
Auch Fussball ist in Finnland etwas eigen: Der Idrottsparken, auch Wiklöf Holding Arena genannt. (Bild: Wikipedia)
Keine EM mehr, noch keine Super League oder Bundesliga und noch nicht einmal Olympia. Über was also eine Kolumne schreiben? Über das Fifa-Bekenntnis zur Torlinien-Technologie? Nein, viel zu viele Bürokraten in Anzügen und viel zu viel Technik. Über den x-ten Versuch von Yassine Chikhaoui, wieder auf die Beine zu kommen? Da schmerzt mein altes FCZ-Herz zu sehr. Darüber, dass mein Lieblingsclub Dynamo Dresden im Trainingslager in Österreich tatsächlich gegen den englischen Meister Manchester City antreten darf? Dann hören Sie gleich auf zu lesen. Also lieber ganz exotisch. Heute gibts keine Polemik und schon gar keine Analyse, sondern einen fussballerischer Reisetipp.
Machen Sie sich auf in Richtung Åland, ins Reich des entspannten Fussball-Genusses, dorthin, wo garantiert kein vermummter Idiot bengalisches Feuer neben Ihnen anzündet! Nie von Åland gehört? Das ist eine ganz wundervolle Inselgruppe in der nördlichen Ostsee am Eingang des Bottnischen Meerbusens zwischen Schweden und dem finnischen Festland. Das mit dem Bottnischen Meerbusen habe ich aus Wikipedia abgeschrieben, aber ich war wirklich schon oft in Åland. Und einmal eben auch im Fussballstadion der Inselhauptstadt Mariehamn, das den schmucken Namen Wiklöf Holding Arena trägt. Hier finden den ganzen Sommer über zuverlässig Spiele der sogenannten Veikkausliiga statt. Weil es in Finnland im Winter viel zu kalt für etwas anderes als Langlauf ist und weil die Finnen wohl gar nicht mehr ernsthaft versuchen, sich einmal für ein grosses Turnier zu qualifizieren.
Ich wurde bei meinem Besuch in der Wiklöf Holding Arena Zeuge eines 0:0 zwischen dem IFK Mariehamn und dem IFK Helsinki. Es war ein Spiel mit vielen Chancen für die Gäste aus der Hauptstadt und ebenso vielen Paraden des Keepers der Hausherren. «Der Tormann von Mariehamn ist ein Arschloch», bemerkte mein damals 5-jähriger Neffe trocken. Er hätte lieber Tore gesehen. Das Bemerkenswerte dabei war, dass der Kleine mit seiner emotionalen Reaktion auf das Geschehen ganz und gar alleine stand. Die finnischen Zuschauer vom weissblonden Kind mit einem Lakritz-Eis (pfui Teufel!) in der Hand bis zum Hot Dog kauenden Greis sassen 90 Minuten lang mit stoischer Ruhe auf der kleinen Tribüne der 4000-plätzigen Arena. Lebhaft wurden sie nur, als es darum ging, in der Pause eine Flasche der pappsüssen Birnen-Limonade namens Smurffi (finnisch für Schlumpf) zu erbeuten. Fast hätte man den Eindruck bekommen können, ein Spassvogel habe ihnen die Anweisung gegeben, möglichst allen Stereotypen der Nordländer zu entsprechen, damit der Tourist aus der Schweiz auch schön etwas zu schreiben hat.

Mariehamn ist nicht zu unterschätzen: Der Finne Paulus Arajuuri (u.) im Zweikampf mit Atletico-Madrid-Spieler Ignacio Camacho, 2. Juni 2009. (Reuters)
Dass der Club mit der wohl gleichgültigsten Anhängerschaft der Welt in der höchsten Liga Finnlands mitspielen kann, liegt daran, dass Åland dank florierendem Tourismus (jeder Trottel fängt dort einen Fisch und findet Pilze) und Reedereien mit schwimmenden Duty-Free-Shops nicht nur schön, sondern auch wohlhabend ist. So ist der IFK Mariehamn inzwischen ein beliebtes Ziel für Fussballer aus Kenia, Braslien, den USA, Kanada oder Bosnien. Man weiss, hier kann man in Ruhe leben, anständig verdienen und ohne Pfiffe von den Rängen 0:0 spielen.
Übrigens kann es durchaus sein, dass bald einmal ein Schweizer Club gegen den IFK Mariehamn antreten muss. Der Verein aus Åland ist nämlich auf bestem Weg, sich für den internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Er liegt nach einem guten Drittel der Meisterschaft auf Rang 2 zwei Punkte hinter Tabellenführer IFK Helsinki und mit einem Spiel weniger. Und wenn Sie dann jemand fragen sollte, wo denn bitte dieses Åland liegt, dann sagen Sie einfach: «In der nördlichen Ostsee am Eingang des Bottnischen Meerbusens.» Und noch etwas. Lassen Sie um Himmels Willen die Finger von Lakritz-Eis und Smurffi-Limonade. Die Finnen sind aus anderem Holz geschnitzt als wir.