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Impotent durch Feminisierung

Steilpass-Redaktion am Mittwoch den 20. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Bloggerin heute ist Michèle Binswanger*.

Fussball leidet anscheinend an «Penetrationsarmut»: Softie-Trainer Pep Guardiola an einer Pressekonferenz im Zürcher Kongresshaus, 7. Januar 2013. (Keystone/Walter Bieri).

Fussball leidet anscheinend an «Penetrationsarmut»: Softie-Trainer Pep Guardiola an einer Pressekonferenz im Zürcher Kongresshaus, 7. Januar 2013. (Keystone/Walter Bieri).

Es steht nicht gut um den Fussball. Jeder weiss, dass die Fifa korrupt ist, die Fussballer überbezahlt, die Hooligans Idioten und die ganz normalen Fans ganz einfach bemitleidenswert, weil die ganze Chose langweiliger wird, je mehr Geld drin steckt. Aber Gefahr droht nicht nur von aussen, der Feind lauert auch im Innern, im tiefsten Herzen des Fussballs, dort wo er gemacht wird: Auf dem Trainingsfeld. Dies behaupte nicht ich, sondern der Philosoph Wolfram Eilenberger, der die deutsche Fussballnation mit seiner These von der «Feminisierung des Fussballs» verstörte.

Eilenberger, Chefredakteur des «Philosophie Magazins» und Fussballfan, sah sich angesichts der Meldung über den Transfer von Trainer Josep Guardiola zum FC Bayern genötigt, in die Tasten zu greifen um die Fussballwelt vor drohender Verweiblichung zu warnen. Denn Guardiola ist zwar phänomenal erfolgreich, aber zu welchem Preis! Er hat, so Eilenbergs These, den Fussball sozusagen kastriert. Dies zeigt sich einerseits in der Person Guardiolas, denn der ist «ultimativ empathisch, taktisch genial, auf nachhaltige Jugendförderung setzend, stets bescheiden, intuitiv, edel und gut, ein asketischer Poet», also eigentlich eine Frau in Männerkleidern. Aber nicht nur das, er zwingt seine weibischen Eigenschaften auch den Spielern, ja dem Spiel auf, mit verheerenden Folgen. Und so sind im Fussball Guardiolascher Prägung kaum mehr «Physis, Kampf, Durchsetzungskraft, Distanzschüsse und Ichbezogenheit» zu sehen, sondern «kurze Pässe und kleinteilige Ballkontrolle» mit dem Resultat, dass der Fussball unter empfindlicher «Penetrationsarmut» leidet.

Warum das allerdings schlecht sein soll, verstehe ich nicht ganz. Ich dachte immer, Homosexualität sei auf dem Fussballfeld nicht gern gesehen. Aber im Kern ist Eilenbergers Botschaft klar: Die viel diskutierte These vom «Ende des Mannes» hat den Fussball erreicht. Und das heisst, in den Worten Eilenbergers: «permanentes Vorspiel ohne erkennbares Abschlussverlangen». Mit der drohenden Konsequenz, dass einem «ganzen Kontinent die Lust am Fussball» vergehen könnte. Ja, da hilft dann auch kein Viagra mehr.

Marco Streller weint sich an der Schulter von Daniel Gygax aus. (Foto: EPA/Bernd Thissen)

Marco Streller weint sich an der Schulter von Daniel Gygax aus, 26. Juni 2006. (Foto: EPA/Bernd Thissen)

Ich kann mitfühlen. Denn auch mir ist die Lust am Fussball vergangen und ich weiss auch noch genau, wann. Es war der 26. Juni 2006. Die Schweiz zeigte mal wieder eine Glanzleistung in «Penetrationsarmut» und Abschlussschwäche, sekundiert von einem dieser hilflosen SRF-Kommentatoren, die sich auch noch in der kläglichsten spielerischen Misere nicht zu blöd sind zu bemerken, wie gut die Schweizer doch eigentlich spielen und wie sehr sie das Tor doch eigentlich verdient hätten. Aber weil «eigentlich» im Fussball genau so wenig zählt wie «hätten» und «würden», fuhren die Schweizer gegen die Ukraine eine der beschämendsten Niederlagen ever ein, gekrönt von Marco Strellers spektakulärem Fehlschuss im Penaltyschiessen.

Ich sass derweil vor dem Fernseher und fragte mich, ob es sich so wohl anfühlt, wenn einem das Gehirn im Schädel vor Langeweile verfault. Zu oft musste ich das schon erleben. Und in diesem Moment der Wahrheit erkannte ich, dass es vielleicht ein bisschen an den Schweizer Fussballern liegt und auch ein bisschen an mir. Aber vor allem und in erster Linie am Spiel selbst: Fussball ist als Spiel dumm, langweilig, überbewertet. Dank Eilenberger weiss ich nun, dass dies vor allem an der Feminisierung liegt, die den Schweizer Fussball schon vor sieben Jahren impotent gemacht hat.

*Michèle Binswanger ist Autorin und Journalistin.

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