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Der Axpo Super Star

Annette Fetscherin am Dienstag den 26. Juli 2011


Das Thema «Starpotential» wurde letzte Woche im Zusammenhang mit Frank Feltscher schon mal andiskutiert. Es gibt verschiedene Gründe, weshalb ein Fusballer zum Star werden kann. Sei es, weil er sich geschickt verkauft oder einfach ansprechend aussieht. Weil er eine Persönlichkeit hat oder – dies sollte der wichtigste Punkt sein – weil er ausserordentlich gut Fussball spielt. Wer eine oder mehrere dieser Eigenschaften aufweisen kann, hat die Chance, zu einem ganz grossen Namen zu werden.

Wem könnte dies in der Schweizer Super League gelingen? Welcher der aktuellen Spieler hat dies bereits geschafft? Meine Vorschläge für die Top 5:

1. Xherdan Shaqiri
Er bringt fussballerisch alles mit, um die Schweiz so richtig zu begeistern. Noch ein bis zwei gute Länderspiele, und Xherdan wird DAS Gesicht des Schweizer Fussballs sein. Er ist auf und neben dem Platz ein Sonnenschein und scheint auch charakterlich gewappnet, in diese Rolle zu schlüpfen. Wenn er sich weiter auf den Fussball konzentriert und mit dem ganzen Rummel leben lernt, wird er auf der Erfolgsspur bleiben.

2. Hakan Yakin
Vielleicht momentan der einzig wahre Star der Super League. Alles, was Hakan Yakin macht, wird in den Medien rauf und runter diskutiert. Nimmt er ab, nimmt er zu? Wieviele Kinder hat er? Will er heiraten? Sein Privatleben lässt die Schweizer Bevölkerung nicht kalt. Für richtig Spekatakel sorgt er aber als Fussballer. Wenn es Hakan Yakin auch diese Saison wieder gelingt, auf dem Platz zu glänzen, ist sein Starpotential gleich 100 Prozent.

3. Alex Frei
Eigentlich gebührt ihm der Platz zuoberst auf dieser Rangliste. Als Rekordtorschütze der Nationalmannschaft und Torschützenkönig der letzten Super-League-Saison kommt er sportlich gesehen direkt nach Roger Federer. Doch Alex Frei möchte kein Star sein, er möchte nur sich selbst sein und tritt damit dem einen oder anderen unbequem auf die Füsse. Da die harmoniebedürftigen Schweizer dies nur sehr schlecht vertragen, wirkt sich seine Direktheit negativ auf seine Beliebtheit aus.

4. Granit Xhaka
Eines der ganz grossen Talente, die unsere Liga aufmischen. Er ist U-17-Weltmeister und durfte mit dem FC Basel den Meisterpokal stemmen. Dass er ausgerechnet im Wembley-Stadion sein Debüt für die A-Nationalmannschaft gab, sieht nach perfektionierter Karriereplanung aus, ist aber nur Glück. Glück für die Schweiz, denn von Granit können wir noch viel erfreuliches erwarten!

5. Scott Sutter
Für alle Fans meiner Vergleiche: Wenn wir einen David Beckham in der Liga haben, ist es definitiv Scott Sutter (Achtung, äusserlicher Vergleich! Und ja, ich weiss, sie spielen nicht auf der gleichen Position. Und klar, Beckham hat mehr erreicht in seiner Karriere, damit wäre das ausdiskutiert). Der schweizerisch-englische Doppelbürger sieht gut aus, zeigt gerne seinen durchtrainierten, tätowierten Körper und erledigt dazu noch seine Hausaufgaben auf dem Platz. Seit gut einem Jahr ist der YB-Verteidiger ausserdem Schweizer Nationalspieler, ein sympathischer Kerl, den Herr und Frau Schweizer gerne im Nati-Dress sehen!

Nun sind Sie an der Reihe, liebe Leser, welchen Spieler habe ich vergessen? Fallen Ihnen auch Fussballer ein, die auf dem Platz Spitzenleistungen abrufen, aber völlig unter ihrem Wert verkauft werden? Warum könnte dies der Fall sein?

Der Cristiano Ronaldo der Schweiz

Annette Fetscherin am Mittwoch den 20. Juli 2011

GC-Campus in Niederhasli – 16 Grad – die Frisur sitzt, die Bräune stimmt. Drei lehrreiche Jahre im Süden in den Knochen, findet Frank Feltscher erneut den Weg zu den Grasshoppers. Und bringt den Glamourfaktor zurück zum Traditionsverein.

Schnell ist er, kräftig und laufstark und daher immer um Spektakel besorgt. Unvergessen das Tor, das Frank Feltscher für die U-21 im Gruppenspiel gegen Weissrussland erzielte. Aus praktisch unmöglichem Winkel netzte er in der Nachspielzeit ein. Wo Frank Feltscher auftritt, herrscht Show-Alarmstufe Rot. Und dies, obwohl es noch gewaltig hapert mit der Toreffizienz. Sechs Treffer in seinem dritten Jahr bei Bellinzona sind eine Steigerung, aber rechtfertigen noch nicht den Vergleich mit Cristiano Ronaldo.

Zeigt gern, was er kann – und was er hat: Ronaldo.

Zeigt gern, was er kann und hat: Ronaldo.

Dieser aber drängt sich rein äusserlich auf. Braungebrannter Latino mit Bilderbuch-Sixpack und erlesenen Tätowierungen. Körperkunst nennt Frank «Fränk» Feltscher diese. Die Geburtstage sämtlicher Familienmitglieder haben ein Plätzchen auf seiner Haut. Ausserdem ziert der Namen seiner Mutter den Bauch und ein von ihr verfasstes Gedicht seinen Rücken.

Die Feltscher-Familie ist eine eingeschworene Gemeinschaft, auch wenn Rolf und Frank seit der gemeinsamen GC-Zeit rein fussballerisch getrennte Wege gehen. Einfach war der Schritt für Frank daher nicht, sich vor drei Jahren abzunabeln und sein Glück in der Serie A bei US Lecce zu versuchen. Aber, auch wenn er noch nicht mal Stammspieler in der Super League war, er wollte weg. Ein Wagnis, das gründlich in die Hosen ging. Wer Null Einsatzzeit zugesprochen erhält, bekommt auf brutale Art und Weise vor Augen geführt, dass er da wo er ist, nicht gut genug ist. Die Einsicht war das eine, der Schritt zurück das andere. Nochmals ganz bei Null anzufangen, war ein Stich ins Herz des stolzen Latinos. Aber: Fast drei Jahre in der Sonnenstube der Schweiz haben Frank nicht nur noch brauner, sondern auch reifer gemacht. Jetzt also soll es für ihn an der Zeit sein, in einem nächsten Schritt auch die Deutschschweiz für sich zu gewinnen.

Fussballer mit Starpotential gibt es einige. Schlau ist, wer aus den optischen Vorteilen einen Nutzen ziehen kann. Noch ist Frank Feltscher eine zu kleine Nummer, um als Sportler die ganz grossen Werbeverträge an Land zu ziehen. Aber der Mittelfeldspieler ist sehr lernwillig und in Sachen Manieren könnte ihm auch der portugiesische Superstar wohl noch einiges abgucken. Während Ronaldo – so liest man – seine Mitmenschen mit «You, me, fuck» für sich zu gewinnen versucht, hinterlässt Feltscher bei Männlein und Weiblein einen hochanständigen und freundlichen Eindruck. Der 23-jährige ist gern auch mal für einen Blödsinn zu haben, in seinen Grundsätzen aber sehr professionell.

Daher war es nicht nur sportlich gesehen ein schlauer Schachzug von GC, sich den Ex-Hopper nach dem Abstieg der AC Bellinzona zurückholen. Gelingt es Frank Feltscher, bei seinem zweiten Versuch bei den Grasshoppers, einen entscheidenden Schritt vorwärts zu machen, hat er die Chance, sich ganz dick in die Herzen der Schweizer zu spielen. Dann könnten seine Trikots zum Kassenschlager werden. Denn, Starpotential hat der Mann, in dem Indianerblut fliesst, definitiv.

Sehen Sie dies ähnlich, liebe Leser, oder welcher Spieler hat Ihrer Meinung nach das Potential, zum nächsten Schweizer Fussballstar zu werden? Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die man dazu benötigt, neben der spielerischen Fähigkeit?

News aus dem gähnenden Sommerloch

Annette Fetscherin am Montag den 11. Juli 2011
Maradona; Kadyrow

War vermutlich der Grund, weshalb Maradona von der Presse im Sommer plötzlich mit Xamax in Verbindung gebracht wurde: Maradona scherzt mit dem tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow bei der Einweihung eines Fussballstadions in Grosny, Mai 2011.

Der Countdown läuft: Die Tage, bis es endlich wieder losgeht mit Fussball in der Schweiz, sind an einer Hand abzuzählen. Zum Glück, denke ich mir als Fussballfan, nicht nur weil ich mich auf viel Spektakel auf dem Rasen freue, sondern weil mir das Spektakel neben dem Rasen im Sommerloch manchmal doch zu absurd wurde.

Schlagzeilen zu Fussballern zu Zeiten, wo kein Fussball gespielt wird, sind in der Regel geschmacklos, Fussball wird zur Ausrede für Glanz- und Gloria-Themen. Die Verwandlung von Sportlern zu (Servelat-)Promis mangels echter News ist aber völlig überflüssig. Möchte ich in den Sommerferien lesen, dass Ludovic Magnin für Sex bezahlen würde? Ein Aha-Erlebnis habe ich deswegen nicht. Die Aussage – wohl in einem Nebensatz erwähnt – wird plötzlich zum gross gedruckten Titel und schon denkt man: «Der Magnin, der geht ins Puff.» Das hätte ja alles in der Belanglosigkeit des Sommerlochs verschwinden können, doch dann lese ich auch noch in der «Bild»-Zeitung, dass der Ex-Stuttgart-Profi für die Liebe berappen würde. Spätestens dann ist es Zeit, die fetten Buchstaben wegzulegen. Auch in Deutschland herrscht offensichtlich ein grosses, gähnendes Sommerloch.

Immer wieder unterhaltsam und auch mal für einen Schmunzler gut waren die Schlagzeilen, die uns aus Neuenburg erreicht haben. Ja, auch ich hätte gerne das Spektakel Diego Maradona an der Seitenlinie gesehen. Aber irgendwann wurde das Getue rund um Xamax nervtötend, weil doch (fast) alles nur heisse Luft war.

Alex Frei hat geheiratet, das freut mich natürlich für ihn und seine Frau. Aber dass er die Hochzeit mit Hilfe von Security-Leuten im kleinen Kreis halten wollte, hatte wohl seinen triftigen Grund. Bestimmt nicht, um am nächsten Tag ohne Zustimmung geschossene Bilder in Paparazzi-Unschärfe in der Zeitung zu sehen.

Ähnlich verhält es sich mit den Bildern des qualmenden Hakan Yakin. Scheinheilig, wer sich darüber empört. Haben Fussballer tatsächlich kein Recht, mal etwas Ungesundes oder Unvernünftiges zu tun? Ach ja, Vorbildfunktion heisst das Zauberwort. Wenn ich mich recht entsinne, hat Hakan in einem Casino geraucht. Da waren wohl eher wenige Kinder anwesend, die ihn sofort imitiert und sich eine Zigi angezündet hätten?! Er selbst war es ja kaum, der die Bilder in die Zeitung gebracht hat, wo sie dann tatsächlich tausende von Menschen (ja, auch Kinder) anschauen. Vielleicht sollten sich auch die Schreiberlinge ab und zu die Frage nach Vorbildfunktion und Vernunft stellen.

Natürlich, auch diese Dinge unterhalten das Fussballvolk und einige Blätter setzen mehr auf die Karte Boulevard als andere. Die Mischung macht es vermutlich aus in der Medienlandschaft. Und trotzdem ist man nach einer langen Sommerpause umso heisser auf Schlagzeilen vom grünen Rasen. – Wie geht es Ihnen, liebe Leser, auf welche fetten Schlagzeilen freuen Sie sich in der neuen Saison?

Kriegt Ben Khalifa noch rechtzeitig die Kurve?

Annette Fetscherin am Mittwoch den 6. Juli 2011

Er war Weltmeister, wurde als Riesentalent herumgereicht, mit 18 Jahren in der A-Nationalmannschaft und auf dem Sprung zur ganz grossen Karriere. Jetzt ist Nassim Ben Khalifa im Fussball-Ausland gescheitert und das so schmerzhaft, wie es kaum einem Schweizer je passiert ist.

«Ich gehe mit gemischten Gefühlen nach Nigeria», sagte der damals 17-jährige kurz vor der U-17-WM. Man merkte: Lieber würde er in der Schweiz bleiben. Er hatte Angst. Nicht etwa Angst vor dem ganzen Rummel, der kurz später über den Jungstar hereinbrechen und alles in seinem Leben verändern sollte. Nein, dieser Junge hatte schlicht und einfach Angst, seinen frisch erarbeiteten Stammplatz bei GC zu verlieren. Dass er als Weltmeister zurückkommen sollte, ahnte damals noch niemand.

Nur wenige Monate später aber war der Stammplatz bei GC plötzlich nichts mehr wert. Beängstigend, wie schnell sich die Perspektive verändert mit dem Erfolg. Nassim Ben Khalifa ist unbestritten ein intelligenter Bursche. Aber wie soll man da einen klaren Gedanken fassen, wenn die eigene Welt vom einen Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt wird? Ihm ist es nicht gelungen und von seinem Umfeld wurde er denkbar schlecht beraten.

Ausgerechnet Wolfsburg sollte es sein, da drückte der Stolz der Familie durch. Es ging um Ehre, Prestige und – um Geld. Aber im VW-Land sollte Nassim nie eine Chance kriegen. Der Meistertitel hatte den VfL Wolfsburg und seine Sponsoren Blut lecken lassen. Nur der Erfolg zählte und dafür holte man grosse Namen. Nassim Ben Khalifa war zu klein, um da eine Rolle zu spielen.

Vom Regen in die Traufe kam er in Nürnberg, nur neun Minuten stand er insgesamt auf dem Platz. Nachdem sich der Club aus den Abstiegsregionen befreit hatte, war das Interesse an der Förderung eines Jungen, der nur ausgeliehen ist, gelinde gesagt, mässig.

Jetzt aber ist er zurück, Nassim Ben Khalifa, geläutert und demütig. Gibt zu, dass er einen Fehler gemacht habe, dass der Sprung zu gross gewesen sei. Er müsste nicht demütig sein – aber vielleicht sein Umfeld. Doch ich stelle die Frage an Sie, liebe Leser: Könnte es sein, dass der Schweiz-Tunesier mit YB einen weiteren Fehler begeht?

Bei den Young Boys ist er Stürmer Nummer vier. Bienvenu, Mayuka und Marco Schneuwly haben nicht auf ihn gewartet und werden ihre Plätze bis auf die Zähne bewaffnet verteidigen. Schneuwly wollte den Club verlassen, bis Christian Gross ihn zum bleiben überredet hat. Wenn das nicht ein stilles Versprechen ist!

Doch auch um Nassim Ben Khalifa hat sich der neue YB-Trainer sehr bemüht und daher mag es sein, dass unsere Nati-Hoffnung den Kampf gewinnt. Was aber, wenn das Jahr voller Rückschläge seine Spuren hinterlassen hat? Das Selbstvertrauen dürfte angeknackst sein. Was, wenn er in den ersten Spielen nicht das zeigt, was er zweifellos kann? Allzu lange wird man in YB-Bern nicht zuschauen. Und der Powerfussball à la Christian Gross wird dem feinen, schlauen Spieler mit technischen Qualitäten nicht unbedingt in die Füsse spielen.

Es ist zu hoffen, dass die obigen Bedenken unbegründet sind und Nassim Ben Khalifa in Bern sein ganzes Talent entfalten kann. Dann nämlich wird es eine Freude sein, ihn in der Super League und bald wieder in der Nationalmannschaft spielen zu sehen!

Tami zur A-Nati!?

Annette Fetscherin am Mittwoch den 29. Juni 2011


Die Diskussion, ob Hitzfeld die U-21-Helden zu Olympia führen soll, ist müssig. Das ist einzig und allein Pierluigi Tamis Aufgabe. Wollen wir aber den Spiess mal umdrehen: Was wäre, wenn Tami die A-Nationalmannschaft übernehmen würde?

Diese, zugegebenermassen etwas provozierende Forderung, ist die eigentlich logische Schlussforderung nach der U-21-EM. In Dänemark hat Pierluigi Tami auf der ganzen Linie überzeugt. Er lässt seine Jungs frechen, offensiven Fussball spielen und erobert damit die Herzen der Fans – im wahrsten Sinne des Wortes – im Sturm. Plötzlich macht das Mitfiebern mit den rotweissen Fussballsternen wieder richtig Freude.

Der Erfolg von Tami kommt natürlich nicht von ungefähr. Der Tessiner ist ein akribischer Analytiker und menschlich sehr korrekt. Dank seinem Fachwissen kann er immerzu authentisch sein und auch unpopuläre Entscheide ruhig und sachlich begründen. Und ja, es gab unangenehme Gespräche zu führen, auch an der U-21-EM. Moreno Costanzo, der trotz grossen Leistungsausweises praktisch nicht zum Zug kam, ist nur ein Beispiel. Genau da zeigt sich auch eine wichtige Qualität des Trainers: Pierluigi Tami ist es gelungen, die Harmonie in der Mannschaft jederzeit zu wahren, weil sein Draht zu den Spielern hervorragend ist. Jahrelang Juniorenmannschaften zu trainieren, kann der beste Jungbrunnen sein.

Man könnte sich fragen, was schwieriger ist: Gegen Spanien einen historischen Sieg einzufahren, oder gegen Spanien zu verlieren und trotzdem als Sieger der Herzen zurückzukehren?

Doch so einfach ist die Gleichung nicht. Pierluigi Tami konnte mit seiner U-21 nur gewinnen. Keinerlei Druck lastete auf seinen Schultern und für den Underdog ist es immer einfach, frech aufzuspielen. Bei Ottmar Hitzfeld und der A-Nationalmannschaft ist die Situation dagegen um einiges verzwickter. Mit einem hervorragenden Renommee als einer der allerbesten Vereinstrainer überhaupt, ging Hitzfeld mit der Übernahme der Schweizer Nationalmannschaft bewusst ein Risiko ein. Es war klar, dass er hier keine ganz grossen Erfolge feiern würde, keine Pokale stemmen. Im Gegenteil, es gab plötzlich enorm viel zu verlieren für den zweifachen Welt-Trainer. Unter diesem Aspekt herrscht natürlich ein anderes Klima in einer Mannschaft. Die Unbeschwertheit fehlt.

Trotzdem überzeugt Hitzfeld durch Persönlichkeit und Leistung. Daher sollte die Forderung vielleicht anders lauten: Pierluigi Tami zum Nationaltrainer – ja, aber erst nach der Ära Hitzfeld. Wenn die heutigen U-21-Burschen so richtig in der A-Nati einschlagen, wäre es auch Zeit für den grossen Aufstieg des gewissenhaften Mannes an der Seitenlinie. Denn dies ist die Generation von Pierluigi Tami. Mit dieser kann kaum einer so umgehen wie er, mit dieser kann er weiter wachsen. Dass er das Zeug zum grossen Trainer hat, hat der Vize-Europameister-Macher eindrücklich bewiesen.

Das Shaqiri-Dilemma

Annette Fetscherin am Mittwoch den 22. Juni 2011

In der heimischen Super League ist er die Attraktion der letzten Monate, aber auch international erregt Xherdan Shaqiri immer mehr Aufsehen. Trotz unzähliger Medienberichte bleibt uns Aussenstehenden etwas immer verborgen: Was geht in dem jungen Kerl vor, der in diesen Tagen mit diversen Topvereinen Europas in Verbindung gebracht wird? Was würden Sie an seiner Stelle tun?

Vieles, was geschrieben und erzählt wird, ist heisse Luft. Dem FC Basel liegt kein konkretes Angebot für sein Supertalent vor. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Wichtigste aller Entscheidungen getroffen werden muss: bleiben oder gehen?

Sich in Xherdan Shaqiri hineinzuversetzen verlangt einem einiges ab. Es prasselt im Moment sehr viel auf das junge Supertalent ein, dass man in seiner Situation aus Reflex einfach nur den Kopf einziehen möchte. An ihm aber scheint das abzuprallen. Er macht den Eindruck, dass er sich absolut wohl in seiner Haut fühlt.

Im Kosovo geboren, ist Shaqiri völlig integriert in der Schweiz. Er fühlt sich als Basler, ohne dabei seine Wurzeln zu vergessen: Die Frechheit und Unverfrorenheit, die vielen Immigranten (zu Unrecht) negativ ausgelegt wird, weiss er auf extrem erfrischende und erfolgreiche Art einzusetzen.

Auch neben dem Platz geht seine Lebensfreude manchmal mit ihm durch, sprudelt in den Interviews über. Das macht ihn sehr sympathisch, denn gleichzeitig ist er niemals unüberlegt. Er weiss inzwischen auch ganz genau, was er NICHT sagen darf.

Stellen Sie sich vor, sie müssten immer im Hinterkopf abwägen: Welche Aussagen darf ich auf keinen Fall machen, weil sie für extremen Wirbel sorgen würden? Von welchem Gespräch darf ich dieser Person jetzt nichts erzählen? Und stellen Sie sich vor, sie wären dabei erst 19 Jahre alt.

«Ich versuche, gelassen zu bleiben», meint Xherdan Shaqiri. Möglich ist die erfolgreiche Bewältigung dieses schmalen Grates dank einem professionellen Umfeld. Eng begleitet und auch mal an der kurzen Leine gehalten, wird Shaqiri von der sportlichen Führung des FCB um Bernhard Heusler und Georg Heitz. Mit viel Geschick schulen sie die jungen Spieler sorgfältig.

Als Xherdan aus einer Emotion heraus einmal etwas Unüberlegtes über die Lippen rutschte, rief der Medienchef des FC Basel jeden einzelnen Journalisten an und bat, den jungen Spieler zu schützen. «Bitte druckt diese Passage nicht ab, das bringt niemandem etwas.» Das ist genau die Art von Unterstützung, die ein Ausnahmetalent braucht.

Xherdan hat Glück, dass er von seiner Familie viel Gutes mit auf den Weg bekommen hat. «Ich bin sehr stolz auf meine Eltern, sie haben mich zu einer respektvollen Person erzogen», meint er und schüttelt gut gelaunt und freundlich jedem Journalisten die Hand.

Ich jedenfalls weiss, wie ich handeln würde, wenn ich an der Stelle des Basler Wirbelwindes wäre. Ich würde auf eben dieses Umfeld hören, das mich schon so weit gebracht hat. Ich würde versuchen, die Geduld nicht zu verlieren und in Basel bleiben. Ein, zwei oder notfalls auch drei Jahre. Solange, bis das Angebot eines wirklichen Top-Clubs kommt. Mit weniger muss sich einer wie Xherdan Shaqiri nicht zufrieden geben.

Fünf Gründe, warum wir Europameister werden!

Annette Fetscherin am Mittwoch den 15. Juni 2011


Fussball ist, wenn die Schweiz gewinnt. – Nein, das ist kein Tippfehler. Diese Schweizer U-21 hat alles, um die üblichen Fussballweisheiten auf den Kopf zu stellen und einen neuen Mythos zu schaffen. Die Hauptzutat für den Erfolg ist simpel: Diese Jungs haben Selbstvertrauen. Ein sonst für die Schweiz eher untypisches Attribut.

Dieser Laufrichtung schliessen wir uns an und verkünden mit geschwellter Brust: Wir werden Europameister! Auf dem Platz nämlich sprechen die folgenden, ganz dicken Gründe für das weisse Kreuz auf rotem Grund:

Xherdan Shaqiri: Bewundernswert, wie leicht er von A-Nati zu U-21 switcht. Der Überflieger ist sich nicht zu schade, auch für die Jungen zu ackern und zu zaubern. Extrem wichtig auch, dass er trotz Routine seine Frechheit bisher nicht verloren hat, denn die ist bei ihm der Schlüssel zum Torerfolg.

Fabian Frei: Beim ersten Spiel hagelt es für ihn Kritik, er zieht deshalb aber nicht den Kopf ein, im Gegenteil. «Es kann nicht sein, dass nur Shaqiri Chancen kreieren kann», ist sein kritischer Kommentar danach. Dass dies nicht nur eine Floskel war, zeigt der St.-Gallen-Absteiger eindrücklich. 1A-Leistung gegen Island!

Yann Sommer: Er vereint typisch schweizerische Eigenschaften: Zuverlässig und pünktlich wie ein Uhrwerk ist zur Stelle, wenn der Ball in Richtung Tor segelt. Für einen Goalie gibt es nichts Besseres, als typisch eidgenössisch zu sein. Und für das U-21-Tor gibt es nichts Besseres als Yann Sommer.

Innocent Emeghara: Der GC-Flitzer ist schneller als der Wind. Im Frühling war er in einem Sprinttraining bei einem Schweizer Top-Leichtathlet. Der Vergleich zeigte Erstaunliches: Auch als Sprinter würde Emeghara der Konkurrenz in der Schweiz um die Ohren rennen. Das tut er aber lieber nicht auf der Bahn, sondern bei den Gegnern in Dänemark. Zum Glück!

Timm Klose: Er hat zwar nur im zweiten Match gespielt, aber auch neben dem Platz bringt Klose den nötigen Witz in die Mannschaft. «In diesem Sommer verwirkliche ich mir einen grossen Traum: Ich werde Europameister.» Tiefstapeln ist nichts für den zukünftigen Bundesliga-Verteidiger. Nur wer hoch pokert, kommt hoch hinaus. Soviel Selbstvertrauen ist ansteckend!

«Ja ja, jetzt mal zwei Spiele gewonnen, nicht gleich den Boden unter den Füssen verlieren», mögen Sie vielleicht denken. – Doch: Schluss mit dem Pessimismus! Uns allen steht ein bisschen Vertrauen in diese Jungs gut an: Wir werden Europameister. Punkt.

Frauen wollen keine Schlabber-T-Shirts

Annette Fetscherin am Samstag den 11. Juni 2011

Das Durchstöbern der Schweizer Fanshops ist unterhaltsam. Eine FCB-Zahnbürste für nur 7.50 Franken oder der YB-Flachmann für den trockenen Gaumen sind originell. Und trotzdem fühlen wir uns als Frauen dabei nicht so richtig verstanden. Wir lieben Shopping und würden gerne viel Geld in unseren Lieblingsverein investieren. Aber, liebe Fanshopverantwortliche aller Clubs, ihr macht es uns wirklich schwer! Dabei könnte durch das Einhalten einiger weniger Regeln, unsere Beziehung viel fruchtbarer sein.

Regel 1: Wir Frauen mögen keine T-Shirts in Übergrösse. Auch dann nicht, wenn GC oder FCZ draufsteht. Herrenschnitt in der kleinsten Grösse gekauft, passt schlicht und einfach nicht. Wir wollen taillierte Formen und grössere, V-förmige Ausschnitte!

Regel 2: Vergesst die Clubfarben. Wenn diese ein modisches No-Go sind, taucht euer Sortiment in einen anderen Farbtopf und die Fans werden es euch verzeihen. Hauptsache, das Logo ist drauf. Werfen wir einen Blick in Richtung Grossbritannien. Manchester United führt, wie alle grossen englischen Vereine, eine Frauenlinie. Die modisch eher schwierige Clubfarbe rot wird für die Ladies in trendiges Pink verwandelt und schon hat man(n) die Damen im Sack.

Regel 3: Macht es den Anderen nach! Wenn alle Frauen Shirts tragen, auf die «I love …» gedruckt ist, dann kreiert ein solches von Eurem Verein und die Damen werden es lieben! «Love Spurs» von den Tottenham Hotspur ist ein modischer Leckerbissen. Man beachte, dass auch die Spurs Pink nicht in den Vereinsfarben haben.

Regel 4: Setzt auf die Spieler, sie sind Euer grösstes Kapital! Shirts mit aufgedruckten Gesichtern sind  gerade total angesagt also nehme man Steven Gerrard und pappe ihn auf Textil. Oder Chelseas Fernando Torres modisch umgesetzt auf einem sexy Shirt. Da werde sogar ich fast schwach, auch wenn ich nie etwas von Chelsea tragen würde!

Regel 5: Blickt nach Norden und nicht nach Süden. Englische Fanshops bringen Damenaugen zum leuchten, italienische dagegen sind eine einzige Enttäuschung. Mailand schimpft sich zwar Modemetropole. Aber im Online-Fanshop von Inter Mailand findet man nur Angebote für Männer, Kinder und Neugeborene. Einziger Artikel für die Ladies: Ein Inter Mailand-Küchenset. Mit modischer «I love Inter»-Schürze. Da wurde wohl etwas falsch verstanden.

Zu guter Letzt: Sexy muss es sein! Auf der Suche nach einem schnittigen Nachthemd bin ich bisher nicht fündig geworden. Viele Clubs bieten zwar Damen-Pyjamas an, doch die sind ziemlich kleinkariert und zugeknöpft. Würde Eurer Meinung nach ein verführerisches Seidennegligee nicht ins Sortiment Eures Lieblingsvereins gehören?

Geschätzte Leserinnen und Leser, der Blog lebt von Ihnen und Ihren Kommentaren. Während den Wochenenden kann es allerdings länger dauern als üblich, bis Ihre Beiträge freigeschaltet sind. Die Redaktion.

Auch die Mädels können es!

Annette Fetscherin am Mittwoch den 8. Juni 2011

Wie soll man einen Sommer ohne Fussballgrossanlass durchstehen? Keine geselligen Fussballabende in der Stammbeiz. Kein Mitsingen – oder mitkrächzen – der Nationalhymne. Kein Mitfiebern. Nichts.

Falsch gedacht! Es gibt einen Grossanlass dieses Jahr, allerdings ohne Public Viewing und ohne Schweizer Beteiligung: die Frauenfussball-WM in Deutschland vom 26. Juni bis zum 17. Juli! Da zieht sich bei Ihnen mindestens eine Augenbraue nach oben, oder?

Ja, ich muss gestehen, auch ich bin in einer Welt ohne Frauenfussball gross geworden und ich habe nichts vermisst. Als ich klein war, gehörte es sich für Mädchen schlicht nicht, dem Ball nachzujagen. Oder anders: Es war nicht cool. Was ich dann beim Champions-League-Final zwischen Olympique Lyon und Turbine Potsdam aber gesehen habe, fand ich doch ziemlich cool. Die Fussballerinnen von heute können was, sie sind technisch stark und noch viel wichtiger: Sie haben mich in ihren Bann gezogen.

Normalerweise kennt man ja die Akteure in solchen Randsportarten gar nicht. Nur ab und zu stolpert man über eine Fussballerin in einem Klatsch-&-Tratsch-Magazin. Meist in Unterwäsche oder Bikini posierend. Weshalb zeigen sich weibliche Sportlerinnen eigentlich immer fast nackt? Ich kann mich nicht erinnern, einen männlichen Schweizer Sportler nach einem wichtigen Tor in Unterwäsche gesehen zu haben. Nun gut, einigermassen kann ich verstehen, dass die Damen das Bedürfnis haben, der Öffentlichkeit ihre weibliche Seite zu zeigen. Wenn man sich Tag für Tag gegen das «verkappte Buben»-Image wehren muss.

Jetzt aber haben wir Schweizer mit Lara Dickenmann eine Champions-League-Siegerin in unseren Reihen! Bei den Männern haben das bisher erst Stéphane Chapuisat und Ciriaco Sforza geschafft. Also: Hut ab und Nationalstolz aufgesetzt, bitteschön, sie hat es sich genauso hart erarbeitet!

Sie finden, Frauen gehören in sexy Beachvolleyball-Höschen oder allenfalls ins Tennisröckchen? Sie mögen recht haben, das macht sich gut an durchtrainierten Frauenkörpern. Aber schon mal das Folgende bedacht? Auch Männer sehen knackiger aus im ärmellosen Beachvolleyball-Tank-Top. Doch die Wahl zwischen Beachvolleyball oder Fussball ist nicht nur die zwischen «Ärmel oder nicht Ärmel»! Ich jedenfalls zähle nicht die Zentimeter der freien Haut und rechne sie hoch, bevor ich den Fernseher einschalte. Ich entscheide mich für Fussball, weil Fussball dynamisch, explosiv und spannend ist.

Ja, wir Frauen kriegen was geboten beim Fussball. Aber was eigentlich? Die sprichwörtlichen Fussballer-Wädli? Die mögen zwar die Fussballer haben. Aber wenn ich ehrlich bin, sehe ich im Normalfall nur die Knie! Alles andere ist doch gut verpackt. Genau wie bei den Frauen. Und trotzdem finde auch ich als Frau: Fussballerinnen sind ganz schön sexy! Natürlich gibt es auch da Unterschiede. Aber verkappte Jungs sind sie schon lange nicht mehr, wie unsere Bildergalerie zeigt!

Schade, gibt es kein Public Viewing der Frauen-WM. Ich würde mich gerne wieder positiv überraschen lassen. Wie steht es mit Ihnen, liebe Leser und vor allem liebe Leserinnen: Können auch Frauen Fussball spielen oder sollten sie das Feld lieber den Männern überlassen? Haben Sie – ganz ehrlich – schon mal zugeschaut, wie die Weltspitze spielt?

Die Möchtegern-Spielerfrau

Annette Fetscherin am Montag den 6. Juni 2011
Ihre Jagd war offensichtlich von Erfolg gekrönt und liess keine gesundheitlichen Schäden zurück: Spielerfrauen der Arminia Bielefeld.

Ihre Jagd war offensichtlich von Erfolg gekrönt und liess keine sichtbaren gesundheitlichen Schäden zurück: Spielerfrauen der Arminia.

An einem eiskalten Wintertag in Thun mache ich eine Entdeckung, die mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Eine wunderschöne Frau trägt ihren Luxuskörper zur Schau. Endlos lange Beine in fast durchsichtigen Leggins. Dazu eine schicke Jeansjacke. Wir sind im Fussballstadion bei gefühlten minus 10 Grad. Ich schlottere in Winterjacke und UGG Boots und kann ihren Anblick kaum ertragen.

Die Lady ohne Temperaturempfinden gehört der modernsten Gattung der Frauen an, die man aktuell in den Schweizer Stadien trifft. Ich nenne sie die Möchtegern-Spielerfrau. Aus ihrer Optik rennen da unten auf dem Rasen zwei Dutzend durchtrainierte Testosteronbolzen auf dem Präsentierteller herum. Einer von ihnen könnte ihr den Weg zum nationalen B-Promi ebnen und das ist es wert, dafür eine Lungenentzündung zu riskieren.

Früher war das Schema trivialer. In Fussballstadien tummelten sich nur zwei Sorten von weiblichen Geschöpfen. Da waren diejenigen, die vom Vater zum Fan erzogen worden waren und sich mit den Jahren zu wahren Expertinnen entwickelten. Mit Fanshirts voller Unterschriften mischten sie sich unter die männlichen Kollegen und fielen da nicht durch ihr weibliches Äusseres, sondern vor allem durch ihre laute Röhre auf. Dass man Fussball schaut, aber niemals totdiskutiert, während das Spiel noch läuft, haben diese Damen nie begriffen.

Angenehmer waren da schon diejenigen, die ihre fussballbegeisterten Männer ins Stadion begleiteten. Sie verstanden nichts davon, was sich auf dem Rasen abspielte. Aber sie wussten, dass es besser ist, 90 Minuten lang die Klappe zu halten. Während des Spiels verkamen sie zu Anhängseln und das völlig freiwillig. Als Gegenleistung setzte sich ihr Mann am nächsten Abend mit ihnen aufs Sofa und liess eine kitschige Schnulze von Rosamunde Pilcher über sich ergehen. Ein lohnendes Geschäft für beide Seiten.

Einen Vorteil hat die Möchtegern-Spielerfrau: Sie bringt frischen weiblichen Wind ins Stadion. Sie sieht gut aus und ist sich nicht zu schade, 90 Minuten plus Nachspielzeit dafür durchzufrieren. Eigentlich ist sie auf die knackigen Fussballerhaxen fixiert, doch so ganz nebenbei erweist sie damit den männlichen Stadionbesuchern einen grossen Gefallen. Denn, was will das Männerherz mehr, als Fussball zu schauen und ganz nebenbei die Aussicht auf endlos lange Beine in durchsichtigen Leggins zu geniessen?!