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Der Trainer als Dompteur

Birgit Schönau am Donnerstag den 10. Januar 2013
Impulsiv und autoritär: Walter Mazzari, Trainer von SSC Napoli, weist seinen Spieler Christian Maggio zurecht. (18. Oktober 2011)

Impulsiv und autoritär: Walter Mazzarri, Trainer von SSC Napoli, weist seinen Spieler Christian Maggio zurecht. (Reuters, 18. Oktober 2011)

Spiel haushoch gewonnen, Trainer stocksauer. «Da haben wir aber Glück gehabt!», raunzte Walter Mazzarri die Journalisten an. «Und Cavani hat wohl wieder alles allein gemacht!» Das war genauso sarkastisch gemeint, wie es klang. Mazzarri, 51, ist Trainer der SSC Napoli, also auch von Nati-Captain Gökhan Inler. Wahrgenommen wird Mazzarri aber vor allem als Coach von Edinson Cavani, dem Super-Stürmer aus Uruguay. Cavani, 24, hat in dieser Saison bereits 25 Tore geschossen. Gegen die AS Roma machte er am Sonntag drei. Napoli gewann 4:1 – und der Trainer war wütend. Es solle gefälligst die Mannschaftsleistung gewürdigt werden, schnaubte Mazzarri. Also seine. Immer nur Cavani! «Der kam aus Palermo nach Neapel, nicht von Real Madrid. Bei uns wurde er dann zum Star.» Also durch ihn. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen, auch nach einem Dreierpack! Was ist schon ein Tor pro Spiel? Was bedeutet es denn, dass Napoli mit Cavani sozusagen in jede Partie schon 1:0 startet? Gar nichts. Meint der Trainer.

Trainer oder Spieler?

Das kann man lächerlich finden, doch der impulsive Coach Mazzarri berührt damit ein philosophisches Problem, das so alt ist wie der Fussball selbst: Trainer oder Spieler, Mannschaft oder Einzelkünstler? Das ist das Dilemma, und wie es sich für ein ordentliches Dilemma gehört, bleibt es unlösbar. Sicher, spontan würde wohl jeder sagen: Mit Messi in der Mannschaft hole ich auch jeden Titel. Oder mit Ibrahimovic. Mit Messi in der argentinischen National-Mannschaft scheiterte aber ein gewisser Diego Armando Maradona bei der letzten WM im Viertelfinale und der Superstar schaffte kein einziges Tor. Und Ibrahimovic, der kürzlich England quasi im Alleingang versenkte, war schon mit sechs Klubs in der Champions League, doch einen Titel holte er nie.

Andererseits wurde Griechenland mit einer Truppe Europameister, die schlicht die Anweisung von Trainer Otto Rehhagel befolgte, immer schön Beton anzurühren und notfalls den Ball zu verstecken. Griechenlands Sieg war eine Ohrfeige für den Fussball, aber ein Trainer-Triumph, einer unter vielen. Auch das Triple der Mailänder Internazionale gehört in diese Kategorie, jedenfalls hat José Mourinho viele davon überzeugt. Wie er im Halbfinale 2010 das eigentlich überragende Team von Barcelona ausschaltete, war auch wirklich eine Glanzleistung. Aber Eto’o, Sneijder und Milito waren dabei auch nicht zu übersehen.

Vater und Dompteur

In Italien ist die Figur des Trainers traditionell besonders stark. Der Coach ersetzt den Pater familias, er formt und erzieht seine Truppe. Er ist eher Pädagoge als Motivator. Dabei darf er autoritär sein, das wird sogar von ihm erwartet. Dem italienischen Trainer ist Genialität ein Dorn im Auge, er empfindet sie als zersetzend. Er arbeitet wie ein Dompteur im Löwenkäfig und müht sich nach Kräften, aus temperamentvollen Raubkatzen handzahme Miezekätzchen zu machen. Legendär sind die Kämpfe zwischen Marcello Lippi und Roberto Baggio, am Ende verbot der Trainer dem aufsässigen Spieler sogar dessen Lieblings-Salatsauce. Renzo Ulivieri, Baggios Coach bei Bologna, sagte einmal: «Ich gewinne lieber mit einem Tor von Nervo als mit einem von Baggio.» Nervo machte ein Tor pro Saison, Baggio 22, an Ulivieri erinnert sich ausserhalb von Italien sowieso keiner mehr. Andere Trainer haben es geschafft, berühmter zu werden als ihre besten Spieler. Fabio Capello, Spitzname «Feldmaresciallo», wurde in Spanien und Italien Meister, anschliessend trainierte er England. Und Giovanni Trapattoni kann trainieren, wo er will, immer ist er der Star.

Walter Mazzarri wird es wohl nicht schaffen, Edinson Cavani zu überstrahlen. Er hat seinen Platz in den Annalen als Trainer, der Napoli nach mehr als 20 Jahren in die Champions League zurückführte. Cavani aber hat das Zeug zum Weltstar – wenn er Mazzarri und Neapel verlässt.

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6 Kommentare zu “Der Trainer als Dompteur”

  1. Marco sagt:

    eine einzelfigur am richtigen ort kann sehr wohl den unterschied machen. auch die oben erwähnten ‘negativ’-beispiele:
    ibrahimovic: wieviele nationale meistertitel (und mit unterschiedlichen teams) hat er geholt?
    maradona: wieviele mittelmässige teams hat er als spieler zu titeln geführt?

    die theatralik der trainer in italien kann man vielleicht auch als versuch deuten, der divenhaftigkeit der spieler etwas entgegenzusetzen. schwer genug, wenn sie durch die presse in den himmel gehoben werden.

  2. manu sagt:

    Ich war immer der Meinung, dass ein schlechter Trainer zwar auch die beste Mannschaft in die Krise führen kann, während die Aufgabe seiner begnadeteren Kollegen hauptsächlich darin besteht, das Team vor der eigen Dumm- und Überheblichkeit zu schützen.
    Mit der zunehmenden Unselbstständigkeit der Fussballer bin ich allerdings immer weniger sicher…

  3. Paulo sagt:

    Die in meinern Augen grösste Trainerpersönlichkeit Italiens Arrigo Sacchi wurde nicht genannt. Legendär seine Trainingsmethoden mit mehrstündigen Theorien vor den Wandtafel und Anweisungen via Megaphone. Die damit verbundenen Probleme mit Spielern wie Van Basten waren vorprogrammiert. Jedoch hat er in vier Jahren bei Milan (1987-1991) den schönsten und offensivsten Fussball gezeigt den die Serie A jemals gesehen hatte. Wohl auch deshalb wurde er in Italien nie richtig geschätzt und verstanden.

  4. Daniel sagt:

    Guter Blog
    Und der bei uns unterschätzte Petkovic grüsst mit seriöser Arbeit sowie einer wohltuenden Portion Bescheidenheit von Platz 2 mit Lazio Rom. Da fällt mir in unserer Super Leage Uli Forte ein. Beste Beispiele, was durch viel Arbeit und auch mit weniger Geld möglich ist.

  5. Auguste sagt:

    hmm…, glaubt man spox.de, soll real madrid schon in kontakt stehen mit cavani, als möglichem ersatz für cr7, falls den unerwiderte liebe – diesmal von pep aus barcelona an der fifa-fete – nicht wieder in eine luxus-depression treibt.

    das verhältnis von trainern zu ihren goalgettern ist ungeheuer komplex. ganz besoners im an grossen uebungsleitern reich gesegneten italien, wo fussball zwar nicht erfunden, aber oft schon brillant weiterentwickelt wurde von meistern, die, wenn sie malen und nicht nur bauen könnten, dem land wahrscheinlich noch mehr mauern – voller bunter “tags” – aufs spielfeld gestellt hätten. weil sie aber wochenende für wochenende oftmals in ruinen ihrem kunsthandwerk nachgehen müssen, kann es schon passieren, dass man etwas reizbar wird, aber vielleicht ist bei mazzarris einfach die müllabfuhr wieder mal wochenlang nicht gekommen und ihm hat’s einfach grad genug gestunken. dazu noch ein dreierpack vom mittelstürmer. da kann man schon mal etwas die conténance verlieren. man ist ja schliesslich auch nur ein mensch – wenn man nicht gerade gott an der seitenlinie repräsentiert.

    da haben wir es hierzulande einfacher. unsere trainer sind “verbrauchsmaterial”. in sion ist ihre halbwertszeit kürzer als die eines “post-it” zettelchens, zum kuschel-fcz wollen fremde schon gar nicht mehr hin, basel ist nicht sempach, auch wenn dort vogel unerwartet aufstieg und genauso unerwartet wieder auf die erde zurück knallte. der katholische pole bei den katholischen innerschweizern – ein “match made in heaven” sieht anders aus, und rueda hätte wohl auch lieber wieder mehr ruhe dort in bern. fischer am thunersee – wenigstens etwas, wovon man annehmen könnte, dass es vielleicht etwas länger passt.

    und damit auch wir hier zwischen boden- und genfersee unseren spass haben, hat man vom aarebogen den bobadilla raoul ans rheinknie gelotst. panta rhei – alles fliesst, wussten schon die alten griechen von panathinaikos, als noch geld für transfers da war.

  6. René Baron sagt:

    Einzelspieler sind einfach zu diskutieren weil unmittelbar und offensichtlich. Die Trainerarbeit dagegen ist höchst komplex, alles andere als offensichtlich und nur über einen längeren Zeitraum hinweg als Entwicklung erfass- und bewertbar.
    Wenn es stimmt, dass sich die Medien nach dem Leser richten ist eine objektive Trainerkritik praktisch gar nicht möglich. Wenn es stimmt, dass Clubverantwortliche intellektuell schnell einmal überfordert sind und schon gar nicht die Zeit haben genau hinzuschauen, ist auch klar wo deren Präferenzen liegen.
    Zum Glück gibt es Statistiken. Sie sind einfach und schnell zu lesen – sind also eigentlich medien und managerfreundlich – und belegen, dass geeignete Trainer sowohl schnellere wie auch nachhaltigere Wirkung zeigen als Einzelspieler. Insbesondere gilt dies für den Nachwuchs. Aber eben – wen intreressiert das schon!