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Warum der FCB nicht Meister wird

Simon Zimmerli am Donnerstag den 27. Juni 2013

Liebe Steilpass-Blog-Leser

Hier kommt der zweite Teil meiner Einschätzung für die neue Saison. Um es vorweg zu nehmen: Ich glaube an den FCZ und daran, dass sich der grosse FC Basel selbst ein Bein stellt.

FC Thun
Wegen der Ausgaben für die Stadionmiete klafft in Thun ein grosses finanzielles Loch. Um die Stadionmiete pünktlich überweisen zu können, helfen im Berner Oberland alle mit. Die Spieler organisieren Bingoabende mit den Fans, Urs Fischer angelt in seiner Freizeit für den Grillstand, und der Blockbuster über den Thuner Sexskandal ist weit über die Kantonsgrenze hinaus gut angelaufen. Gewiefte Oberländer Fans schmuggeln immer wieder Marder und andere Kleintiere ins Stadion, um den Gästesektor zu füllen. Platz 8 für die Thuner Tierfreunde!

FC Zürich
Vorausgesetzt der zum Übereifer neigende Präsident Ancillo Canepa bringt keine Unruhe ins Team, kann der Weg zum Schweizer Meistertitel 2013/14 nur über den FCZ führen. Yassine Chikhaoui lässt sechs Runden vor Schluss in Eishockeymanier einen Meisterbart wachsen und spielt gross auf. Die Zürcher Südkurve beschliesst wider Erwarten einen Pakt mit dem Vorstand und dem Schweizerischen Fussballverband. Man einigt sich darauf, im Stadion nur noch bengalische Zündhölzer und Vulkane (bis maximal 16 cm Höhe) abzubrennen. Kontrolliert. Bei Hochrisikospielen werden zusätzlich drei Sonnen pro FCZ-Tor toleriert. Diese müssen vor Spielbeginn am Gitter festgemacht werden.

St. Gallen
Alhassane Keita ist nicht eben bekannt für seine Spielintelligenz. Trotzdem wird er Oscar Scarione als Attraktion in der AFG Arena würdig vertreten. Und auch ausserhalb. Ob Präsident Dölf Früh, ein passionierter Kickboxer, auf Keitas ständig wachsenden Lohnforderungen eingehen wird und ihn seine Abwanderungsgelüste beeindrucken, ist jedoch zu bezweifeln. Keita schiesst die St. Galler auf den 7. Schlussrang, mit Scarione wäre vielmehr möglich gewesen. Und so wird Keita Ende Saison von einem neuen Arbeitgeber träumen. Wie einst beim FCZ.

GC
Nach dem Kumpeltyp Uli Forte, geht GC mit dem kühlen Deutschen Michael Skibbe im Trainerbereich neue Wege und hat Erfolg. Johan Vonlanthen spielt auch samstags und wird Torschützenkönig. Die Zuschauerzahl auf dem Letzigrund bei den GC-Heimspielen bleibt nach wie vor überschaubar. Für Platz 3 reicht es aber allemal, auch weil die Grasshoppers alle Spiele gegen YB mit Ex-Trainer Forte gewinnen und der Kunstschütze Izet Hajrovic so gut spielt, dass sich Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld die Haare rauft.

FC Basel
Lange sieht es so aus, als würde der FC Basel (mit Josip Drmic) schon wieder Meister werden. Aber nur bis die Degen-Zwillinge in einem Selbstversuch eine Woche lang auf das Mobiltelefon verzichten – und für die restliche Saison aus nervlichen Gründen ausfallen. In der Champions-League-Qualifikation gescheitert, frühes Cup-Aus gegen Zug 94 und nur der 2. Platz in der Meisterschaft. Alles in allem eine verkorkste Saison und unter dem Strich deutlich zu wenig.

Meine Schlusstabelle steht. Sportskameraden, was meint ihr? Kann es – abgesehen von den Problemen der Degen-Zwillinge – weitere Gründe geben, weshalb der FCB nicht Meister wird? Wie sieht eure Endabrechnung aus?

Vorschau auf die neue Saison

Simon Zimmerli am Donnerstag den 20. Juni 2013

Obwohl das Transferfenster noch bis Ende August geöffnet ist, wage ich zum Trainingsstart der Super-League-Mannschaften bereits eine Prognose für die kommende Saison.

Frisch: Aarau-Trainer René Weiler.

Frisch: Aarau-Trainer René Weiler.

FC Aarau
Herzlich Willkommen in der Modemetropole Aarau! Endlich kann ich mich auf der altehrwürdigen Brügglifeld-Tribüne wieder an einen Fackelspiess klammern, während im beissenden Rauch würziger Stumpen einsame und verzweifelte «Hopp Aarou»-Rufe auf das Feld prasseln. Und was gibt es Spannenderes als mit drei Punkten im Gepäck und einem Kafi Luz im hautfarbenen Kaffeebecher stundenlang durch das Aarauer Wohnquartier zu tingeln, um das Auto zu finden? Aber Obacht, die Aargauer Hauptstädter werden unter Trainer René Weiler mit erfrischendem Fussball die Liga aufmischen und bis zuletzt, um einen Europa-League-Platz kämpfen. Platz 5 für den FC Aarau in der Endabrechnung.

Von wegen super: Gegentor auf der Pontaise.

Von wegen super: Gegentor auf der Pontaise.

FC Lausanne-Sport
Auch der letzte verbleibende Club aus der Romandie verschwindet aus der höchsten Spielklasse, was bereits sechs Runden vor Schluss feststeht. Nur die Geisterspiele in Basel waren schlechter besucht, als die letzten Super-League-Spiele auf der Pontaise. Ein kleiner Lichtblick bietet hingegen das Trainingslager in Barcelona, in welchem der FC Lausanne-Sport in einem Freundschaftsspiel auf Lionel Messi trifft, der ablösefrei zu CF Cárcel Modelo de Barcelona transferiert wurde. Der Gefängnismannschaft vom Stadtteil Eixample.

Alles unter Kontrolle: Luzern-Sportchef Alex Frei.

Alles unter Kontrolle: Luzern-Sportchef Alex Frei.

FC Luzern
Nachdem Alex Frei das Jubelverbot an die Adresse von Carlos Bernegger erfolgreich durchgesetzt hat, zaubert der Sportchef weitere unnötige Regeln aus dem Hut. So muss Daniel Gygax regelmässig bei Frei vorsprechen, um grünes Licht für die neuesten Entwürfe seiner Tatoos einzuholen. Dies bringt Unruhe ins Team, was einzig Dimitar Rangelov beflügelt. Er schiesst seine Tore Nummer 2, 3 und 4 in der Super League – und den FC Luzern auf Rang 8.

Macht das Beste draus: YB-Trainer Uli Forte.

Macht das Beste draus: YB-Trainer Uli Forte.

BSC Young Boys
Die Berner Young Boys kommen auch unter dem neuen Trainer Uli Forte nicht auf Touren. Nach einer harmlosen Äusserung Fredi Bickels vermisst Forte plötzlich die Nestwärme und das Vertrauen. Da Forte aber einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat und weder Ciriaco Sforza (Weiterbildung) noch Urs Schönenberger (TV-Experte) verfügbar sind, setzen die YB-Verantwortlichen weiter auf Forte und suchen die Gründe für den Misserfolg auf anderen Ebenen. Nachdem der Platzwart den Kopf gerade noch aus der Schlinge ziehen kann, wird der Designer Tyler Brûlé engagiert um den Berner Sportclub junger Buben in die Berner Capitals zu verwandeln. Die YB-Wurscht wird von Brûlé aus dem Gastrokonzept gestrichen und die Capitals finden zu neuem Selbstvertrauen. Platz 4 in der RSL-Schlusstabelle.

Ruhig: Sion-Präsident Christian Constantin.

Ruhig: Sion-Präsident Christian Constantin.

FC Sion
Abgesehen von den üblichen Tanzeinlagen Christian Constantins und ein, zwei spektakulären Transfers ist es in dieser Saison ruhig um den FC Sion. Lediglich zwei Mal wechselt Constantin seinen Trainer aus und schliesst die Saison mit Bernard Challandes auf dem 6. Schlussrang ab.

Lesen Sie nächste Woche, wann die Meisterfeier des FC Zürich stattfindet, wie der FC Basel seine finanziellen Probleme in den Griff kriegen kann und wie der FC Thun mit Bingoabenden die Miete für das Stadion einspielt. Und natürlich auch wie es dem FC St. Gallen und den Grasshoppers läuft.

Darum ist Vonlanthen eine gute Wahl

Simon Zimmerli am Freitag den 14. Juni 2013
ZUR VERPFLICHTUNG VON JOHAN VONLANTHEN BEI GC STELLEN WIR IHNEN AM DIENSTAG, 11. JUNI 2013 FOLGENDES ARCHIVBILD ZUR VERFUEGUNG -  Johan Vonlanthen beim Training mit dem FC Wohlen in Wohlen am Freitag, 12. April 2013.(KEYSTONE/Walter Bieri)

Spielt wieder in der Super League: Johan Vonlanthen beim Training mit dem FC Wohlen, 12. April 2013. (Keystone/Walter Bieri)

Beim Cup-Derby zwischen dem FCZ und GC sass auf der Tribüne des Letzigrund-Stadions auch ein gewisser Johan Vonlanthen. Aufmerksame Zuschauer werden ihn erkannt haben, obwohl er ein paar Kilo mehr auf den Rippen hatte als zu seinen Glanzzeiten. In der kommenden Saison wird Vonlanthen vermehrt im Letzigrund zu sehen sein – leider nicht mehr im Dress des FCZ sondern als polyvalenter Angreifer der Grasshoppers, die sich auf das Wagnis eingelassen haben, den wohl talentiertesten, aber auch unberechenbarsten Schweizer Fussballer der letzten Jahre zu engagieren. Kolumbianisches Fussball-Roulette könnte man diesen riskanten Transfer nennen, denn immerhin hat der einst so hoch Gelobte und vom holländischen Spitzenverein PSV Eindhoven in Teenager-Jahren mit einem hochdotierten Vertrag ausgestattete Ballkünstler seit 18 Monaten keinen Ernstkampf mehr bestritten.

Ein paar Kilo müssen vermutlich noch weg.

Ein paar Kilo müssen vermutlich noch weg. (Keystone/Walter Bieri)

Sein Wechsel nach Itagüi, einem Vorort von Medellin, war die siebte Station in seiner jungen Profikarriere und gelinde gesagt ein Missverständnis. Vonlanthen liess zwar verlauten, dass er furchtbar Lust habe, neben seiner religiösen auch der fussballerischen Leidenschaft zu frönen, ins Tor traf der Mann, der am Samstag nicht spielen wollte, aber nie. Sechs Spiele, null Tore lautete seine Bilanz. Indiskutabel für einen, der schon mit 17 zu gut war für die Schweizer Eliteliga, in der er nun einen Neuanfang wagt. Gewiss, Vonlanthen zu verpflichten ist mutig. Doch wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Und es deutet einiges darauf hin, dass GC-Sportchef Dragan Rapic richtig liegt. Am Talent und an den technischen Fähigkeiten Vonlanthens gibt es keine Zweifel, und auch sein Charakter sollte kein Hindernis mehr sein. Anders als etwa Davide Chiumiento, der im FCZ-Ensemble bisweilen wie ein unwilliger Star wirkt, der versehentlich in der Provinz auftreten muss, ist Vonlanthen hungrig.

Erreicht Vonlanthen eine gute Form, ist vieles möglich. (Keystone/Walther Bieri)

Erreicht Vonlanthen eine gute Form, ist vieles möglich. (Keystone/Walter Bieri)

Vonlanthen ist nun 27. Vor zehn Jahren spielte er in der Championsleague, ging mit 18 Jahren als jüngster Torschütze an einer EM in die Geschichtsbücher ein und war bei seinem Comeback 2009 in der Super League beim FCZ ein Leistungsträger. Dazwischen sorgte er mit seinem schwierigen Charakter immer wieder für Eklats. So weigerte er sich in der Schweizer U-21-Nationalmannschaft auf der Bank Platz zu nehmen oder kämpfte mit einem ärztlichen Attest für die Teilnahme an der WM 2006 in Deutschland. Als Höhepunkt seiner Rückschläge wurde er bei Red Bull Salzburg in der Saison 2008/09 als Rekordverdiener des Clubs in den Nachwuchs verbannt. Diese Rückschläge haben Vonlanthen stärker gemacht und er weiss, dass es vermutlich seine letzte Chance ist, auf dem Fussballfeld für Furore zu sorgen. Er wird – anders als der zu den Young Boys abgewanderte Trainer Uli Forte – alles daran setzen, GC das in ihn gesetzte Vertrauen zurückzuzahlen. Er wird rennen, bis auch die letzten Fettpölsterchen weggeschmolzen sind und der GC-Offensive die nötige Abgebrühtheit verleihen.

Johan Vonlanthen erzielt EURO 2004 den Ausgleich gegen Frankreich, 21. Juni 2004. (Keystone/Olvier Berg)

Was hat er noch drauf? Im Bild: Johan Vonlanthen feiert an der EURO 2004 seinen Ausgleich gegen Frankreich, 21. Juni 2004. (Keystone/Oliver Berg)

Ich freue ich mich auf Johan Vonlanthen, auf einen Schuss Extraklasse für den Zürcher Fussball und auf ein spannendes Experiment. Sportler, die eine längere Pause hinter sich haben, besitzen einen besonderen Hunger und eine besondere Passion für ihren Beruf. Denken Sie nur an Kimi Räikkönen, der nach seiner Formel-1-Pause für Lotus den ersten Sieg seit den Tagen des grossen Ayrton Senna einfuhr oder an den spanischen Tennisstar Rafael Nadal, der wegen seiner Knieverletzung über sieben Monate keine Turniere bestreiten konnte und sein Comeback am vergangenen Wochenende in Roland Garros mit seinem achten French-Open-Titel krönte. Die Champions League, das fussballerische Pendant zu einem Grand Slam, wird Vonlanthen mit den Grasshoppers natürlich nicht gewinnen, aber er wird sich einen ehrenvollen Platz in der Geschichte des Schweizer Fussballs zurück erkämpfen. Vonlanthen wird im Lexikon des hiesigen Fussballschaffens bald nicht mehr unter V wie «verschleudertes Talent», sondern unter U wie «unerwartetes Comeback» zu finden sein. Wenn Sie ein paar Franken übrig haben, dann setzen Sie sie doch darauf, dass der Torschützenkönig der Super-League-Saison 2013/14 Johan Vonlanthen heissen wird.

Uli Forte: Kein starker Abgang

Simon Zimmerli am Freitag den 7. Juni 2013

Das verbale Nachtreten war unnötig: GC-Trainer Uli Forte, 1. Juni 2013. (Keystone/Steffen Schmidt)

Die Meldung über den Transfer von Ulrich Forte im Radio traf mich, gemessen am Knalleffekt, ähnlich schwer wie der Tod von Lady Di. Vielleicht noch etwas härter, da ich ein paar Minuten zuvor das Portrait über Forte und seine Visionen mit GC im «Tages-Anzeiger» gelesen hatte. In diesem liess er sich als fürsorglicher und sozialkompetenter Hirte feiern, der nur darauf bedacht war, keines seiner Schafe zu verlieren. Nun ist der Hirte selbst nach Bern weitergezogen. Bisher noch ohne dass ihm eines seiner GC-Schafe gefolgt wäre.

Ein grosser Verlagsmogul kommt auf mich zu und bietet mir einen Dreijahresvertrag als Blogger und Live-Tickerer zum doppelten Salär an. In den Pausenräumen des vermeintlich neuen Verlagshauses stehen – nicht wie bei uns – Automaten mit Vollkornriegeln und Softgetränken, sondern leichtbekleidete Frauen, die mir kostenlos Bier und Häppchen reichen. Der Geschäftswagen, ein Audi 4Zf8-17 Turbo, wird mir kostenlos zur Verfügung gestellt und nachdem ich auf die fehlende Fahrprüfung aufmerksam mache, gibt es eine hübsche Fahrerin gratis dazu geliefert. Ist es nun selbstverständlich, dass ich das besser dotierte Angebot annehme? Nein, obwohl es sicher legitim wäre, gibt es auch Gründe wie den menschlichen Aspekt oder die Dankbarkeit, um einen solchen Wechsel nicht zu vollziehen. Ohne gleich als Romantiker zu gelten.

Ich verurteile den Wechsel von Uli Forte nicht, aber sein Verhalten nach Bekanntmachung des Transfers hinterlässt selbst bei einem FCZ-Anhänger einen schalen Nachgeschmack. Vom Stellensuchenden bei den regionalen Arbeitsvermittlungszentren zum Cheftrainer von GC erkoren, könnte er doch nun das Vertrauen, das ihm die Vereinsspitze vor einem Jahr ausgesprochen hat, honorieren, statt fehlendes Vertrauen geltend zu machen. Forte hat stets gekriegt, was er sich bei GC mit den – im Vergleich zu YB bescheidenen finanziellen Mitteln – gewünscht hat. Auch der Zweijahresvertrag, auf den er so sehr gepocht hat, ist seit einiger Zeit beschlossene Sache, da er mit dem Erreichen des 5. Ranges schon ein paar Runden vor Schluss automatisch in Kraft getreten ist.

Forte hat aus dieser Mannschaft das Maximum herausgeholt und dafür gebührt ihm mein Respekt. Aber ohne die defensive Stabilität und dem überstrapazierten Wettkampfglück könnte GC auch auf dem 3. oder 4. Schlussrang stehen. Forte will die Herausforderung nicht annehmen, diese grossartige Saison zu bestätigen und geht damit den Weg des geringsten Widerstandes. Ergo will er auch in seiner ersten Saison bei YB nicht vom Meistertitel sprechen. Die Aufgabe bei den Berner Young Boys ist für ihn in der Tat demnach viel einfacher. Und ganz nebenbei verdient er auch noch das Doppelte. Die Möglichkeit, sich mit GC für die Champions League zu qualifizieren und etwas Nachhaltiges aufzubauen, interessiert ihn nicht.

Forte wurde von den Fans in seinem letzten Spiel für die Grasshoppers als geldgieriger und charakterloser Lump dargestellt. Er hätte einen anderen Abgang verdient. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte er schlicht einem guten Angebot nicht widerstehen, was nicht verwerflich ist. Vielleicht hätte er den Interviewtermin mit «Tagi»-Redaktor Thomas Schifferle vom Freitagnachmittag absagen oder die Erscheinung des Artikels am Tag der Bekanntmachung seines Wechsels verhindern  müssen, aber ansonsten ist dies das ganz normale und unromantische Fussballgeschäft. Sich danach aber negativ über seinen Arbeitgeber äussern («GC ist nicht mehr das GC von früher und lebt nur noch von seinem Rekordmeister-Image») und André Dosé mangelnde Wertschätzung vorwerfen, das ist nicht eben «forte».

Vielleicht ist dies nun ein Widerspruch und – als FCZ-Fan – ein Kapitalverbrechen, wenn ich mich für den Job als GC-Trainer bewerbe, aber mein Ziel war es stets, Fussballprofi zu werden. Nicht Blogger, nicht Live-Tickerer, nicht Marketingverantwortlicher beim ZWÖLF und auch nicht Barkeeper. Aber wenigstens könnte man mir bei einer allfälligen Kündigung des Vertrags nicht vorwerfen, ich hätte gesagt, es wäre eine Herzensangelegenheit oder immer schon ein Kindheitstraum gewesen, bei GC unter Vertrag zu stehen.

Offener Brief an Christian Constantin

Simon Zimmerli am Freitag den 31. Mai 2013
Le president du FC Sion Christian Constantin lors de la rencontre de football de Super League entre le FC Sion et le FC Luzern, ce samedi 6 april 2013 au stade de Tourbillon a Sion. (KEYSTONE/Olivier Maire)

Christian Constantin in Sion, 4. April 2013. (Keystone/Olivier Maire)

Lieber Christian Constantin

Wie Blogkollege Kühn zum Saisonauftakt wende ich mich mit einem offenen Brief an Sie. Aber nicht mit dem Wunsch, mit Ihnen in einem Ihrer unzähligen Ferraris durch das Wallis zu brausen, sondern weil mir der FC Sion am Herzen liegt.

Sie sind ein Kämpfer, Herr Constantin. Sie legen sich mit Funktionären der Super League an und schrecken auch vor übermächtigen Gegnern wie der Uefa oder der Fifa nicht zurück. Das bringt Ihnen bei so manchen Sympathien ein. Sie lieben Ihren FC Sion, das merke ich, und Sie tun alles für diesen Club. Wie gewohnt mit Ihrem patriarchalischen Führungsstil. In jüngster Vergangenheit aber zusätzlich mit der Brechstange, mit der Sie auch Kollateralschäden in Kauf nehmen. Nach all den Querelen der letzten Wochen haben Sie sich demzufolge nochmals Gegner aus der schwersten Gewichtsklasse geschaffen: die eigenen Spieler und die eigenen Fans.

Les supporters montrent une banderole avec "Constantin Demission", lors de la rencontre de football de Super League entre le FC Sion et le FC Thun, ce samedi 25 mai 2013 au stade de Tourbillon a Sion. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Sion-Fans verlangen den Rücktritt von Christian Constantin, 25. Mai 2013. (Keystone/Jean-Christophe Bott)

Xavier Margairaz habe ich während all den Jahren, in denen er für den FCZ auflief, als ruhigen, besonnenen und intelligenten Menschen kennengelernt. Dass er aber auch über Sprinterqualitäten verfügt, das ist mir erstmals nach seinem Teileinsatz bei der desolaten 0:4 Heimpleite gegen GC aufgefallen, als er zu Ihnen auf die Tribüne kletterte. Es war dasselbe Spiel, in welchem die Freaks, eine der aktivsten Fangruppierungen im berüchtigten Gradin Nord, ihren Boykott lancierten und seither den Spielen fernbleiben. Die Fangruppierung aus dem Oberwallis bedauert dies zwar, sieht aber keine andere Möglichkeit mehr, um auf die Missstände in Ihrem Verein aufmerksam zu machen und unterstützt die Mannschaft seither anderweitig, wie beispielsweise mit liebevoll aufbereiteten Videobotschaften oder mit Spruchbändern, die sie in der Mannschaftskabine aufhängt.

Mich ärgern aber weniger die jüngsten Vorkommnisse, im Gegenteil; diese haben den Stein des Widerstandes endlich ins Rollen gebracht. Auch nicht die juristischen Schlupflöcher, in die Sie gerne kriechen, obwohl Sie durch diese die Mannschaft und eine ganze Region um viele tolle Europa-League-Spiele gebracht haben. Mich nervt vor allem Ihre – für mich schlicht nicht nachvollziehbare – Ungeduld. Trainer Lucien Favre stand beim FCZ in seiner ersten Saison auch kurz vor der Entlassung, holte zwei Jahre später den Cup und krönte seine beiden letzten Saisons in den darauffolgenden Jahren mit zwei Meistertiteln. Mit Ihren ständigen Trainerwechseln kann doch gar nie etwas Nachhaltiges entstehen. Sechs mal haben Sie in dieser Saison den Trainer ausgewechselt. Der FC Sion müsste mit Ihnen und Ihren finanziellen Mitteln, dem qualitativen und quantitativen Spielermaterial und den begeisterungsfähigen Fans im Rücken in jeder Saison ganz vorne mitspielen. Aber Sie schaffen es immer wieder, Unruhe in die Mannschaft zu bringen und das Team so zu destabilisieren.

Der Höhepunkt bildet für mich nun aber die von den Freaks eingereichte Petition, die sich zwar nicht gegen Sie persönlich, aber gegen den Führungsstil in Ihrem Verein richtet. Und da ich mir nicht vorstellen kann, dass es weitere Entscheidungsträger gibt, dürfen Sie dies ohne Bedenken persönlich nehmen. Bereits über 700 Personen haben die Petition unterschrieben und wünschen sich Kontinuität, Stabilität, Respekt, Geduld und Bodenständigkeit.

Mit der Verpflichtung von Pa Modou sind Sie ja bereits wieder auf dem Transfermarkt tätig geworden. Das freut mich, denn ich möchte Sie auch nächste Saison als Sion-Präsident inmitten leichtbekleideter Schönheiten wieder auf der Bühne rocken sehen. Ich muss auf den Super-League-Plätzen auch keine Weltstars wie Gattuso oder Del Piero sehen, obwohl es schön wäre, aber das Tourbillon soll wieder eine Festung werden, die nur der FCZ knacken kann. Nehmen Sie sich Zeit, eine schlagkräftige Mannschaft für nächste Saison zu formen, schenken Sie dem Trainer Vertrauen und nehmen Sie die Anliegen der Fans ernst. Und vor allem, haben Sie Geduld.

Ich wünsche Ihnen, trotz Ihres Gegners am Samstag, einen versöhnlichen Saisonabschluss – und vielleicht klappt es ja entgegen aller Erwartungen doch noch mit dem 5. Platz. Fans und Mannschaft wäre es zu gönnen.

Herzliche Grüsse

Simon Zimmerli

Das Kollektiv-Prinzip

Simon Zimmerli am Freitag den 24. Mai 2013
Fans der Schweizer Eishockeynationalmannschaft erwarten die Mannschaft am Flughafen in Zürich. (Keystone)

Die Weltmeisterschaft im Eishockey wird von der NHL verfälscht: Fans der Eishockeynati erwarten die Mannschaft am Flughafen in Zürich, 20. Mai 2013. (Keystone/Patrick Krämer)

Das Wort Modefan gehört für mich eigentlich als Unwort des Jahres 2013 nominiert. Verpasse ich mal zwei  FCZ-Heimspiele in Folge, gelte ich als Modefan, äussere ich mich positiv über die gelungene Basler Europa-League-Kampagne bin ich ein Modefan und selbst wenn ich Armin Alesevic, 19-jähriger FCZ-Jungspund, bei seinem Super League-Debut nicht auf Anhieb identifizieren kann, sehe ich mich schon wieder mit Modefan-Vorwürfen konfrontiert. Allerdings gibt es noch eine tiefere Fankaste: der Trittbrettfahrer. Die Spezies, welche in den letzten Wochen – anlässlich der Eishockey-WM – aus ihrer Höhle kroch, um mit Schweizer Fähnchen und Kantonslampions einen würdigen Rahmen für einen Public-Viewing-Abend inklusive Grillplausch mit anderen akquirierten Trittbrettfahrern zu schaffen.

Aber war dieser Erfolg denn wirklich eine derartige Sensation, um die Tageszeitungen auch heute noch mit Homestorys über unsere WM-Helden zu füllen? Ich will die Leistung der Schweizer an dieser Weltmeisterschaft nicht klein reden, suche aber nach dem Grund, warum die Schweiz jetzt plötzlich eine beinahe unschlagbare Hockeymacht sein soll.

Der Schweizer Auftritt an der Eishockey-WM war beachtlich. Ich wartete stets darauf, dass die Eisgenossen, nachdem sie den drei grossen Eishockeynationen Schweden, Kanada und Tschechien mehr als nur ein Bein stellten, gegen einen Kleinen verlieren. Aber weder in der Vorrunde noch im Viertelfinal, geschweige denn im Halbfinal, wo sie die hochkarätigen Amerikaner in beeindruckender Manier aus dem Turnier warfen, waren Schwächen zu erkennen.

Mich erstaunt dies allerdings nicht, da die vermeintlich stärkeren Mannschaften wie die USA, Russland, Kanada, Tschechien, Finnland und Schweden sich stets anhand der NHL-Playoffs orientieren müssen, wie sie ihr Team zusammen basteln. Dies kann dann andererseits aber auch zu einem Vorteil werden, wenn man kurzfristig die Sedin-Zwillinge und Edler nachnominiert und so beinahe einen ganzen Vancouver-Canucks-Block aus dem Hut zaubert. Die Weltmeisterschaft verkommt zur Farce und ist abhängig von den Playoff-Teilnehmern der nordamerikanischen Profiliga NHL. Und ohnehin muss es ja wohl der Anspruch der Eisgenossen sein, an der Weltmeisterschaft in die Halbfinals vorzurücken, schmückt man sich doch hierzulande mit dem Titel der stärksten Liga ausserhalb Nordamerikas.

Die Schweizer Fussballmannschaft hat ein ähnliches Problem wie die grossen Eishockey-Nationen an Weltmeisterschaften. Sie hat derzeit lediglich vier oder fünf Stammspieler. Die Mannschaft hat keinen eigentlichen Kern und somit kein gesundes Kollektiv. International erfahrene Spieler wie Senderos, Barnetta oder Derdiyok sitzen in ihren Clubs vornehmlich auf der Bank und spielen auch in der Nationalmannschaft keine grosse Rolle mehr. Andere wie Schwegler, Ziegler oder Dzemaili spielen in ihren Clubs gross auf, kommen aber im Nationalteam kaum zum Zug.

Die beste Nationalmannschaft hatten wir unter Roy Hodgson, als sich die Schweiz 1994 erstmals nach 28 Jahren für ein grosses Turnier qualifizieren konnte. Mit Pascolo, Quentin, Herr, Geiger, Hottiger, Ohrel, Sutter, Sforza, Bregy, Knup und Chapuisat. Und vor allem mit Ergänzungsspielern, die sich in den Dienst der Mannschaft stellten. Das Kollektiv war auch das Erfolgsrezept von Jakob Kuhn, der die Mannschaft über lange Zeit zusammenhielt und keine grossen Änderungen in der Aufstellung vornahm. Hitzfeld ist gut beraten, wenn er auf Kontinuität und Vertrauen setzt, wie dies seine Vorgänger sehr erfolgreich getan haben. Er muss jetzt eine Stammelf formen, die er auch in Brasilien auf den Platz schicken würde.

Es würde Sinn machen die Eishockey Weltmeisterschaft ebenfalls nur alle vier Jahre und unter fairen Bedingungen durchzuführen. Sollte die Schweiz dann ebenfalls im Final spielen, würde ich vielleicht auch auf das Trittbrett aufspringen und mich mitfreuen.

Alex Frei und das Rayonverbot an Carlos Bernegger

Simon Zimmerli am Freitag den 17. Mai 2013
«Bis im Herbst geht er nicht mehr vor die Fans»: Alex Freis Rayonverbot an Carlos Bernegger. (Keystone/Sigi Tischler)

«Bis im Herbst geht er nicht mehr vor die Fans»: Alex Freis Jubelverbot an Carlos Bernegger. (Keystone/Sigi Tischler)

Eine Steilpassvorlage, für einmal im feinen Anzug gespielt, liefert uns Alexander Frei bereits nach kurzer Zeit in seinem neuen Amt als Sportchef. Frei scheint das Rampenlicht bereits zu vermissen. Anders ist seine erste Amtshandlung in Form eines Jubelverbots an die Adresse seines Erfolgstrainers nicht zu erklären. Was ist passiert?

Luzern, mittlerweile seit sechs Runden ungeschlagen, besiegt am vorletzten Mittwoch St. Gallen mit 2:0, was die dankbaren Luzerner Fans mit Sprechchören an die Adresse von Cheftrainer Carlos Bernegger, dem Baumeister des kurzzeitigen Erfolgs, honorieren. Grosszügig und loyal, wie wir Alex Frei kennen, schiebt dieser Bernegger mit den Worten «Geniesse den Moment, lass dich feiern aber nur dieses eine Mal» in Richtung Fankurve an. Drei Tage später gewinnt der FC Luzern auch gegen die Berner Young Boys auf  beeindruckende Art und Weise, und nachdem Bernegger auf dem Rasen ein Interview gibt, lässt sich der heissblütige Argentinier – weil er seine Emotionen nicht unter Kontrolle hatte, wie er später zu Protokoll gab – nochmals hinreissen, sich vor der Kurve kurz feiern zu lassen. Alex Frei, der 33-jährige Partyschreck, war sichtlich verärgert über die Befehlsverweigerung seines Untergebenen und auferlegte dem elf Jahre älteren Bernegger noch an der Medienkonferenz ein Jubelverbot bis Herbst 2013. Vielleicht sehen wir den Luzerner Platzwart ja demnächst beim Aufpinseln einer Anti-Coaching-Zone vor der Luzerner Fankurve.

Der neue Trainer des FC Luzern, Carlos Bernegger, feiert den Sieg gegen St.Gallen. (Keystone/Urs Flüeler)

Der neue Trainer des FC Luzern, Carlos Bernegger, feiert den Sieg gegen St.Gallen. (Keystone/Urs Flüeler)

Es darf spekuliert werden, denn eine einigermassen plausible Erklärung gibt es für eine solche Massnahme nicht. Hat sich Bernegger vielleicht mit falschen Federn geschmückt, da Frei diesen kurzfristigen Erfolg für sich beansprucht? Ist es eine Machtdemonstration des neuen Kadermitarbeiters, Profilierungssucht oder einfach Selbstinszenierung? Ich habe mich ohnehin gefragt, was denn genau einen Frei als Sportchef qualifiziert, mal abgesehen von seinen Kontakten. Sein ungesunder Ehrgeiz, der Egoismus und die Kaltblütigkeit vor dem Tor waren tolle Eigenschaften für einen Goalgetter; aber ob sie im Leistungsausweis für den Posten eines Sportdirektors ebenfalls gefragt sind, ist fraglich.

Der FC Luzern bräuchte nach all den Querelen um Herrmann, Yakin, Alpstaeg und Komornicki vor allem Ruhe und keine Selbstdarsteller. Dieser plötzliche Schritt vom Rasen in die Direktionsabteilung ist bestimmt nicht einfach. Aber Frei sollte bewusst werden, dass er nicht mehr auf der grossen Bühne sondern auf den Nebenplätzen spielt, im Hintergrund. Den Miesepeter an der Öffentlichkeit kann er dann wieder raushängen, wenn es Gründe dafür gibt. In erster Linie sollte er sich jetzt darum kümmern, eine schlagkräftige Mannschaft für die nächste Saison zu formen und in einer freien Minute – von mir aus auch alleine in seinem Büro – soll er sich doch wie Kollege Bernegger freuen, die neue Saison nicht in der Challenge League planen zu müssen, denn ohne die gewonnenen Punkte unter Bernegger wäre der FC Luzern jetzt Letzter.

Vielleicht sind sie sich beim FC Luzern ja auch noch nicht ganz sicher mit Frei. Anstelle eines Fotos von ihm prangt im Organigramm auf der Website jedenfalls ein FCL-Logo. Es ist aber auch gut möglich, dass Frei ohnehin bald vom FC Sion abgeworben wird. Er könnte dann Sportdirektor und Sturmspitze spielen, während Christian Constantin den Präsidenten, den Torhüter, die Verteidigung und das Mittelfeld bildet. Und falls Michel Decastel bis zu diesem Zeitpunkt wider Erwarten nicht mehr als Cheftrainer beim FC Sion agiert, dann hat einst Rolf Fringer Interesse bekundet für diesen Job. Allerdings bloss für ein verlängertes Wochenende.

Der kleine Prinz kehrt zurück!

Simon Zimmerli am Freitag den 3. Mai 2013
Leider nicht zum FC Zürich sondern zum FC St. Gallen: Alhassane Keita. (AFP/Jaime Reina)

Leider nicht für den FC Zürich sondern FC St. Gallen: Alhassane Keita spielt wieder in der Schweiz. (AFP/Jaime Reina)

Eine Liebeserklärung an den Mann aus Guinea, der immer wieder seinen Spind räumte, um seinen Wechsel zu einem grossen europäischen Klub zu vermelden, sein Lieblingsessen auf der FCZ Homepage schlicht mit Reis angab und seine Lebensfreude zu zelebrieren vermochte.

Alhassane Keita wurde am 26. Juni 1983 in der Hauptstadt Guineas, in Conakry, geboren und lief in der Jugend für den lokalen Club Horoya AC auf, bis er mit 17 Jahren seinen ersten Profivertrag für den marokkanischen Verein Olympique Club de Khouribga unterschrieb und ein Jahr später vom FC Zürich verpflichtet wurde. Der 1,69 kleine und pfeilschnelle Rechtsfuss sorgte im Letzigrund für Begeisterung und liess uns mit seinen Toren in diesen eher trostlosen FCZ-Jahren mit dem UI-Cup, dem Strohhalm-Cup, wenigstens ein bisschen europäische Luft schnuppern. Keita hatten wir es grösstenteils zu verdanken, dass auch mal Gegner wie Aston Villa nach Zürich kamen, und er ermöglichte uns auch mal eine schöne Auswärtsreise nach Birmingham.

Alhassane Keita war kein kompletter Stürmer wie es ein Giovane Elber oder ein Richard Nuñez war. Dafür fehlten ihm das spielerische Verständnis, die Übersicht sowie auch die technischen Fähigkeiten. Keita zeichnete sich insbesondere durch seine Schnelligkeit, sein Selbstvertrauen und seine Sorglosigkeit aus. Diese explosive Mischung gipfelte dann aber auch oft in grotesken Spielsituationen; den Ball weit weg vom Fuss, hastete er – nur das Tor vor Augen – über das halbe Spielfeld und schleuderte den Ball fünf Meter vor dem Tor aus unvorteilhaftem Winkel weit über das Tribünendach hinaus, obwohl Ursal Yasar unbewacht und einschussbereit gleich daneben gestanden hätte. Aber auch nach unzähligen solcher Situationen konnte man ihm das nicht verübeln und quittierte auch den 50. identischen Versuch mit ungläubigem Staunen und einem grossen Schluck Bier. Und genau das zeichnete unsere Liebe zu diesem stets gut gelaunten Spieler aus. Seine Bilanz mit 58 Toren in 131 Ligaspielen war dennoch eindrücklich, obwohl durchaus 100 Tore möglich gewesen wären. Keita wurde mit dem FCZ 2005 Cupsieger und krönte seine letzte Saison 05/06 mit dem Meistertitel und als Torschützenkönig der Super League.

Alhassane Keita wollte uns dann nach dem Meistertitel um jeden Preis verlassen und unterschrieb, nachdem der Transfer zu Beitar Jerusalem aufgrund politischer Unruhen scheiterte, trotzdem nochmals bis 2009 für den FCZ. Danach, zum Auftakt der Saison 06/07, fiel er aber nur noch durch Abwanderungsgelüste und Scheinverletzungen auf, warf dem damaligen Sportchef Fredy Bickel Unehrlichkeit vor und griff selbst Ziehvater Sven Hotz öffentlich an, mit dem er nach dem Cupsieg 2005 noch einen unvergesslichen Walzer aufs Festzeltparkett gelegt hatte. Keita fühlte sich verraten und provozierte seinen Abgang erfolgreich. Verraten weil er über all die Jahre 100% gegeben hatte und der FC Zürich ihn partout nicht freigeben wollte. Er verabschiedete sich dann ein allerletztes Mal von seinen Kollegen und streifte sich fortan das Trikot des saudi-arabischen Vereins Al-Ittihad über. Auch das war Keita, ein stolzer Mann.

Nach zwei ansprechenden Saisons bei Al-Ittihad geriet seine Karriere ins Stocken und die darauffolgenden drei Jahre in Spanien waren von Erfolgslosigkeit geprägt. Danach tingelte er während zweier Jahren wieder in drei verschiedenen Klubs durch den Nahen Osten, wo er aber ebenfalls nicht glücklich werden sollte. Nun ist Keita 29 Jahre alt und bald zurück auf den Schweizer Fussballplätzen. Er wird die Super League bereichern. Die Südkurve geht sparsam damit um, einzelne Spieler mit einem eigenen Lied zu feiern. Fredi Chassot hatte das Glück, Hannu Tihinen und Alhassane Keita ebenfalls. Lasst uns Alhassane Keita zur Melodie von «Vamos a la playa» herzlich willkommen heissen. Er hat es verdient. Wir würden sonst wohl immer noch auf den ersten Meistertitel nach mittlerweile über 30 Jahren warten.

Bitte diese Fussballregeln überdenken!

Simon Zimmerli am Freitag den 26. April 2013
Jubel oder Ärgernis: Callum McManaman von Wigan Athletic vergisst im Torjubel die Regeln. (AFP/Paul Ellis)

Jubel oder Ärgernis: Callum McManaman von Wigan Athletic vergisst im Torjubel das Reglement. (AFP/Paul Ellis)

Blogkollege Rieder forderte vor zwei Wochen die Abschaffung der Abseitsregel. Und ja, auch in den Halbfinals der Champions League gab es schon wieder ein Offsidetor. Dem gegenüber standen allerdings auch zwei, vielleicht sogar drei nicht gepfiffene Handselfmeter. Die Abschaffung der Offsideregel darf kein Thema sein, da es für mich die Bankrotterklärung des Fussballs bedeuten würde.

Was ist mit den Traumpässen in die Tiefe, die eine gesamte Abwehrkette aushebeln können? Würde ohne Abseitsregel demzufolge nicht mit einem 5-1-4 oder auch mal mit einem 4-0-6 Spielsystem operiert werden? Zurück zu Kick and Rush? Wo bleiben die Emotionen und Diskussionen nach fragwürdigen Entscheidungen? Läuft dann Usain Bolt tatsächlich für Manchester United auf und lauert in gebückter Haltung an der Seitenlinie auf den Steilpass? Stürmt dann wenigstens wieder mal ein Libero in den gegnerischen Strafraum, während der Vorstopper hinten absichert?

Fehlentscheidungen sind ärgerlich, insbesondere wenn sie den Spielausgang massgeblich beeinflussen, gehören aber zum Fussball wie das Amen in der Kirche.
Doch diese Fussballärgernisse aus dem Reglement sollten überdenkt werden:

  • Schwalbe: Eine Schwalbe ist nicht bloss eine grobe Unsportlichkeit, sondern versuchter Betrug und gehört mit einer roten Karte und vielen Spielsperren bestraft.
  • Penalty und rote Karte: Doppelbestrafung für Vergehen im Strafraum, wenn der Spieler an einer klaren Torchance gehindert wird, sollte nach dem Härtegrad bestraft werden. Eine gelbe Karte würde in den meisten Fällen reichen.
  • Auswärtstorregel: Ein 4:2 für das Heimteam ist schlechter als ein 2:0. Somit wird das Hinspiel vor dem ersten Tor oft von einer Defensivtaktik des Gastgebers geprägt sein, was zwar nun die Bayern sowie die Dortmunder – nur aufgrund ihrer klaren Überlegenheit – widerlegt haben. Aber Fakt ist, dass es wichtiger ist kein Tor zu erhalten, als eines zu schiessen. Die Auswärtstorregel macht einfach keinen Sinn. Bitte abschaffen!
  • Sperren ohne Ball: Für mich etwas vom Unbegreiflichsten was das Fussballreglement zu bieten hat. Wir müssen zuschauen wie Ball und Gegner bewusst abgeschirmt werden und das Leder ins Aus kullert. Diese Regel gehört abgeschafft oder sollte mit einem indirekten Freistoss bestraft werden.
  • Die 6-Sekunden-Regel: Es gibt sie noch, gepfiffen wird sie allerdings nicht! Ich kann mir im Stadion jeweils eine ganze Zigarette drehen, während der Torhüter damit beschäftigt ist, den Ball wieder ins Spiel zu bringen. Liebe Schiedsrichter, bitte auch mal pfeifen oder zurück zur Vier-Schritte-Regel.  Damit wäre es auch einfacher mitzuzählen.
  • Übertriebener Torjubel: Man dürfte eigentlich davon ausgehen, dass alle Spieler wissen, dass Trikots  ausziehen oder nur schon über den Kopf ziehen mit einer gelben Karte bestraft wird, ob dies nun Sinn macht oder nicht. Für mich immer wieder unverständlich, dass es gewissen Fussballern immer noch nicht gelingt, ihre Freude anders zum Ausdruck zu bringen. Für so viel Dummheit dürfte man auch mal die rote Karte erhalten.
  • Champions-League-Modus: Da spielt man bis in die Halbfinals Hin- und Rückspiel, kürt aber den Sieger in lediglich einem Finalspiel. Was dabei rauskommen kann, haben wir letztes Jahr in München gesehen. Warum nicht auch den Final in zwei Spielen austragen?

Rot-blaues Outing

Simon Zimmerli am Freitag den 19. April 2013
FCB-Spieler Aleksandar Dragovic erzielt einen Treffer gegen Tottenham, 11. April 2013. (keystone/Georgios Kefalas)

Dieser FC-Basel macht auch Zürcher zu Sportpatrioten: FCB-Spieler Aleksandar Dragovic erzielt einen Treffer gegen Tottenham, 11. April 2013. (Keystone/Georgios Kefalas)

Wieder nicht gereicht! Derbykater – schon das vierte Mal in dieser Saison, die für mich ohne Trost und ohne Cupfinal zu Ende gehen wird. Der FCZ kann gegen GC offenbar nicht mehr gewinnen. Ich bin verwirrt, denn mir bleibt für den weiteren Verlauf der Saison nichts anderes übrig, als dem FC Basel die Daumen zu drücken. Als FCZ-Fan! Dem FC Basel! Dem Club von Marco Streller! Und das Schlimmste daran: Ich tue es nicht nur, weil ich der Schmach entgehen will, den Grasshoppers bei einer Titelfeier zusehen zu müssen, sondern weil ich allen Ernstes gewisse Sympathien für den FCB entwickelt habe. Ich wünsche ihm nach dem Cup-Out des FCZ sogar das Triple.

Bis vor kurzem war ich bei internationalen Auftritten des FC Basel jeweils neutral und entschied mich während des Spiels, wem ich zum Zeitvertreib ein wenig die Daumen drücken könnte. Fixer Champions-League-Platz hin, Uefa-Ranking her. In der Super League hielt ich zu den Gegnern des FCB, sogar wenn er auf GC traf. Doch das war vor der Zeit des Pharaonenpfeils Mohamed Salah, dessen Form ich Yassine Chikhaoui wünschen würde. Und vor allem vor Tottenham. Ich war zwar neidisch, aber auch stolz auf Basel, als ich zusah, wie Murat Yakins Mannschaft den Spitzenclub aus der Premier League niederrang. Neidisch, weil mein FCZ seit dem Abgang von Trainer Lucien Favre im Sommer 2007 vergeblich auf einen Strategen vom Kaliber Yakins wartet, stolz, weil die Schweiz nun nicht mehr nur bei den Junioren internationalen Stellenwert besitzt. Jetzt bin ich also FCB-Sympathisant und auch noch Sportpatriot.

Immerhin bin ich nicht allein. Auch von anderen Zürchern weiss ich, dass sie den lustigen Österreicher Aleksandar Dragovic mögen, Marco Streller wohlwollend betrachten und Bernhard Heusler für eine erstklassige Führungsfigur halten. Selbst dass der FCB den attraktivsten Fussball im Land spielt, ist Common Sense – ganz anders als zu den Zeiten von Christian Gross’ Stratosphären-Pingpong mit Wucht und hohen Bällen.

Auch Alex Frei, der letzte Grund, den FC Basel mit gemischten Gefühlen zu betrachten, ist nun weg. An diesem zweifelsohne grossen Fussballer haftet zu viel Negatives, als dass ich ihn im selben Atemzug wie Stéphane Chapuisat nennen würde. Sein für mich ungesunder Ehrgeiz und seine Verbissenheit haben aus Frei einen grossartigen Goalgetter gemacht, aber auch einen Mann, der polarisiert. Er hätte die Möglichkeit gehabt, seine Karriere mit dem Triple zu krönen, aber in der Rolle als Ergänzungsspieler schien ihm das nicht angemessen. Sein Abgang mitten in der entscheidenden Phase ist Sinnbild für seine Karriere mit Höhen und Tiefen. Warum er sich so entschieden hat, verstehe ich nicht. Sein letztes Tor mag ich ihm trotzdem gönnen, auch wenn es gegen den FCZ war.

Die Basler Dominanz, auf die sich der Schweizer Fussball einstellen muss, passt mir jedoch bei aller Hochachtung nicht. Und so träume ich davon, dass Lucien Favre irgendwann einmal wieder beim FCZ das Kommando führt und seine Jungs den Gegnern mit gepflegten Ballstafetten Knöpfe in die Beine spielen. Gross sind die Chancen nicht, aber in der «Bild»-Zeitung steht, dass die undankbaren Fans von Borussia Mönchengladbach an unserem zweimaligen Meistermacher herumnörgeln und ihm vorwerfen, er habe statt Ideen nur noch Ausreden. Ihnen sei gesagt: Wir würden Favre jederzeit wieder nehmen. Mit Handkuss. Als Trainer. Oder als Sportchef, wie Alex Frei.