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Warum Trainer nie Glück haben dürfen

Steilpass-Redaktion am Montag den 4. Februar 2013

Unter dem Motto «Was ich zum Thema Fussball schon lange loswerden wollte» schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren über das, was sie an der populärsten Sportart der Welt stört – oder fasziniert. Heute: Kommentator Bernard Thurnheer*

Unter seiner Führung hatte Barcelona manchen Höhenflug: Pep Guardiola. (Bild: AFP)

Hatte Barcelona wegen ihm Erfolg oder hatte er das Glück, Barcelona trainieren zu dürfen? Oben: Pep Guardiola. (Bild: AFP)

Der Fussballberichterstatter weiss schon am Samstag genau, wie das Spiel am Sonntag ausgehen wird, und er erklärt dann am Montag in ebenso überzeugender Art und Weise, wieso dass alles anders herausgekommen ist.

Diese humoristische Aussage trifft uns Sportjournalisten an einer sensiblen Stelle, welche wir immer wieder tunlichst ausblenden: Der Ausgang eines Fussballspiels hat – falls die beiden Teams unter ungefähr gleichen Voraussetzungen antreten – auch mit Glück zu tun, und zwar mit viel mehr Glück und Pech, als wir uns das einzugestehen bereit sind. Fussball-Reporter wollen Experten sein und behandeln den Sport, über den sie berichten, folglich als Wissenschaft. Wenn der Trainer/die Spieler/der Präsident dies und das machen, wird sich der Erfolg daraus als logische Konsequenz ergeben.

Ein noch grösseres Interesse, den Einfluss des Glücks als möglichst gering einzustufen, haben natürlich die Trainer, anderweitig wäre ihr Beruf, ja ihre ganze Existenz in Frage gestellt. In vermindertem Mass gilt das auch für die Spieler, den Masseur, den Konditionstrainer, den Klubarzt, den Finanzchef, ja überhaupt alle Mitglieder der Geschäftsführung, alle, welche irgendwie mit dem Fussball verhängt sind. Keiner würde es wagen, auch nur die Frage nach dem Einfluss des Glücks zu stellen, denn dies wäre regelrecht ketzerisch und hätte eventuell sogar die Verbannung aus der Fussballfamilie zur Folge. Höchstens nach einer Niederlage darf dieses Wort in den Mund genommen werden, in seiner entschuldigenden Form: «Wir haben heute wirklich kein Glück gehabt …, mit etwas Glück hätten wir …» Merke: Das Glück ersetzt das Fachliche nicht, es kommt zum Schluss sozusagen noch dazu (oder eben auch nicht).

«Es ist schwierig, jemanden etwas verständlich zu machen, wenn sein Einkommen davon abhängt, es nicht zu verstehen.» (Upton Sinclair).

Versuchen wir es trotzdem!

Natürlich gibt es gute und weniger gute Trainer und vor allem auch Spieler. Die Transferwerte der Stars sprechen dabei eine deutliche Sprache, die freie Marktwirtschaft urteilt neutral. Die Fussballer müssen aber auch zusammenpassen, in den für sie bestmöglichen Positionen spielen usw. Der Trainer entscheidet über Taktik und Aufstellung. Es herscht ein Konsens darüber, dass es im Misserfolgsfall einfacher ist, den Trainer statt die gesamte Mannschaft auszuwechseln. Das Gehalt des Coaches besteht deshalb wohl zu etwa 50 Prozent aus dieser Rausschmeiss-Risiko-Absicherung. Sein hohes Gehalt täuscht also etwas über seinen tatsächlichen Einfluss hinweg.

Als Trainer kannst du ferner wie die Menschen im Mittelalter in den Adel oder in das Fussvolk hineingeboren werden, wo du dann ein Leben lang bleibst (von wenigen Ausnahmen abgesehen). Wenn du Latour oder Koller heisst, darfst du den FC Thun oder den FC Wil trainieren, und kommst bei anhaltendem Erfolg bei einem Schweizer Spitzenklub unter. Höhepunkt deiner Karriere ist es dann, von einem tief im Abstiegsstrudel steckenden Bundesligisten engagiert zu werden. Als Guardiola startest du deine Karriere gleich beim Champions-League-Sieger Barcelona. Egal, ob du Erfolg hast oder nicht, als nächsten Stationen sind Chelsea, Bayern München oder Paris St-Germain vorprogrammiert. Hätte Barcelona die Champions League auch unter Hanspeter Latour gewonnen? Wahrscheinlich schon. Wäre der FC Thun mit Trainer Guardiola in die Super League aufgestiegen? Ich bin mir da nicht so sicher … Wer von beiden absolut gesehen der bessere Trainer ist, bleibt offen!

Klar ist: Je mehr Asse ein Coach im Ärmel, respektive im Kader hat, desto  grösser sind die Chancen, dass er zu den Siegern gehören wird. Aber Achtung: Jassen muss er dann doch selber noch. Und da trennt sich dann eben doch die Spreu vom Weizen.

*Bernard «Beni» Thurnheer ist Sportreporter, TV-Moderator und Showmaster beim Schweizer Fernsehen. Der vierfache Prix-Walo-Träger ist seit 1975 am Bildschirm zu sehen und hat vier Bücher geschrieben, darunter «Mitreden über Fussball» (2005) und «Mitreden über die Nationalmannschaft» (2008), beide erschienen im Zytglogge-Verlag.

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5 Kommentare zu “Warum Trainer nie Glück haben dürfen”

  1. Marcos sagt:

    Wahre Worte.

  2. josé bütler sagt:

    ich halte es da wie der ex-profi jürgen wegmann: zuerst hatten wir kein glück und dann kam auch noch pech dazu ;o)

  3. Pedro sagt:

    Ich brauche kein Glück, einfach mal kein Pech! 😀

  4. Markus sagt:

    Lieber Beni, auch wenn manche den “Schnurri der Nation” als Live-Reporter nicht mögen, ist Ihre Kompetenz in Sachen Fussball für mich einmalig und unbestritten – im Gegensatz zu einigen anderen Blogg-Autoren.

    MÄMÄ erhöre uns!!!