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Was macht eigentlich der vierte Schiedsrichter?

Thomas Renggli am Mittwoch den 16. März 2011


«Wie dick darf ein Schiedsrichter sein?» fragte der «Blick» in seiner Dienstagausgabe – und setzte den Super-League-Referee Daniel Wermelinger in unvorteilhafter Pose in Szene. Doppelkinn statt Doppelpass.

Ausgangspunkt des Artikels war der Unmut über die Schweizer Regelwächter in den vergangenen Wochen. Der in diesem Blog kontrovers diskutierte Massimo Busacca blieb davon explizit ausgenommen. Selbst die schärfsten Kritiker anerkennen den Tessiner als Schweizer Nummer 1.

Im Zentrum der aufflammenden Debatte stehen die Uneinsichtigkeit und Kommunikationsverweigerung der Referees. GC-Trainer Ciriaco Sforza geht in der «SonntagsZeitung» mit den Pfeifenmännern hart ins Gericht: «Wenn mir ein Schiedsrichter einen Entscheid nicht erklären kann, stinkt doch etwas. Wer überzeugt ist, das Richtige getan zu haben, braucht sich nicht zu verstecken.» FCZ-Sportchef Fredy Bickel teilt diesen Eindruck: «Die Schiedsrichter mögen es nicht, wenn man sie nach den Gründen für ihre Entscheide fragt.»

Tatsächlich entsteht das Gefühl, viele Schweizer Schiedsrichter argumentieren permanent aus dem Schmollwinkel – sofern sie das Stadion noch nicht durch den Hinterausgang verlassen haben. Minderwertigkeitskomplex statt Selbstwertgefühl.

Wie es gehen kann, beweisen ihre Kollegen aus dem Eishockey Woche für Woche. Hier stehen die Türen zu den Schiedsrichtergarderoben für Trainer und Medienschaffende nach jedem Spiel offen. Anstatt die Geringschätzung und Argwohn zu kultivieren, werden Missverständnisse aus der Welt geräumt. «Die offene Kommunikationskultur hat unsere Akzeptanz enorm gesteigert», sagt Danny Kurmann. Der Zuger besitzt einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Er ist von Swiss Ice Hockey vollamtlich angestellt und lebt wie ein Profi. Wermelinger dagegen geht seiner Feierabendaktivität zwischen Büroschluss und Abendessen nach.

Die Einführung des Profibetriebs ist bei den Fussball-Refs überfällig. Sie würde Leistungsdichte und Glaubwürdigkeit der ganzen Szene steigern. Heute besteht der Verdacht, bei den Schiedsrichtern werden die Meriten und Beförderungen nach dem Zufallsprinzip ausgesprochen. Weshalb Referees wie Alain Bieri und Nikolaj Hänni das Fifa-Wappen auf der Brust tragen, bleibt im Diffusen. Sie stehen der Challenge League näher als der Champions League.

Dabei scheint ihr Chef Urs Meier das Anforderungsprofil genau zu kennen: «Sind Persönlichkeit und Fachwissen überdurchschnittlich vorhanden, reden wir von einem ganz grossen Schiedsrichter.»

Der Thuner Trainer Murat Yakin sieht ein grundlegendes Problem: «Die Schiedsrichter sollen Spiele leiten und nicht entscheiden.» Gleichzeitig stellt er eine Frage in den Raum, die schon lange einer Beantwortung harrt:«Gab es schon jemals einen vierten Offiziellen, der in einem entscheidenden Moment den Mut hatte, einzuschreiten?»

Yakins Kritik zielt exakt in die richtige Richtung. Das Schiedsrichterwesen ist in Unbeweglichkeit und Sturheit gefangen – und stellt so die eigenen Leute Woche für Woche an den Pranger. Die Zeit muss dieses Problem lösen. Selbst der Fussball wird sich nicht ewig gegen technische Hilfsmittel wehren können. Noch vorher sollte der vierte Unparteiische aber mehr Kompetenzen erhalten. Dies würde Wermelinger zwar nicht von überflüssigen Pfunden, aber immerhin von einigem Druck befreien…

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