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Waschen, legen, feuern, bitte!

Thomas Kobler am Samstag den 18. Mai 2013
Carlos Bernegger.

Das geht auf keine Kopfhaut: Carlos Bernegger mit vollem Körpereinsatz, 11. Mai 2013. (Keystone/Urs Flüeler).

Wer ist hier der Bekloppte? Im Bild: Bayern-Sportdirektor Mathias Sammer (M.) und Dortmund-Trainer Jürgen Klopp (l.) im Zwiegespräch, 4. Mai 2013. (AP/Martin Meissner)

Wer ist hier der Bekloppte? Im Bild: Bayern-Sportdirektor Mathias Sammer (M.) und Dortmund-Trainer Jürgen Klopp (l.) im Zwiegespräch, 4. Mai 2013. (AP/Martin Meissner)

Als am 32. Spieltag der Bundesliga Matthias Sammer und Jürgen Klopp beim Auftritt der Bayern im Dortmunder Westfalen-Stadion  so richtig aneinandergerieten, prallten auch unterschiedliche Ideologien in Sachen Kopfbehaarung zusammen. «Kojak» Sammer zeigte dem BVB-Trainer aus nächster Nähe, was er vom Haareeinpflanzen hält: nichts! Klopp hingegen, der nur verhindern wollte, dass die sich ankündigenden Geheimratsecken ihn womöglich noch klüger als alle andern Bundesliga-Trainer hätten dastehen lassen, hielt bei diesem munteren Tête-à-Tête voll dagegen und forderte vom Bayern-Sportvorstand mehr Demut vor seiner Trainergrösse. Das ursprüngliche, grobe Foul von Rafinha an Blaszczykowski war plötzlich zur Haarspalterei geworden.

Mario Gomez.

Spieglein, Spieglein...: Mario Gomez verteilt Küsschen, 16. April 2013. (AP/Matthias Schrader).

Was der «King of Soccer-Hair», Mario – die Frisur sitzt – Gomez, zu alledem sagt, weiss man schlicht und einfach nicht, weil auf der Ersatzbank wird man nicht einmal mehr danach gefragt. Und mit Dante kam  diese Saison ja geradezu der Schopf der Liga nach München. Dass man dann auch noch den Mandzukic mit seiner Balkan-Fenchel-Tolle holte, hätte Gomez wahrlich nicht gebraucht.  Eine ganz haarige Geschichte, und nicht die einzige in München im Moment.

Sieht nicht nur aus wie Captain Jean-Luc Picard, führt auch seine Mannschaft so. Beam uns die Tabelle rauf, Carlos! Im Bild: Bernegger am 8. Mai 2013. (Keystone/Urs Flüeler)

Sieht nicht nur aus wie Captain Jean-Luc Picard, führt auch seine Mannschaft so. Beam uns die Tabelle rauf, Carlos! (Keystone/Urs Flüeler)

Besser als Carlos Bernegger kann man als Trainer gar nicht ins etwas haarsträubende Anforderungsprofil von FC Luzern-Tyrann und -Mäzen Bernhard Alpstäg passen. Die argentinische Antwort auf ein schwieriges Umfeld könnte minimalistischer nicht sein.  Kasami hat auch keine Flausen am Kopf, und Alex Frei wird noch eine Weile damit beschäftigt sein, alte Zöpfe abzuschneiden in der Leuchtenstadt. «Coupe Vierwaldstättersee».

Dabei war eigentlich die Vorrunde zum Haareraufen! Im Bild: Ancillo Canepa am 8. Mai 2013. (Screenshot: SRF)

Dabei war eigentlich die Vorrunde zum Haareraufen! Im Bild: Ancillo Canepa am 8. Mai 2013. (Screenshot: SRF)

Freudige Ereignisse begeht man auch mal damit, dass man «die Haare runter lässt», wie das englische Idiom ausgelassenes Feiern bildhaft beschreibt. FCZ-Präsident Canepa entschied sich in seiner üblichen, etwas eigenwilligen Art für das Gegenteil: Ihm standen unlängst beim Heimsieg seiner Mannschaft über den FCB die Haare zu Berge. Dagegen liess  Murat Yakin seine runter hängen. An den Haar- und Führungsspitzen war vor zehn Tagen für Unbeteiligte jedenfalls nicht zu erkennen, wie das Spiel ausgegangen war.

Peter Neururer. (Screenshot: Sport 1/Youtube)

Männer sind allzeit bereit, Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit ... wann ist ein Mann ein Mann ...? Im Bild: Bochum-Trainer Peter Neururer. (Screenshot: Sport 1/Youtube)

Peter Neururer, die Quasselstrippe  und Forrest Gumpsche Pralinenschachtel – man weiss nie, was drin steckt – unter den deutschen Trainern, hielt mit Bochum im zweitletzten Moment die Liga. Dabei hatte ihn ein Herzinfarkt auf dem Golfplatz vor gar nicht allzu langer Zeit selbst fast in höchste «Abstiegs- bzw.  Aufstiegsgefahr» gebracht. Zur Feier des Klassenerhalts des VfL und des aktiven Trainerlebens im Allgemeinen liess er sich sein Haar in den Bochumer Vereinsfarben Blau-Weiss colorieren. Schamgrenzen oder  Berührungsängste kennt er sowieso nicht – aber hoffentlich blieb er wenigstens über der Gürtellinie.

Christian Constantin. 6 april 2013 au stade de Tourbillon a Sion. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Geht mit Gott, aber geht! In Sion befiehlt der Herr: Christian Constantin, 6. April 2013. (Keystone/Olivier Maire)

Crazy Christian Constantin (CCC) ist es zu verdanken, dass der Begriff «Haircut» – sonst  als Metapher für einen rigorosen Schuldenschnitt verwendet – nun auch im Fussball Einzug hielt. Drei Trainer und fünf bis zehn Spieler (je nach Quelle) auf einen Streich gefeuert, brächte ihm sogar in Holzfällerkreisen einen Spitzenplatz in der Disziplin Kahlschlag. Mal sehen, ob er das nachhaltige Aufforsten auch drauf hat. Der Präsident hats gegeben – der Präsident hats genommen. Ums Tourbillon herum hat der liebe Gott längst ausgedient, lautet die Hiobsbotschaft aus Sion.

Kopfschütteln fördert den Haarwuchs nicht – glauben Sie es mir.

Das Phrasenschwein-Derby

Thomas Kobler am Montag den 13. Mai 2013

Der Trainer der Grasshoppers ist immer wortreich, aber selten einfallsreich. Dass GC seit gestern die Meisterschaft wahrscheinlich endgültig abschreiben kann, lag nicht nur am Übungsleiter, aber was soll eine Mannschaft machen, wenn sie falsch auf- und eingestellt wird? Ich behaupte, dass es selten so einfach gewesen wäre, die Dominanz des FCB zu brechen wie in der laufenden Saison. Am Anfang waren die Basler unsortiert, und jetzt zum Ende hin sind sie müde von einer langen, strapaziösen Saison. Aber die Zürcher schlugen die Einladungen zu den Satzbällen ein ums andere Mal aus, obwohl die Aufgaben keineswegs unlösbar gewesen wären.

Ich behaupte weiter, dass Uli Forte dafür die Verantwortung übernehmen muss. Wenn ein Trainer nicht feststellt, dass Nassim Ben Khalifa kein Mittelstürmer ist, weil seine Stärken kaum zum Tragen kommen, wenn er mit dem Rücken zum Tor spielen muss, dann ist ihm nicht zu helfen. Gestern hätte er Frank Feltscher als Mittelstürmer aufstellen können und Ben Khalifa als 10 dahinter. Feltscher wäre nicht schlechter gewesen. Warum er seinem Spielmacher, Salatic, seit Wochen solch pomadige Auftritte wie gestern ohne Konsequenzen durchlässt, ist mir schleierhaft. Vielleicht sollte er ihm mal ein paar Schweinsteiger-Videosequenzen vorspielen und nicht nur die letzten Spiele, die Günter Netzer für GC machte.

GC hat die bessere Defensive als der FCZ. Da kann man schon mal etwas riskieren, wenn der Gegner so offensiv aufgestellt antritt wie die Roten gestern. Chermiti und den formschwachen Gavranovic in Schach zu halten, war weder auf dem Papier noch auf dem Platz eine schwierige Aufgabe für die robuste Innenverteidigung. Und Drmic zu doppeln wäre auch keine Kunst gewesen, wenn Salatic nicht wieder so pomadig zwischen Strafraum und Mittelkreis Standplätze eingenommen hätte.

Schlaue Taktiker wie Yakin wissen auf die Schwachstellen des Gegners zu reagieren. Als klar war, dass Urs Meier das defensive Mittelfeld mit dem bescheidenen Buff und Gajic besetzen würde, war Fortes Mittelfeld-Trio Salatic, Abrashi und Gashi nicht offensiv genug, um die Schwachstelle Buff unter Druck zu setzen. Forte ging das Derby ängstlich – fast defätistisch – an. Die Mannschaft musste dafür mit einer unnötigen Niederlage bezahlen, die sie aus einem nicht aussichtslosen Meisterschaftsrennen wirft. Ich wäre ziemlich sauer gewesen als Spieler.

Natürlich kann man im Fussball die Dinge immer ganz unterschiedlich sehen, aber die Zahlen lügen nie. Die linke Zahl beim GC-Torverhältnis sagt alles: Unter den Spitzenmannschaften haben die Grasshoppers mit Abstand am wenigsten Tore erzielt. Ihre Offensive ist schlicht und einfach zu wenig durchschlagskräftig. Das, obwohl sie mit Zuber, Hajrovic und Feltscher über beachtliche Qualität auf den Aussenbahnen verfügen und mit Anatole und Ben Khalifa ein aggressives bzw. technisch sehr begabtes Offensiv-Zentrum vorhanden ist. Nochmal, dass spielerisches Potenzial möglichst grosse Wirkung erzielt, dafür ist in hohem Masse der Trainer verantwortlich.

Die nicht vorhandenen GC-Meisterschaftsträume sind gestern geplatzt, aber noch gäbe es einen Pokal zu gewinnen. Wird es Uli Forte bis dahin gelingen, GC offensiver auszurichten, um die einmalige Chance à la Wigan Athletic zu nutzen? Wie seht ihr das, Sportsfreunde?

Blau-rote Endstationen

Thomas Kobler am Montag den 6. Mai 2013


Mit dem «Primavera», dem ersten Grün des Frühlings, biegen auch die Fussballmeisterschaften und internationalen Wettbewerbe auf die Zielgeraden ein. Für die einen oder andern bedeutet das auch immer, dass sie am Ende ihres Weges angekommen sind.

Da wäre zunächst einmal der heimische FC Basel. An der Stamford Bridge beim FC Chelsea schlug ihm am vergangenen Donnerstag die Stunde im Europa-League-Halbfinal-Rückspiel. Nach der äusserst knappen 1:2-Heimniederlage verloren die Basler das Rückspiel deutlich mit 3:1. Auch wenn die überragende Qualität und das Talent in Reihen des noch amtierenden Champions-League-Siegers aus Südwest-London in der zweiten Halbzeit erdrückend wurden, darf die Mannschaft um Kapitän Marco Streller auf das Erreichte zu Recht ein wenig stolz sein.

Wie weit der FCB mittlerweile ist, verdeutlichte Murat Yakins Erklärung am Tag danach: «Chelsea hatte ich schon beim 3:1 abgeschlossen, deshalb habe ich Streller und Stocker ausgewechselt.» Das Spiel war nach 62 Minuten verloren; der kühle Taktiker zog sich, mit Blick auf die noch anstehenden Aufgaben daheim, geordnet auf eine Verteidigungslinie zurück und richtete das Augenmerk bereits auf die anstehenden Super-League-Begegnungen. Der mühsame Arbeitssieg gestern in Sion gab ihm recht. Am Rheinknie beherrscht man es, über den Tag hinaus zu denken.

Etwas anders sieht die Situation bei den katalanischen Blau-Roten aus. Für den FC Barcelona endete am vergangenen Mittwoch eine Ära: Nämlich die jener grossen Barça-Mannschaft, die unter Pep Guardiola zum Symbol für höchste Fussballkunst gereift war. Ihr legendäres «Tiki-Taka» fand seinen Meister, als der FC Bayern dem perfekten Pass- und Stellungsspiel noch weitere Dimensionen hinzufügte und sie im Camp Nou vernichtend schlug. Der bayrischen Angriffswucht und Zielstrebigkeit, sowie der überlegenen Physis hatten die Spieler um Xavi und Iniesta nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Wer nach dem Hinspiel noch die Hoffnung hegte, dass nur der angeschlagene Messi die Münchner im Hinspiel 4:0 gewinnen liess, musste nach dem Rückspiel erkennen, dass diese grosse Mannschaft erschöpft am Ende ihres Weges angekommen ist.

Natürlich ist das nicht «das Ende der Welt» für die Katalanen. Nichts ist so zerbrochen, dass man es nicht wieder ziemlich rasch reparieren könnte. Viel eher ist der Moment gekommen, wo man sich in Barcelona wieder daran machen muss, die nächste grosse Mannschaft aufzubauen. Die hier ist nur noch gut. Dass man dabei auf Lionel Messi – den bisher vielleicht begabtesten Fussballer aller Zeiten – und auf eine der grossartigsten Vereinsphilosophien überhaupt zählen kann, erleichtert einiges. Weiter schaffen der fantastische Fussballtempel Camp Nou sowie finanzieller Handlungsspielraum eine beneidenswerte Ausgangslage für die unumgänglich gewordenen Restaurationsarbeiten.

Barcelonas Trainer Tito Vilanova tut sich noch schwer mit dem Gedanken, dass das «Guardiola-Barça» letzten Mittwoch den Betrieb einstellte, viele Fans vermutlich auch. Aber die Champions League lügt nicht. Azulgrana, die Blau-Roten, haben das Klassenziel zum zweiten Mal hintereinander deutlich verfehlt. Jetzt muss einiges hinterfragt werden – selbst der krankheitsgeschwächte Trainer, was angesichts dieser besonderen Umstände für die Vereinsführung eine menschlich äusserst heikle Situation darstellt.

«Més que un club» oder am Ende doch auch nur ein Club? Was glaubt ihr, Sportsfreunde?

Frau beisst Hund!

Thomas Kobler am Samstag den 4. Mai 2013


Diesmal war es aber keine Frau und auch kein Hund, die für eine eher ungewöhnliche Schlagzeile aus der Welt der abgelegten Bell- und Beisshemmungen sorgten, sondern Liverpools Mittelstürmer Luis Suárez, der prüfte, ob sein Gegenspieler vom FC Chelsea, Branislav Ivanovic, schon «durch» war und dafür mal kurz in dessen Arm biss. Ivanovic war «not amused», wie man in England heftige Irritation elegant umschreibt, und die FA auch nicht. Sie sperrte Suárez, weil er ein Wiederholungstäter(!) ist, für zehn Meisterschaftsspiele. Seine letzte grosse Sperre war wegen Rassismus, nun ist es Kannibalismus. Beim dritten Mal gibts einen Maulkorb, angelegt von einem schwarzen Pfleger.

Dass Fussballspieler in der Hitze des Gefechts schon mal die Offiziellen anbellen, ist längst Routine. Umgekehrt ist es allerdings eher aussergewöhnlich. Kürzlich nannte Schiedsrichter Pascal Erlachner den GC-Mittelfeldstar Vero Salatic ein «Arschloch». Man war sich während des Spiels etwas unglücklich in die Quere gekommen, oder wie das in bestem Fussballtaktik-Deutsch heute heisst: Ihre Laufwege hatten sich gekreuzt, was sich beide offenbar ziemlich übelnahmen. Mittlerweile ist die Sache gegessen. Erlachner, der sich von Salatic herausgefordert fühlte, wurde von der SFL für die nächsten Einsätze salomonisch in die Challenge League eingeteilt, und Salatic nahm – nach zwei Tagen beleidigte Chevapchichi spielen – die Entschuldigung des Refs an. Er musste das erst einmal verdauen.

Geknurrt wurde auch in Cottbus, wo der Kameruner Stürmer des 1. FCK, Mo Idrissou, offenbar Schiedsrichter Starks Bemerkungen zur seiner Körpersprache mit zu vielen «schwul» in seinen Antworten ausschmückte. Wenigstens war es zur Abwechslung mal nichts rassistisches im Zusammenhang mit einem dunkelhäutigen Spieler, und leichte Homophobie gehört unter Fussballern aller Couleur ja fast schon zum guten Ton. Weil er aber grad so in Fahrt war, qualifizierte er auch gleich noch sich und seine Mannschaftskameraden zünftig ab, die gegen Energie wichtige Punkte im Kampf um den Relegationsplatz zur 1. Bundesliga liegen liessen: «Wir sind einfach nur dumm, die dümmste Mannschaft der 2. Liga». Der DFB ist mittlerweile an der Sache dran, aber Stützunterricht für geistig herausgeforderte Bundesliga-Profis wäre ein Novum.

Den russischen Linienrichter Kadyrow, der im tschetschenischen Grosny nach dem Premier-Liga-Spiel zwischen Terek und Perm wie von der Leine gelassen auf Perms Verteidiger Krichmar mit Fäusten und Tritten losging, schenken wir uns. Den Neuenburgern sträuben sich noch immer die Nackenhaare, wenn sie das Wort Tschetschenien nur hören.

Und was ist eigentlich im Wallis los. Hat Genaro Gattuso Imperator Constantin an die Kette gelegt? Die Ruhe wirkt gespenstisch, besonders weil Sions Fussball momentan überhaupt nicht begeistert. Schlafende Hunde soll man nicht wecken, heisst es, aber schläft Constantin noch oder lauert er schon? Der Hund von Baskerville war eine schreckliche Bestie, aber im Vergleich zu Sions Präsidenten wohl eher ein Schosshündchen.

Nachdem die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) auf ihre letzte Sport-Sonntagsfrage mit der Leserantwort titelte: «Aber a Hund san’s scho, lieber Herr Hoeness!», liegt der Gedanke nicht allzu fern, dass das Spiel unlängst tatsächlich etwas auf den Vierbeiner gekommen ist. Fallen Ihnen auf die Schnelle noch andere bemerkenswerte «tierische Geschichten» zum Fussball ein?

Die Berner Trainerfrage

Thomas Kobler am Dienstag den 30. April 2013


Im November letzten Jahres begab sich der damalige FC-Thun-Trainer und Albtraum jedes vierten Offiziellen, Bernard Challandes, auf einen Ausweg aus der Krise, den man als Trainer nie beschreiten sollte: Er fragte seine Mannschaft, ob sie noch weiter mit ihm arbeiten wolle. Die Stimmung war damals so schlecht wie der Tabellenplatz, und die Mannschaft sagte – wie der Computer in den «Little Britain»-Sketchen: «No».

Von einem Tag auf den andern standen die Berner Oberländer ohne Übungsleiter und der Übungsleiter ohne Berner Oberländer da. Im überschaubaren Biotop der allzeitbereiten Super-(League-)Trainer fiel die Wahl nach sorgfältigem Auswahlverfahren (Meynsch?) auf Challandes’ ehemaligen Nachfolger beim FCZ: Urs Fischer. Das hatte sich in der Zürcher Praxis eine Zeit lang ganz ordentlich bewährt, und weil der Oberländer von Haus aus pragmatisch ist, und der Zürcher auf dem Markt war, fand man sich nach den üblichen Verhandlungsrunden (Iou oder Ney?). Kurze Zeit später machte sich das Zürcher Urgestein zum Rückrundenbeginn hin auf den Weg in die Berge.

Flüchtete vor den kalten Bergwinden ins zugige Stadion im Tal: Anatole Ngamukol trifft jetzt für GC, im Bild gegen YB. (Keystone, 16. Februar 2013)

Flüchtete vor den kalten Bergwinden ins zugige Stadion im Tal: Anatole Ngamukol trifft jetzt für GC, im Bild gegen YB. (Keystone, 16. Februar 2013)

Wie viel man sich in Thun von Fischers Verpflichtung versprach, zeigte der Verein, indem er mutig seinen besten Stürmer Anatole Ngamukol zu den Grasshoppers nach Zürich ziehen liess. Dass der Oberländer aufs Geld schaut, ist nichts Neues, aber dass ihm auch Handelsbilanzen so am Herzen liegen, war mir neu. Die zwischen den Ständen Bern und Zürich war nach diesem Deal zumindest nominell wieder ausgeglichen.

Als Fischer in Thun antrat, standen aus 18 Vorrundenpartien 18 Punkte zu Buche, das Tabellenende lag sieben Punkte dahinter und der vierte Europa-League-Platz 14 Punkte voraus. Diese Situation hatte wenigstens die Zielsetzung des Clubs für den neuen Trainer ziemlich vereinfacht: Klassenerhalt um jeden Preis (aber kosten darf es – wenn möglich – nichts)! Wie glücklich Urs Fischer über den Anatole-Verkauf war, ist nicht überliefert, aber zum Trost und als Ersatz im Sturm bekam er den Finnen Berat Sadik. Finnen, die Brasilianer des Nordens – und kältebeständiger sind sie auch.

Weil Kontinuität bei kleinen Vereinen die Quadratur des Kreises ist, versucht man sie in Thun erst gar nicht anzustreben. Man sieht sich wohl eher als Feuerwerksclub der Liga. Glänzende Höhepunkte und dunklere Zeiten wechseln sich in munterer Reihenfolge ab. Die Höhepunkte der bisherigen Saison waren die Thuner Goalgetter: Lustrinelli sprang als Interimstrainer ein, Anatole traf in der Vorrunde, was die Fans nach seinem Abgang etwas schwarz sehen liess, und unter Fischer hat der weiter unten am Aarelauf oft verkannte Provinz-Ronaldo Marco Schneuwly gerade wieder rechtzeitig zu alter Treffsicherheit gefunden. Was die Fans mittlerweile wieder träumen und Res Gerber aufatmen lässt.

Thun träumt also süss, aber beim Kantonsrivalen sieht es weiterhin ziemlich düster aus – und noch scheint alles weiter den Bach runter zu gehen. Bauer schlägt Dame, ist man versucht zu denken, wenn man Berner ist. Dass die Städter, in ihrem jugendlichen, namensgebenden Übermut, den Oberländern aber ausgerechnet mit dem von ihnen geschassten Trainer entgegentreten wollen, ist eine dieser fantastischen Wendungen, die dieses Spiel so unbeschreiblich machen. (Notiz an mich: Vergeude ich sinnlos meine Zeit?)

FCB oder GC bei den Titeln ist eine spannende Frage, aber Thun vor YB mit Challandes mitten drin ist eine herrlich pikante. Gift oder Heilmittel – die ewige Trainerfrage. Welches von beiden wird Bernard Challandes im Berner Tauziehen sein?

Kick it like Bürki

Thomas Kobler am Montag den 29. April 2013


Im Spiel der Grasshoppers gegen Luzern vor acht Tagen traf der herauslaufende und –springende GC-Torwart Roman Bürki den Angreifer Pajtim Kasami mit dem Fuss schwer an der Schulter. Schiedsrichter Hänni wertete die Aktion als unbedenklich, auch wenn sie den Luzerner Stürmer beinahe Kopf und Kragen gekostet hätte. Die Partie lief ohne Unterbrechung weiter. Dass es mindestens grenzwertig war, spürte das Heimpublikum in Luzern sofort und begann wütend zu pfeifen. Das rief auch TV-Kommentator Sascha Ruefer auf den Plan, der sich ob der Szene fürchterlich aufzuregen begann. Aber war die allgemeine Empörung gerechtfertigt?

Im SRF-Sportpanorama am Sonntagabend stempelte der Sportreporter im Gespräch mit dem Moderator Jan Billeter den GC-Goalie zum «Hitzkopf», und wertete die Szene, belegt von Zeitlupenaufnahmen, als «miese Tätlichkeit». Roman Bürki sah das naturgemäss etwas anders und stufte es als «normale Torhüter-Schutzmassnahme mit dem Bein voraus» ein. Noch im Interview nach dem Spiel bedauerte er, dass er seinen U21-Nationalmannschaftskameraden unglücklich getroffen hatte, und versicherte, dass «bestimmt keine böse Absicht» dahinter stand. Herr Hänni hatte seinem Tatsachenentscheid – nicht zu pfeifen – auch nichts mehr hinzuzufügen.

Damit hätte man zur Tagesordnung übergehen können und Kasami in die Physio. Denkste. Sascha Ruefer blieb kein einsamer Rufer im Fernsehstudio, sondern wurde von der Swiss Football League (SFL) gehört, und eine Untersuchung wurde eingeleitet. Wenn es für einmal keine offensichtlichen Fehlentscheide sind, die das Ansehen unserer Schiedsrichter untergraben, dann ist es halt die Liga. Der SFL-Disziplinarrichter entschied nach sorgfältiger Untersuchung und Abwägen aller Fakten zum Spieltag hin, dass Roman Bürki für seinen Kick, den er als «grobe Unsportlichkeit» einstufte, mit einer Sperre von drei Spielen zu belegen sei.

Daraufhin verlor Adrian Fetscherin, Marketing- und Kommunikationsmanager der Grasshoppers, die Contenance – er «flippte» auf gut Deutsch – und warf der SFL «Verfälschung der Meisterschaft mittels eines skandalösen Präzedenzfalles (Musterfall)» vor, weil der Disziplinarrichter den Tatsachenentscheid des Referees umstiess und Bürki, der sich seines Vergehens auf dem Feld durchaus bewusst zu sein schien, nachträglich zum dreimaligen Zuschauen verdonnerte. Wenn GC vorne schon nicht mehr richtig traf, dann musste man hinten doch möglichst dicht bleiben, dachte Herr Fetscherin wohl.

Der Tritt war heftig – die Strafe saftig. Somit musste der Gerechtigkeit doch Genüge getan worden sein, sollte man denken. Nehmen wir jetzt einfach einmal an – damit dieser Blog, und die ganze Aufregung überhaupt Sinn machen – es wäre eine «miese Tätlichkeit» (Ruefer) oder eine «grobe Unsportlichkeit» (SFL-Disziplinarrichter) gewesen – war es dann richtig, nötig oder gar zwingend, den Tatsachenentscheid Hännis nachträglich zu kassieren und allenfalls schon wieder die Schlusstabelle der Super League am grünen Tisch mitzuentscheiden? Was glaubt ihr, Sportsfreunde?

Erdbeben von München bis Dortmund

Thomas Kobler am Donnerstag den 25. April 2013


Seit vergangenem Samstag bebt in München die Erde. Was mit einem ohrenbetäubenden Geraschel im Münchner Blätterwald anfing, schüttelte und spaltete daraufhin das ganze Land und die Nation. Wo das Epizentrum lag, darüber streiten sich die Gelehrten noch, aber drei Orte stehen im Vordergrund:

Das Haus des FC Bayern-Präsidenten am Tegernsee, welches von der Staatsanwaltschaft mit Durchsuchungs- und Haftbefehl auf den Kopf gestellt wurde. Das Zentrum deutscher Fussballmacht an der Säbenerstrasse in München, wo manchmal dunkle Pläne ausgeheckt und in die Tat umgesetzt werden. Und die schier uneinnehmbare Festung Allianz Arena, wo Dienstagabend sogar Messi und seine Kameraden aus Barcelona total auseinandergenommen wurden.

Doch der Reihe nach. Nachdem aufgeflogen war, dass Uli Hoeness nicht die moralische Lichtgestalt war, die Deutschland und die Welt nach seinen Vorgaben in ihm sahen – und Sepp Blatter fürchtete – musste in München gehandelt werden. Das Denkmal lag seit dem Wochenende auf der Nase, und das öffentliche Spiessrutenliegen wurde allmählich zu schmerzhaft. Ablenkung musste her, um jeden Preis. Genau gesagt, für 37 Millionen Euro Ablöse und geschätzte 7 Millionen Gehalt im Jahr. Die Bayern hatten in einer Nacht- und Nebelaktion aus Dortmunds schillerndster Figur – hinter «Kloppo» – wieder einen waschechten Bayern gemacht: Mario Götze wird auf die neue Saison hin Gelb-Schwarz gegen Rot eintauschen. Hätte man den Papst von den Katholiken zu den Protestanten transferiert, der Aufschrei im Lande wäre womöglich kaum grösser gewesen. Auf einmal wusste man nicht mehr, ob Hoeness ein richtiger Gauner oder bloss «a Hund is», wie Bajuwaren in solchen Fällen gerne mal vermuten.

Die Aufklärung lieferte das grosse Spiel gegen Barcelona. Die Münchner fegten Kataloniens Stolz mit 4 : 0 vom Platz. Schweinsteiger liess Messi, Xabi und Busquets von der Bildfläche verschwinden und Thomas Müller zeigte, mit dem Unterhemd aus der Hose hängend, dass Technik und Stil allein nicht alles sind im Fussball. Ich hatte zwar insgeheim vermutet und gehofft, dass Barcelona diesmal dran wäre, aber wie die dominiert wurden von den Roten, das war letztmals Milan 1994 mit dem gleichen Resultat im Champions League-Finale in Athen geglückt. Blau-Rot musste nach fast zwanzig Jahren wieder einmal bedingungslos kapitulieren. München und die Fussballwelt bebten schon wieder, und die Endzeitpropheten kamen aus ihren Löchern. Wahrscheinlich wie immer zu früh, aber das kennen wir ja. Doch nach diesem Triumph steht zumindest im Freistaat weitum fest: Uli Hoeness is «a Hund».

Tags darauf richteten sich alle Blicke nach Dortmund. Was würde wohl das Götze-Beben in der rechten fussballerischen Herzkammer des Ruhrpotts anrichten? Facebook postete «Verrat», Twitter twitterte gelb-schwarzen Weltschmerz, und die legendäre Südtribüne stimmte zum Spiel gegen «die Königlichen» trotzige Gesänge an. Dann machten sich die Spieler des BVB an die Arbeit, und als sie nach 94 Minuten fertig waren, lag Real Madrid in Trümmern, Götze stand noch, und Dortmund taumelte vor Freude über das 4 : 1. Seit gestern werden Erdbeben im Ruhrgebiet auf der Lewandowski-Skala gemessen. Bei Stärke 4 verliert man den Boden unter den Füssen und beinahe auch den Verstand.

Die beiden seismischen Ereignisse haben zwar fern der iberischen Halbinsel stattgefunden, aber auch dort waren die Erschütterungen riesig. Werden wir gerade Zeugen einer Verschiebung der alten Kräfteverhältnisse im europäischen Fussball?

Souveräner Präsident oder dünnhäutiger Pate?

Thomas Kobler am Montag den 22. April 2013
Geht für den FC Zürich oft genug über seine Schmerzgrenzen: Ancillo «Emo» Canepa.<br>(Bilder: Paramount, Keystone/Montage: dip)

Geht für den FC Zürich oft genug über seine Schmerzgrenzen: Ancillo «Emo» Canepa.
(Bilder: Paramount, Keystone/Montage: dip)

Das Familienoberhaupt hatte in einem turbulenten Jahr wieder einmal alle und alles überlebt. Zuerst die emotionale Trennung von Urs «Üse der Angler» Fischer, der fast wie ein Sohn war, aber dem der Erfolg abhanden gekommen war, was in einem Geschäft, das keine Gnade kennt, unweigerlich das Aus bedeutete. Danach Rolf «Austria-Roli» Fringer, der von Anfang an auf Distanz blieb, und dem die Männer im schrecklichen letzten Herbst die Gefolgschaft versagten. Das hatte dem Boss keine andere Wahl gelassen – man musste ihn noch vor der Rückrunde loswerden. Fast gleichzeitig wurde im internen Machtkampf auch Gregor «Greg der Banker» Greber kaltgestellt. Der Pate hatte noch einmal aufgeräumt.

Schon im Spätsommer hatten sich die Zeichen gemehrt, dass möglicherweise ein frostiger Winter anstehen könnte. Der Spätherbst bestätigte es – dazu musste man weder den Wetterfrosch Kachelmann küssen, noch Karlsson Bucheli auf seinem Dach fragen. Die Tabelle schrie es förmlich heraus. Und als der Schlussstrich unter die Vorrunde gezogen war, gab es nichts mehr zu deuteln: Don Ancillos FCZ war in höchste Bedrängnis geraten.

Ancillo «Emo» Canepa hätte es nie bis an die Spitze der zweiten Zürcher Familie gebracht, wenn er Krisen – und davon gab es in letzter Zeit mehr als genug – nicht in den Griff bekommen könnte. In einsamen Herbstspaziergängen über die neblige Allmend rauchte er grübelnd manche Pfeife, während seine Männer nur einen Steinwurf weiter das Schiessen und Treffen übten, das ihnen bis dahin kaum gelingen wollte. Mario «der Knipser» Gavranovic knipste zu wenig, und Drmic fehlte mehr als nur ein Vokal. Die Übungen leitete ein Leutnant – Urs «der Kauz» Meier. Einst von der andern grossen Zürcher Familie ausgebootet, hatte er über die Geleise gewechselt. Konnte man ihm zutrauen, die mögliche Katastrophe zu verhindern? Die Adventstage waren eine schlaflose Zeit, und bei Don Ancillo und Donna Heliane ging oft tief in der Nacht, noch vor dem Licht, der Tabak aus. Dann traf der Pate seine Entscheidung.

Man mag als Fussball-Fan zum FCZ-Präsidenten stehen wie man will, aber für mich steht fest: Für seinen Verein geht er oft genug über seine Schmerzgrenzen. Ist Herzblut gefragt – er spendet. Braucht es Geld – er schiesst auch mal ein. Stehen harte Entscheidungen an – er trifft sie am Ende. Wenn eine Portion Glück nötig wäre, dann wünschte man ihm zuweilen etwas mehr davon, wie auch Distanz und ein dickeres Fell. Aber lassen wir uns von der Basler Coolness nicht täuschen, denen schlägt das Herz auch oft genug bis zum Hals, allerdings bis auf Weiteres auf einem höheren Level.

Seit er Urs Meier zum Trainer der desolaten Mannschaft gemacht hatte, ist eine Trendwende eingetreten. Meier ist vor allem ein solider Schaffer, der scheinbar ein Team aufbauen kann. In der Liga hat man sich, als letzte Chance nach dem Cup-Aus, auf die Verfolgung des launischen FC Sion gemacht, den man noch überholen muss, wenn in der kommenden Saison, dank der Europa League, wieder etwas weniger magere Zeiten anbrechen sollen. Die «Werkzeugkiste» des FCZ ist nicht besonders luxuriös bestückt – die Meisterschaftszielgerade wird deshalb zur reinen Willensleistung und Charakterfrage werden.

Werden Meier, die Mannschaft und der Boss das Blatt noch rechtzeitig wenden können? Was denkt ihr, liebe Sportsfreunde?

Ich bin dann mal so Frei

Thomas Kobler am Montag den 15. April 2013


In der 57. Minute legte er sich den Ball zum Freistoss zurecht und zimmerte ihn FCZ-Hüter Da Costa zum Ausgleich ins Lattenkreuz. Nach 63 Minuten zeigte die kleine Anzeigetafel seine Nummer 13. Alex Frei ging ein letztes Mal als Profi vom Platz. Das Basler Publikum hatte sich erhoben und verabschiedete seinen Helden der letzten drei aufeinander folgenden Meistertitel, zweier Cup-Siege und einiger unvergesslicher europäischer Cup-Abende mit der verdienten Standing Ovation für sein fussballerisches Lebenswerk. Einige schluckten leer, feuchte Augen sah man auch – das wars.

Wenn am Taufbecken der Name Alexander fällt, dann werden einem Sprössling auch gleich richtig grosse Schuhe hingestellt, die mit diesem Namen und dessen unausgesprochenem Zusatz – «der Grosse» – fast unweigerlich verknüpft sind. In seinem Fall könnten es Stollenschuhe gewesen sein, die es zu füllen galt. Weil jeder es mitverfolgen konnte – Live-Spiele, Tabellen, Torjägerlisten oder Youtube-Clips lügen selten bis nie – und jemand auch schon ein Buch über ihn geschrieben hat, ist es kein Geheimnis mehr: Alex Frei hat seinem Vornamen ziemlich Ehre gemacht.

Rekordtorschütze: Frei, hier bei einem Freundschaftsspiel gegen Liechtenstein 2008, traf in 84 Spielen für die Nationalmannschaft 42 Mal. (Bild: Keystone)

Rekordtorschütze: Frei, hier bei einem Freundschaftsspiel gegen Liechtenstein 2008, traf in 84 Spielen für die Nationalmannschaft 42 Mal. (Bild: Keystone)

Den grossen Makedonier und auch den mittelgrossen Basler konnte kaum etwas von ihren Wegen abbringen. Verletzungen – auch schwere – wurden auskuriert, Mund oder Tränen abgewischt und weiter ging es dem nächsten Ziel entgegen. Den gordischen Knoten löste Alexander mit einem beherzten Hieb – Frei suchte Entscheidungen auch mal mit einem direkten Freistoss. Und nein, die hiessen schon immer so. Wie der Griechen grösster Sohn kam auch der Eidgenossen grösster Goalgetter ziemlich herum in der Welt. Alexander eroberte Völker und Reiche – Alex europäische Fussballarenen und -ligen.

Wie man Triumphe richtig begeht, damit hatten beide zwischenzeitlich ihre liebe Mühe. Nach seinem Sieg über den Perserkönig Darius III. liess Alexander Persepolis schleifen und brandschatzen, aber nie hätte er, wie Frei bei seinem 40. Nati-Goal, den eigenen Mitstreiter weggestossen, nur um sich einen Moment lang solitär im Glanz des historischen Augenblicks zu sonnen. Tatsächlich soll der antike Held sogar einmal von Diogenes mit «Geh mir ein wenig aus der Sonne!» angewiesen worden sein – weiss zumindest die Anekdote. Das hätte mal einer beim Alex versuchen sollen; der wäre womöglich in der kroatischen Nationalmannschaft gelandet – das wüsste Petric. Sogar was das Karriereende angeht, bewegen sie sich beinahe im Gleichschritt: Alexander der Grosse trat mit dreiunddreissig Jahren von der Weltbühne ab – Alex Frei vom grünen Rasen.

Spieler des Jahres: Frei wird in der Nacht des Schweizer Fussballs 2012 ausgezeichnet. (Bild: Keystone)

Spieler des Jahres: Frei wird in der Nacht des Schweizer Fussballs 2012 ausgezeichnet. (Bild: Keystone)

Wie gross ein Marksman (engl. Scharfschütze) im Fussball sein kann, wird gegenwärtig zwar von einem kleinen Argentinier und einem eitlen Portugiesen neu definiert, aber nach den bisher gebräuchlichen Statistiken darf man Alex Frei uneingeschränkt zu den Grossen seiner Zunft zählen. Seine Werte stehen denen eines Henry, Klose, Baggio, Shearer oder Raúl in nichts nach. Machen wir uns also nichts vor, so einen wie ihn werden wir im roten Nati-Trikot so schnell nicht wieder erleben können. Im Guten, wie im weniger Guten.

Frei wäre nicht Frei, wenn er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen würde. Die nächste Herausforderung erwartet ihn schon heute an seinem neuen Arbeitsplatz, beim aus dem Ruder gelaufenen FC Luzern. Frei wäre auch nicht Frei, wenn er nicht völlig überzeugt wäre, dass er das Innerschweizer Fussball-Flaggschiff wieder auf Kurs bringen könnte: «Ich bin überzeugt, die richtige Wahl getroffen zu haben …», sagte er jüngst auf der Pressekonferenz.

Dabei, und auch sonst im Leben, wünsche ich ihm auf jeden Fall viel Glück und alles Gute. Ein Kapitän ist vom Platz gegangen.

Das Zürcher Derby: Glaubensfrage oder Heldenepos?

Thomas Kobler am Montag den 8. April 2013

Der Steilpass begrüsst heute einen weiteren neuen Blogger: Thomas Kobler. Willkommen!


Die geschätzte 857. Aufführung der Zürcher Fassung von «Pride and Prejudice» (Stolz und Vorurteil), oder auch kurz Stadtrivalen-Derby genannt, wurde am vergangenen Samstagabend bei mildem Winterwetter vor rund 16’000 Interessierten im stolzen Letzigrund aufgeführt. Einem Ort, der stolz sein kann auf sein gelungenes Aussehen, aber mit den Vorurteilen leben muss, dass er «ein zugiges Loch» sei oder «niemals richtige Heimat». Je nachdem, wen man fragt.

Auf dem Weg ins Stadion las ich einen lesenswerten Artikel über Yassine Chikhaoui in der Zeitung. Wie Steilpass-Mitblogger Simon Zimmerli vorher, geriet auch Peter B. Birrer (B. wie Berta?) von der NZZ leicht ins Schwärmen über Chikhaouis so lang ersehnte Rückkehr. Fast schon Erlöserphantasien meinte man zwischen den Zeilen erkennen zu können. Und das auch noch ausgerechnet beim FCZ? Dann kann GC einpacken, dachte ich, als ich aus dem Bus gen Westen blickte, wo zwei Polizeiautos im nebligen Grau dieses Novembertags eine Prozession aus dem gelobten Baugrundstück über Duttweilerbrücke und Geleise in die Höhle des Clubs mit den zwei Löwen führten. So ähnlich müssen sich wohl die Christen im alten Rom auf dem Weg ins Kolosseum gefühlt haben.

Hatte auch seine Hände im Spiel: FCZ-Rückkehrer Chikhaoui. (Bild: Keystone)

Hatte auch seine Hände im Spiel: FCZ-Rückkehrer Chikhaoui. (Bild: Keystone)

Um es vorweg zu nehmen: Er war an diesem Abend nicht göttlich. Zuerst nahm er die Hand im falschen Strafraum zu Hilfe, worauf der liebe Gott wahrscheinlich – wie wir – seine Hände vors Gesicht schlug, und der Schiedsrichter Elfmeter pfiff. Chikhaoui dachte vielleicht: «Inschallah – so Gott will!», und der Herr brummte möglicherweise: «Dieses Hands ist allein Dein Bier, mein Junge.» Nur zwölf Minuten gespielt, und der Grasshopper Hajrovic zeigte dem FCZ ein erstes Mal, wo Gott hockt. Lang hämmerte es der ziemlich konfusen Heimmannschaft dann kurz darauf auch noch mal ein.

Mit dem Seitenwechsel kam auch die Wende. Hatte bis dahin Sauron Salatic das grüne Auenland im Kessel von Mittelerde zusammen mit Hobbit Abrashi und dem dunklen und aggressiven Anatole in Angst und Schrecken versetzt, stemmten sich nun die Gefährten unter der Führung des bis dahin glücklosen Chikhaoui dagegen und glichen sogar aus. Salatic und sein giftgrün-graues Mordor kamen ins Wanken. Aber weil Urs Meier es nicht wagte, um die sechzigste Minute herum mit einer offensiven Einwechslung die Entscheidung zu suchen, nahm es eben Salatic wieder in die Hand, und rückte die Dinge in Mittelerde mit dem neuerlichen Führungstor wieder zurecht. Kurz darauf machte Vilotic alles klar. Die Südkurve heulte auf wie getroffene Orks, und die Anhängerschar Saurons führte Elbentänze auf. Verkehrte Welt.

Kopflose Kunst (v.l.): Dalatic und Anatole halten Mariani vom Ball fern. (Bild: Keystone)

Kopflose Kunst (v.l.): Dalatic und Anatole halten Mariani vom Ball fern. (Bild: Keystone)

Lässt man die kulturelle Seite des Abends mal aussen vor, zeigte sich folgendes: GC war in allen Mannschaftsteilen stärker als der FCZ – und konnte dennoch kein Spiel mit einem schlauen Plan aufziehen. Mit schnellen Angreifern, wie GC sie hat, müsste mehr möglich sein. Der FCZ verlor wegen Kopflosigkeit in Verteidigung und Mittelfeld. Die wackeren Drmic, Gajic und Chikhaoui waren zu wenig, um die Grasshoppers wirklich in Verlegenheit zu bringen. Und als es dann nach der Halbzeit doch möglich gewesen wäre, zauderte man auf der Bank, mittels offensiver Reserven die Gunst der Stunde zu nutzen. Die nächste Gelegenheit, es besser zu machen, wartet schon am 17. April im Cup-Halbfinal. Unmöglich ist die Ausgangslage nicht. Die Kopflosigkeit wird der FCZ allerdings wohl erst in der nächsten Transferperiode beheben können. GC dagegen hält den Kontakt zum FCB und wahrt sich weiterhin alle Möglichkeiten.

Wozu wird es am Saisonende reichen für die Zürcher Clubs?