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Maradona bleibt trotz Messi der Grösste

Steilpass-Redaktion am Freitag den 8. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Vincenzo Capodici*.

Auf den Höhepunkt: Diego Maradona stemmt nach dem Finalspiel der WM 1986 die Siegertropäe in die Höhe. (Bild: AFP)

Auf den Höhepunkt: Diego Maradona stemmt nach dem Finalspiel der WM 1986 die Siegertrophäe in die Höhe. (Bild: AFP)

Lionel Messi ist ein Fussballer der Superlative, ohne Zweifel. Mit dem FC Barcelona gewann er alles, was es zu gewinnen gibt. Obwohl erst 25 Jahre alt, ist er vierfacher Gewinner des Ballon d’Or. Und mit seinen 91 Toren im letzten Jahr hat sich «La Pulga» («Der Floh») unsterblich gemacht. Viele Experten und Fans sind der Ansicht, dass Messi der beste Fussballer aller Zeiten sei. Einspruch: Diego Maradona muss höher eingeschätzt werden als Messi.

Während Messi der geniale Vollstrecker eines perfekten Ensembles ist und von der Spielkunst seiner Teamkameraden Xavi und Iniesta profitiert, verkörperte Maradona magistral mehrere Rollen. Maradona war Spielmacher, Torschütze und Spiritus Rector von Mannschaften, die er praktisch im Alleingang zu unerwarteten Triumphen führte. Wie kein Spieler vor und nach ihm prägte Maradona eine WM – die WM 1986 in Mexiko. Das damalige Argentinien war solid, aber keine Übermannschaft, dank Maradona wurde es aber verdientermassen Weltmeister. Vier Jahre später, an der WM 1990 in Italien, ging Maradona mit einer biederen Mannschaft von Fussballhandwerkern ins Turnier – und erreichte den Final. Hier drängt sich ein Vergleich mit Messi auf: Bei den Weltmeisterschaften 2006 und 2010 scheiterte Argentinien bereits in den Viertelfinals – und Messi blieb blass.

Messi brilliert nur, wenn hinter ihm ein starkes Team steht. Ganz anders Maradona: «El Pibe de Oro» («Der Goldjunge») war weniger als Messi auf hochbegabte Mitspieler angewiesen – er war selbst genial genug, um den Unterschied auszumachen. Nach dem WM-Sieg mit Argentinien führte Maradona praktisch im Alleingang die SSC Napoli zum allerersten italienischen Meistertitel der Vereinsgeschichte. Drei Jahre später, 1990, holte Neapel den zweiten «Scudetto». Notabene: Es war die Zeit der grossartigen Milan-Mannschaft von Franco Baresi, Paolo Maldini, Ruud Gullit und Marco van Basten. Dank Maradona gelang es Napoli, die Vormacht der norditalienischen Klubs Milan, Inter und Juventus zu brechen. Wäre Maradona nicht der Kokainsucht und dem Lotterleben verfallen, hätte er noch ein paar Jahre für Furore gesorgt – sowohl mit Argentinien als auch mit Napoli. Jedenfalls wird er dort zu Recht als Fussballgott verehrt.

Diesen Status wird Messi kaum erreichen.

Was fehlt Messi zum Maradona? Einerseits müsste er in der Lage sein, eine eher durchschnittliche Mannschaft, zum Beispiel Real Sociedad in Spanien, zum Erfolg zu führen. Andererseits sollte er dafür sorgen, dass Argentinien wieder einmal ein starkes WM-Turnier gelingt. Messi ist zugute zu halten, dass er noch jung ist und viele gute Jahre vor sich hat. Mit Argentinien dürfte er noch an mindestens zwei Weltmeisterschaften teilnehmen können. Falls Messi im nächsten Jahr oder 2018 oder gar 2022 – im Alter von 35 Jahren – doch noch Weltmeister werden sollte, rückt er Maradona entscheidend näher.

In der Zwischenzeit gilt die Einschätzung, die Messi selber über Maradona geäussert hat: «Auch in Millionen Jahren werde ich nicht nur annähernd wie Maradona sein. Und ich will mich gar nicht annähern. Denn er ist der Grösste aller Zeiten.» Selbst Messi verbeugt sich vor Maradona.

*Vincenzo Capodici ist Reporter bei Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Er hat Diego Maradona längst verziehen, dass Argentinien an der WM 1990 im Halbfinal die Squadra Azzurra aus dem Turnier warf.

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