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Bremst die Spielervermittler!

Thomas Renggli am Montag den 20. September 2010

Die Schweizer Klubs sorgen auf europäischem Parkett derzeit nicht nur für positive Schlagzeilen. Aus den jüngsten Niederlagen von Basel, YB und Lausanne aber gleich den generellen Leistungszerfall in der hiesigen Meisterschaft abzulesen, wäre verfehlt. Dass die Super League periodisch einen Substanzverlust zu beklagen hat, ist system- und strukturbedingt. Für Spieler mit ganz grossen Ambitionen bietet die Schweiz einen zu kleinen Rahmen. Daran lässt sich nichts ändern. Viel bedenklicher ist die künstliche Form der Talentvernichtung – durch dubiose Spielervermittler, selbsternannte Berater und umtriebige Personalagenten, die vor allem eine Taktik verfolgen: die Optimierung der eigenen Gewinnaussichten.

Nassim Ben Khalifa (18) und Haris Seferovic (18) sind zwei der begabtesten Jungprofis, die der Schweizer Klubfussball im letzten Jahrzehnt hervorgebracht hat. Sie waren im Herbst 2009 massgeblich am WM-Triumph der U17-Auswahl beteiligt. Sie besassen bei den Grasshoppers die hervorragende Option, in die erste Mannschaft hineinzuwachsen, sich auf A-Niveau zu etablieren und im Europacup Erfahrungen zu  sammeln. Beide hatten die Geduld nicht. Beide wählten den schnellen Abgang ins Ausland – Seferovic im vergangenen Winter nach Florenz, Ben Khalifa diesen Sommer nach Wolfsburg. Gelandet sind die Himmelstürmer am gleichen Ort: Auf der Tribüne. Wolfsburg ohne Ben Khalifa (nicht im Kader), Fiorentina ohne Seferovic (nicht im Aufgebot) hiess es an diesem Wochenende. Das gleiche Schicksal teilt Mario Gavranovic (20). Der Schweizer Junioreninternationale sorgte bei Xamax im vergangenen Herbst für Furore. Im Februar wechselte er zu Schalke. Nun darf er nur noch im Training aufs Tor schiessen. Im Match übernehmen dies Raul, Huntelaar, Edu oder Farfan. Unwesentlich besser geht es Pajtim Kasami in Palermo. Der 18-jährige Mittelfeldspieler erhält in der Serie A dann Auslauf, wenn die arrivierten Kräfte an Krücken gehen oder gesperrt sind. Am Sonntag gegen Inter sass er 90 Minuten auf der Ersatzbank.

Der Mechanismus bei Auslandtransfers von jungen Spielern ist simpel: Ein Agent wird bei den Grossklubs vorstellig, präsentiert sein «Portefeuille» und leistet beim Spieler und dessen Eltern Überzeugungsarbeit mit finanziellen Argumenten. Bei erfolgreichem Vertragsabschluss erhält er eine Provision oder einen Anteil am Spielerlohn. Dass die Berater nicht immer mit offenen Karten spielen,  ist Teil des Systems. Max Urscheler, Inhaber der Agentur «Goldkick», beteuerte im Zug des U17-Triumphs im Schweizer Fernsehen, dass er seinen jugendlichen Klienten rate, sich zuerst in der Super League zu etablieren. Gleichzeitig schickte «Mischler Max» einen Fax an diverse europäische Grossklubs, in dem er fast das gesamte Tafelsilber des Schweizer Fussballs anbot.

Die sportlichen Träume gehen im Ausland nicht automatisch in Erfüllung. Dies können Sandro Burki und Jonas Elmer bestätigen. Beide schlossen sich schon im Juniorenalter europäischen Grossklubs an – Burki Bayern München, Elmer Chelsea –, beide schafften es nie über den Status des Lehrlings hinaus. Im vergangenen Frühling stiegen sie mit dem FC Aarau in die Challenge League ab.

Joel Untersee liess sich von diesen Beispielen nicht abschrecken. Der 16-jährige Verteidiger des FC Zürich sprang vergangene Woche – trotz weiterlaufendem Vertrag – Hals über Kopf zu Juventus Turin ab. Der Winterthurer spielte seit vier Jahren beim Stadtklub und besass beste Aussichten auf eine baldige Bewährungschance bei den Profis. Nun sucht er sein Heil in Italien. Die Zürcher reagierten mit Bedauern: «Der FCZ hätte Untersee gerne selbst bis in die erste Mannschaft geführt und weiter ausgebildet», schrieben sie im Communiqué. Dass dem Klub gemäss Fifa-Reglement eine Entschädigung von 90‘000 Euro pro Ausbildungssaison zusteht, ist ein schwacher Trost. Denn betrüblich oft gibt es bei Geschäften mit minderjährigen Fussballern fast nur Verlierer – und bloss einen Gewinner: den Spieleragenten.

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12 Kommentare zu “Bremst die Spielervermittler!”

  1. Silvan Metzger sagt:

    Bleibt nur die Frage, ob ein Burki oder Elmer weiter gekommen wären, wenn sie in der Schweiz geblieben wären?

  2. rené sagt:

    Dass diese Jungen so dumm sind und immer wieder den gleichen Fehler machen. Ich finde das unglaublich.

  3. Peter Hitzelsberger sagt:

    Tja was in diesem Beitrag fehlt und meiner Ansicht nach der grösste Auslöser dieses Dilemmas ist folgendes: 1) Die jungen wollen zu früh alles. 2) Die Eltern werden von den Clubs oft hängen gelassen oder schlecht bis gar nicht beraten was dazu führt das Berater einspringen die das gelbe vom Ei versprechen. 4) Die Eltern sind gierig auf die Kohle und lassen sich von den Beratern verführen, welche nur für Ihr eigenes wohl bedacht sind. 5) Den Vereinen wäre es gut getan wenn diese früher und konsequenter auf die Eltern zugehn würden und ein entsprechendes Vollumfängliches Wohlfühlpaket schnüren würden. Denn fühlen sich die Eltern der jungen Spieler wohl und verstanden ist es der Jungspund auch denn er wird ja von diesen Mitbeeinflusst.

  4. Rene Meier sagt:

    Die jungen Spieler, bzw, ihre Eltern, haben freiwillig diese Verträge unterzeichnet. Niemand hat sie gezwungen, ausser die eigene Geldgier. Es gibt keinen Grund, dass sich irgendwer beklagt.

    • ball sagt:

      sehe ich auch so – bis auf die präzision, dass es nicht zu beklagen höchstens zu bedauern ist, da damit das verfügbare potential an nati-spielern sich reduziert

  5. Christian Schifferle sagt:

    Lieber Herr Renggli, die Schuld nur den Spielervermittlern in die Schuhe zu schieben erscheint mir etwas zu einfach! GC konnte im Februar diesen Jahres auf die geschätzten 4 Mio Ablösesumme für Ben Khalifa und Seferovic nicht verzichten und hatte damit auch ein erhebliches Interesse an den Transfers (TA-Artikel vom 16.02.2010)

  6. Andy Dreyer sagt:

    Die Clubs sollten langfristige Vertraege abschliessen und eine hohe Ausstiegsklausel einbauen (10 mio oder mehr). Wenn dann jemand diese Jungen wirklich will, werden sie sich ueberlegen ob ihnen die Sache wirklich so viel Wert ist.

  7. MP sagt:

    Hallo

    Ich denk man muss nicht immer pessimistisch sein.
    Kasami hat sich bei Palermo gut etabliert. In Italien haben junge Spieler sowieso schwierig und er hat letztes Wochenende von Anfang an gespielt. Dies ist in Italien für einen 18-jährigen nicht übel.

    Ebenfalls für Seferovic. Habt ihr echt gedacht er kommt nach Florenz und spielt in der 1. Mannschaft?
    Keine Chance. Lasst den Spieler nocht Zeit vielleicht werden die zu zweitklassigen Teams ausgeliehen um Erfahrung zu sammeln.

    Also die Schuld kann man nicht nur den Spielervermittler geben. In Italien herrsch eine andere Philiosophie als hier.
    Die jungen Wilden müssen sich gedulden und wenn du von Anfang spielst oder auf der Bank sitzt mit 18 Jahren, dann bist du sehr weit.

  8. Patrick Roth sagt:

    Was ist eigentlich ein «Stadtklub»? Hat da jede Stadt seinen eigenen Klub? Ich bin u.a. Bürger von der Stadt Zürich und wohne auch in der Stadt. Habe ich da auch etwas mit Stadtklub zu tun?

  9. BD sagt:

    Ben Khalifa hat am Sonntag bei Wolfsburg U23 gespielt und auch ein Tor geschossen.

    http://www.vfl-wolfsburg.de/50496+M53cb14d1aad.html

  10. Cumu sagt:

    Tja, wo liegt das Problem? Die Leidtragenden sind doch im Wesentlichen in diesem Fall wenigstens auch gleich die dafür Verantwortlichen. Dummheit muss betraft werden. Fussball ist halt ein Geschäft, wo es nur ums Geld geht. Mir tut keiner leid, wenn er sich durch die Kohle blenden lässt und seine Karriere in den Sand setzt…

    • Richi sagt:

      Geb’ Ihnen absolut Recht:Vor der eigenen Dummheit kann und muss man niemand schützen. Dennoch, Trainer, Betreuer, etc… sollten ihren Schützlingen klarmachen, dass wenn Sie in der CH als Talent gelten in den grossen Fussball-Ligen nur einer unter vielen sind…