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Warum Männer im Fussball mehr Emotionen zeigen als bei Frauen

Steilpass-Redaktion am Dienstag den 5. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Bloggerin heute ist Denise Jeitziner*.

Fans von Neuchatel Xamax feiern den Aufstieg ihres Clubs in die Super League, nach dem Fussballspiel der Challenge League zwischen dem AC Lugano und Neuchatel Xamax, am Samstag, 26. Mai 2007, im Cornaredo Stadion in Lugano. Die Neuenburger gewannen das Spiel 1-3. (KEYSTONE/Karl Mathis)

Hier können Männer hemmungslos emotional sein: Fans von Neuchâtel Xamax feiern in Lugano den Aufstieg ihres Clubs in die Super League, 26. Mai 2007. (Keystone/Karl Mathis)

«Wenn die Freundin abhaut, kann man sich eine neue suchen. Aber was, wenn der eigene Fussballklub Konkurs geht? Den Verein wechseln? Unmöglich!» Dieser Aussage stammt nicht von irgendeinem Macho-Arsch, der so wenig im Hirn hat wie ein Tor nach Spielende; nein, dieser Satz stammt von meinem Freund.

Als sein Fussballklub Neuchâtel Xamax vor rund einem Jahr Konkurs ging, verfiel er in eine depressive Verstimmung. Er war traurig, wütend, enttäuscht und resigniert. Aus seiner Lethargie fand er erst dann wieder heraus, als der neue Verein «Neuchâtel Xamax 1912» gegründet wurde. Vor lauter Dankbarkeit kaufte er einen Solidaritätsziegelstein, was ihm die Verewigung auf der Xamax-Website einbrachte. Er war endlich wieder glücklich.

Ja, mein Freund ist ein sehr emotionaler Mensch. Er jubelt und hüpft, wenn er glücklich ist und hat manchmal sogar feuchte Augen. Wenn es nicht gut läuft, kann er vor lauter Ärger so laut schreien und mit den Fäusten aufs Sofa hauen, dass es staubt. Er ist kommunikativ, auch ungefragt, und schüttet einem sein Herz aus, wenn seine Beziehung in der Krise steckt. Die Beziehung zum Fussball meine ich.

Bei mir ist er ganz anders. Laut wird er nie. Seinen Unmut lässt er sich höchstens durch Schweigen anmerken, und über unsere Beziehung spricht er nur, wenn er dazu gezwungen wird. Mit der Aufmerksamkeit hat er es auch nicht so. Er weiss zwar noch, wie der Spieler hiess, der Xamax 1997 wegen eines Hands um den Meistertitel brachte. Um sich die Namen meiner Freunde, Nichten und Neffen zu merken, brauchte er etwa zwei Jahre. Blumen kauft er mir selten bis nie, dafür schenkte er mir ein Saisonabo für Xamax. Für Fussballmatches reist er bis nach London oder Kiew, für einen Ausflug in die Ikea ist ihm der Weg aber meist zu weit.

Ich mag Fussball auch. Die uneingeschränkte Begeisterung der Männer für Fussball ist mir jedoch ein Rätsel. Wie können sie Gefühle in allen Variationen zeigen, sobald es um Fussball geht, und zu Hause tun sie so, als seien sie so emotional und redselig wie ein Zierfisch? Wie können sie jahrelang zu ihrem Club halten, selbst wenn der nichts als eine Enttäuschung ist? Bei einer Frau wären sie längst fremdgegangen.

Die Autorin Constanze Kleis versuchte der Sache in ihrem Buch «Ballgefühle. Wie Fussball uns den Mann erklärt» auf den Grund zu gehen. Da fand sie Folgendes heraus: Beim Fussball sei alles klar strukturiert: eine Tabelle, 2 Tore, 22 Spieler und ein Ball. Und es gebe feste Regeln, die leicht zu verstehen seien. Bei Frauen sei oft das Gegenteil der Fall. Fussball dagegen sei «ein wahrer Zufluchtsort für Männer, die bei Frauen nie richtig wissen, ob sie sich gerade wieder durch Treibsand begeben und möglicherweise etwas falsch machen.» Also kurz: Weil Fussball so simpel ist, ist er ideal für Männer, währenddem Frauen manchmal etwas zu kompliziert für sie sind. Im Fussball fühlen sie sich sicher, hier können sie ihren Emotionen freien Lauf lassen, Woche für Woche, ohne Konsequenzen. In der Beziehung dagegen denken sie: Besser keine Gefühle zeigen, statt die falschen. Fanschal tragen? Unbedingt. Händchenhalten in der Öffentlichkeit? Lieber nicht. All Männer verstehen das, egal welche Mannschaft, egal welche Sprache, egal wie hoch der Alkoholpegel. Frauen nicht.

Das ergibt halbwegs Sinn. Ändern können wir Frauen daran wohl nichts. Uns bleibt nur die Hoffnung auf möglichst viele Siege, denn nach gewonnenen Fussballspielen sind die Männer meist besonders gut drauf. Das lässt sich gezielt einsetzen – für Ikea-Besuche beispielsweise. Und schliesslich mögen Männer uns  am Ende doch ein bisschen mehr als den Fussball. Das haben Forscher der Universität Bristol herausgefunden. Fussballfans mussten ein Foto ihres Lieblingsteams und ein Foto der Partnerin zerschneiden. Selbst wenn die Männer vor dem Test steif und fest behauptet hatten, ihr Team genauso fest zu lieben wie ihre Frau, war ihr Stresslevel leicht höher, als sie das Foto der Partnerin zerschneiden mussten. Naja, immerhin.

*Denise Jeitziner ist Redaktorin bei Tagesanzeiger.ch.

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27 Kommentare zu “Warum Männer im Fussball mehr Emotionen zeigen als bei Frauen”

  1. Daniel Küttel sagt:

    Hihi, mein Beileid zu ihrem Freund. Sind nicht alle Männer so ;o) Soll auch jene geben, die mit dem Ledervermöbeln nichts anfangen können. Ich kann Sie aber trösten: “Jeder bekommt den Partner den er verdient.” Es hat also alles seinen Sinn und Zweck; für ihren Freund und für Sie. Ob Sie nun lernern müssen die Freude von ihm zu teilen, ob er lernen muss ihnen gleich viel Beachtung zukommen zu lassen wie seinem Fussballclub, müssen jeder für sich selbst ausmachen. Ich würde nicht zu viel suchen gehen woran es liegt, oder woran es nicht liegt. Wenn ich es als Mann schon nicht verstehe, wie soll das jemals eine Frau verstehen? Viel Spass noch.

    • Nick Schmid sagt:

      @Daniel Küttel: Sie haben sich verirrt, ich nehme an, sie haben den “Sweet Home”-Blog gesucht. 🙂 Hier geht’s um Fussball, nicht um Frauenversteher. 😉

  2. Dustin Peters sagt:

    Auch wenn Ihr Freund hier wohl imaginär ist, resp. nicht ganz so sein wird, wie sie ihn beschreiben, sehr schöner Blog, wunderbar geschrieben und es stimmt jede einzelne Silbe… 🙂

  3. Paul sagt:

    ‘dafür schenkte er mir ein Saisonabo für Xamax’
    Glückwunsch Frau Jeitziner, das ist wahre Liebe!

  4. John Fisher sagt:

    Gut geschrieben, aber natürlich plakativ und Zeugs, das wir alle schon x-mal gelesen haben. Männer mögen Fussball (und Frauen übrigens auch), weil es das ultimative Spiel ist, wo Individualität und Zusammenspiel eines Teams zum Tragen kommen. Männer sind lieber in Teams, Frauen wohl eher nicht. Oder gibt es Frauen-Gruppen, die zusammen in die Ikea gehen? Eher nicht, jede will ihre eige Höhle dekorieren, aber nicht mit Nachbarn zusammenspannen.

    • Stephen Bywater sagt:

      Ich glaube gewisse Dinge werden schon im Team erledigt. Zumba oder Frauenfilm im Kino schauen oder so. Aber der Ikea betrifft ja eigentlich schon beide. Er muss ja auch wissen auf welches Möbel er den Fernseher stellen soll.

  5. Marc Meier sagt:

    Sie wollen mehr Aufmerksamkeit von ihrem Partner? Ganz einfach, werden sie wie Fussball: Geradeheraus sagen was Sache ist und nicht einen verschlüsselten, versteckten Hinweis auf etwas geben und erwarten, dass ihr Partner den Hinweis findet und versteht… 😉

  6. Franz sagt:

    Hier noch die Meinung des bekannten Eheberaters Berti Vogts zum Thema: “Hass gehört nicht ins Stadion. Die Leute sollen ihre Emotionen zu Hause in den Wohnzimmern mit ihren Frauen ausleben.”

  7. Hansi sagt:

    “…war ihr Stresslevel leicht höher, als sie das Foto der Partnerin zerschneiden mussten.”, aber nur aus Angst vor den Konsequenzen ;-D … Super Artikel, habe Tränen gelacht.

  8. C. Reichmuth sagt:

    Auch wenn der Artikel (hoffentlich) nicht ganz so ernst gemeint ist, habe ich meine liebe Mühe mit Verallgemeinerungen wie «alle Männer sind was auch immer». Genauso wenig trifft dies auf Frauen zu. Wir sind lediglich grundverschieden. Was sicher zutrifft:
    Fauen sind emotionaler bzw. lassen sich von ihren Gefühlen leiten, Männer sind rationaler – auch dies sind Tendenzen.

    Und übrigens: Es gibt viel mehr Männer, welche sich wenig bis nicht für Fussball interessieren. Und durchaus ihre Emotionen im Alltag zeigen und hierfür keinen speziellen Anlässe brauchen wie Sportveranstaltungen, Fasnacht oder andere Saurauslassen-Events.

    • Dustin Peters sagt:

      Sehr gut:
      Zitat 1:
      habe ich meine liebe Mühe mit Verallgemeinerungen wie «alle Männer sind was auch immer». Genauso wenig trifft dies auf Frauen zu
      Zitat 2:
      Was sicher zutrifft:
      Fauen sind emotionaler bzw. lassen sich von ihren Gefühlen leiten, Männer sind rationaler
      Entdecke den Widerspruch.. 😉

  9. Stephen Bywater sagt:

    Was ich bei mir immer mehr beobachte: Richtige Emotionen gibt es nur für den Verein den ich verfolge seit ich klein war. Zum Eishockey kam ich z.B. eher später. Entsprechend ist es mir eher egal wer gewinnt. Bin für den der mir gerade passt. So ähnlich wie eine Affäre. Oder vielleicht sogar wie im Liebeshaus. Hmm.

  10. Hans-Ueli Jucker sagt:

    guter Blog. Nur die These aus dem Buch von Constanze Kleis vermag nicht zu überzeugen: Wäre das Faszinosum Fussball durch die einfachen Regeln für die ach so dumben Männer begründet, könnte man ja auch voller Emotionen eine Schach WM verfolgen. Das Spannende am Fussball ist ja gerade das Unberechenbare, die Emotionalität wird geweckt durch das Unfassbare, wenn zum Beispiel in der 93. Minute noch ein Treffer erziehlt wird, oder wenn auf dem Feld und auf den Rängen die Emotionen durchgehen, weil ein Schiedsrichter einen Fehlentscheid fällt oder ein Tor besonders schön herausgespielt wird. Gerade die Regelbrüche und die Auslegungen der Regeln, die Hässlichkeit und Schönheiten machen den Fussball zu einem emotionalen Erlebnis und natürlich die Traditionen, die Geschichten, die Siege und Niederlagen, das kampfbetonte Gehabe und die jahrelangen Gegnerschaften. Beziehungen laufen sich mit der Zeit etwas tot, Fussball erneuert sich immer wieder, so ist das halt.

  11. A. Hugentobler sagt:

    Gut gebrüllt, Löwin! Endlich mal eine Frau, die uns Männer versteht.

  12. Alex sagt:

    Man(n) mag immer am besten, was man schon kennt, sei’s Musik. Essen oder Sport. Die meisten Männer haben eben schon lang bevor sie den Mädels hinterher geschaut haben gekickt. Und auch wenn in manchen Fällen die Frau den Fussball gänzlich ersetzt hat, so bleibt immer noch ein wenig Kindheitserinnerung hängen!

  13. Michel Decastel sagt:

    Netter Artikel aber hohle Analyse, von wegen Fussball ist einfach. Typischer sexistischer Feminismus Geplapper. Ich werde ihnen sagen was ein grosser Grund ist wieso wir Maenner Fussball lieben. Hier koennen wir endlich wieder wie ein Kind sein und uns aus der gesellschaftlichen Zwangsjacke befreien und unsere Frauen lassen uns auch in Ruhe und lassen nicht so ein ‘Aber Schatz’ raus. Wir koennen Jubeln, Fluchen, Miteifern etc und niemand beklagt sich bei uns. Wir koennen mal wieder so richtig Kind sein. So wie ihr Frauen es lieben ein Soap Opera am TV zu sehen mit euren Freundinnen oder ueber andere zu klatschen. Ihr braucht das auch und wir Maenner wuerden da nie mitmachen.
    Dass ihr Freund ihnen ein Saisonabi geschenkt hat muessen sie als absolutes Kompliment ansehen. Er will sie sogar dabei haben, das wollen die meisten von uns nicht. Aber ihr seit ja noch nicht verheiratet…

  14. Auguste sagt:

    hmm…, frau jeitziner, lassen sie doch einfach verwandte, freunde und deren kinderschar jeweils in einem fussball-trikot mit rückennummer und name drauf antreten, wenn ihr freund zugegen ist. das erleichtert uns fussball-fans das mind-mapping ganz massiv.

    nur wenn er fussball-kommentator wäre, könnten sie nicht sicher sein, ob das trotz allem immer richtig funktioniert.

  15. Petr Felber sagt:

    Ich kann auch sehr mitfiebern wenn mein Club spielt, und wenn möglich schaue ich mir auch jedes Spiel an. In den Playoffs kanns dann auch mal vorkommen das ich ein Drittel stehend schaue weil ich es vor Spannung nicht sitzend aushalte, (was meine Freundin unglaublich lustig findet). Das wars dann aber auch. Absolut kein Verständnis habe ich vor der Respektlosigkeit die heute bei den sogenannten Fans herrscht. Das verhalten von Fussball- und Hockeyfans ist oftmals einfach nur primitiv und hat meines erachtens mit Dummheit zu tun, keine Bildung, niedriger IQ. Warum sonst steht man “oben ohne” in der Fankurve und beschimpft die Mütter der Schiedsrichter und den Gegnerischen Spieler? Warum sonst vermummen sich viele männlichen “Fussballfans” und marschieren in einem sogenannten Mob durch die Städte? Zünden teils gefährliche Pyros an, üben Gewalt aus… Ev liegt es auch daran das sie noch nie Lieber erfahren haben, auch keine Mutterliebe… nur die anderen Fan-Bonobos stehen zu ihnen und vermitteln Ihnen das Gefühl von Dazugehörigkeit. Zum Glück gibts nicht viele solche Fans, sondern mehr Sympathisanten zu einem Verein, die einfach mitfiebern

  16. Wishaw Thomas sagt:

    Guten Tag Frau Jeitziner
    “Wie können sie jahrelang zu ihrem Club halten, selbst wenn der nichts als eine Enttäuschung ist? Bei einer Frau wären sie längst fremdgegangen.”
    Die Antwort ist ganz einfach: Die Liebe ist grösser zu einem Menschen als zu einem Club!
    ….und bitte? “fremdgegangen”?
    Frau Jeitziner nicht alle Männer gehen fremd wenn es Enttäuschungen hagelt!
    Gefühle + Emotionen haben wir Männer genauso viele wie das stärkere Geschlecht. Wollen sie einen Mann der sich z.B. Zuhause bei einem “Tor” oder Foul (in der Beziehung) genauso aufführt wie im Stadion?
    Freundlicher Gruss

    ps. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold 😉

  17. Pedro sagt:

    Ähh, ich bin ja verheiratet und wie ich dem Foto entnehmen kann sind sie auch nicht meine Frau, aber: haben sie mit ihr über mich gesprochen???
    Nur: Fussball ist nicht so einfach, weshalb sonst muss man jeder Frau mindestens 10x die Abseitsregel erklären, bevor sie es auch nur annähernd begreift?

  18. Christoph Bögli sagt:

    Auch wenn so ein Blog ja überzeichnen darf und soll, das Schwarzweisse, das hier quasi als unverrückbare, geschlechtsspezifische Tatsache wiedergegeben wird, befremdet doch ein wenig in seiner Schlichtheit. Selbst wenn sich der männliche Teil der Bevölkerung eher für Mannschaftssport zu begeistern mag, “die Männer” sind trotzdem nicht so. Gerade das überemotionale Fan-tum scheint mir eher eine kleine Minderheit zu sein. Gleichzeitig scheinen mir gerade weibliche Fans oft eine übermässig innbrünstige Liebe zu ihrem Verein zu pflegen. Vollends seltsam wird der pseudobiologistische Erklärungsversuch von den ach so schlichten Männern. Wehe, man würde sowas anders herum schreiben, das gäbe aber einen #aufschrei. Und ist natürlich auch so Quatsch. Gegenüber den nicht beeinflussbaren Unwägbarkeiten und Zufällen der Sportwelt ist es doch ein Kinderspiel, einen einzelnen Menschen wie seinen Partner zu verstehen..

    • Hans A. Liebe sagt:

      Die von Ihnen erwähnte innbrünstige Liebe zu ihrem Verein der weiblichen Fans sowie das überemotionale ‘Fan-tum’ kennen Sie wahrscheinlich aus dem TV-Fussballzusammenfassungen sowie den Berichten über die ‘Fan-Szene’ in einschlägigen TV-Reportagen. Ich bin froh, dass es viele Fussballbegeisterte – und bestimmt keine kleine Minderheit – gibt, welche das von Ihnen erwähnte ‘Fan-tum’ genauso erleben und leben, wie es von Frau Jeitziner überaus trefflich und äusserst amüsant beschrieben wird.

      • Christoph Bögli sagt:

        Keine Angst, ich war zur Genüge im Stadion. Ok, mehr beim Eishockey, aber trotzdem. Sie scheinen auch die feine, aber entscheidende Grenze zwischen emotional und überemotional nicht richtig verstehen zu wollen. Mitfiebern und mitleiden kann ich auch selber ganz gut, und da geht es wohl vielen so. Aber das ist halt eine andere Qualität, als wenn der “eigene” Verein zum nahezu einzigen Lebensinhalt verkommt, zumindest zum Einzigen, der echter Aufmerksamkeit und Emotionen würdig scheint. Letztere sind dabei effektiv nur eine kleine Minderheit. Vielleicht nicht im Fanblock, aber in der Gesellschaft, insofern müssten vielleicht auch Sie mal wieder aus Ersterem in Letztere wechseln um das verstehen zu können.
        Aber gut, vielleicht muss einem, um eine etwas lakonische Distanz zu “seinem” Verein nachvollziehen zu können, auch ein Verein wie YB in die Wiege gelegt werden. Wobei diese nicht ganz so hitzige “Liebe” nach meiner Erfahrung paradoxerweise auch lang anhaltender zu sein scheint. Der überemotionale Zuschauer, der über Gebühr frohlockt und tobt und weint, fand ich oft genug eher im “Mode-Fan”, der gerade noch vom Verein als seinem “Leben” schwärmte um kurz darauf nichts mehr davon wissen zu wollen, ja erst noch zu seinem nächsten Fan-“Projekt” weiterzuziehen, inklusive überkommunikativer Verlautbarungen..

  19. Alexandra Hengartner sagt:

    Ich liebe meinen Verein auch, komme was wolle (es ist der FCSG…). Er ist seit 23 Jahren eine wichtige Konstante in meinem Leben. Ohne geht es nicht. Vieles hat sich verändert im Leben, der Verein war und ist immer ein Thema. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das jemals ändert.
    Auch wenn ich als Frau für meine Fussballbegeisterung immer mal wieder fragende oder auch amüsierte Blicke kassiere, so bin auch ich v.a. im Berufsleben eher ruhig und zurückhaltend. Im Stadion kann ich dann den Gegner schon mal durchbeleidigen, und es tut mir noch nicht mal leid ;)…Das ist auch eine Art Ventil für mich.
    Für mich hat das Ganze aber mehr damit zu tun, dass Fussball (in Stadion, keine TV-Konserve) einfach eine hochemotionale Angelegenheit ist. Mir gefällt, dass das Publikum – egal welcher Background – mitgerissen wird und alle diese Begeisterung für die eine Sache teilen… Und manchmal entsteht auch so etwas wie Gruppenzwang, d.h. man jubelt und feuert das eigene Team an, auch wenn es gar keinen Grund dafür gibt. Sich selbst feiern nennt man das glaube ich…:)

  20. christian p. casparis sagt:

    juhui, ich bin abnormal: ich war noch nie bei einem fussballmatch dabei (ausser bei wms am tv) und liebe viele sportereignisse trotzdem. mein herz klopft wenn Federer am verlieren ist. und mir kommen ab und zu tränen, wenn meine gefühle hochkommen – und zwar ganz öffentlich. etwas peinlich ist das schon. aber immer noch besser als keine tränen.
    ikea – i git. da bin ich froh, wenn meine frau mit der tochter eine ganzen nachmittag verplemmpert. shopping: am liebsten wenn meine frau schon auf ihrer jagd etwas gefunden hat, das mir gefallen könnte.
    mit frauen im allgemeinen habe ich gefühlsmässige probleme erst, seit ich angst haben muss, mein flirt oder mein staunen über schönheit werde als reiner sexismus taxiert – feminismus sei dank….und dabei wäre ich sooo gerne spontan gefühlvoll und zärtlich auch wo es kein goal und keine klaren regeln gibt.

  21. T. Mueller sagt:

    Frau Jeitziner.
    Ihr Bericht ist absolute herrlich geschrieben und gibt viel Anlass zum schmunzeln. Natürlich haben Sie in allem absolut Recht. Ihre Analyse mit den 22 Spielern und den Regeln und 2 Toren stimmt natürlich auch. Fussball ist Emotion pur. Spannend , herzzerreissend, positiv, negativ. Zudem trifft man da seine langjährigen Freunde mit denen man aufgewachsen ist. Fussball ist nicht nur das Spiel und der Klub, sondern es ist auch die Verbindung und das Treffen mit unseren Freunden. Ein social event sozusagen. Das ist wie wenn Sie sich mit Ihren Freundinnen treffen und über Gott und die Welt und ueber Männer sprechen. Wir machen das beim Fussball. Aber IKEA das geht gar nicht! Schreiende Kinder, Kaffee für einen Franken, all das unbrauchbare Zeug. Zu IKEA gehen die meisten Männer nur wenn man wirklich muss. Wenn man neue Möbel braucht und das macht man höchstens einmal pro Jahr wenn nicht einmal alle 5 Jahre. Das ist genauso schlimm wie Weihnachtsverkauf wenn nicht noch schlimmer.
    Und wenn ihr Freund Ihnen eine Saisonkarte kauft, dann ist das etwas ganz besonderes. Das ist der Ausdruck von wahrer Liebe weil dann, gehören Sie zu 100% zur „Familie“. Das heisst auch, dass sein Freundeskreis sie vollkommen akzeptiert (sonst hätte er die die Karte niemals gekauft). Ich weiss nicht wer bei ihnen wichtiger ist, ihre Cousine und Cousins oder ihre besten Freundinnen? Wenn Sie eine Saisonkarte bekommen gehören Sie nun zu seinen besten „Freunden“. Ich kann nur gratulieren.