger wird, je mehr Geld drin steckt. Aber Gefahr droht nicht nur von aussen, der Feind lauert auch im Innern, im tiefsten Herzen des Fussballs, dort wo er gemacht wird: Auf dem Trainingsfeld. Dies behaupte nicht ich, sondern der Philosoph Wolfram Eilenberger, der die deutsche Fussballnation mit seiner These von der «Feminisierung des Fussballs» verstörte.

Eilenberger, Chefredakteur des «Philosophie Magazins» und Fussballfan, sah sich angesichts der Meldung über den Transfer von Trainer Josep Guardiola zum FC Bayern genötigt, in die Tasten zu greifen um die Fussballwelt vor drohender Verweiblichung zu warnen. Denn Guardiola ist zwar phänomenal erfolgreich, aber zu welchem Preis! Er hat, so Eilenbergs These, den Fussball sozusagen kastriert. Dies zeigt sich einerseits in der Person Guardiolas, denn der ist «ultimativ empathisch, taktisch genial, auf nachhaltige Jugendförderung setzend, stets bescheiden, intuitiv, edel und gut, ein asketischer Poet», also eigentlich eine Frau in Männerkleidern. Aber nicht nur das, er zwingt seine weibischen Eigenschaften auch den Spielern, ja dem Spiel auf, mit verheerenden Folgen. Und so sind im Fussball Guardiolascher Prägung kaum mehr «Physis, Kampf, Durchsetzungskraft, Distanzschüsse und Ichbezogenheit» zu sehen, sondern «kurze Pässe und kleinteilige Ballkontrolle» mit dem Resultat, dass der Fussball unter empfindlicher «Penetrationsarmut» leidet.

Warum das allerdings schlecht sein soll, verstehe ich nicht ganz. Ich dachte immer, Homosexualität sei auf dem Fussballfeld nicht gern gesehen. Aber im Kern ist Eilenbergers Botschaft klar: Die viel diskutierte These vom «Ende des Mannes» hat den Fussball erreicht. Und das heisst, in den Worten Eilenbergers: «permanentes Vorspiel ohne erkennbares Abschlussverlangen». Mit der drohenden Konsequenz, dass einem «ganzen Kontinent die Lust am Fussball» vergehen könnte. Ja, da hilft dann auch kein Viagra mehr.

Marco Streller weint sich an der Schulter von Daniel Gygax aus. (Foto: EPA/Bernd Thissen)

Marco Streller weint sich an der Schulter von Daniel Gygax aus, 26. Juni 2006. (Foto: EPA/Bernd Thissen)

Ich kann mitfühlen. Denn auch mir ist die Lust am Fussball vergangen und ich weiss auch noch genau, wann. Es war der 26. Juni 2006. Die Schweiz zeigte mal wieder eine Glanzleistung in «Penetrationsarmut» und Abschlussschwäche, sekundiert von einem dieser hilflosen SRF-Kommentatoren, die sich auch noch in der kläglichsten spielerischen Misere nicht zu blöd sind zu bemerken, wie gut die Schweizer doch eigentlich spielen und wie sehr sie das Tor doch eigentlich verdient hätten. Aber weil «eigentlich» im Fussball genau so wenig zählt wie «hätten» und «würden», fuhren die Schweizer gegen die Ukraine eine der beschämendsten Niederlagen ever ein, gekrönt von Marco Strellers spektakulärem Fehlschuss im Penaltyschiessen.

Ich sass derweil vor dem Fernseher und fragte mich, ob es sich so wohl anfühlt, wenn einem das Gehirn im Schädel vor Langeweile verfault. Zu oft musste ich das schon erleben. Und in diesem Moment der Wahrheit erkannte ich, dass es vielleicht ein bisschen an den Schweizer Fussballern liegt und auch ein bisschen an mir. Aber vor allem und in erster Linie am Spiel selbst: Fussball ist als Spiel dumm, langweilig, überbewertet. Dank Eilenberger weiss ich nun, dass dies vor allem an der Feminisierung liegt, die den Schweizer Fussball schon vor sieben Jahren impotent gemacht hat.

*Michèle Binswanger ist Autorin und Journalistin.

Warum mir die Freude am Fussball verging

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 14. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Nina Merli*


Mein Sommer 1982 war legendär: Ich war knapp sieben Jahre alt, durfte bis spät am Abend wach bleiben und erst noch laut schreiend auf dem Sofa rumhüpfen – einen ganzen Monat lang. Denn es war WM und als Tochter eines Italieners hatte ich gar keine andere Wahl als jedes Mal mitzufiebern, wenn die Azzurri den Rasen betraten. Ich sah meinen Vater und seine Freunde weinen vor Freude und Paolo Rossi heilig sprechen.

Und auch nach diesem magischen 1982 – als Italien Deutschland im Finale mit 3:1 besiegte (tut mir leid, aber das muss ich an dieser Stelle einfach mal kurz in diesen Blogbeitrag einfliessen lassen) –, schlug mein Herz noch einige Jahre für die Italiener weiter, obwohl es ganze 24 Jahre dauerte, bis sie endlich wieder die begehrte Coppa nach Hause brachten. So fieberte auch ich 2006 noch mit und freute mich über den Sieg der Squadra Azzurra. Doch meine Freude am Fussball, die sich inzwischen komplett in Luft aufgelöst hat, hatte zu jenem Zeitpunkt schon arg nachgelassen. Aus verschiedenen Gründen. Ich werde versuchen zu erklären, wieso mich die Fussballwelt – leider – mittlerweile nur noch zutiefst deprimiert.

Mein erster Fussball-Dämpfer kam schon früh. 1985. Um genauer zu sein am 29. Mai 1985, als der FC Liverpool in Brüssel auf Juventus Turin traf. Was mehrere Stunden vor dem Spiel mit gegenseitigen Pöbeleien der Fans anfing, endete kurz vor Spielbeginn in der Katastrophe von Heysel – 39 Menschen, darunter auch Kinder, starben, mehrere Hundert wurden verletzt. Knapp zehn Jahre alt, sass ich ungläubig vor dem Fernseher und konnte nicht glauben, was ich da sah. Genau so wenig wie die Gewalt verstand ich, weshalb das Spiel am Ende doch noch angepfiffen wurde. Wieso weigerten sich die Fussballer nicht? Und wieso wollten die Fans dieses Spiel überhaupt noch sehen?

Mir kommt keine andere Sportart in den Sinn, die dermassen gewaltbereite Fans wie der Fussball hat. Sogar wenn sie einen Grund zum Feiern haben, kommen sie nicht darum herum, auf irgendeine Art und Weise andere fertig zu machen – sei es verbal oder körperlich. Warum, liebe Fussballfans, ist das so? Ich denke da zum Beispiel an die Meisterfeier des FC Zürich, als dieser 2009 zum zwölften Mal Schweizermeister wurde und die Fans bis früh in den Morgen im Zürcher Langstrassenquartier «feierten» – so freute sich ein ganz einfallsreicher Fan derart über den Sieg seines Clubs, dass er mein auf der Strasse parkiertes Velo mit Fusstritten traktierte, um am Ende noch genüsslich – entschuldigen Sie die Wortwahl – darüber zu pissen. Wow, it’s party time! Aufgehört hat er übrigens erst, als ich ihm aus meiner Wohnung aus dem 2. Stock aus ein dickes Buch auf seinen Hohlkopf knallte. Gewalt erzeugt nun mal Gewalt.

Doch den randalierenden Fans allein die Schuld an meiner Anti-Fussball-Haltung zu geben, wäre unfair. Denn auch Figuren wie Luciano Moggi haben dazu beigetragen, dass ich den sportlichen Gedanken beim Fussball nicht mehr erkennen kann. Ausgerechnet Moggi, der in Italien als der Fussballkenner und als Ziehvater einiger der grössten Kickertalente Italiens galt, wurde 2006 dank der «Gazzetta dello Sport» als Hauptakteuer des grössten Fussballskandals in der Geschichte Italiens entlarvt. Gekaufte Schieds- und Linienrichter, Mafia-Verstrickungen und Unsummen von Geld. Wo wir schon beim Thema Geld sind: Ist es gerechtfertigt, dass Top-Fussballer über zehn Millionen Euro im Jahr verdienen und dass sie bis zu 100 Millionen Euro Marktwert haben? Und auch die Fifa-Vergabe der WM 2018 und 2022 an Russland und Katar bestätigt, dass die Welt des Fussballs vor allem noch eins ist: käuflich.

Dieser Blog-Beitrag wird sehr vielen Fussballfans mit Sicherheit sauer aufstossen. Ich lasse mich aber gern eines Besseren belehren und bitte an dieser Stelle um einen Blog, der mir die Freude an diesem Sport wieder gibt. Der mich überzeugt, dass es sich immer noch lohnt mitzuleiden, über grandiose Pässe zu staunen, magische Tore immer und immer wieder auf Youtube anzuschauen und sich im freudigen Jubel zu umarmen, wenn der Schlusspfiff fällt. Denn darum geht es doch im Fussball.

*Nina Merli ist Reporterin bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet und leitet den Mamablog.

Modefans sind die wahren Fussballliebhaber

Steilpass-Redaktion am Dienstag den 12. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Boris Müller*

Anziehungspunkt: Wenn der FCZ gewinnt, kommen die Fans. (Bild: Keystone)

Anziehungspunkt: Wenn der FCZ gewinnt, kommen die Fans. (Bild: Keystone)

Das Gekicke war unterirdisch, die Stimmung im Keller, die Temperaturen im Minusbereich und der FC Zürich schoss wieder einmal null Tore. Es war das letzte Züri-Spiel, das ich live über mich ergehen lassen musste – eine Mischung aus Solidarität und Mitgefühl trieb mich damals ins Stadion. Mein Erbarmen galt jedoch nicht etwa dem erbärmlich spielenden Verein. Nein, eine nette Kollegin musste etwas über die Südkurve schreiben, und ich begleitete sie.

Vor ein paar Jahren, als der FCZ unter Lucien Favre für Schweizer Verhältnisse tadellosen Fussball zeigte, war ich einige Male im Letzigrund. Wenn die Tore auf der richtigen Seite fallen sowie Alkohol- und Lärmpegel stimmen, dann kann so ein Fussballmatch durchaus unterhaltsam sein. Als sogenannter Modefan dem FCZ beim Siegen zuzuschauen war also ganz okay, nur Sitzplätze hätte ich mir damals gewünscht in der Südkurve – aber das ist ein anderes, furchtbar kontroverses Thema.

Der Begriff Modefan wird von hartgesottenen Supportern gerne für Menschen wie mich verwendet. Für Menschen also, die sich höchstens dann im Stadion zeigen, wenn die Sonne lacht und der Meistertitel winkt. Aber was diskreditierend gemeint ist, ist in Tat und Wahrheit als Auszeichnung zu verstehen. Schliesslich ist ein Modefan ein richtiger Connaisseur, ein Fussballgourmet, der sich mit Kenntnis und Sachverstand nur die qualitativ hochwertigen oder Spannung versprechenden Spiele rauspickt. Denn wie ein echter Musikliebhaber nicht regelmässig im Dorfpub langweiligen Coverbands lauscht oder ein Cineast ungern dauernd im falschen Film sitzt, sollte sich doch auch ein wahrer Fussballliebhaber nicht die ganze Zeit mediokre Spiele antun müssen. Aber genau dies tun jedes Wochenende Tausende. Warum nur?

Diskutiere ich diese Thematik mit Freunden des FCZ, betonen sie stets, sie hätten als echte Fans eben solidarisch zu sein. Gerade auch in schlechten Zeiten müssten sie ihre Clubtreue beweisen, mitleiden mit dem Verein, ihn unterstützen. Ein wahrer Fan könne nicht anders – wie rührend.

Es gibt durchaus einige Dinge, die man aus Solidarität und Mitgefühl machen kann oder muss: kranke Menschen im Spital besuchen, schlechte Kinderzeichnungen loben, Vegetarier werden oder eben Arbeitskollegen unterstützen. Aber einem streng marktwirtschaftlich geführten Verein, einem völlig abstrakten, seelenlosen Gebilde, Solidaritäts oder gar Schuldgefühle entgegenzubringen, ohne wirklich etwas dafür zu erhalten, scheint mir doch ziemlich bizarr.

Auch die Spieler geben in der Regel kaum Anlass, sie ins Herz zu schliessen. Taugen sie doch meist weder als Leistungs- noch als Sympathieträger. Ihr Handwerk beherrschen sie oft nur mittelmässig, zudem tragen sie affige Frisuren, zupfen ihre Brauen und wechseln ohne mit der Wimper zu zucken auch zum Lokalrivalen, wenn die Kohle stimmt.

Interessanterweise bedeutet nämlich den meisten Spielern Clubtreue, ganz im Gegensatz zu ihren Unterstützern, herzlich wenig. Der Verein ist der Arbeits- und Geldgeber, mehr nicht. Heute heisst er FCZ, morgen GC, übermorgen Basel. Wenn die Leistungen woanders besser sind, zieht man weiter und kommt vielleicht eines Tages auch wieder zurück. Warum sollte man das als Zuschauer denn nicht genau gleich handhaben?

Genaugenommen macht einen diese Praxis dann natürlich zum Modefan, der auch noch fremdgeht. Da holt man sich wenig Credibility-Punkte in der Kurve, aber was solls.

Auf alle Fälle ist das rigorose Einfordern von reiner Leistung nirgends angebrachter als im Passivsport. Ich sehe überhaupt kein Problem, den Verein des Herzens nach Lust und Laune zu wechseln. Denn mal ehrlich: Ein Fussballclub ist in der Unterhaltungsbranche tätig und muss für Unterhaltung sorgen, für nichts sonst. Und da ich, wie eben ausführlich erläutert, weder für den Club als Unternehmen noch für seine Angestellten echte Gefühle entwickeln kann und ich auch für lokalpatriotisches Geschwurbel enorm unempfänglich bin, bleibe ich bis auf weiteres zuhause. Und schaue mir Spiele des FC Barcelona an, die könnens wenigstens.

*Boris Müller ist Bildredaktor bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Vereinstreue ist ihm so wichtig wie den meisten Profifussballern.

Wie ich GC-Fan wurde

Samuel Reber am Samstag den 9. Februar 2013

Nachdem ich geschrieben habe, dass Shaqiri ruhig für den Kosovo spielen soll, möchte ich dringend noch etwas anderes zum Thema Fussball loswerden. Ich bin Fan des Grasshopper Club Zürich. Jawohl. Auf dem Kanzlei-Areal würde ich beim Abendbier jetzt wohl gesteinigt werden. Und auch in anderen Kreisen, in denen ich mich, der vor zwölf Jahren von Luzern nach Zürich gezogen ist, bewege, liebt man den FCZ. Und versteht diesbezüglich wenig Spass. Besonnene, freundliche und gut ausgebildete Menschen mutieren innert Hundertstelssekunden zu talibanesken Zombies, hat man auch nur ein positives Wörtchen über GC fallen lassen.

Alle meine Freunde hier hängen am FCZ. Ich nicht. Auch wenn ich es probiert habe. Und ein paar mal in den Letzigrund ging, dort bei den Schlachtgesängen ein bisschen mitsummte. Rein rational habe ich viel übrig für den FCZ. Verstehen Sie mich richtig, der FCZ ist ein cooler Club. Aber vom Herzen her, da geht gar nichts. Ist alles ruhig. Keine Emotion. Für GC, für den Rekordmeister, für die «Geldsäcke», für die von der Südkurve besungene «Scheisse vom See» allerdings schon.

Unser Andy, links. Wir waren sehr stolz auf das grosse Fussball-Talent aus Luzern. Lustig auch der junge Mats Gren (Mitte). Wer ist der GC-Spieler rechts? Jedenfalls sind wir hier am 16. März 1986 bei der Partie Luzern gegen GC auf der Allmend.

Unser Andy, links. Wir waren sehr stolz auf das grosse Fussball-Talent aus Luzern. Lustig auch der junge Mats Gren (Mitte). Wer ist der GC-Spieler rechts? Jedenfalls sind wir hier am 16. März 1986 bei der Partie Luzern gegen GC auf der Allmend.

Lange habe ich darüber nachgedacht, warum das so ist. Und gemerkt, dass es zwei Gründe aus meiner Teenager-Zeit dafür gibt. Vorneweg eins: Mein Fussballer-Herz wird vom FC Luzern dominiert. In Marcel-Scheiner-Jacke und -Hose (ein paar Zentimeter hochgerollt), Blondino-Schuhen, mit gelierter Vokuhila-Frisur, Murratti-Zigaretten im Mund und zu zweit auf dem Töffli fuhren wir in den 80er-Jahren an alle Heimspiele des FCL auf die Allmend. Dort lief übrigens immer «Nikita» von Elton John. Warum weiss ich auch nicht. Nichtsdestotrotz waren ich und meine Pfadi-Freunde immer auf der Stehtribüne anzutreffen. Wir feuerten die Männer in den «Siehe LNN»-Leibchen an, tranken Eichhof-Bier, interessierten uns vor und nach der Partie neuerdings für Mädchen und fühlten uns gut. Der grösste Held der Allmend war damals der junge Stürmerstar Andy Halter. Als dieser 1988 zu den Grasshoppers wechselte, waren wir enttäuscht, freuten uns aber auch für ihn und seinen Karrieresprung. Fortan fieberte ich beim «Sport am Wochenende» bis zu seiner frühen, tragischen Sportinvalidität halt nun auch für GC und unseren Andy mit. Ist ja logisch. Das war Grund eins.

Grund zwei sind zwei Transfers in die andere Richtung. Von GC zum FCL. Von der «Scheisse» kamen 1985 Roger Wehrli und Martin Müller zu uns. Der «Club der 200» hatte an einer ausserordentlichen GV 400’000 Franken bewilligt, um die beiden plus Sigi Gretarson zu holen. Das wusste ich damals nicht, habs hier gelesen.

Er kam vom grossen GC zu uns in die Innerschweiz: Roger Wehrli, links vom Berbig mit dem Kübel. Die Grasshoppers feiern hier im Hardturm am 10. Juni 1982 einen ihrer 27 Meistertitel.

Er kam vom grossen GC zu uns in die Innerschweiz: Roger Wehrli, links vom Berbig, das ist der mit dem Kübel. Die Grasshoppers feiern hier im Hardturm am 10. Juni 1982 einen ihrer 27 Meistertitel.

Wehrli orchestrierte die Abwehr und kämpfte selber wie ein Löwe. Ihn konnte selbst heftiger Durchfall nicht vom Spielen abhalten. Einmal musste er während einem Spiel in die Kabine aufs WC rennen, der Mannschaftsarzt hinterher. Tausende von Augenpaaren folgten den beiden und bangten. Wir wussten, um was es ging. Wehrlis Diarrhö war in der Lokapresse ausgiebig thematisiert worden. Wenige Minuten später war er jedoch wieder da und hobelte und grätschte, als ob nichts gewesen wäre. Eine solche Arbeitseinstellung schätzt man auf der Allmend.

Wehrli, links, wurde auch auf der Allmend sehr geschätzt. Rechts sehen wir Peter Nadig. In der Mitte übrigens der Servettien Lucien Favre. Wer grätscht? Ich weiss es nicht. Es ist das Abschlussspiel der Luzerner Meistersaison 1989 am 10. Juni 1989.

Wehrli, links, wurde auch auf der Allmend sehr geschätzt. Rechts sehen wir Peter Nadig. In der Mitte übrigens der Servettien Lucien Favre. Wer grätscht? Ich weiss es nicht. Es ist das Abschlussspiel der Luzerner Meistersaison 1989 am 10. Juni 1989.

Sein Kompagnon Martin Müller war ebenfalls ein Schlüsselspieler und schoss in der Saison 1989 vor allem ein entscheidendes Tor – ausgerechnet gegen die Grasshoppers. Saison 1989? Richtig, die erste und einzige Meistersaison des FC Luzern. Ich war an jedem Heimspiel mit dabei. Und feierte die beiden ehemaligen GC-Helden in unseren Reihen, die zusammen mit Tschudin, Schönenberger, Marini, Kaufmann, Birrer, Burri, Mohr, Baumann, Nadig und Gretarson den Titel holten. Das schätzten wir auf der Allmend noch viel mehr. Am 10. Juni 1989 wurde in Luzern mit dem Sieg gegen Servette – übrigens Kalle Rummenigges letztes Profispiel – alles klar gemacht und wir holten den Kübel. Erinnern Sie sie sich, wie Burri mit dem Pokal auf dem Kopf zu uns Fans rannte? Und was macht eigentlich Peter Nadig, der Fussballer des Jahres wurde? Aber stopp jetzt, darum geht es hier ja nicht.

Euphorie auch dank Spielern, die von GC kamen. Erster und einziger Luzerner Meistertitel. Der Zweite von rechts in der oberen Reihe ist Martin Müller.

Euphorie auch dank Spielern, die von GC kamen. Erster und einziger Luzerner Meistertitel. Der Zweite von rechts in der oberen Reihe ist Martin Müller.

Diese prägenden Erlebnisse sind für mich jedenfalls für ewig mit den Grasshoppers verbunden. Wegen Andy, Roger und Martin. Und deshalb drücke ich GC auch heute Abend die Daumen. Sie spielen um 19.45 Uhr in Genf gegen Servette. Der Erste gegen den Letzten.

So! Das musste jetzt einfach mal erzählt werden.

Auf dass ihr Höhenflug in der laufenden Saison weitergehe: Die zurzeit sehr erfolgreichen Grasshoppers mit Trainer Uli Forte in der Mitte.

Auf dass ihr Höhenflug in der laufenden Saison weitergehe: Die zurzeit sehr erfolgreichen Grasshoppers mit Trainer Uli Forte in der Mitte.

Samuel Reber ist Blattmacher und Tagesleiter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet, FCL-Fan, Steilpass-Mitinitiant und war während mehreren Jahren Captain der Herrenmannschaft des SC Wipkingen.

Maradona bleibt trotz Messi der Grösste

Steilpass-Redaktion am Freitag den 8. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Vincenzo Capodici*.

Auf den Höhepunkt: Diego Maradona stemmt nach dem Finalspiel der WM 1986 die Siegertropäe in die Höhe. (Bild: AFP)

Auf den Höhepunkt: Diego Maradona stemmt nach dem Finalspiel der WM 1986 die Siegertrophäe in die Höhe. (Bild: AFP)

Lionel Messi ist ein Fussballer der Superlative, ohne Zweifel. Mit dem FC Barcelona gewann er alles, was es zu gewinnen gibt. Obwohl erst 25 Jahre alt, ist er vierfacher Gewinner des Ballon d’Or. Und mit seinen 91 Toren im letzten Jahr hat sich «La Pulga» («Der Floh») unsterblich gemacht. Viele Experten und Fans sind der Ansicht, dass Messi der beste Fussballer aller Zeiten sei. Einspruch: Diego Maradona muss höher eingeschätzt werden als Messi.

Während Messi der geniale Vollstrecker eines perfekten Ensembles ist und von der Spielkunst seiner Teamkameraden Xavi und Iniesta profitiert, verkörperte Maradona magistral mehrere Rollen. Maradona war Spielmacher, Torschütze und Spiritus Rector von Mannschaften, die er praktisch im Alleingang zu unerwarteten Triumphen führte. Wie kein Spieler vor und nach ihm prägte Maradona eine WM – die WM 1986 in Mexiko. Das damalige Argentinien war solid, aber keine Übermannschaft, dank Maradona wurde es aber verdientermassen Weltmeister. Vier Jahre später, an der WM 1990 in Italien, ging Maradona mit einer biederen Mannschaft von Fussballhandwerkern ins Turnier – und erreichte den Final. Hier drängt sich ein Vergleich mit Messi auf: Bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 scheiterte Argentinien bereits in den Viertelfinals – und Messi blieb blass.

Messi brilliert nur, wenn hinter ihm ein starkes Team steht. Ganz anders Maradona: «El Pibe de Oro» («Der Goldjunge») war weniger als Messi auf hochbegabte Mitspieler angewiesen – er war selbst genial genug, um den Unterschied auszumachen. Nach dem WM-Sieg mit Argentinien führte Maradona praktisch im Alleingang die SSC Napoli zum allerersten italienischen Meistertitel der Vereinsgeschichte. Drei Jahre später, 1990, holte Neapel den zweiten «Scudetto». Notabene: Es war die Zeit der grossartigen Milan-Mannschaft von Franco Baresi, Paolo Maldini, Ruud Gullit und Marco van Basten. Dank Maradona gelang es Napoli, die Vormacht der norditalienischen Klubs Milan, Inter und Juventus zu brechen. Wäre Maradona nicht der Kokainsucht und dem Lotterleben verfallen, hätte er noch ein paar Jahre für Furore gesorgt – sowohl mit Argentinien als auch mit Napoli. Jedenfalls wird er dort zu Recht als Fussballgott verehrt.

Diesen Status wird Messi kaum erreichen.

Was fehlt Messi zum Maradona? Einerseits müsste er in der Lage sein, eine eher durchschnittliche Mannschaft, zum Beispiel Real Sociedad in Spanien, zum Erfolg zu führen. Andererseits sollte er dafür sorgen, dass Argentinien wieder einmal ein starkes WM-Turnier gelingt. Messi ist zugute zu halten, dass er noch jung ist und viele gute Jahre vor sich hat. Mit Argentinien dürfte er noch an mindestens zwei Weltmeisterschaften teilnehmen können. Falls Messi im nächsten Jahr oder 2018 oder gar 2022 – im Alter von 35 Jahren – doch noch Weltmeister werden sollte, rückt er Maradona entscheidend näher.

In der Zwischenzeit gilt die Einschätzung, die Messi selber über Maradona geäussert hat: «Auch in Millionen Jahren werde ich nicht nur annähernd wie Maradona sein. Und ich will mich gar nicht annähern. Denn er ist der Grösste aller Zeiten.» Selbst Messi verbeugt sich vor Maradona.

*Vincenzo Capodici ist Reporter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er hat Diego Maradona längst verziehen, dass Argentinien an der WM 1990 im Halbfinal die Squadra Azzurra aus dem Turnier warf.

Deutsche, kämpft mehr und zaubert weniger!

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 7. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Blogger heute ist Anatol Heib*.

In Schönheit sterben: Die deutschen Spieler verlassen nach der Halbfinalniederlage an der Euro 2012 mit hängenden Köpfen das Spielfeld. (Bild: Keystone)

In Schönheit sterben: Die deutschen Spieler verlassen nach der Halbfinalniederlage an der Euro 2012 mit hängenden Köpfen das Spielfeld. (Bild: Keystone)

Ich bin kein Fan eines Fussballclubs, für mich gibt es nur ein Team: die deutsche Nationalmannschaft. Seit der WM 1986 habe ich keine Turnierpartie der Deutschen verpasst, sass immer in der ersten Reihe. Erst habe ich mit Briegel, Littbarski und Völler gefiebert, dann mit Sammer, Kirsten und Kahn. Mit Klose, Müller und Lahm will es aber nicht mehr so richtig klappen.

Ich bleibe nicht mehr 90 Minuten am Ball und surfe während eines Spiels schon einmal mit dem iPad. Zum Beispiel nach dem 0:2 von Italiens Mario Balotelli im EM-Halbfinal. Es hat mich abgelenkt und vom Sprung an die Decke bewahrt. Zerstreuung brauchte ich auch, als die Schweden gegen die DFB-Elf aus einem 0:4 noch ein 4:4 machten. Auf dem Rasen sah ich keine deutschen Kämpfer mehr, sondern paralysierte, ratlose Ballkünstler, die sich ihrem Schicksal ergaben. Das ist neu für eine deutsche Elf.

Eigentlich sind Deutschlands Voraussetzungen für einen grossen Titel so gut wie schon lange nicht mehr: Der dreifache Weltmeister spielt seit Jogi Löws Amtsantritt vor knapp fünf Jahren gepflegter denn je und verfügt über ein riesiges Reservoir an Talenten. Ich bin noch immer hingerissen von den Siegen an der WM 2010 in Südafrika gegen England (4:1) und Argentinien (4:0). Doch auf die Fussball-Party folgte regelmässig der Kater. EM 2008: Final verloren. WM 2010: Halbfinal verloren. EM 2012: Halbfinal verloren. Die Gegner waren schlicht und einfach abgezockter.

Es sind kleine Dinge, die nicht mehr stimmen. Deutschland schiesst viele Tore, fängt sich aber auch regelmässig ein paar Stück. Gegen die Grossen herrscht vorne Knorz und hinten Naivität. Die Abwehr, früher ein Bollwerk, ist das grosse Sorgenkind. Das liegt auch an der taktischen Marschroute – Verteidiger mutieren zu oft zu Mittelfeldspielern. Oder weshalb sonst wird die deutsche Elf regelmässig mit einem Pass in den freien Raum übertöpelt und keiner aus der Viererkette steht beim Mann?

Deutschland bog in der Vergangenheit verloren geglaubte Spiele um. Heute ist es umgekehrt. Löws Equipe führt 4:0 gegen Schweden und kann froh sein, dass es am Ende 4:4 steht. Gary Lineker spottete nach dem Spiel: „Fussball ist ein einfaches Spiel, bei dem 22 Männer 90 Minuten lang einem Ball hinterherjagen, und am Ende geben die Deutschen einen Vier-Tore-Vorsprung preis.“ Noch vor ein paar Jahren sagte er ehrfürchtig: „Fussball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.“

Immerhin kann ich auf dem Sofa mit dem iPad Videos von erfolgreicheren Zeiten abspielen: Zum Beispiel jene der Euro 96 in England, als Deutschland zum letzten Mal einen Titel gewann – mit dem ersten Golden Goal der Fussball-Geschichte, erzielt von Oliver Bierhoff. Es war kein Zaubertor, Bierhoff hat den Ball mit gütiger Hilfe des Torwarts irgendwie reingewürgt. Aber es war ein Tor, das den Titel brachte.

Heute fehlt letztlich das Gift, ein Spielertyp, der mal ein Zeichen setzt, die glattgebügelten Kollegen wachrüttelt. Deutschland verlor früher auch wichtige Spiele, doch ergab es sich nicht seinem Schicksal. Man denken nur an den WM-Final von 1986: Argentinien führte 2:0, keiner setzte mehr einen Pfifferling auf Beckernbauers Mannschaft, die mit viel Kampf ins Endspiel gekommen war. Doch Rudi Völler und Kalle Rummenigge glichen nach Eckbällen in sengender Hitze noch zum 2:2 aus. Klar, am Ende gewannen die Argentinier noch 3:2. Doch sie wussten: Mit einer deutschen Elf muss man bis zur letzten Sekunde rechnen.

Deshalb: Kämpft wieder mehr und zaubert weniger, liebe deutsche Fussballer. Holt endlich wieder einen Titel. Der bleibt im Gedächtnis haften, alles andere vergisst man.

*Anatol Heib ist Digital-Redaktor und Crossmedia-Verantwortlicher bei Tagesanzeiger.ch.

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Wieso sind Fussballer solche Heulsusen?

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 6. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Bloggerin heute ist Lea Koch*.

Cristiano Ronaldo kommt zum wiederholten Mal weinend nach Hause.
Die Mutter: «Wieder Messi?»
Ronaldo: «Nein, ein Neuer!»

Man muss kein ausserordentlicher Kenner der Szene sein, um den in so wenige Worte treffend verpackten Sarkasmus zu verstehen.

Selbst mir, als nicht unbedingt fussballbegeistertem Mitglied der Gesellschaft ist nicht entgangen, wie viele Tränen allein in diesem Sport vergossen werden.

Vor dem Spiel, wenn Nationalhymnen erklingen, während des Spiels wenn Spieler wie Schwalben über den Platz segeln oder nach erfolgreichem Torschuss den von Stollen durchpflügten Rasen küssen, nach dem Spiel, wenn man seine Niederlage analysiert oder auf dem Podest, wenn man den Pokal küssen kann.

Hat es mit der neuen Softomanie zu tun, die die Männer allgemein als Antwort auf unsere Emanzipationsversuche entwickelt haben? Oder ist es wirklich nur in einer der am höchsten dotierten Sportarten der Welt so, dass hartgesottene Männer mehr Krokodilstränen vergiessen als meine kleine Schwester, wenn Mami ihr das Smartphone wegnimmt.

Und dabei kommt einem nicht nur der portugiesische Womanizer Cristiano  Ronaldo in den Sinn. Obwohl der vielleicht noch am ehesten. Wird die Ikone von Real Madrid doch sogar in den eigenen Reihen als «Prinzessin» oder «Diva» gehandelt. Und seine Traurigkeit auf und neben dem Fussballfeld kennt keine Grenzen. Nur weiss keiner so recht, was ihn eigentlich so unendlich traurig macht. Sein Erfolg, sein gutes Aussehen, die Beliebtheit bei Frauen oder gar sein Spitzenverdienst? Vielleicht hadert er mit seinem Beinamen. Wer wird schon gern «94-Millionen-Mann» genannt, mal ehrlich?

Aber auch weniger gut aussehende, wohl fast gleich gut verdienende Sportskollegen, wie die deutschen Koryphäen Sebastian Schweinsteiger oder Phillip Lahm, scheinen verdammt nah am Wasser gebaut zu haben. Gut, kann man ja im Fall von Niederlagen, wie der gegen Spanien im Halbfinale der WM 2010 oder angesichts des Desasters in der letzten Champions League noch irgendwie verstehen. Da hatte man ja schon auf der Reservebank des heimischen Wohnzimmers Pipi in den Augen.

Völlig skurril aber wird es, was die Wehleidigkeit der Herren auf dem Platz angeht. Jeder Sturz, und sei es der über die eigenen Schnürsenkel, ist mehr als spektakulär. Da werden Körperteile gehalten mit schmerzverzerrten Gesichtern, sich stöhnend und schreiend hin- und hergewälzt, so lange bis die Sanitäter schon die Trage an der Aussenlinie parat gemacht haben. Wenn der Schiri dennoch weiterspielen lässt, weil er diesen bösen bösen Sturz nicht als Foul der gegnerischen Mannschaft gesehen hat, ist Mann so schnell wieder auf den Beinen, als hätte der Begriff Spontanheilung plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. Jedenfalls die nächsten 20 Schritte, bis er wieder mit einem Aufschrei und schmerzverzerrtem Gesicht langgestreckt oder zusammengekrümmt zu Boden geht…
Man könnte fast glauben, dass Profifussballer im Rahmen ihres Trainings regelmässig eine Wochenlektion in der Theater AG absolvieren.

Gut, können sie vielleicht auch noch für später gebrauchen. Wenn sie zu alt werden für ihren Job. Vielleicht ist ein Teil ihrer Wehleidigkeit auch darin begründet, dass sie schon immer an die «Zeit danach» denken müssen, wer weiss. Können schliesslich nicht alle vom erfolgreichen Spieler zum erfolgreichen Trainer werden, wie Pep Guardiola. Der wird übrigens als Schöngeist seiner Zunft liebevoll «Glasperlenspieler» genannt. Weil er Hermann Hesse liebt. Und Immanuel Kant. Wie die «Zeit» in einem Interview mit Guardiola berichtete, ist Philosophie seine zweite Liebe – neben dem Fussball. Und er beziehe sie ins Training mit ein.

Tja, ich denke da darf man sich ziemlich sicher sein, dass in Zukunft noch mehr Tränen fliessen werden. Zumindest bei Bayern München. Wenn die erstmal anfangen, darüber zu philosophieren, warum sie mit Spielen so reich geworden und viele Menschen mit Arbeiten so arm geblieben sind, geht die Weinerei erst richtig los. Aber dann ist sie auch berechtigt. Und nicht mehr nur Ausdruck theatralischer überbezahlter Wehleidigkeit.

*Lea Koch ist Praktikantin und Redaktionsassistentin bei Tagesanzeiger.ch. Sie spielte ein halbes Jahr in der schlechtesten Fussball-Damen-Mannschaft Nordrhein-Westfalens, aber vergoss keine einzige Träne.




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Warum Männer im Fussball mehr Emotionen zeigen als bei Frauen

Steilpass-Redaktion am Dienstag den 5. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Bloggerin heute ist Denise Jeitziner*.

Fans von Neuchatel Xamax feiern den Aufstieg ihres Clubs in die Super League, nach dem Fussballspiel der Challenge League zwischen dem AC Lugano und Neuchatel Xamax, am Samstag, 26. Mai 2007, im Cornaredo Stadion in Lugano. Die Neuenburger gewannen das Spiel 1-3. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Hier können Männer hemmungslos emotional sein: Fans von Neuchâtel Xamax feiern in Lugano den Aufstieg ihres Clubs in die Super League, 26. Mai 2007. (Keystone/Karl Mathis)

«Wenn die Freundin abhaut, kann man sich eine neue suchen. Aber was, wenn der eigene Fussballklub Konkurs geht? Den Verein wechseln? Unmöglich!» Dieser Aussage stammt nicht von irgendeinem Macho-Arsch, der so wenig im Hirn hat wie ein Tor nach Spielende; nein, dieser Satz stammt von meinem Freund.

Als sein Fussballklub Neuchâtel Xamax vor rund einem Jahr Konkurs ging, verfiel er in eine depressive Verstimmung. Er war traurig, wütend, enttäuscht und resigniert. Aus seiner Lethargie fand er erst dann wieder heraus, als der neue Verein «Neuchâtel Xamax 1912» gegründet wurde. Vor lauter Dankbarkeit kaufte er einen Solidaritätsziegelstein, was ihm die Verewigung auf der Xamax-Website einbrachte. Er war endlich wieder glücklich.

Ja, mein Freund ist ein sehr emotionaler Mensch. Er jubelt und hüpft, wenn er glücklich ist und hat manchmal sogar feuchte Augen. Wenn es nicht gut läuft, kann er vor lauter Ärger so laut schreien und mit den Fäusten aufs Sofa hauen, dass es staubt. Er ist kommunikativ, auch ungefragt, und schüttet einem sein Herz aus, wenn seine Beziehung in der Krise steckt. Die Beziehung zum Fussball meine ich.

Bei mir ist er ganz anders. Laut wird er nie. Seinen Unmut lässt er sich höchstens durch Schweigen anmerken, und über unsere Beziehung spricht er nur, wenn er dazu gezwungen wird. Mit der Aufmerksamkeit hat er es auch nicht so. Er weiss zwar noch, wie der Spieler hiess, der Xamax 1997 wegen eines Hands um den Meistertitel brachte. Um sich die Namen meiner Freunde, Nichten und Neffen zu merken, brauchte er etwa zwei Jahre. Blumen kauft er mir selten bis nie, dafür schenkte er mir ein Saisonabo für Xamax. Für Fussballmatches reist er bis nach London oder Kiew, für einen Ausflug in die Ikea ist ihm der Weg aber meist zu weit.

Ich mag Fussball auch. Die uneingeschränkte Begeisterung der Männer für Fussball ist mir jedoch ein Rätsel. Wie können sie Gefühle in allen Variationen zeigen, sobald es um Fussball geht, und zu Hause tun sie so, als seien sie so emotional und redselig wie ein Zierfisch? Wie können sie jahrelang zu ihrem Club halten, selbst wenn der nichts als eine Enttäuschung ist? Bei einer Frau wären sie längst fremdgegangen.

Die Autorin Constanze Kleis versuchte der Sache in ihrem Buch «Ballgefühle. Wie Fussball uns den Mann erklärt» auf den Grund zu gehen. Da fand sie Folgendes heraus: Beim Fussball sei alles klar strukturiert: eine Tabelle, 2 Tore, 22 Spieler und ein Ball. Und es gebe feste Regeln, die leicht zu verstehen seien. Bei Frauen sei oft das Gegenteil der Fall. Fussball dagegen sei «ein wahrer Zufluchtsort für Männer, die bei Frauen nie richtig wissen, ob sie sich gerade wieder durch Treibsand begeben und möglicherweise etwas falsch machen.» Also kurz: Weil Fussball so simpel ist, ist er ideal für Männer, währenddem Frauen manchmal etwas zu kompliziert für sie sind. Im Fussball fühlen sie sich sicher, hier können sie ihren Emotionen freien Lauf lassen, Woche für Woche, ohne Konsequenzen. In der Beziehung dagegen denken sie: Besser keine Gefühle zeigen, statt die falschen. Fanschal tragen? Unbedingt. Händchenhalten in der Öffentlichkeit? Lieber nicht. All Männer verstehen das, egal welche Mannschaft, egal welche Sprache, egal wie hoch der Alkoholpegel. Frauen nicht.

Das ergibt halbwegs Sinn. Ändern können wir Frauen daran wohl nichts. Uns bleibt nur die Hoffnung auf möglichst viele Siege, denn nach gewonnenen Fussballspielen sind die Männer meist besonders gut drauf. Das lässt sich gezielt einsetzen – für Ikea-Besuche beispielsweise. Und schliesslich mögen Männer uns  am Ende doch ein bisschen mehr als den Fussball. Das haben Forscher der Universität Bristol herausgefunden. Fussballfans mussten ein Foto ihres Lieblingsteams und ein Foto der Partnerin zerschneiden. Selbst wenn die Männer vor dem Test steif und fest behauptet hatten, ihr Team genauso fest zu lieben wie ihre Frau, war ihr Stresslevel leicht höher, als sie das Foto der Partnerin zerschneiden mussten. Naja, immerhin.

*Denise Jeitziner ist Redaktorin bei Tagesanzeiger.ch.

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Warum Trainer nie Glück haben dürfen

Steilpass-Redaktion am Montag den 4. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Kommentator Bernard Thurnheer*

Unter seiner Führung hatte Barcelona manchen Höhenflug: Pep Guardiola. (Bild: AFP)

Hatte Barcelona wegen ihm Erfolg oder hatte er das Glück, Barcelona trainieren zu dürfen? Oben: Pep Guardiola. (Bild: AFP)

Der Fussballberichterstatter weiss schon am Samstag genau, wie das Spiel am Sonntag ausgehen wird, und er erklärt dann am Montag in ebenso überzeugender Art und Weise, wieso dass alles anders herausgekommen ist.

Diese humoristische Aussage trifft uns Sportjournalisten an einer sensiblen Stelle, welche wir immer wieder tunlichst ausblenden: Der Ausgang eines Fussballspiels hat – falls die beiden Teams unter ungefähr gleichen Voraussetzungen antreten – auch mit Glück zu tun, und zwar mit viel mehr Glück und Pech, als wir uns das einzugestehen bereit sind. Fussball-Reporter wollen Experten sein und behandeln den Sport, über den sie berichten, folglich als Wissenschaft. Wenn der Trainer/die Spieler/der Präsident dies und das machen, wird sich der Erfolg daraus als logische Konsequenz ergeben.

Ein noch grösseres Interesse, den Einfluss des Glücks als möglichst gering einzustufen, haben natürlich die Trainer, anderweitig wäre ihr Beruf, ja ihre ganze Existenz in Frage gestellt. In vermindertem Mass gilt das auch für die Spieler, den Masseur, den Konditionstrainer, den Klubarzt, den Finanzchef, ja überhaupt alle Mitglieder der Geschäftsführung, alle, welche irgendwie mit dem Fussball verhängt sind. Keiner würde es wagen, auch nur die Frage nach dem Einfluss des Glücks zu stellen, denn dies wäre regelrecht ketzerisch und hätte eventuell sogar die Verbannung aus der Fussballfamilie zur Folge. Höchstens nach einer Niederlage darf dieses Wort in den Mund genommen werden, in seiner entschuldigenden Form: «Wir haben heute wirklich kein Glück gehabt …, mit etwas Glück hätten wir …» Merke: Das Glück ersetzt das Fachliche nicht, es kommt zum Schluss sozusagen noch dazu (oder eben auch nicht).

«Es ist schwierig, jemanden etwas verständlich zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.» (Upton Sinclair).

Versuchen wir es trotzdem!

Natürlich gibt es gute und weniger gute Trainer und vor allem auch Spieler. Die Transferwerte der Stars sprechen dabei eine deutliche Sprache, die freie Marktwirtschaft urteilt neutral. Die Fussballer müssen aber auch zusammenpassen, in den für sie bestmöglichen Positionen spielen usw. Der Trainer entscheidet über Taktik und Aufstellung. Es herscht ein Konsens darüber, dass es im Misserfolgsfall einfacher ist, den Trainer statt die gesamte Mannschaft auszuwechseln. Das Gehalt des Coaches besteht deshalb wohl zu etwa 50 Prozent aus dieser Rausschmeiss-Risiko-Absicherung. Sein hohes Gehalt täuscht also etwas über seinen tatsächlichen Einfluss hinweg.

Als Trainer kannst du ferner wie die Menschen im Mittelalter in den Adel oder in das Fussvolk hineingeboren werden, wo du dann ein Leben lang bleibst (von wenigen Ausnahmen abgesehen). Wenn du Latour oder Koller heisst, darfst du den FC Thun oder den FC Wil trainieren, und kommst bei anhaltendem Erfolg bei einem Schweizer Spitzenklub unter. Höhepunkt deiner Karriere ist es dann, von einem tief im Abstiegsstrudel steckenden Bundesligisten engagiert zu werden. Als Guardiola startest du deine Karriere gleich beim Champions-League-Sieger Barcelona. Egal, ob du Erfolg hast oder nicht, als nächsten Stationen sind Chelsea, Bayern München oder Paris St-Germain vorprogrammiert. Hätte Barcelona die Champions League auch unter Hanspeter Latour gewonnen? Wahrscheinlich schon. Wäre der FC Thun mit Trainer Guardiola in die Super League aufgestiegen? Ich bin mir da nicht so sicher … Wer von beiden absolut gesehen der bessere Trainer ist, bleibt offen!

Klar ist: Je mehr Asse ein Coach im Ärmel, respektive im Kader hat, desto  grösser sind die Chancen, dass er zu den Siegern gehören wird. Aber Achtung: Jassen muss er dann doch selber noch. Und da trennt sich dann eben doch die Spreu vom Weizen.

*Bernard «Beni» Thurnheer ist Sportreporter, TV-Moderator und Showmaster beim Schweizer Fernsehen. Der vierfache Prix-Walo-Träger ist seit 1975 am Bildschirm zu sehen und hat vier Bücher geschrieben, darunter «Mitreden über Fussball» (2005) und «Mitreden über die Nationalmannschaft» (2008), beide erschienen im Zytglogge-Verlag.

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