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Freund- und Feindschaftsspiele

Birgit Schönau am Donnerstag den 24. Januar 2013
Distanziert sich von der «Blick»-Berichterstattung: Der italienische Sion-Captain Gennaro Gattuso. (Bild: Keystone)

Distanziert sich von der «Blick»-Berichterstattung: Der italienische Sion-Captain Gennaro Gattuso. (Bild: Keystone)

Wenn es um Fussball geht, meinen manche immer noch, sie könnten alles schreiben. Besonders über Italien, die Lieblings-Zielscheibe unbedarfter Klischee-Berichterstattung. In Bari herrscht zurzeit helle Empörung über einen Beitrag eines Boulevard-Kollegen vom «Blick». Der Bürgermeister hat offizielle Beschwerde bei der Schweizer Botschaft angekündigt, die Angelegenheit steht also im Ruch einer kleinen Staatsaffäre.

Was bisher geschah: Der FC Sion trat am vergangenen Samstag in Bari zu einem Freundschaftsspiel an und verlor gegen die AS Bari 0:1. Aus Sicht der Apulier liest sich die Begegnung so: «Vor einer schönen Kulisse mit über 1000 Tifosi hat die Mannschaft aus Bari dank eines Treffers von Cristian Galano in der ersten Halbzeit gesiegt. Bereits nach vier Minuten hatte Bari die erste Chance, später wurde die Partie vor allem im Mittelfeld ausgetragen. Nach der Pause kamen beide Mannschaften mit einigen frisch eingewechselten Spielern aber an der Dramaturgie änderte sich nicht viel. Bari verteidigte sich sehr ordentlich, riskierte wenig aber zeigte auch ein paar interessante Offensivaktionen.» So weit, so unaufgeregt die Gastgeber vom italienischen Zweitligisten.

Und hier die Schilderung des «Blick»-Kollegen, die inzwischen auf der Website der Zeitung nicht mehr zu finden ist:

«In Kalabrien hat die ‘Ndrangheta, die mächtigste Mafia-Organisation Europas, ihren Hauptsitz. Bari gilt als Hafenstadt an sich schon als kriminelles Pflaster. Und Sion hält sein Testspiel nicht etwa im WM-Stadion San Nicola, sondern muss wegen des miesen Wetters auf einem Kunstrasen spielen. Und der steht mitten im Quartier San Pio. Berüchtigt für Überfälle, Einbrüche, Erpressungen. Mafia-Land eben. ‹Lasst nichts im Auto liegen›, warnen uns einheimische Journalisten. ‹Hier brechen sie das Auto sogar auf, um euren Schreibblock zu klauen. ›»

Den Schreibblock klauen! Liebe Leute vom «Blick», das ist wirklich ein Brüller. Was bitte sollen die Ganoven in Bari mit dem Handwerkszeug eines Schweizer Fussballjournalisten anfangen? Es meistbietend versteigern? Diesen Schatz zu Erpressungszwecken nutzen? Ihn ihrer grossen Sammlung von Schreibblöcken aus dem Ausland zufügen? Oder essen sie einfach das Papier?

Alles ziemlich unwahrscheinlich, in Bari klauen nämlich überwiegend Profis. Und zwar nicht die schlimmen Finger von der ‘Ndrangheta. Diese mächtigste Mafia-Organisation Europas hat ihren Hauptsitz ganz woanders – in Kalabrien, der Heimat des Sion-Captains Gennaro Gattuso. Nicht in irgendeiner kriminellen Hafenstadt, sondern in den Bergen des Aspromonte. In Apulien hingegen befindet sich die vergleichsweise kleine, angestammte Mafia-Organisation Sacra Corona Unita seit Jahren in Auflösung. Man muss das alles nicht wissen, wenn man über ein Fussballspiel in Bari berichtet. Aber für die Mafia-Grusel-Gemeinplätze braucht man heutzutage doch ein Minimum an Recherche.

Bari habe den Sieg geklaut, behauptet «Blick», natürlich mit Hilfe des Schiedsrichters. Man wisse doch, wie so etwas in Italien läuft. «Pikant: Auf das Testspiel konnten auf italienischen Portalen Wetten abgeschlossen werden.» Nein, gar nicht pikant, sondern leider ganz fad: In Italien, und nicht nur dort, können auf alle möglichen Hinterhof-Begegnungen Wetten abgeschlossen werden. AS Bari ist zurzeit in einen Wettskandal verwickelt. Die haben wirklich andere Probleme, als ein Testspiel gegen Sion abzukarten.

«Die Mutter der Idioten geht immer schwanger. Auch in der Schweiz», hat Baris Bürgermeister Michele Emiliano geäussert. Ziemlich harte Worte. Der Mann kennt sich übrigens ganz gut aus mit der kriminellen Szene in seiner Stadt: Bürgermeister Emiliano ist von Beruf Richter. Er will jetzt den «Blick»-Autor verklagen.

Eine derart starke Reaktion auf ein paar Zeilen im Web mag übertrieben erscheinen. Aber in Süditalien reagiert man empfindlich auf Negativ-Klischees, die das Image empfindlich schädigen können. Für die Region Apulien ist die Schweiz ein wichtiger Handelspartner. Umgekehrt gilt das selbstverständlich auch. Deshalb kommt es ja zu Fussball-Freundschaftsspielen.

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23 Kommentare zu “Freund- und Feindschaftsspiele”

  1. DustinPeters sagt:

    Na ja, über des Niveau der Boulevard-Journalisten im allgemeinen und jenen vom Blick im Speziellen muss man eigentlich nicht diskutieren und es ist auch nicht nötig, ihnen auch noch hier eine Plattform zu geben. Sie haben es bestimmt auch nicht nötig, hier ein Attacke gegen einen Mitbewerber zu reiten, dass soll ja eben dier Bürgmeisternde Richter tun. Und irgendwie wäre es schön, hier im Blog mal wieder was aus CH, D, GB, E von mir aus auch F zu lesen…

  2. tommaso sagt:

    Liebe Birgit, deine Beiträge sind immer spannend und sehr gut recherchiert und auf den Punkt gebracht. Es ist aber irgendwie immer alles schon gesagt, und man kann nur noch bestätigend nicken… Aber wenn du Reaktionen willst, musst du Behauptungen aufstellen, Klischees verbreiten, provozieren. Wie es eben der Blick macht. Oder doch lieber nicht…?

  3. Stephen Bywater sagt:

    Ich musste aufhören den Blick zu lesen. Jedes mal wenn ich das tat wurde ich ein bisschen dümmer. Und ich bin einfach nicht intelligent genug um das auf Dauer zu kompensieren.

  4. E. Schönbächler sagt:

    Die Mediennutzung gerade auch im Sport ist seit ca. anfangs der Siebzigerjahre im Umbruch. Die Tageszeitungen begannen dann ihre Sportteile stark auszubauen. Die renommierte Fachzeitung SPORT und das Sportmagazin TIP waren die ersten Opfer dieser Entwicklung. Sie wurden nach diversen Konzeptänderungen in den Neunzigerjahren eingestellt. Die sportinteressierte Bevölkerung hatte nebst der Tagespresse und den Sportübertragungen im Fernsehen gar keine Zeit mehr den SPORT auch noch zu lesen.

    Dem Blick droht nun ein ähnliches Schicksal. Zwar ist die Boulevardzeitung nicht gerade von der Einstellung bedroht doch das Ringier-Blatt hat schon merklich bessere Zeiten erlebt. Die Pendler lesen nun 20 Minuten und den Blick am Abend. Der “normale” Blick wird vorallem noch im Internet gelesen.

    Da der Spitzensport (und natürlich insbesondere der Fussball) stets zu den wichtigsten Themen im Blick gehörte versucht nun die Redaktion auch in der fussballerischen Sauregurkenzeit “umsverrodä” eine knackige Fussballstory ins Blatt zu hieven.
    Sei es Sions Trainingslager im “Mafialand”, Bickels YB-Vergangenheit oder die Rangelei zwischen Luzerns Rangelov und dem Blickreporter.

    Dass bei diesem medialen Sturm im Wasserglas die Teppichetagen von YB und Luzern nicht gut aussehen ist wieder eine andere Sache…

  5. Lars Furrer sagt:

    die Blickberichterstattungen der Trainingslager sind der Brüller: zehn Zeilen, wichtige Informationen wie ruckelndes Flugzeug für den Ersatzgoali und Durchfall bei Boba. Diese Blickjournis senden pro Tag rund 10 Zeilen Nonsens nach Ringier. Ein Normalsterblicher kriegt dies auch am Abend an der Hotelbar direkt mit dem Smartphone (und nicht dem Schreibblock) hin. Recherche braucht der Blilck nicht, kurz mal in ein Forum reingeschaut und ein paar Worte mit dem Materialwart scheinen völlig auszureichen. Der arme Alain Kunz in Marbella muss sich die Blickwarheit sogar ohne Mithilfe des Materialwarts zusammendichten, den nicht mal dieser spricht mit ihm. Was ihn natürlich nicht davon abhält, genau zu wissen, was die YB Spieler eigentlich so wollen.
    Das der Blick-Sportcheff dann noch von “journalistische Pflicht” spricht ist ein Hohn. Ein absolutes Kommunikationsverbot gegenüber dem nichtsnutzigen Boulevardblatt sowie Klagen für das verbreiten von Unwahrheiten ist längst überfällig. Zudem sollte sich der Blick-Sportchef auch die Frage stellen, was diese Zeitung unter “journalistischer Pflicht” meint. Wenn der Bericht aus Bari und die Berichte über YB dem Blick-Standard genügen, sollte er einen anderen Job suchen.

  6. Peter liechti sagt:

    Die Klischees ueber Sueditalien koennen gar nicht negativ genug sein. Einfach mal die Realitaet beachten oder auch Norditaliener fragen. Im uebrigen will ich Maeme zuruck.

    • Tony Milelli sagt:

      Bravo, du warst sich schon oft in Süditalien und kannst das sehr gut beurteilen.

    • Torsello sagt:

      Waren Sie mal in Süditalien? Sie haben Ihre eigene “Realität”. Oder besser gesagt, beruht sich IHRE “Realität” auf irgendwelche Online Einträge. Also bitte, verurteilen Sie nicht Orte, die Sie zuvor nie gesehen haben.
      Zufälligerweise komme ich aus Süditalien, so höfliche und zuvorkommende Menschen sieht man selten. Aber wahrscheinlich sind Sie ein Sturrköpfiger Schweizer der immernoch ein Problem mit Ausländer hat.

      Schönen Tag noch!

    • Mike sagt:

      Peter Liechti sind Sie ein Bekannter des Blick Journalisten? Vermutlich die Nase nie aus dem eigenen Garten gehabt, aber alles über andere Länder, Leute und Kulturen besser wissen. Kompliment!

    • Ernst Bangerter sagt:

      Habe die letzten vier Jahre mit meiner Familie den Urlaub in Kalabrien verbracht. Habe selten irgendwo anders in Europa eine so herzliche Aufnahme in der Bevölkerung gefunden. Natürlich muss man Land, Leute und Kultur auch respektieren und nicht unnötig Grenzen überschreiten. Süditalien ist eine wunderbare Region in welcher das Italien noch sehr authentisch ist. Lasse mein Auto bedenkenlos an der Strasse stehen (natürlich lasse ich nichts wertvolles darin liegen, wäre bei uns in der Schweiz etwa das gleiche Risiko).

  7. Luditius sagt:

    Ein Journalist des Blicks, der wohl noch nie in Bari oder Italien war. Meine Güte.
    Super Artikel hier aber!

  8. Tridecanol sagt:

    Jaja, der Blick und seine WAHRHEIT™

  9. Hans Füglistaller sagt:

    BRAVO! DEM BLICK AUFS MAUL!

  10. hubert schoch sagt:

    das mit der Klischee-Kiste ist nicht nur ein Blick-spezifisches Ding.
    auch der Tagi ist nicht ganz frei von solchen Anflügen, wenn es um gewisse Themen geht.
    Also bitte mal nicht so laut über die anderen lachen!

  11. Paulo sagt:

    Das Niveau des Blicks lässt sich schon daran messen dass man Bari glatt als Haupstadt Kalabriens betitelt hatte. Es ist die Hauptstadt Apuliens. Kennen wir aber zur Genüge. Napoli wurde von einem Reporter auch mal kurzerhand nach Sizilien gelegt. Offensichtlich sind Geographie Kentnisse kein Einstellungskriterium

  12. Franz sagt:

    Der Blick hat sich doch schon längst vom seriösen Journalismus verabschiedet. Auch im fernen Italien sollte man das wissen. Ringier ist ein Vermarktungsunternehmen für Promis, Sportler und Events. Mir ist schleierhaft, wie man über einen solchen Text schreiben kann. Obwohl: Die Realität sieht kaum so aus, wie sie der Bürgermeister gerne sehen möchte. Aber das gehört nicht in den Steilpass.

  13. Auguste sagt:

    hmm…, die zeiten in italien müssen wirklich hart sein, wenn die mafiosi unten im stiefel schon das papier von den schreibblöcken von “blick-reportern” fressen müssen. wenn man dann noch bedenkt, was da meist für ein mist drauf ist…

    hätten sie doch die laptops oder ipads geklaut , dann könnten sie sich wenigstens eine kochsendung anschauen gegen den gröbsten kohldampf. im “blick” stünde dann wohl: HUNGERSNOT IN BARI! mafia konnte sich an sion nicht satt sehen…

  14. Marcel sagt:

    Komisch – im Blick Online ist nix mehr darüber zu finden – und der Begleitjourni von Sion scheint ja auch ital. Abstammung zu sein (dem Namen nach) — die haben kalte Füsse bekommen 🙂 Typisch Blick – gross im Austeilen und beim Einstecken ziehen sie den Schwanz ein

  15. Thomaso sagt:

    In Sachen Klischee Berichterstatung übertrift wohl selten eineR Frau Schönau!

    Schade um den Blog!

  16. Herzlichen Glückwunsch an die Organisatoren und Teilnehmer!