Autorenarchiv

Deutsche, kämpft mehr und zaubert weniger!

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 7. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Blogger heute ist Anatol Heib*.

In Schönheit sterben: Die deutschen Spieler verlassen nach der Halbfinalniederlage an der Euro 2012 mit hängenden Köpfen das Spielfeld. (Bild: Keystone)

In Schönheit sterben: Die deutschen Spieler verlassen nach der Halbfinalniederlage an der Euro 2012 mit hängenden Köpfen das Spielfeld. (Bild: Keystone)

Ich bin kein Fan eines Fussballclubs, für mich gibt es nur ein Team: die deutsche Nationalmannschaft. Seit der WM 1986 habe ich keine Turnierpartie der Deutschen verpasst, sass immer in der ersten Reihe. Erst habe ich mit Briegel, Littbarski und Völler gefiebert, dann mit Sammer, Kirsten und Kahn. Mit Klose, Müller und Lahm will es aber nicht mehr so richtig klappen.

Ich bleibe nicht mehr 90 Minuten am Ball und surfe während eines Spiels schon einmal mit dem iPad. Zum Beispiel nach dem 0:2 von Italiens Mario Balotelli im EM-Halbfinal. Es hat mich abgelenkt und vom Sprung an die Decke bewahrt. Zerstreuung brauchte ich auch, als die Schweden gegen die DFB-Elf aus einem 0:4 noch ein 4:4 machten. Auf dem Rasen sah ich keine deutschen Kämpfer mehr, sondern paralysierte, ratlose Ballkünstler, die sich ihrem Schicksal ergaben. Das ist neu für eine deutsche Elf.

Eigentlich sind Deutschlands Voraussetzungen für einen grossen Titel so gut wie schon lange nicht mehr: Der dreifache Weltmeister spielt seit Jogi Löws Amtsantritt vor knapp fünf Jahren gepflegter denn je und verfügt über ein riesiges Reservoir an Talenten. Ich bin noch immer hingerissen von den Siegen an der WM 2010 in Südafrika gegen England (4:1) und Argentinien (4:0). Doch auf die Fussball-Party folgte regelmässig der Kater. EM 2008: Final verloren. WM 2010: Halbfinal verloren. EM 2012: Halbfinal verloren. Die Gegner waren schlicht und einfach abgezockter.

Es sind kleine Dinge, die nicht mehr stimmen. Deutschland schiesst viele Tore, fängt sich aber auch regelmässig ein paar Stück. Gegen die Grossen herrscht vorne Knorz und hinten Naivität. Die Abwehr, früher ein Bollwerk, ist das grosse Sorgenkind. Das liegt auch an der taktischen Marschroute – Verteidiger mutieren zu oft zu Mittelfeldspielern. Oder weshalb sonst wird die deutsche Elf regelmässig mit einem Pass in den freien Raum übertöpelt und keiner aus der Viererkette steht beim Mann?

Deutschland bog in der Vergangenheit verloren geglaubte Spiele um. Heute ist es umgekehrt. Löws Equipe führt 4:0 gegen Schweden und kann froh sein, dass es am Ende 4:4 steht. Gary Lineker spottete nach dem Spiel: „Fussball ist ein einfaches Spiel, bei dem 22 Männer 90 Minuten lang einem Ball hinterherjagen, und am Ende geben die Deutschen einen Vier-Tore-Vorsprung preis.“ Noch vor ein paar Jahren sagte er ehrfürchtig: „Fussball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen die Deutschen.“

Immerhin kann ich auf dem Sofa mit dem iPad Videos von erfolgreicheren Zeiten abspielen: Zum Beispiel jene der Euro 96 in England, als Deutschland zum letzten Mal einen Titel gewann – mit dem ersten Golden Goal der Fussball-Geschichte, erzielt von Oliver Bierhoff. Es war kein Zaubertor, Bierhoff hat den Ball mit gütiger Hilfe des Torwarts irgendwie reingewürgt. Aber es war ein Tor, das den Titel brachte.

Heute fehlt letztlich das Gift, ein Spielertyp, der mal ein Zeichen setzt, die glattgebügelten Kollegen wachrüttelt. Deutschland verlor früher auch wichtige Spiele, doch ergab es sich nicht seinem Schicksal. Man denken nur an den WM-Final von 1986: Argentinien führte 2:0, keiner setzte mehr einen Pfifferling auf Beckernbauers Mannschaft, die mit viel Kampf ins Endspiel gekommen war. Doch Rudi Völler und Kalle Rummenigge glichen nach Eckbällen in sengender Hitze noch zum 2:2 aus. Klar, am Ende gewannen die Argentinier noch 3:2. Doch sie wussten: Mit einer deutschen Elf muss man bis zur letzten Sekunde rechnen.

Deshalb: Kämpft wieder mehr und zaubert weniger, liebe deutsche Fussballer. Holt endlich wieder einen Titel. Der bleibt im Gedächtnis haften, alles andere vergisst man.

*Anatol Heib ist Digital-Redaktor und Crossmedia-Verantwortlicher bei Tagesanzeiger.ch.

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Wieso sind Fussballer solche Heulsusen?

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 6. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Bloggerin heute ist Lea Koch*.

Cristiano Ronaldo kommt zum wiederholten Mal weinend nach Hause.
Die Mutter: «Wieder Messi?»
Ronaldo: «Nein, ein Neuer!»

Man muss kein ausserordentlicher Kenner der Szene sein, um den in so wenige Worte treffend verpackten Sarkasmus zu verstehen.

Selbst mir, als nicht unbedingt fussballbegeistertem Mitglied der Gesellschaft ist nicht entgangen, wie viele Tränen allein in diesem Sport vergossen werden.

Vor dem Spiel, wenn Nationalhymnen erklingen, während des Spiels wenn Spieler wie Schwalben über den Platz segeln oder nach erfolgreichem Torschuss den von Stollen durchpflügten Rasen küssen, nach dem Spiel, wenn man seine Niederlage analysiert oder auf dem Podest, wenn man den Pokal küssen kann.

Hat es mit der neuen Softomanie zu tun, die die Männer allgemein als Antwort auf unsere Emanzipationsversuche entwickelt haben? Oder ist es wirklich nur in einer der am höchsten dotierten Sportarten der Welt so, dass hartgesottene Männer mehr Krokodilstränen vergiessen als meine kleine Schwester, wenn Mami ihr das Smartphone wegnimmt.

Und dabei kommt einem nicht nur der portugiesische Womanizer Cristiano  Ronaldo in den Sinn. Obwohl der vielleicht noch am ehesten. Wird die Ikone von Real Madrid doch sogar in den eigenen Reihen als «Prinzessin» oder «Diva» gehandelt. Und seine Traurigkeit auf und neben dem Fussballfeld kennt keine Grenzen. Nur weiss keiner so recht, was ihn eigentlich so unendlich traurig macht. Sein Erfolg, sein gutes Aussehen, die Beliebtheit bei Frauen oder gar sein Spitzenverdienst? Vielleicht hadert er mit seinem Beinamen. Wer wird schon gern «94-Millionen-Mann» genannt, mal ehrlich?

Aber auch weniger gut aussehende, wohl fast gleich gut verdienende Sportskollegen, wie die deutschen Koryphäen Sebastian Schweinsteiger oder Phillip Lahm, scheinen verdammt nah am Wasser gebaut zu haben. Gut, kann man ja im Fall von Niederlagen, wie der gegen Spanien im Halbfinale der WM 2010 oder angesichts des Desasters in der letzten Champions League noch irgendwie verstehen. Da hatte man ja schon auf der Reservebank des heimischen Wohnzimmers Pipi in den Augen.

Völlig skurril aber wird es, was die Wehleidigkeit der Herren auf dem Platz angeht. Jeder Sturz, und sei es der über die eigenen Schnürsenkel, ist mehr als spektakulär. Da werden Körperteile gehalten mit schmerzverzerrten Gesichtern, sich stöhnend und schreiend hin- und hergewälzt, so lange bis die Sanitäter schon die Trage an der Aussenlinie parat gemacht haben. Wenn der Schiri dennoch weiterspielen lässt, weil er diesen bösen bösen Sturz nicht als Foul der gegnerischen Mannschaft gesehen hat, ist Mann so schnell wieder auf den Beinen, als hätte der Begriff Spontanheilung plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. Jedenfalls die nächsten 20 Schritte, bis er wieder mit einem Aufschrei und schmerzverzerrtem Gesicht langgestreckt oder zusammengekrümmt zu Boden geht…
Man könnte fast glauben, dass Profifussballer im Rahmen ihres Trainings regelmässig eine Wochenlektion in der Theater AG absolvieren.

Gut, können sie vielleicht auch noch für später gebrauchen. Wenn sie zu alt werden für ihren Job. Vielleicht ist ein Teil ihrer Wehleidigkeit auch darin begründet, dass sie schon immer an die «Zeit danach» denken müssen, wer weiss. Können schliesslich nicht alle vom erfolgreichen Spieler zum erfolgreichen Trainer werden, wie Pep Guardiola. Der wird übrigens als Schöngeist seiner Zunft liebevoll «Glasperlenspieler» genannt. Weil er Hermann Hesse liebt. Und Immanuel Kant. Wie die «Zeit» in einem Interview mit Guardiola berichtete, ist Philosophie seine zweite Liebe – neben dem Fussball. Und er beziehe sie ins Training mit ein.

Tja, ich denke da darf man sich ziemlich sicher sein, dass in Zukunft noch mehr Tränen fliessen werden. Zumindest bei Bayern München. Wenn die erstmal anfangen, darüber zu philosophieren, warum sie mit Spielen so reich geworden und viele Menschen mit Arbeiten so arm geblieben sind, geht die Weinerei erst richtig los. Aber dann ist sie auch berechtigt. Und nicht mehr nur Ausdruck theatralischer überbezahlter Wehleidigkeit.

*Lea Koch ist Praktikantin und Redaktionsassistentin bei Tagesanzeiger.ch. Sie spielte ein halbes Jahr in der schlechtesten Fussball-Damen-Mannschaft Nordrhein-Westfalens, aber vergoss keine einzige Träne.




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Warum Männer im Fussball mehr Emotionen zeigen als bei Frauen

Steilpass-Redaktion am Dienstag den 5. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Bloggerin heute ist Denise Jeitziner*.

Fans von Neuchatel Xamax feiern den Aufstieg ihres Clubs in die Super League, nach dem Fussballspiel der Challenge League zwischen dem AC Lugano und Neuchatel Xamax, am Samstag, 26. Mai 2007, im Cornaredo Stadion in Lugano. Die Neuenburger gewannen das Spiel 1-3. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Hier können Männer hemmungslos emotional sein: Fans von Neuchâtel Xamax feiern in Lugano den Aufstieg ihres Clubs in die Super League, 26. Mai 2007. (Keystone/Karl Mathis)

«Wenn die Freundin abhaut, kann man sich eine neue suchen. Aber was, wenn der eigene Fussballklub Konkurs geht? Den Verein wechseln? Unmöglich!» Dieser Aussage stammt nicht von irgendeinem Macho-Arsch, der so wenig im Hirn hat wie ein Tor nach Spielende; nein, dieser Satz stammt von meinem Freund.

Als sein Fussballklub Neuchâtel Xamax vor rund einem Jahr Konkurs ging, verfiel er in eine depressive Verstimmung. Er war traurig, wütend, enttäuscht und resigniert. Aus seiner Lethargie fand er erst dann wieder heraus, als der neue Verein «Neuchâtel Xamax 1912» gegründet wurde. Vor lauter Dankbarkeit kaufte er einen Solidaritätsziegelstein, was ihm die Verewigung auf der Xamax-Website einbrachte. Er war endlich wieder glücklich.

Ja, mein Freund ist ein sehr emotionaler Mensch. Er jubelt und hüpft, wenn er glücklich ist und hat manchmal sogar feuchte Augen. Wenn es nicht gut läuft, kann er vor lauter Ärger so laut schreien und mit den Fäusten aufs Sofa hauen, dass es staubt. Er ist kommunikativ, auch ungefragt, und schüttet einem sein Herz aus, wenn seine Beziehung in der Krise steckt. Die Beziehung zum Fussball meine ich.

Bei mir ist er ganz anders. Laut wird er nie. Seinen Unmut lässt er sich höchstens durch Schweigen anmerken, und über unsere Beziehung spricht er nur, wenn er dazu gezwungen wird. Mit der Aufmerksamkeit hat er es auch nicht so. Er weiss zwar noch, wie der Spieler hiess, der Xamax 1997 wegen eines Hands um den Meistertitel brachte. Um sich die Namen meiner Freunde, Nichten und Neffen zu merken, brauchte er etwa zwei Jahre. Blumen kauft er mir selten bis nie, dafür schenkte er mir ein Saisonabo für Xamax. Für Fussballmatches reist er bis nach London oder Kiew, für einen Ausflug in die Ikea ist ihm der Weg aber meist zu weit.

Ich mag Fussball auch. Die uneingeschränkte Begeisterung der Männer für Fussball ist mir jedoch ein Rätsel. Wie können sie Gefühle in allen Variationen zeigen, sobald es um Fussball geht, und zu Hause tun sie so, als seien sie so emotional und redselig wie ein Zierfisch? Wie können sie jahrelang zu ihrem Club halten, selbst wenn der nichts als eine Enttäuschung ist? Bei einer Frau wären sie längst fremdgegangen.

Die Autorin Constanze Kleis versuchte der Sache in ihrem Buch «Ballgefühle. Wie Fussball uns den Mann erklärt» auf den Grund zu gehen. Da fand sie Folgendes heraus: Beim Fussball sei alles klar strukturiert: eine Tabelle, 2 Tore, 22 Spieler und ein Ball. Und es gebe feste Regeln, die leicht zu verstehen seien. Bei Frauen sei oft das Gegenteil der Fall. Fussball dagegen sei «ein wahrer Zufluchtsort für Männer, die bei Frauen nie richtig wissen, ob sie sich gerade wieder durch Treibsand begeben und möglicherweise etwas falsch machen.» Also kurz: Weil Fussball so simpel ist, ist er ideal für Männer, währenddem Frauen manchmal etwas zu kompliziert für sie sind. Im Fussball fühlen sie sich sicher, hier können sie ihren Emotionen freien Lauf lassen, Woche für Woche, ohne Konsequenzen. In der Beziehung dagegen denken sie: Besser keine Gefühle zeigen, statt die falschen. Fanschal tragen? Unbedingt. Händchenhalten in der Öffentlichkeit? Lieber nicht. All Männer verstehen das, egal welche Mannschaft, egal welche Sprache, egal wie hoch der Alkoholpegel. Frauen nicht.

Das ergibt halbwegs Sinn. Ändern können wir Frauen daran wohl nichts. Uns bleibt nur die Hoffnung auf möglichst viele Siege, denn nach gewonnenen Fussballspielen sind die Männer meist besonders gut drauf. Das lässt sich gezielt einsetzen – für Ikea-Besuche beispielsweise. Und schliesslich mögen Männer uns  am Ende doch ein bisschen mehr als den Fussball. Das haben Forscher der Universität Bristol herausgefunden. Fussballfans mussten ein Foto ihres Lieblingsteams und ein Foto der Partnerin zerschneiden. Selbst wenn die Männer vor dem Test steif und fest behauptet hatten, ihr Team genauso fest zu lieben wie ihre Frau, war ihr Stresslevel leicht höher, als sie das Foto der Partnerin zerschneiden mussten. Naja, immerhin.

*Denise Jeitziner ist Redaktorin bei Tagesanzeiger.ch.

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Warum Trainer nie Glück haben dürfen

Steilpass-Redaktion am Montag den 4. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Kommentator Bernard Thurnheer*

Unter seiner Führung hatte Barcelona manchen Höhenflug: Pep Guardiola. (Bild: AFP)

Hatte Barcelona wegen ihm Erfolg oder hatte er das Glück, Barcelona trainieren zu dürfen? Oben: Pep Guardiola. (Bild: AFP)

Der Fussballberichterstatter weiss schon am Samstag genau, wie das Spiel am Sonntag ausgehen wird, und er erklärt dann am Montag in ebenso überzeugender Art und Weise, wieso dass alles anders herausgekommen ist.

Diese humoristische Aussage trifft uns Sportjournalisten an einer sensiblen Stelle, welche wir immer wieder tunlichst ausblenden: Der Ausgang eines Fussballspiels hat – falls die beiden Teams unter ungefähr gleichen Voraussetzungen antreten – auch mit Glück zu tun, und zwar mit viel mehr Glück und Pech, als wir uns das einzugestehen bereit sind. Fussball-Reporter wollen Experten sein und behandeln den Sport, über den sie berichten, folglich als Wissenschaft. Wenn der Trainer/die Spieler/der Präsident dies und das machen, wird sich der Erfolg daraus als logische Konsequenz ergeben.

Ein noch grösseres Interesse, den Einfluss des Glücks als möglichst gering einzustufen, haben natürlich die Trainer, anderweitig wäre ihr Beruf, ja ihre ganze Existenz in Frage gestellt. In vermindertem Mass gilt das auch für die Spieler, den Masseur, den Konditionstrainer, den Klubarzt, den Finanzchef, ja überhaupt alle Mitglieder der Geschäftsführung, alle, welche irgendwie mit dem Fussball verhängt sind. Keiner würde es wagen, auch nur die Frage nach dem Einfluss des Glücks zu stellen, denn dies wäre regelrecht ketzerisch und hätte eventuell sogar die Verbannung aus der Fussballfamilie zur Folge. Höchstens nach einer Niederlage darf dieses Wort in den Mund genommen werden, in seiner entschuldigenden Form: «Wir haben heute wirklich kein Glück gehabt …, mit etwas Glück hätten wir …» Merke: Das Glück ersetzt das Fachliche nicht, es kommt zum Schluss sozusagen noch dazu (oder eben auch nicht).

«Es ist schwierig, jemanden etwas verständlich zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.» (Upton Sinclair).

Versuchen wir es trotzdem!

Natürlich gibt es gute und weniger gute Trainer und vor allem auch Spieler. Die Transferwerte der Stars sprechen dabei eine deutliche Sprache, die freie Marktwirtschaft urteilt neutral. Die Fussballer müssen aber auch zusammenpassen, in den für sie bestmöglichen Positionen spielen usw. Der Trainer entscheidet über Taktik und Aufstellung. Es herscht ein Konsens darüber, dass es im Misserfolgsfall einfacher ist, den Trainer statt die gesamte Mannschaft auszuwechseln. Das Gehalt des Coaches besteht deshalb wohl zu etwa 50 Prozent aus dieser Rausschmeiss-Risiko-Absicherung. Sein hohes Gehalt täuscht also etwas über seinen tatsächlichen Einfluss hinweg.

Als Trainer kannst du ferner wie die Menschen im Mittelalter in den Adel oder in das Fussvolk hineingeboren werden, wo du dann ein Leben lang bleibst (von wenigen Ausnahmen abgesehen). Wenn du Latour oder Koller heisst, darfst du den FC Thun oder den FC Wil trainieren, und kommst bei anhaltendem Erfolg bei einem Schweizer Spitzenklub unter. Höhepunkt deiner Karriere ist es dann, von einem tief im Abstiegsstrudel steckenden Bundesligisten engagiert zu werden. Als Guardiola startest du deine Karriere gleich beim Champions-League-Sieger Barcelona. Egal, ob du Erfolg hast oder nicht, als nächsten Stationen sind Chelsea, Bayern München oder Paris St-Germain vorprogrammiert. Hätte Barcelona die Champions League auch unter Hanspeter Latour gewonnen? Wahrscheinlich schon. Wäre der FC Thun mit Trainer Guardiola in die Super League aufgestiegen? Ich bin mir da nicht so sicher … Wer von beiden absolut gesehen der bessere Trainer ist, bleibt offen!

Klar ist: Je mehr Asse ein Coach im Ärmel, respektive im Kader hat, desto  grösser sind die Chancen, dass er zu den Siegern gehören wird. Aber Achtung: Jassen muss er dann doch selber noch. Und da trennt sich dann eben doch die Spreu vom Weizen.

*Bernard «Beni» Thurnheer ist Sportreporter, TV-Moderator und Showmaster beim Schweizer Fernsehen. Der vierfache Prix-Walo-Träger ist seit 1975 am Bildschirm zu sehen und hat vier Bücher geschrieben, darunter «Mitreden über Fussball» (2005) und «Mitreden über die Nationalmannschaft» (2008), beide erschienen im Zytglogge-Verlag.

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Messi, du langweilst mich

Steilpass-Redaktion am Freitag den 1. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Blogger heute ist Christian Lüscher*.

Lionel Messi posiert mit seinen Ballons d'Or. (Keystone/)

Null Unterhaltunswert: Lionel Messi posiert mit seinen Ballons d'Or, 16. Januar 2013 in Barcelona. (Keystone/Emilio Morenatti)

Ich finde, Lionel Messi darf man nicht kritisieren. Seit Jahren sage ich das, wieder und wieder. Er ist ein Fussballgott, eine Ausnahmeerscheinung, meinetwegen ein Künstler. Aber heute ist Schluss. Ich will ihn heute kritisieren. Und zwar sage ich es jetzt ganz direkt: Lionel Messi ist ein Oberlangweiler.

Wenn Sie jetzt einen Schmähkommentar schreiben, mich zum Feindbild erklären, und einen Shitstorm organisieren, weil ich eine Art Gotteslästerung betreibe: nur zu. Ich erkläre Ihnen aber jetzt, warum mich Messi nervt. Aber damit wir uns verstehen: Fussballerisch werfe ich ihm nichts vor. Vielleicht ein bisschen, es geht in erster Linie um seinen Entertainmentfaktor.

Ich teile die Welt des Fussballs in zwei Lager ein. Da gibt’s den Desperado und es gibt das Weichei. Messi gehört ins zweite Lager. In meiner Welt hört er Mädchenmusik, trinkt Schirmchendrinks und liest Paulo Coelho. Das ist das Bild, das ich von ihm habe. Seine Interviews sind wirkungsvoller als jedes Schlafmittel. Das habe ich an der Verleihung zum Weltfussballer einmal mehr gedacht. Den Satz «Ohne meine Mitspieler wären meine Leistungen nicht möglich.» hört man als Endlaufschlaufe.

Nichts ist langweiliger als Bescheidenheit. Messis Langeweile ist nicht zum Aushalten. Sie ist quälend. Ich kann nachvollziehen, wenn sich die Sportreporter an ihm die Zähne ausbeissen. Verdammt noch mal, es kann nicht sein, dass der grössten Fussballer der Gegenwart überkorrekt und fast schon trostlos erscheint. Kein Skandal, keine wirkliche Rivalität, nichts.

Fussball ist aber Unterhaltung. Auf und neben dem Rasen. Fussballer sind moderne Gladiatoren. Es geht um Wettkampf, Traumtore, Provokationen und tolle Sprüche. Superstars müssen polarisieren. So sehe ich das.

Und leider ist Messi kein Einzelfall. Die ganze Mannschaft von Barcelona hat den Unterhaltungswert einer Sendung Sternstunde Philosophie. Die Spieler fallen vielleicht auf dem Platz mit attraktiven Spielzügen auf. Neben dem Rasen wird es aber schnell eintönig.

Eric Cantona erzielt einen Treffer für Manchester United, 3. Februar 1996. (AP/Michael Stephens)

Eric Cantona nach einem Treffer für Manchester United, 3. Februar 1996. (AP/Michael Stephens)

Ich vermisse Persönlichkeiten wie Eric Cantona. Kennen Sie den aufbrausenden Franzosen noch? Ehemaliger Starkicker von Leeds United und Ikone von Manchester United? Er verkörpert den Fussballer, den wir doch insgeheim alle wollen. Fussballerisch ein brillanter Dribbler, ein genialer Passgeber und ein unglaublich guter Torschütze. Und vom Charakter her ein Charismatiker, ein Rebell, ein Haudegen, einer der für Schlagzeilen und Gespräche sorgt. Er war in den 90er-Jahren der McEnroe des Fussballs.

Cantona war in allen Belangen ein Raubein. Er streckte mit einem Kung-Fu-Tritt einen gegnerischen Fan nieder, der ihn zuvor bespuckt und mit rassistischen Bemerkungen beleidigt hatte. Cantona hat seinem eigenen Torhüter einst mit einem gezielten Faustschlag die Nase gebrochen, warf einem Mitspieler die Schuhe ans Kinn und nannte den französischen Nationaltrainer einen «sac de merde». Das war Cantona. Sein Leben war Heavy Metal. Laut und deftig.

Paul Gascoigne brüllt den Spanier Alfonso Perez nach einem Zweikampf an,

Paul Gascoigne brüllt während der EM in London den Spanier Alfonso Perez nach einem Zweikampf an, 22. juni 1996. (EPA/Gerry Penny)

Oder nehmen wir Paul Gascoigne. Der Starspieler der Glasgow Rangers, der in den 80er-Jahren als talentiertester Fussballer Englands galt. Ein  Raubein erster Klasse, immer für eine Schlagzeilen gut. Auf und neben dem Platz. Auf dem Feld schoss er die schönste Tore. Neben dem Feld sorgte er mit Raufereien und Saufgelagen für Schlagzeilen.

Cantona und Gascoigne waren als Fussballer die geborenen Entertainer. Egal, was sie machten, sie unterhielten stets ihr Publikum. Cantona sagte, dass die grösste Angst nicht das Verlieren auf Platz war. Er fürchtete sich mehr davon, dem Publikum keine Show bieten zu können. Von dieser Einstellung sollten sich Messi und ein Grossteil der heutigen Fussballprofis eine Scheibe abschneiden.

Ich komme zum Schluss. Zum Glück ist in dieser öden Fussballerwelt auf die Italiener Verlass. Mit Mario Balotelli und Antonio Cassano gibt es zwei Skandalnudeln, zwei Diven, die immer mal wieder für einen Lacher sorgen und etwas Schwung in diesen immer steriler wirkenden Sport bringen. Was zählt, ist Unterhaltung. Ich kann es nicht genug betonen. So ist das einzige, was mir von der letzten Europameisterschaft geblieben ist, Ballotellis machohafter Torjubel mit ausgezogenem Shirt.

*Christian Lüscher ist Reporter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. An Gerechtigkeit im Fussball glaubt er seit Jahren nicht mehr: Sonst wäre England schon längst Weltmeister geworden.

Fussballer, lasst die Schiedsrichter in Ruhe!

Steilpass-Redaktion am Donnerstag den 31. Januar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Roman Soom*

Recht hat er: Schiedsrichter Sascha Kever zeigt Basels Markus Steinhöfer in Bern, wer der Chef ist. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Recht hat er: Schiedsrichter Sascha Kever zeigt Basels Markus Steinhöfer in Bern, wer der Chef ist. (Bild: Keystone/Peter Klaunzer)

Kürzlich kam ich auf dem Arbeitsweg per Zufall an einem Juniorenspiel vorbei. Als ich den Platz fast hinter mir hatte, hörte ich einen Schrei, der Schlimmes vermuten liess. Ich drehte mich erschrocken um und sah, wie sich ein Junge, höchstens zwölf Jahre alt, auf dem Rasen wälzte. Sofort bildete sich eine Menschentraube. Der Schiedsrichter hatte die grösste Mühe, nicht nur die Buben, sondern auch die Trainer und die aufgebrachten Eltern am Spielfeldrand zu beruhigen.

Eine Frechheit, wie die jungen Kicker dem Unparteiischen den klassischen Satz «Schiri, bisch du blind?» an den Kopf warfen. Der Schiedsrichter, ein junger Mann, hatte eigens für diese Junioren einen Samstagmorgen geopfert. Gab seine Freizeit her, um dem Fussball-Nachwuchs die Möglichkeit zu geben, dem geliebten Hobby nachzugehen – und was erntete er: eine Ladung geballten Hasses.

Dem kleinen Schreihals mache ich keinen Vorwurf. Für ihn gehört die Schauspielerei wohl genauso zum Fussball wie das Flankenschlagen oder Toreschiessen. Er tut einfach, was er seine Vorbilder im Fernsehen tun sieht. Wenn sich die spanischen Virtuosen beim kleinsten Kontakt mit dem Gegner gleich hinlegen und tun, als wäre eine Elefantenherde über sie hinweg getrampelt, dann macht das halt jeder Junior nach. Weil er denkt, das gehöre zum guten Ton. Weil er weiss, dass Spanien Welt- und Europameister ist.

Wenn wir gleich dabei sind: Natürlich geht es nicht nur um die Spanier. Gleich diese Woche habe ich mich fürchterlich aufgeregt über das ungehaltene Benehmen eines italienischen Exponenten: Antonio Conte, Trainer des Traditionsclubs Juventus Turin, erboste sich derart über einen Schiedsrichterentscheid, dass er auf den Platz lief, den Spielleiter beschimpfte und seine Leistung als beschämend bezeichnete. Contes Bestrafung fiel genau gleich aus wie jene für Ottmar Hitzfelds Stinkefinger: zwei Spielsperren. Viel zu mild, finde ich. Wenn sich ein gestandener Coach derart gehen lässt, hat er nichts auf einer Trainerbank verloren, ganz egal, in welcher Liga er engagiert ist und um wie viel Geld es geht.

Das ganze Reklamieren und Simulieren geht mir auf den Geist. Was denken die denn? Der Schiedsrichter würde seine Meinung noch ändern? Ich habe noch selten einen gesehen, der sich durch das wilde Gestikulieren umstimmen liess. Die Fussballer, egal ob beim Quartierverein oder bei Bayern München aktiv, sollen die Schiedsrichter in Ruhe lassen. Denn könnten sie ihrem Hobby oder Beruf nachgehen, wenn es keine Unparteiischen gäbe? Nein. Also, liebe Fussballer, zollt euren Spielleitern ein bisschen mehr Respekt und zeigt Wertschätzung, dass sie euch helfen, das zu tun, was ihr am liebsten tut: Fussball spielen.

*Roman Soom ist Praktikant in der Sportredaktion von Newsnet.

Warum Shaqiri für den Kosovo spielen darf

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 30. Januar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Steilpass-Mitinitiant Samuel Reber*


In der Schweiz herrscht eine Meinung vor, dass Sportler mit ausländischen Wurzeln, die in der Schweiz aufgewachsen und ausgebildet wurden, sich auch für die hiesige Landesauswahl zu entscheiden hätten. Ich glaube, dass ich sogar selber einmal diese Ansicht vertreten habe. Nicht fanatisch, aber doch. Kürzlich wurde mir bewusst: Das ist doch kompletter Quatsch.

Und das kam so: Im vergangenen Herbst spielte die Schweizer Fussball-Nati in Luzern gegen Albanien. Ich sass an diesem Dienstagabend mit guten Freunden vor dem TV. Und ja, auch wir diskutierten über die Spieler mit albanischen Wurzeln in unseren Reihen: Shaqiri, Behrami, Xhaka, Mehmedi und Dzemaili.

Heimvorteil: Xhaka, Shaqiri und Behrami (v.l.) beim Länderspiel Schweiz-Albanien in Luzern. (Bild: Keystone)

Heimvorteil: Xhaka, Shaqiri und Behrami (v.l.) beim Länderspiel Schweiz-Albanien in Luzern. (Bild: Keystone)

Ich beobachtete: In unserer Diskussion ereiferten sich plötzlich besonnene und auch einigermassen gebildete Geister, warum sich diese Spieler zu schade seien, die Nationalhymne mitzusingen. Das sei doch das Minimum. Wer hier leben und profitieren will, der … blabla … Das sei adäquate Loyalität. Und so weiter. Und so fort. Wir kennen die Diskussion. Auch TV-Moderator Sascha Ruefer galoppierte während dem Spiel auf dieses Feld. Etwas kopflos, würde ich meinen.

Später an diesem Abend im September, als meine Freunde gegangen waren, und ich alleine inmitten leerer Bierflaschen und Pizzaresten auf dem Sofa sass, dachte ich etwas nach. Da wurde mir klar: Das ist doch Wahnsinn, was man von diesen Menschen verlangt. Ein Shaqiri soll doch für die Kosovo-Nati spielen dürfen, ohne dass sich hier jemand aufregt. Auch wenn der Spieler in der Schweiz gross geworden ist. Denn ein Sportler soll für das Land auflaufen, für das sein Herz schlägt. Von dieser Identifikation lebt der Sport zu einem grossen Teil, ganz sicher der Nationalmannschaftssport.

Und jetzt stellen wir uns noch einen jungen Kosovo-Albaner vor, der in die Schweiz kommt. Seine Situation kann sehr speziell sein. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass er mit seinen Eltern vor dem Krieg fliehen musste. Nun wohnen sie in einem fremden Land, wo die Familie um die Heimat bangt und um die Verwandten, die sie zurückgelassen haben. Hunderte, wenn nicht Tausende aus dem eigenen Volk sterben. Man verfolgt die Nachrichten, leidet und betet, zum Beispiel für einen eigenen Staat. Dieser scheint tatsächlich auch auf die Beine zu kommen, wird teilweise von anderen Ländern anerkannt, ist aber fragil und kann jede mögliche Starthilfe mehr als gut gebrauchen.

Das Herz unseres jungen Sportlers schlägt für den neuen Kosovo. Durch die lange Leidensgeschichte wahrscheinlich intensiver als das eines Schweizer Fussballers für die Schweiz. Und auf der anderen Seite ist klar: Der Kosovo braucht die Sportler, denn was ist identitätsstiftender und eint stärker als eine Fussball-Nati?

Ich kenne die Geschichte der Familien Shaqiri und Xhaka nicht genau. Doch für mich ist sonnenklar: Wollen diese Fussballer für den Kosovo spielen, sofern es dort in absehbarer Zukunft eine Nati gibt, dann sollen die das machen, ohne dass in der Schweiz jemand einen dicken Hals und einen roten Kopf kriegt. Es wäre eine Entscheidung, die ich wahrscheinlich auch so treffen würde. Oder die ich auf jeden Fall sehr gut nachvollziehen könnte.

*Samuel Reber ist Blattmacher und Tagesleiter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet, Steilpass-Mitinitiant und war während mehreren Jahren Captain der Herrenmannschaft des SC Wipkingen.

Das Mosaiksteinchen für die nächsten FCB-Titel

Steilpass-Redaktion am Samstag den 15. Dezember 2012

Ein Gastblog von Florian A. Lehmann*.

Rotblau steht ihm gut: Geoffroy Serey Die (r.) Ende Oktober mit dem damaligen Sion-Trainer Pierre-André Schürmann. (Bild: Keystone)

Rotblau steht ihm gut: Geoffroy Serey Die (r.) Ende Oktober mit dem damaligen Sion-Trainer Pierre-André Schürmann. (Bild: Keystone)

Nach einer turbulenten Vorrunde in der Super League, die gar nicht immer so super ist, stellt der Fussball-Fan überraschend fest: Nicht der FC Basel, sondern die Grasshoppers führen die Tabelle an. Also jener Club aus Niederhasli, der eigentlich heuer in der Challenge League spielen müsste – wenn es nicht unverbesserliche Individuen wie Sions Christian Constantin oder Xamax’ ehemaliger Schaumschläger Bulat Tschagajew geben würde, die ihre Fanionteams in der vergangenen Saison juristisch ins Offside respektive wirtschaftlich in den Abgrund führten.

Dass GC stolzer Leader am Jahresende ist, hat auch mit der klugen personellen Wahl vor Beginn dieser Spielzeit zu tun. Die Transferzeit ist mittlerweile im modernen Fussball mindestens so wichtig geworden wie das eigentliche Gekicke auf Natur- oder Plastikrasen. Schon in der Periode von Zuzügen und Abgängen wird die Basis zu Erfolgen oder Misserfolgen gelegt. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber von eminenter Bedeutung. Diese Wichtigkeit wird in der Adventszeit, wenn die Schweizer Elite-Liga ihren Winterschlaf durchführt, auch heuer mit einer wichtigen personellen Mutation untermauert.

Der Kauf von Geoffroy Serey Die wird nämlich genau jenes Mosaiksteinchen sein, das den FCB zukünftig zu weiteren Titeln in Meisterschaft und Cup führen wird. Der 28-jährige Ivorer ist zweikampfstark, hat eine Lunge für zwei Fussballer, besticht durch Übersicht und Persönlichkeit. Es ist jener Mann im Mittelfeld, welcher der FC Zürich so gut gebrauchen könnte. Kein Wunder, freut sich Basels Ikone und Dressman Murat Yakin riesig über sein frühes Weihnachtsgeschenk, das ihm sein Vorgesetzter Bernhard Heusler unter den Tannenbaum gelegt hat. Yakin verfügt mit dem Zuwachs des bulligen Serey Die nicht nur über mehr personelle Optionen im Mittelfeld, sondern auch über einen Mann, der seine Teamkollegen zum bedingungslosen Erfolg anstacheln wird.

Und der rot-blauen Teppichetage ist mit dem Transfer noch etwas Weiteres gelungen: Der FCB hat – nicht zum ersten Mal – mit einem Zuzug aus der Liga die Konkurrenz erheblich geschwächt. Beim Hopper Vero Salatic ist das den Baslern nicht gelungen, bei Sions Serey Die nach hartnäckigem Nachsetzen schon – das spricht nicht gegen die Verantwortlichen des FCB. Nach dem Engagement von Serey Die lässt sich erst recht guten Mutes behaupten: Titel und Cup bleiben nach der Rückrunde in Basler Besitz.

Oder was meinen Sie?

*Florian A. Lehmann ist Sportjournalist bei Tagesanzeiger.ch.

Wasser predigen und Wein trinken

Steilpass-Redaktion am Samstag den 1. Dezember 2012

Gastblog von Florian A. Lehmann*.

Rolf Fringers Entlassung beim FC Zürich war schon die siebte in dieser Super-League-Saison. Ist das Zufall? Oder schreit die Szene ganz einfach nach Action?

Kurz vor Beginn der Adventszeit hält sich in Zürich ein hartnäckiges Gerücht: Die Heilsarmee sammle in den Tagen der Besinnung nicht für die notleidenden und gestrandeten Menschen, sondern für den bedauernswerten Ancillo Canepa. Denn schliesslich muss der Präsident des FCZ seit letztem Montagabend gleich zwei entlassene Trainer entlöhnen, nämlich Rolf Fringer und Urs Fischer. Letzterer, ein passionierter Fischer, hat zwar wieder einen Job beim FC Thun an der Angel, wird aber auf Teilzahlungen von seinem früheren Zürcher Arbeitgeber pochen. Denn schliesslich ist Fischers neuer Kontrakt im Berner Oberland weniger hoch dotiert als jener beim FCZ. Canepa, der finanzielle Löcher grosszügig aus der eigenen Tasche berappt, wird es auf juristischem Terrain nicht langweilig. Zudem muss er den Arbeitsmarkt sondieren, um einen neuen Trainer und einen neuen Sportchef zu suchen. Beide Rettungsengel, das lässt sich mit Sicherheit sagen, lassen sich kaum aus dem personellen Bestand der Heilsarmee rekrutieren.

Nach Fringers Freistellung zählt der Fussball-Fan nach und stellt verwundert fest: In dieser Super-League-Saison haben schon sieben Trainer von sechs Clubs ihren Garderobenspund räumen müssen. Das ist – Sonderfall FC Sion hin oder her– eine grosse Zahl. Zu diesem Fakt stellen sich gewisse Fragen. Sind die Trainer so unfähig in dieser Liga? Nein, denn sie haben sich ja ausbilden lassen und können ein Diplom vorweisen. Haben die Vereine zu viel Geld? Wohl kaum, denn überall wird gejammert, geklagt, gebettelt. Fehlt es den Teppichetagen am Know-how für dieses heikle Business? Ja, an vielen Orten. Fehlt den Verantwortlichen die Geduld, ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Mannschaft? Ja, auf jeden Fall. Werden die Profis zu sehr verhätschelt und haben sie zu viel Macht und Einfluss? Aber natürlich, siehe die neuen Fälle in Thun und Zürich. Schliesslich ist es immer noch am einfachsten, im Falle des Misserfolgs den einsamen Trainer in die Wüste zu schicken.

Die Suche nach dem schnellen Erfolg auf dem grünen Rasen hat eine Szene noch überhitzter gemacht als sie es ohnehin schon gewesen ist. Zwar wird vor dem ersten Kick-off der Saison von den Clubbossen immer wieder betont, dass man den Coaches Zeit lasse, dass man jeden Franken sorgfältig umdrehe, bevor man ihn ausgebe. Aber es ist wie beim Abnehmen von überflüssigen Pfunden: Zwischen Vorhaben und Ausführung liegt ein langer, mühsamer Weg. Oder anders ausgedrückt: Es wird im Fussball oft Wasser gepredigt, aber Wein getrunken.

Die Aufregungen um personelle Trainerrochaden bringen den Schweizer Fussball nicht weiter. Viele Experten monieren nicht ganz zu unrecht, dass der FC Sion wohl schon längstens Meister geworden wäre, wenn der Walliser Bonaparte namens Christian Constantin etwas mehr Geduld in seinem Blut und etwas mehr Weitsicht in seinem Gehirn hätte.

Die aktuelle Politik mit Verschleiss an Trainern und Geld ist eine ungesunde Entwicklung in der Super League. Oder was meinen Sie?

*Florian A. Lehmann ist Sportjournalist bei Tagesanzeiger.ch.

Eine Stadionwurst ohne Bier?

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 21. November 2012

Ein Gastblog von Florian A. Lehmann*.

Ein Fan isst eine Bratwurst, Zürich am 20. April 2008. (Keystone)

Ein Alkoholverbot ist nicht die richtige Massnahme gegen Gewalt: Ein Fan isst eine Bratwurst, Zürich am 20. April 2008. (Keystone)

Die Empfehlung der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), gestern in Bern kommuniziert, ist bestimmt gut gemeint. Und die Gefahren des Alkohols sollen an dieser Stelle nicht verniedlicht werden. Aber der Beschluss der obersten Polizeifunktionäre trifft einmal mehr jene Fans, die in den Stadien der Super League und der National League A mitfiebern und mitzittern, aber auf jegliche Gewalt verzichten.

Die überwiegend grosse Zahl von Zuschauern besuchen primär einen Match, um Fussball oder Eishockey zu konsumieren. Das Geschehen wollen sie in der Pause oder nach der Spiel mit anderen Besuchern oder mit der netten Blondine, die auf der Tribüne in Sichtweite Platz genommen hat, diskutieren – am Liebsten bei einem Bierchen oder ein Gläschen Weissen, mag der Chardonnay aus dem Plastikglas noch so sauer und teuer sein wie im Zürcher Hallenstadion. Auch kulinarisch hätte das Alkoholverbot Folgen für den kultivierten Mensch: Eine Stadionwurst ohne Bier, das ist wie ein Bett ohne Kopfkissen.

Es gibt aber weitaus problematischere Gründe, warum das Alkoholverbot bei Risikospielen keinen Sinn macht. Einmal mehr trifft eine Massnahme jenen Normalbürger, der zwar keinen VIP-Status hat, sich aber dennoch gewaltfrei im Stadion bewegt. Otto Normalverbraucher wird zudem in den gleichen Topf wie die Chaoten geworfen. Und erneut wird ein Stückchen Freiheit des Individuums in diesem Land beschnitten.

Ob die Massnahme des Verbots in der Praxis auch tatsächlich greift, darf bezweifelt werden. Die Krawallmacher werden schon im Vorfeld der Spiele ihren Alkoholpegel ausserhalb der Stadien erhöhen. Und ob sie dann bei der Eingangskontrolle zurückgehalten werden können, scheint schon aus zeitlichen Gründen fraglich – vor allem bei Schlagerpartien im Fussball mit hoher Zuschauerkulisse. Die Befürchtung von Ueli Schwarz, Direktor Spitzensport beim Schweizerischen Eishockey-Verband (SIHF), dass sich das Problem mit betrunkenen Fans vor die Stadien verschiebe, ist nicht von der Hand zu weisen. Man kann davon ausgehen, dass es vor den Arenen wieder mehr Polizeibeamte brauchen wird.

Dazu kommt die Frage: Was ist ein Risikospiel? Nach den unrühmlichen Vorfällen mit Luzerner Radaubrüdern am letzten Samstag in Zürich muss man sagen: FCZ gegen FCL gehört ab sofort zu dieser Kategorie.



*Florian A. Lehmann ist Sportjournalist bei Tagesanzeiger.ch.