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Oligarchen-Beach-Party

Thomas Kobler am Dienstag den 9. Juli 2013


Auf MTV laufen seit einer Weile die stilbildenden Serien «Jersey Shore» und «Geordie Shore». Dort bekommt man Einblicke in den Lifestyle junger Menschen aus New Jersey oder dem nordenglischen Newcastle. Gemeinsam ist beiden Programmen, dass man oft kaum für möglich hält, was man dort sieht und hört. Genauso geht es mir mit den Meldungen aus «Oligarchen Shore», und was diese Leute immer mal wieder vom Stapel lassen.

Der jetzt wiederaufgestiegene französische Küstenclub AS Monaco ist das jüngste Beispiel aus der Jetzt-lassen-wir-es-aber-richtig-krachen-Ecke des europäischen Fussballs. Als protziger Krachmacher amtet Dimitri Jewgenjewitsch Rybolowlew, der vordergründig mit Kali in der für Oligarchen üblichen kurzen Zeit und in jungem Alter ein Milliardenvermögen gemacht hat. Damit war die meiste Arbeit getan, und weil man sich sonst nichts gegönnt hat im Leben, sollen jetzt endlich Spiel, Spass und sportliche Geldwäsche für mehr Freude im tristen Oligarchen-Alltag sorgen – was man in Frankreich für nicht ganz ausgeschlossen hält. Mit prall gefüllten Geldbeuteln und einer fast leeren Mannschaftsaufstellung im Gepäck machte sich in dieser Transferperiode also ein weiterer Abenteurer auf, um die Passenden rekrutieren zu lassen und möglichst bald den heiligen Gral des europäischen Fussballs, den Champions-League-Pokal, an beiden Henkeln stemmen zu können.

Was bisher geschah: Um im Scheidungskrieg der Ex nicht zu viel bezahlen zu müssen, entschied sich Dimitri R. 2011 beizeiten für ein sportliches Engagement im Steuerparadies an der Côte d’Azur. Nach einem relativ bescheidenen Einstiegsjahr durfte nun Monaco-Trainer Claudio Ranieri auf dem Wunschzettel für die neue Saison so richtig klotzen: Von Atlético Madrid wurde das kolumbianische Stürmerjuwel Radamel Falcao für 60 Millionen Euro Ablöse verpflichtet. James Rodriguez und Joao Moutinho aus Porto werden für 70 Millionen Neu-Monegassen, und der ewige Innenverteidiger Ricardo Carvalho heuert für seine Abschiedsrunde im Fussball-Zirkus auch im Fürstentum an. Gemäss «L’Equipe» soll auch ein Interesse am Brasilianer Hulk für 45 Millionen bestehen, der in St. Petersburg etwas siecht. Reals Coentrao soll ebenfalls auf der Liste stehen.

Monaco war schon immer berühmt für sein Casino in Monte Carlo, aber die Einsätze in diesem (Glücks-)Spiel sind rekordverdächtig. Wenn Geld so leichtfertig in den Fussball gesteckt wird, dann liegt der Verdacht nahe, dass es nicht sauer verdient werden musste. Dass der neuste grosse Spender im Uefa-Reich 1996 in Russland der Anstiftung zum Mord angeklagt war, jedoch nach einer widerrufenen Zeugenaussage wieder frei kam, weckt auch nicht mehr Vertrauen. Die Neuenburger Tschagajew-Kapriolen kommen einem unwillkürlich in den Sinn – hier einfach ein paar Nummern grösser.

Obwohl diese Geschichte den Financial-Fairplay-Gedanken der Uefa ad absurdum führt, verspricht sie der Ligue 1 ein Elefantenrennen um den Titel, das den PSG-Präsidenten, Scheich Nasser Al-Khelaifi, in freudige Erwartung und die andern Vereine und den Ligaverband in Aufruhr versetzt. «Wenn ich morgens die Zeitung lese, wird mir regelmässig schlecht», sagte Olympique Lyons Präsident Jean-Michel Aulas.

Ist das Treiben bei den finanziell Gedopten wie Monaco, PSG, Malaga, Donezk, Zenit, Chelsea oder Manchester City eher abstossend anziehend oder doch nur widerlich, Sportsfreunde?

Ein historisches Turnier

Thomas Kobler am Montag den 1. Juli 2013
Neymar stemmt den Pokal, 30. Juni 2013. (AP Photo/Bruno Magalhaes)

Confed-Cup-Gewinner 1: die Brasilianer. Im Bild: Neymar stemmt den Pokal, 30. Juni 2013. (AP Photo/Bruno Magalhaes)

Eigentlich ja nur die Fifa-Infrastruktur-Generalprobe vor einer WM, wuchs diese Austragung des Confederations Cup geradezu über sich hinaus. Wenn im fussballverrückten Brasilien der Sport von der Politik in den Hintergrund gedrängt wird, dann ist das mehr als bemerkenswert. Die Brasilianer bewiesen, dass Sport eben nicht nur Sport ist, sondern auch ein medienwirksames Instrument, um auf grössere Missstände aufmerksam zu machen.

Proteste vor dem Stadion

Confed-Cup-Gewinner 2: die Brasilianer. Im Bild: Proteste vor dem Maracanã-Stadion während des Finals, 30. Juni 2013. (AP Photo/Felipe Dana)

An den Spielorten des Confederation Cups hat eine unzufriedene brasilianische Mittelschicht jedenfalls die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und die von Regierung und Fifa getragenen Spiele zwar nicht schnöde abgelehnt, aber mit Strassenprotesten gegen Vettern- und Misswirtschaft rund um die überteuerten Stadien ihrem Unmut Luft gemacht. Besseren und günstigeren Nahverkehr, mehr Schulen und Spitäler wollen die Brasilianer, und nicht nur «Brot und Spiele», was mittlerweile für viele in der Bevölkerung eine ungenügende Antwort auf die drängenden Fragen im Riesenland am Amazonas ist. Während die brasilianische Regierung und die Fifa von den Ereignissen völlig überrascht wurden, und dies auch nur mehr schlecht als recht verbergen konnten, begriffen die Nationalspieler die Dimension des Bürgerprotests sofort. Sie zeigten Verständnis und Solidarität und damit mehr politischen Instinkt als die ganze Ehrentribüne.

Neymar wird von Piqué gefoult.

Leichtfüssige Weltklasse: Neymar wird von Piqué gefoult. (Keystone/Srdjan Suki)

Nun aber zum Ausgang des Turniers. Die beübten Gastgeber trafen im Finale auf das bis dahin gültige Mass aller Dinge im Weltfussball: die spanische Nationalmannschaft – La Furia Roja. Unter Altmeister Luiz Felipe Scolari stand seit langer Zeit wieder mal etwas auf dem Platz, das an eine erfolgsversprechende Seleção erinnerte. Verglichen mit den ganz grossen brasilianischen Mannschaften zwar immer noch eher eine Anfängertruppe, liess das Team aber erstmals sein Potenzial richtig aufblitzen. Mit einem herausragenden Neymar, der durch das ganze Turnier hindurch unbestritten Weltklasse bewies.

Fred erzielt das 3:0.

Knipser auf Brasilianisch: Fred erzielt das 3:0.

Im spanischen Team hatte nach Jahren auch wieder so etwas wie Wettbewerb um die beinahe schon in Stein gemeisselten Plätze in der Startformation eingesetzt, was die Mannschaft aber nicht weiterbrachte. Im legendären Maracanã-Stadion ging nun die grosse spanische Epoche, deren Gesicht und Spielmacher Barcelonas Xavi war, zu Ende. So wie es auch schon den spanischen Spitzenvereinen in der diesjähigen Champions League widerfahren war. An der 3:0-Niederlage gab es nichts zu deuteln.

Xavi gratuliert Dani Alves nach dem Spiel. (Keystone/Felipe Trueba)

Am Ende einer grossen Karriere: Xavi gratuliert Dani Alves nach dem Spiel. (Keystone/Felipe Trueba)

Wer heute früh – fast wie damals, als Ali gegen Frazier kämpfte – aufgeblieben war, dem wurde ein packendes Fussballspiel geboten. Spaniens eklatante Schwäche im schnellen, grossräumigen Umschaltspiel, die ihm schon gegen Italien beinahe zum Verhängnis geworden war, nutzten die Brasilianer mit rustikaler Defensivarbeit und raumgreifenden, blitzschnellen Angriffen gnadenlos aus. Kaum auf dem Platz, fielen jeweils die Tore, auf die Spanien nur vereinzelt magere Antworten fand. Neymar flog über den Platz, Piqué vom Platz, und Fred spielte die beste Lineker-Imitation, an die ich mich erinnern kann – hervorragend.

Liebe Sportsfreunde, wie habt Ihr das Turnier erlebt? Ist die Generalprobe für die WM gelungen?

Problemzone Bank

Thomas Kobler am Montag den 24. Juni 2013

Seit die gute Nachwuchsarbeit Früchte trägt, sehen sich Schweizer Nationaltrainer einer besonderen Herausforderung gegenüber: Stars auf der Ersatzbank. Die talentiertesten Schweizer Spieler erliegen reihenweise der Anziehungskraft der grossen europäischen Ligen. Weil Pyramiden aber nicht auf der Spitze stehen, können sich nicht alle, die in der Super League top waren, auf einer höheren Stufe gleichfalls durchsetzen. Sie bleiben zwar gute Fussballer, aber eben unter Umständen draussen auf der Bank.

Und hier fängt das Dilemma des Nati-Trainers an – wem soll er vertrauen: den formstarken Super-League-Stars oder den Allerbesten, denen im Ausland jedoch die Spielpraxis abgeht? Schauen wir uns Ottmar Hitzfelds Möglichkeiten genauer an:


Auf der Goalie-Position spielt Benaglio seit Jahr und Tag auf gutem Niveau in der Bundesliga und Nati. Die Nummer 2, Yann Sommer, zeigte Matchwinner-Qualitäten in der Europa- und Super League. Dahinter kommt mit Bürki ein vielversprechender Torhüter nach. Stark bewachter Kasten.

In der Abwehr-Viererkette gehörte Lichtsteiner zum Kern einer starken Juve-Meistermannschaft. Bei Sampdoria Genua verteidigen zwei ehemalige U-21-Eidgenossen. Rodriguez setzte sich in Wolfsburg unter einem neuen Trainer durch. Ziegler scheint in der Türkei auch gut angekommen zu sein. Im Zentrum fasst Djourou, seit er bei Hannover 96 ist, wieder besser Tritt, Senderos hat bei Fulham ein passendes Club-Niveau gefunden, von Bergen soll YB fünf Jahre lang neue Stabilität bringen – der Mann ist eine Bank – und Timm Klose gehört ebenfalls zu den umworbenen Innenverteidiger der Bundesliga-Mitte. Schönes Defensiv-Portfolio.

Im Mittelfeld herrscht auf den zwei defensiven Positionen geradezu ein Überfluss: Die Napoli-Spieler Behrami sowie Dzemaili und Eintracht-Kapitän Schwegler sind Stützen ihrer Teams. Inler kämpft zwar mit der Form, aber behauptet sich schon seit Jahren gut in der Serie A. Granit Xhaka kaut zwar unter Favre noch hartes Bundesliga-Brot, aber da muss dieses grosse Talent durch. Fabian Frei bewies Qualität auf europäischer Stufe, und Salatic war die ballsichere, zentrale Stütze des hiesigen Vizemeisters und Cupsiegers – ein Versuch wäre er auf alle Fälle mal wert. Pro Saldo viele valable Kandidaten.

Im Angriff hat sich Shaqiri in seiner ersten Saison beim FC Bayern sowohl zentral wie auch auf beiden Flügeln gut positionieren können. Stocker brillierte auf hohem europäischen Niveau, Barnetta steckt zwar in einer Krise, aber seine Qualität ist unbestritten, Emeghara fasste ordentlich Fuss in der Serie A und vielleicht platzt bei Ben Khalifa oder Costanzo der Knoten doch noch. Und rechts glänzt manchmal auch Hajrovic in GC-Rosa. Hier ist die Volatilität noch etwas hoch.

Dagegen magere Rendite ganz vorne: Derdiyoks Karriere steht kurz vor dem Scheitern, wenn er sich nicht endlich zusammenreisst. Seferovic vergeudet sein Potential in der Serie B. Gavranovic muss nächste Saison das Versprechen einlösen, ein Mann für 15 bis 20 Tore zu sein. Drmic zeigt aussergewöhnliche Anlagen, aber ihm fehlt noch die internationale Erfahrung. Und Mehmedi? Eine undankbare Münzwurf-Situation für jeden Trainer.

Hitzfeld steht keineswegs ohne Trümpfe da. Als routiniertem Zocker sollte es ihm eigentlich nicht so schwerfallen, gestellte Aufgaben besser zu lösen als in den beiden Zypern-Spielen. Die Rückkehr in die Coaching-Zone sollte erst mal helfen, aber wer oder was sonst noch?

Jesses, Maria und Johan!

Thomas Kobler am Samstag den 22. Juni 2013
Fuer den Schweizer Internationalen Johan Vonlanthen ist klar wer sein Captain ist, aufgenommen am Mittwoch, 6. Februar 2008, beim Fussball Freundschaftsspiel zwischen England und der Schweiz im Wembley Stadion in London. Das Spiel endete 2:1 fuer England. (KEYSTONE/Eddy Risch)

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Vonlanthens Bekenntnis am Freundschaftsspiel gegen England, 6. Februar 2008. (Keystone/Eddy Risch)

…werden wohl einige Fans der Grasshoppers gedacht haben, als sie vernahmen, dass ihr Club Johan Vonlanthen – «Aber wenn Jesus will, dass ich spiele, werde ich wieder spielen!» – neu als Angreifer unter Vertrag genommen hat. Wenn die Wege des Herrn schon unergründlich sind, was sind dann die Wege, die Fussballvereine und ihre Angestellten manchmal einschlagen? Und wenn schon der römische Kaiser Konstantin damals glaubte, dass er unter dem Kreuzzeichen siegen werde – und es auch tat – dann kann nicht erstaunen, dass es unter eher abergläubischen Menschen, wie sie bei Fussballern nicht selten zu finden sind, auch solche gibt, die mit Kreuzzeichen und in einem Unterleibchen mit «Jesus liebt Dich!» draufgepinselt in den Match ziehen. Wenn Fussball auf Glauben trifft…

epa03597528 Real Madrid's Brazilian Ricardo Izecson 'Kaka' celebrates after scoring during the Spanish Primera Division soccer match between Deportivo and Real Madrid at the Riazor stadium in A Coruna, Galicia region, north-western Spain, 23 February 2013.  EPA/LAVANDEIRA JR.

Nicht galaktisch, aber Jesus liebt ihn wohl trotzdem: Kaká bedankt sich beim Herrn, 23. Februar 2013. (Keystone/Lavandeira Jr.)

Kaká, der ehemalige Welt- und europäische Fussballer des Jahres 2007, zum Beispiel, scheint seit seinem Wechsel von Milan zu den Nachfahren der «Galaktischen» in Madrid  beständig etwas unter dem dreifaltigen Radar zu fliegen. Seine einst so grosse und vielversprechende Karriere dümpelt nur noch so auf der Real-Ersatzbank dahin und hofft weiter auf Erlösung.  Dass die bislang ausblieb, mag allerdings auch an den horrenden Vorstellungen bezüglich Ablösesumme und Salär dieses einst so prächtigen Kickers gelegen haben.  Mehr Beten oder weniger Kohle? Was für eine Prüfung für Gewissen und Konto.

Glenn Hoddle, coach of the english soccer team, talks to the press in Bern, Switzerland, Tuesday, March 24, 1998. The English team will face Switzerland in a friendly game on Wednesday, in Bern. (KEYSTONE / Alessandro della Valle)

Vom (Irr-)Glauben wieder etwas abgekommen – hofft man: Glenn Hoddle, 24. März 1998. (Keystone/Alessandro della Valle)

Glenn Hoddle, der einstmals exzellente Tottenham-Mittelfeldstar und englische Nationaltrainer  geriet in die Kritik, weil er zur geistigen Stärkung  des Teams die Heilerin Eileen Drewry zum Staff-Mitglied machte (seitdem soll ihre Schweizer Kollegin Uriella auf ein Telefon des SFV warten) und in einem BBC-Interview sagte, dass Behindertsein die Strafe für Sünden in einem früheren Leben sein soll. Dafür, und weil er bei der WM98 auf Gazza verzichtete und im Achtelfinale nach Elfmeterschiessen ausgerechnet gegen den ehemaligen Kriegsgegner Argentinien ausschied, machte die unbarmherzige britische Boulevard-Presse kurzen Prozess mit ihm und nagelte Hoddle gewissermassen ans Kreuz für seinen (Irr-)Glauben. Die Wogen im Königreich gingen hoch und spülten ihn aus Amt und Würden. Was Glenn Hoddle heute glaubt, interessiert eigentlich keinen mehr, aber seine Trainerkarriere glaubt definitiv nicht an eine Wiedergeburt in diesem Leben.

Wynton Rufer. (Keystone/Matthias Rietschel)

Es sah das Licht im düsteren Kantonnement: Wynton Rufer an der Frauen-WM. (Keystone/Matthias Rietschel)

Besser lief es für Wynton Rufer, den früheren neuseeländischen FCZ- und GC-Stürmer, mit dem Glauben. Im WK 1988 passierte folgendes: Der Zufall wollte es, dass sein Schlafplatz in der Truppenunterkunft neben dem eines Heilsarmee-Offiziers lag. Die «Sirene» der Heilsarmee zeigte nach drei Wochen Wirkung und der Kiwi Rufer wurde ein neuer Mensch. Gleichzeitig verhandelte er in jenen Tagen auch mit Bremens Trainer Otto Rehhagel, und wurde in der darauffolgenden Saison auch ein neuer Werder-Spieler sowie eine der Entdeckungen jener Bundesliga-Saison. Halleluja – lobet und preiset den Herrn!

Bernhard Alpstaeg, Hauptgeldgeber und Investor des FC Luzern anlaesslich einer Medienkonferenz am Mittwoch, 31. Oktober 2012, in der Swissporarena in Luzern. Lange hat die Luzerner Elefantenrunde um Bernhard Alpstaeg und Samih Sawiris diskutiert. Anstatt Koepfe rollen zu lassen, staerkt Investor Bernhard Alpstaeg der aktuellen Fuehrungscrew den Ruecken. (KEYSTONE/Urs Flueeler)

Quo vadis FC Luzern? Im Bild: Bernhard Alpstaeg, Hauptgeldgeber des FC Luzern, 31. Oktober 2012. (Keystone/Urs Flüeler)

Regelrecht undurchsichtig werden die fussballerischen Glaubensfragen in der erzkatholischen Innerschweiz behandelt. Nach dem osmanischen Trainerfürsten Yakin, holte man sich als neuen Heilsbringer und spirituellen Führer Alex Frei. Als lauter Klingelbeutel klimpert Bernhard Alpstaeg, Ex-Präsident Stierli und die Anhänger des FC Luzern geniessen  seinen Fussballtempel in Beige, aus Andermatt grüsste der Pharao mit Millionen und Heinz Hermann schickte man in die Wüste. Verglichen mit den jüngsten FCL-Vereins-Chroniken hat das Alte Testament fast schon etwas Paradiesisches.

U-21-Helden träumen von Brasilien

Thomas Kobler am Montag den 17. Juni 2013
Die Schweizer U-21-Mannschaft vor dem Final gegen Spanien, 25. Juni 2011. (Keystone/Peter Klaunzer)

Die Schweizer U-21-Mannschaft vor dem Final gegen Spanien, 25. Juni 2011. (Keystone/Peter Klaunzer)

Erinnern Sie sich noch? Vor zwei Jahren um diese Zeit spielte die Schweizer U-21-Nationalmannschaft ein glänzendes Turnier an der Europameisterschaft in Dänemark, in dem sie erst im Finale vom überragenden spanischen Nachwuchs mit 2 : 0 besiegt wurde. Für die Endrunde in Israel, die derzeit läuft, hat sich unsere Mannschaft nicht qualifizieren können – sie scheiterte in den Entscheidungsspielen an der DFB-Auswahl. Mittlerweile sind bei den ehemaligen Finalisten zwei weitere Spielzeiten Erfahrung hinzugekommen und die WM 2014 mit der A-Nationalmannschaft rückt langsam in den Fokus. Hier ein kurzer Überblick wie es um die ehemaligen U-21-Helden und ihre Chancen auf mögliche Einsätze unter Nati-Coach Hitzfeld steht:


Wessen Traum vom grossen WM-Ziel wird in Erfüllung gehen und wessen Träume werden womöglich platzen? Was glaubt ihr, Sportsfreunde?

Ist die Nati WM-tauglich?

Thomas Kobler am Montag den 10. Juni 2013

Die Meisten, die den Fehler machten, sich diesen Horrorkick bei bestem «Al fresco»–Wetter anzutun, machten eine gänzlich neue Erfahrung: Matchstrafe fürs Zuschauen! Noch schlimmer erging es den Herren Hitzfeld und Pont. Was den beiden nach einer Vorbereitungswoche mit der Mannschaft einfiel, war nicht nachvollziehbar.

Dass Coaching von der Tribüne aus nicht funktioniert, bewiesen schon Berti Vogts damals in Leverkusen und Rolf Fringer in Zürich erst kürzlich. Weil Ottmar Hitzfeld diese Feldherren-Position weit ab vom Schuss nicht freiwillig einnahm, kann es als mildernder Umstand berücksichtigt werden, aber macht die Fehlentscheide in Aufstellung und Taktik deswegen nicht weniger gravierend.

Im Detail: Wie man seinen besten, ballsichersten, schussstärksten und überraschendsten Spieler –Shaqiri – auf dem rechten Flügel aus dem Zentrum des Geschehens heraushalten wollte, war an Ignoranz nur schwer zu überbieten. Aber dem «Blick-Kolumnisten» und seinem vor dem Spiel schmallippigen Führungsgehilfen gelang dieses Kunststück bravourös.

Keine Luftwaffe? Kein operativer Führer auf diesem Planeten verzichtet im Angriff freiwillig auf die dritte Dimension – abgesehen von Hitzfeld. Was er sich vorstellte, was mit den Flanken der beiden – normalerweise starken Aussenverteidiger Lichtsteiner und Rodriguez – in Tornähe hätte passieren sollen, wissen wohl nur er und Michel Pont. Den kleinen und formschwachen Gavranovic als Flankenziel dort aufzustellen war – wie bereits erwähnt – nicht nachvollziehbar. Dass Pont kurz vor Ende des Horrors, dann doch noch den grösseren Seferovic brachte, war eine Mischung aus Verzweiflungstat und Deduktion – wen sonst hätte er denn noch da vorne in die Schlacht werfen können?

Die eher unglückliche «Dzemaili-Affäre» ging trotz aller Fehlgriffe der Führungsriege glimpflich aus. Erst hielt sich der Napoli-Spieler neben dem Platz zurück, und dann, als er doch noch ab der 67. Minute seine langersehnte Chance bekam, auch auf dem Platz. Dass er dabei kaum wirkungsvoller als Inler blieb, war kein Trost, sondern trostlos.

Warum Behrami ausgewechselt wurde, erklärte der geschätzte «Tagi»-Kollege Thomas Schifferle bereits gestern schlüssig. Warum aber der beste Spieler auf dem Platz, Basels Stocker, runter musste, dazu fiel auch ihm, sowie jedem, der schon mehr als drei Fussballspiele im Leben gesehen hat, nichts mehr ein.

Was funktionierte überhaupt im Schweizer Spiel ? Praktisch nichts. Benaglio hielt harmlose Bälle ordentlich, aber brachte mit Abwürfen seine technisch etwas herausgeforderten Vorderleute mehrmals in der Gefahrenzone in ziemliche Abspielnot. Das erste Hinterlaufen auf dem Flügel gelang in der 80. Minute auf der rechten Seite Lichtsteiner – wohlverstanden gegen kämpferische, aber bescheidene Zyprioten. Drmic erreichte diese Saison anständiges Super-League-Niveau. International ist er noch ein Novize. Seferovic war der einzige, der tadellos funktionierte. Nur er verhinderte auf den letzten Drücker mit feiner Fussgelenksmotorik eine weitere Riesenblamage gegen Zypern innerhalb von drei Monaten.

Sind wir jetzt durch in dieser Todesgruppe der Wankelmütigen, und ist die Mannschaft und ihre Führung auf gutem Weg zur WM-Tauglichkeit?

Was denkt ihr, Sportsfreunde?

Die Liebe der Matrosen

Thomas Kobler am Samstag den 8. Juni 2013

…steht nicht eben als leuchtendes Beispiel für unverbrüchliche Treue, aber gegen die Liebesbezeugungen im Fussballgeschäft könnte sie einem fast schon wie das grosse Los vorkommen. Am liebsten hätten wir ja alle – wenn wir ehrlich sind – die grosse, romantische Liebe von ganzem Herzen, wie sie uns von Goethes leidendem, jungen Werther in Kopf und Herz gepflanzt wurde und die so fatal endete. Als hätte Goethe damals schon die Gefühlswelt der heutigen Fankurven-Ultras genau gespürt und auszudrücken vermocht.

Herzliche Entbundenheit

Herzliche Entbundenheit: GC-Spieler Vilotic (l.) und Uli Forte. (Keystone)

Wie Liebe im Fussball klingen kann, dazu hier ein paar O-Töne von einem, der es wissen muss. Ex-GC Trainer Uli Forte sagte noch am Tag als seine Liebe zum GC Knall auf Fall und herzzerreissend endete: «Ich habe meine Spieler sehr gern, sie sind mir ans Herz gewachsen.» Oder in der Stunde des grössten GC-Glücks jüngeren Datums, dem Cup-Sieg: «Ich kann meine Emotionen nicht in Worte fassen.» Natürlich schmiedet man in solchen Zeiten überschwänglicher Gefühle auch Zukunftspläne: «So weit sind wir nicht. Wir sind nicht auf Augenhöhe mit Basel, vielleicht in ein paar Jahren.» Seit einer Woche wissen wir es besser. Die Liebe endete, gottlob, weniger tragisch als beim jungen Werther, aber ein schaler Nachgeschmack wurde Transparent: «Uli- charakterlose Lump!», stand da – zwar emotional, jedoch inhaltlich und grammatikalisch etwas zu kurz gegriffen – in grossen Lettern.

Und sie tanzten einen Tango…im Partner-Look

Und sie tanzten einen Tango…im Partner-Look: Die Luzerner Pajtim Kasami (l.) und Carlos Bernegger. (Keystone)

Etwas weniger verbissen sehen es die Argentinier mit der Liebe. Trotz viel Knistern und sich reibender und zündelnder Körper im Tango-Rhythmus, gibt man eine gewisse ironische Distanz beim Ausdrücken von Zuneigung und Bewunderung nicht ganz auf. Bestes Beispiel dafür war unlängst der neue Luzerner Trainer Carlos Bernegger, als er in aller Öffentlichkeit gestand: «Ich liebe Kasami.» Alex Frei soll ihm daraufhin schon wieder eine Szene gemacht haben, munkelt man.

Jupp Heynckes und Bastian Schweinsteiger.

Sorry, Poldi: Jupp Heynckes (l.) und Bastian Schweinsteiger feiern in Wembley. (Keystone)

Zeit für weiss-blau-rote Zärtlichkeit herrschte kürzlich auch in London auf dem manikürten Wembley-Grün. Nach dem gewonnen Champions-League- Finale entstand ein Bild von seltener Zuneigung in der ziemlich homophoben Welt des Fussballs. Der gefühlte Kapitän des FC Bayern, Bastian Schweinsteiger, und Trainer Jupp Heynckes hielten sich vor Hunderten von Millionen Menschen beinahe schon zärtlich in den Armen. «Poldi & Schweini» sind definitiv Geschichte.

Roman Abramowitsch und José Mourinho.

Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt…: Roman Abramowitsch (l.) und José Mourinho. (Reuters)

Die Beziehung Abramowitsch-Mourinho fällt wohl in die Kategorie «Amour fou». Also jene verrückten Verbindungen, in denen die Protagonisten weder mit- noch ohne einander leben können. Dass hier wieder zwei Kerle die Hauptrolle spielen, ist eigentlich nur gerecht, gewann doch in Cannes erst gerade die Liebesgeschichte zweier junger Frauen die Goldene Palme. Unsere beiden Jungs hier wären schon mit dem silbernen Henkelkübel der UEFA  zufrieden.

Jürgen Klopp und Mario Götze. (Keystone)

«Götzes Wechsel war wie ein Herzinfarkt» (so Klopp): Jürgen Klopp und Mario Götze. (Keystone)

Wer im Fussball «Echte Liebe» erfahren möchte, der mache sich auf den Weg zur Treppe in den gelb-schwarzen Himmel der Glückseligkeit: die Südtribüne des Dortmunder Westfalen-Stadions. Ein Herz, eine Seele, ein Verein , aber kein Titel und kein Götze. Echte Liebe braucht halt auch ein wenig Schmerz, damit man sie so richtig spürt.

Dé­jà-vu?

Thomas Kobler am Montag den 3. Juni 2013
Meistertitel Nummer 16: Basel-Captain Marco Streller feiert mit Pokal und Fans auf dem Barfüsserplatz. (Bild: Patrick Straub/Keystone)

Meistertitel Nummer 16: Basel-Captain Marco Streller feiert mit Pokal und Fans auf dem Barfüsserplatz. (Bild: Patrick Straub/Keystone)

Der FC Basel ist Meister, Servette FC ist am Ende. Eigentlich alles wie gehabt, ist man geneigt zu denken, nachdem der letzte Pfiff in der Super-League-Saison 2012/13 verklungen ist. Was war so bemerkenswert an der abgelaufenen Saison – abgesehen von Fortes «Judas-Nummer» -, dass es im Gedächtnis der Fans haften bleibt? Bei mir sind das, ohne dass ich viel nachblättern muss, folgende Höhepunkte:

Kategorie: Unvergesslich
Das Europa-League-Viertelfinalspiel des FCB bei den Spurs an der White Hart Lane. Nebst einem tollen Fussballabend lieferten die Basler auch die Bestätigung, dass sie mittlerweile gutes internationales Format erreicht haben und selbst für grosse europäische Vereine einen ernstzunehmenden Gegner darstellen. Respekt. Das unsägliche Trainerkarussell in der Super League gereicht weder den Vereinen noch den Übungsleitern zur Ehre. Selbst eine Super-League-Lebensabschnittspartnerschaft sollte etwas länger als nur ein paar Monate dauern, wenn sich zwei halbwegs intelligente Parteien darauf einlassen. Eine Schande.

Kategorie: Überraschung!
Die Zürcher Grasshoppers. Beinahe wie Phoenix stiegen sie aus der Asche und spielten bis zum zweitletzten Spieltag um den Titel. Erfolg hat immer viele Väter, aber welcher «Vogel» auch immer entschied, dass etwas Routine an entscheidenden Stellen den mittlerweile gereiften Nachwuchskräften die nötige Stabilität bringen könnte, der lag goldrichtig. Schlauer Zug. Eine gute Saison gelang auch dem Aufsteiger FC St. Gallen. Hätten die Ostschweizer auch noch einen treffsicheren Mittelstürmer gehabt, sie hätten womöglich erreichen können, was der 1. FC Kaiserslautern unter Otto Rehagel und mit Olaf Marschall 1998 schon mal schaffte: Aufstieg und Durchmarsch zur Meisterschaft. Verpasste Grosschance?

Kategorie: Achtung Baustelle!
Die Offiziellen, Schiedsrichter und Linienrichter, gaben auch in dieser Saison kein überzeugendes Bild ab. Besonders die Linienrichter enttäuschten mich Mal für Mal. Das Spiel ist schnell geworden und die Szenen manchmal heikel, aber vier Augen müssten trotzdem mehr sehen als zwei. Eine Misere. Ein Fass ohne Boden steht im Wallis. Der FC Sion ist nur noch ein Trümmerfeld. Aus einem Herausforderer um den Titel wurde innert acht Monaten der Verlierer der Saison. Ums Tourbillon wird alle Fussball-Weisheit mit Füssen getreten. Eine Katastrophe.

Kategorie: Spieler der Saison
1. Roman Bürki (GC) und Fabian Schär (FCB)
2. Valentin Stocker (FCB)
3. Oscar Scarione (FCSG)

Kategorie: Enttäuschung der Saison
1. BSC Young Boys
2. Rolf Fringer
3. Moreno Costanzo (YB) und Nassim Ben Khalifa (GC)

Kategorie: Witz der Saison
1. Der FC Luzern
2. Die Frage: Wölfli oder Bürki?
3. Raoul Bobadilla im Berner Drama «Ich bin ein Star, holt mich hier raus!»

Kategorie: Freudenspender und Prügelknaben
Der fleissigste Pechvogel der Saison war Luzerns Dimitar Rangelov – er «tötete» nicht nur zahllose Torchancen, er begrub sie auch gleich am Laufmeter. Unterirdisch. Die glücklichste Hand als Sportchef hatte Thuns Res Gerber – er luchste YB Marco Schneuwly ab, kaufte und verkaufte Anatole mit Gewinn und holte Urs Fischer. Smart. Definitiv zum Freudenspender wurde Jeff Saibene, nachdem sich der Espen-Block am Ende der letzten Saison da gar nicht so sicher war. Schwarmintelligenz könnte überschätzt sein. Zu Prügelknaben wurden die Mitglieder der Sicherheitsdirektoren-Konferenz gemacht – ausgerechnet von den wahren Prügelknaben. Verkehrte Welt.

Wer oder was ging vergessen, Sportsfreunde?

Tränen und Kaugummi lügen nicht

Thomas Kobler am Samstag den 1. Juni 2013


Fussball ist eine Leidenschaft, welche besonders im Frühling oft zu Gefühlsausbrüchen führt, die sogar gestandenen Mannsbildern und Grössen dieses Sports  das Wasser in die Augen treiben kann. Männer, die auch mal öffentlich Gefühle zeigen, sind keine  Heulsusen, aber vielleicht Kerle, die genau wissen, was sie grad gewonnen oder verloren haben und kein Geheimnis daraus machen, woran sie zu beissen haben:

David Beckham ging in Paris im zweitletzten Spiel des PSG als «Ehrenkapitän» in der 83. Minute aufgewühlt vom Platz. Was sollte er am Ende seines letzten Spiels auch anderes tun. Es war trotz Sieg zum Heulen. Im «Sky Sports»-Interview mit seinem alten Team-Mate Gary Neville wird deutlich, wie sehr er liebte, was er machte – Fussball spielen. Während sein Kopf zu rechtfertigen suchte, dass der Moment des Abschieds in der bestmöglichen Form gekommen war, wurde auch deutlich, wie sehr sein Herz noch weiter diese unglaublichen Flanken aus dem rechten Halbfeld schlagen oder noch dem einen oder anderen Goalie einen unhaltbaren Freistoss in die Maschen jagen möchte. Seinem alten Kumpel erklärte er augenzwinkernd: «Als Messi kürzlich an mir vorbeistürmte, da wusste ich, jetzt war die Zeit gekommen, um abzutreten.» David Beckham ist die schillerndste Ikone, die das Spiel bisher hervorgebracht hat, aber im Fussball müssen auch Ikonen rennen und treffen, und dafür war er sich nie zu schade.

Ein geradezu tödlicher Torjäger (168 «Buden»  in 226 Ligaspielen) war Jupp Heynckes in jener legendären Gladbacher Elf, die als «Fohlen» unter dem charismatischen Hennes Weisweiler in den Siebzigerjahren Kultstatus erreichte. Diese Trefferquote ist für einen Aussenstürmer bis heute fabelhaft. An seine aussergewöhnlich erfolgreiche Spielerlaufbahn hängte er eine ebensolche Trainerkarriere, die er mit einem Bayern-Sieg im heutigen DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart mit einem historischen Triple glanzvoll krönen könnte. In der Pressekonferenz nach seinem letzten Bundesligaspiel  im Gladbacher Borussia-Park übermannten den 68-jährigen Fussball-Lehrer die Gefühle, nachdem ihm die Fans zeigten, «dass das meine Heimat ist». Mit stockender Stimme gewährte er der Welt für einen Moment ungewollt Einblick in sein Innerstes. Schönere Liebeserklärungen kann man sonst nur mit einem Knie auf dem Boden machen.

Keine Tränen aber grosse, ehrliche Gefühle lagen in der Luft, als sich Sir Alex Ferguson vom proppenvollen, heimischen «Theatre of Dreams» verabschiedete. Ganz der «harte Hund», der der Schotte immer war, liess er auch bei seinem vorletzten Spiel auf der Trainerbank nur seinen Kaugummi deutlich spüren, wie es innerlich um ihn stand. 1986 übernahm er den Managerposten bei Manchester United, jenem Club aus dem Matt Busby nach der Tragödie des Münchner Flugzeugabsturzes von 1958, der acht Spielern und fünfzehn weiteren Personen an Bord das Leben kostete, in den Sechzigern die «Busby Babes» formte und mit denen er als erstes englisches Team 1968 den Europapokal der Landesmeister  gewann. Als Alex Ferguson, aus Aberdeen kommend, die Stelle in Manchester antrat, war einiges vom Glanz der alten Tage abgebröckelt. Als Sir Alex – «The Boss» – sich am 8. Mai vor dem letzten Heimspiel gegen Swansea als neuer Meister der Premier League daheim aus der ersten Reihe des Clubs verabschiedete, standen 28 weitere Titel zu Buche. Darunter das unvergessliche Triple von 1999. Wer wollte nach solchen Triumphen auch weinen?

Die Würfel sind gefallen

Thomas Kobler am Montag den 27. Mai 2013

An diesem Wochenende wurden wieder ein paar Fragen der Fussballfans beantwortet. Den Bayern gelang, wie schon so oft, in letzter Minute ein dramatischer Entscheidungstreffer zum Gewinn der Champions League 2013. Der FC Aarau meldete sich zurück in der Super League. Sogar der FC Basel stand bis Sekunden vor Spielende bei den Grasshoppers als erneuter Meister mit sechs Punkten Vorsprung und einem Acht-Tore-Polster bei noch zwei ausstehenden Spielen praktisch fest. Dann vergab Streller auch die letzte von vielen Torchancen kläglich, und Anatole stocherte GC im direkten Gegenzug zum Sieg. Der vorentscheidende Wurf landete auf der Kante – Entscheidung verschoben. Fussball ist eben auch ein Casino.

Weil Anfang Juni die Saisonentscheidungen nach und nach gefallen sein werden, wechselt der Fussball das Glücksspiel: Nun folgt die Zeit des Transfer-Pokers. Über die nächsten Wochen und Monate stehen die Asse im Vordergrund? Die Einsätze, bitte.


Der der dickste Pott in Deutschland heisst Lewandowski. Gleich nach dem Wembley-Finale wurde die Gerüchteküche wieder angeheizt. Die fast schon endlose Geschichte um den talentierten polnischen Mittelstürmer des BVB verdichtete sich dahingehend wieder, dass er die kleine Ampel machen wolle – also von Gelb auf Rot wechseln. Den jüngsten Anhaltspunkt, dass dieser Wechsel beschlossene Sache sei, lieferte offenbar noch in Wembley der grandiose Vorruheständler und Bayern-Trainer Jupp Heynckes. Links auf dem Bildschirm konnte der versierte TV-Pokerfreund beobachten, wie die Erfolgswahrscheinlichkeitsprozente von Gomez’ Hand in den Keller gingen. Das wird wohl die nächste spannende Partie werden in München.

In der Super League soll es ebenfalls um einen dicken Pott gehen. Einige sagen, wer den gewinnt, der ist der nächsten Meisterschaft bereits ein gutes Stück näher. Es geht um Vero Salatic. GC’s defensiver Mittelfeldanker ist genau, was der FC Basel neben dem jungen Fabian Frei gut gebrauchen könnte. Das Werben läuft schon eine Weile und brachte das GC-Lohn- und Finanzgefüge um kolportierte 200K etwas aus der Spur. Obs reichen wird, steht aber noch auf einem andern Blatt. Salatics angetrautes Weib reizt «die Kleinstadt» am Rhein nur wenig, aber wie sagt man in solchen Kreisen: «Er ist der Chef.» Wenn sie, der Trainer, der Präsident und die GC-Owners das sagen, wer möchte da noch widersprechen?

Der andere dicke Fisch ist in der Ostschweiz zu angeln. Oscar Scarione überstrahlt das Fussballgeschehen in der noch kleineren Stadt, wo der Liga-Hauptsponsor den Sitz hat, mehr noch als der Zürcher Fussballgott. Auch wenn Scarione in einer Mannschaft, die nicht ausschliesslich ihm zuspielt, wohl schnell mal einiges von seinem Glanz einbüssen würde, ist er für hiesige Verhältnisse dennoch ein Jackpot. Wer schnappt sich am Ende wohl den Star des FC St. Gallen?

Welche mittleren Fische noch aus der St.-Jakobsschüssel gezogen werden, ist noch recht unklar: Sommer, Stocker, Dragovic sind sich pünktliche Salärüberweisungen, regelmässige Punkteprämien, Titel und europäische Ausflüge gewohnt. Das kann längst nicht jeder Interessierte bieten. Abgang offen. Was den Rest der Liga angeht, dort muss mit wenig Geld viel erreicht werden. Leider ist ausser dem FC Thun keiner der Clubs wirklich berühmt dafür. Wer weiss, vielleicht hilft ja ein guter Bluff hier und da.

Also Sportsfreunde, wen könnte man gut gebrauchen, und wen sollte man endlich loswerden mit Blick auf die neue Saison?