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Wie man über Fussball spricht

Mämä Sykora am Donnerstag den 13. Dezember 2012
Haben sie eine Ahnung? Milans Nesta (r.) diskutiert mit Crespo vom Stadtrivalen Inter, 7. Mai 2003. (Bilder: Keystone)

Haben sie eine Ahnung? Milans Nesta (r.) diskutiert mit Crespo vom Stadtrivalen Inter, 7. Mai 2003. (Bilder: Keystone)

In Umberto Ecos grossartigem Buch «Wie man mit einem Lachs verreist» erteilt der italienische Autor dem geneigten Leser diverse Ratschläge für Alltagssituationen. Es findet sich sogar ein Kapitel, das erläutert, wie man nicht von Fussball spricht. Denn Herr Eco mag den Fussballfan nicht, und zwar «weil er eine seltsame Eigenart hat: Er kapiert nicht, dass man selbst keiner ist, und beharrt darauf, mit einem so zu sprechen, als ob man einer wäre.» Dabei könnte sich Herr Eco glücklich schätzen in seiner Situation, denn er muss nicht darüber sinnieren, wie man über Fussball spricht. Nach jahrelangen Feldstudien bin ich nämlich zum Schluss gekommen, dass man das am besten überhaupt nicht tut. Ausser – und wirklich nur in diesem einen Fall – man befindet sich in Gesellschaft bester Freunde, die allesamt das Gleiche wertschätzen, sei dies die Art des Fussballspiels oder die bevorzugte Mannschaft.

Denn aus irgendeinem Grund – die Suche danach ist eines der am sträflichsten vernachlässigten Forschungsfelder der Wissenschaft – hat jeder, der schon einmal das «Sportpanorama» verfolgt hat, das Gefühl, er sei die höchste Instanz in Fussballfragen, während jeder andere nur ein bemitleidenswerter Plauderi sei. Eine beliebte Replik in Online-Kommentaren ist denn auch der Klassiker, dass der Vorschreiber «keine Ahnung von Fussball» habe. Sie ist sogar so beliebt, dass sie in den letzten zwölf Monaten in exakt dieser Form 179 Mal in Kommentaren zum «Steilpass»-Blog niedergeschrieben wurde. Erstaunlicherweise wird diese Formulierung in Diskussionen über Gentechnologie, die Wirren im Südsudan oder die Weissgeldstrategie kaum bemüht, obwohl in diesen Bereichen tatsächlich sehr viele Leute – mich eingerechnet – «keine Ahnung» haben.

Expertenrunde beim Training: Nati-Coach Artur Jorge (r.) mit Assistenztrainer Hans-Peter Zaugg, 29. Mai 1996.

Expertenrunde beim Training: Nati-Coach Artur Jorge (r.) mit Assistenztrainer Hans-Peter Zaugg, 29. Mai 1996.

Als wären das nicht schon genug Hindernisse in der Fussball-Kommunikation, wird sie zusätzlich erschwert durch die Verbreitung des «Fussball-Babelfischs». In seiner ursprünglichen Form ist der Babelfisch ein Lebewesen aus Douglas Adams’ unbedingt lesenswertem Roman «Per Anhalter durch die Galaxis», das man sich ins Ohr einführt – also den Fisch, nicht den Roman – und dank dem der Träger alle Sprachen versteht. Fussball-, genauer: Vereinsfans tragen indes eine gefährliche Mutation dieses Symbionten in sich, die sämtliche noch so kuschelweichen Äusserungen des Gesprächspartners in verbale Attacken auf den Herzensverein des Babelfisch-Trägers verwandelt.

Klagt also etwa Person A aus Zürich über das bescheidene Niveau der Super League, kommt das bei Person B aus Basel in etwa folgendermassen an: «Der FCB ist eine himmeltraurige Gurkentruppe, bestehend aus lauter Unsympathen erster Güte, die selbst gegen eine Auswahl schwer verletzter Strandfussballer aus Kiribati mit wehenden Fahnen untergehen würde.» Darauf folgt als Replik zwingend – man kann es sich denken – eine Variante aus der Keine-Ahnung-Schublade, angereichert mit einem Assortiment erlesenster Beschimpfungen und Beleidigungen.

Wer sich auf Fussballgespräche ausserhalb seines engsten Kreises einlässt, wird demzufolge entweder als Nixblicker, Neidhammel oder noch viel Schlimmeres bezeichnet. Lohnt sich das? Nur für ein paar Momente verbalen Klingenkreuzens – zumal man in solchen Diskussionen nicht gewinnen kann? Ja, nicht einmal das Rechthaben ist einem vergönnt, denn meistens dominiert der Konjunktiv. Behandelt werden irgendwelche hypothetischen Fragen und Konstellationen, die niemals verifiziert werden können. Man kann also nicht einmal die gewagte These mit den kiribatischen Strandfussballern widerlegen. Oder dass Georges Bregy die Schweizer Nati in die WM-Viertelfinals führen würde. Fussballdiskussionen sind also nicht nur ermüdend, sondern auch zwecklos. Vollkommen. Es gibt nur eins: aufhören, über Fussball zu sprechen. Und genau das werde ich tun. Für immer. Bis morgen zumindest. Oder sagen wir: bis heute Nachmittag.

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33 Kommentare zu “Wie man über Fussball spricht”

  1. Dustin Peters sagt:

    Jaja lieber Mämä
    Mal wieder typisch für Deinen Blog. Warum ist jetzt in Deinem Beispiel ausgerechnet grad der Basler, der schwersensible Nichtsversteher? Ist doch wieder typischer Zürcher Neid auf unsere einmaligen, auf Jahrzehnte hinaus unschlagbaren Rot-Blauen Götter. Aber dass Du keine Ahnung von Fussball hast sieht man ja an Deiner Behauptung, Bregy für die Nati in den Viertelfinal führen. Das ist so was von Quatsch. Niemals bei seiner momentanen Fitness. Und Kiribati wird definitiv überbewertet!

    • Bächi sagt:

      Hallo Dustin Peters

      Ist dieser Kommentar ernst gemeint? Du reagierst nämlich direkt wie vom Autor beschrieben.. 🙂

      Das zeigt gerede wie treffend dieser Blogeintrag ist

      • Matthias Roth sagt:

        🙂 so geil. hab mir beim lesen wirklich überlegt, ob jetzt jemand schreibt, keine ahnung vom fussball,
        kann doch nicht sein, dacht ich mir… und prompt der erste kommentar. Wunderbar!

        • Dustin Peters sagt:

          Gibt Leute, die Ironie nicht erkennen und wenn man sie ihnen mit dem Zweihänder um die Ohren schlägt…
          Und wiedermal staune ich eigentlich nur, dass ich staune

          • verstehnix von fussball sagt:

            oh, Dustin, so selbstverliebt? – und ja, Ironie erkennen ist Glückssache, so wie Fussball verstehen
            :-0

          • Dustin Peters sagt:

            Natürlich, bin ja der einzige geile Cheib hier drin…

          • La Bomba sagt:

            @ Dustin, ich glaub du musst ab sofort “Vorsicht: Ironie!” im Titel integrieren – sonst lassen sich die Experten zu schnell verwirren. Unglaublich, dass man die Ironie nicht tscheggt (Kiribati überbewertet, Bregy’s aktuelle Fitness).

    • Max Müller sagt:

      hahaha es muss schon immer noch ein depp geben !;)

      • M'boma sagt:

        Das wirklich traurige an den Fussballdiskussionen ist, dass das Debattieren über Fussball nie, aber gar nie über über den eigenen Tellerrand hinausgeht. D.h. es geht immer nur darum, wie geil der eigene Klub ist und wie geil das eigene Wissen darüber und wie geil die eigene Kenntnis über Fussball ist. Dabei wäre es durchaus interessant, systemische Fragen zum Fussball zu stellen, was aber niemand tut, warum auch immer. Zum Beispiel zum Thema Kiribati: Wer kennt schon Kiribati ? Also wieso wird um Gottes Willen Kiribati als Beispiel angeführt. Man kann nicht über etwas sprechen, das man nicht kennt. Fussballdiskussionen sind immer derart fatalistisch, dass man meinen könnte, es gehe um Leben und Tod. Und das hasse ich an Fussballdiskussionen. Ich dachte immer, nur die Deutschen seien so fussballfanatisch. Aber ich merke, dass es bei uns um kein Haar besser ist. Und das lässt mich zum Schluss kommen, dass die Wenigsten wirklich was von Fussball verstehen, wahrscheinlich am wenigsten die Fussballer selber. Und die Trainer schon gar nicht. Der wahre Kenner des Fussball heisst Zufall (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/numerator-fussball-ist-gluecksspiel-a-467126.html).

  2. Christoph Siegenthaler sagt:

    Was für ein sehr, sehr guter Text! Endlich mal ein Fussball-Blog, der die unglaubliche Problematik der Fussball-Diskussion auf den Punkt bringt. Es gibt hier jedoch einige Dinge dazu zu sagen:
    Erstens: Fussball-Experten, die wirklich Ahnung haben, sind alle, die den Fussball-Manager von Bright Future spielen. Echt!
    Zweitens: Georges Bregy würde die Schweiz zum Weltmeister machen. Wenn er noch spielen würde. Er würde einfach jeden Freistoss verwandeln – auch aus 60 Meter Entfernung!
    Drittens: Umberto Eco hat nebenher auch über irgendwelche mordlüsternde Mönche geschrieben – er hat wirklich keine Ahnung!
    Viertens: Genau die Diskussion über ein Spiel, eine Situation usw. macht den Fussball so höchst interessant. Ich liebe es, noch Jahre später etwa vom Champions League-Final 1999 zwischen Bayern und ManU zu debattieren. Hätte Hitzfeld Matthäus auswechseln sollen? Wieso trifft Carsten Jancker nur den Pfosten? Und warum lässt Hitzeld Sammy Kuffour auf dem Feld? Fragen über Fragen, und genau dies macht den Fussball volksverbindend, diskussionsfördernd und interessant. Ich bin der Meinung, dass Fussball per se den Weltfrieden fördert – und deswegen den Friedensnobelpreis verdient hat!

  3. Karl Renner sagt:

    Ohne mir den ganzen Artikel antun zu wollen, stelle ich fest, dass diejenigen, die sich zu viel mit Fussball befassen, ziemlich verblödet erscheinen. Fussball ist nun mal ein Sport, den jeder Prolet verstehen kann, sodass er den überhaupt will,

  4. de Philippe sagt:

    Tschau Mamä. Mit dem drittletzten Satz hast du mich kurz geschockt. Danke, dass du es nicht tust!

  5. allen sunderberg sagt:

    Sie haben doch keine Ahnung von Fussball, Herr Sykora!

  6. Augste sagt:

    hmm…, mäma, so sehr ich 42 als die universelle antwort (siehe douglas adams’ galaxis-reiseführer) akzeptieren kann, bin ich nicht ganz sicher, ob sie einen sion-fan befriedigt, der damit hadert sogar freiwillig eintritt zu bezahlen, um autokratie, wirres despotentum und anderes, recht durchgeknalltes jahrein jahraus live mitzuerleben. war 42 gar die platznummer der sitzschale, die fringer rolf fast schon magisch auf die tribüne zog? nannte vielleicht vogel die zahl 42 als präsident heusler fragte: “…und an wieviele neue spieler haben sie so gedacht?” – und flog darauf? war 42 nicht auch die durchschnittliche besucherzahl bei gc-heimspielen der sforza-ära? antworteten die thuner-spieler “42!”, als challandes ihnen die vertrauensfrage stellte? nur bei yb scheint 42 als antwort nicht zu funktionieren. das mag daran liegen, dass im roulette die zahlen bei 36 aufhören. schwarzer peter oder black-jack bei rueda steht die antwort noch aus.

    das fussballgespräch – die schnittstelle zwischen ahnungslosigkeit und gewissheit. und schon sind wir wieder bei 42 gelandet.

  7. Franco sagt:

    danke für diesen artikel! genau so ist es. muss immer wieder grinsen wenn ich höre, du hast ja keine ahnung vom fussball. oder noch besser: ich weiss imfall besser bescheid als du. dabei wird die ganze zeit nur hypothetisch gequatscht und um belege schert sich niemand.

  8. Philipp Rittermann sagt:

    na ja. sind wir ehrlich. fussballer sind fussballer weil sie fussball spielen können. die restlichen talente halten sich ja meist in engen grenzen. wenn sie glück haben, finden sie nach der aktiven karriere ein trainer jöbli, und wenn sie pech haben, verkaufen sie danach wein oder versicherungen….. hier meine persönlichen top-3 in der iq-skala absteigend:
    1) ruderer
    2) fussballer
    3) velöler.

    • Kraft sagt:

      Es geht aber um die Konsumenten und nicht um die Sportler, Herr Rittermann. Abgesehen davon: Fussball ist halt ein dermassen einfaches Spiel, dass jeder sich zum Experten berufen fühlt. Sogar Herr Rittermann 😉

      • Philipp Ritterahnungslosmann sagt:

        also wenn einer keine ahnung hat, dann bestimmt ich. nicht mal den artikel habe ich gelesen…. mea culpa. 🙂

  9. Simon sagt:

    Lieber Herr Sykora. Sie haben nun einfach wirklich keine Ahnung von Fussball;-)

    Schöne Weihnachten.

    Ein begeisterter Blogleser

  10. Urhopper sagt:

    Also ich habe Ahnung.
    Der Rekordmeister ist das Mass aller Dinge der Rest einfach nur Amateure…
    Der Izet der brillianteste Freistossstütze und der Erich der beste Sportchef

  11. Safet Susic sagt:

    Wie immer erfrischend geschrieben blochin.

    Danke

  12. Sandro Hartmann sagt:

    Herrlich. Bester Steilpass Blog bisher. Danke Mämä

  13. Lechim Remoos sagt:

    Mämä, du hast keine Ahnung ;-))

  14. Javier Bernal sagt:

    …”das bescheidene Niveau der Super League”….endlich jemand ders auf den Punkt bringt!

  15. Boris Jäggi sagt:

    Zu diesem Thema, unbedingt lesenswert: Die Kolumne von Pedro Lenz, zu Fussball als Kommunikation
    http://www.woz.ch/1249/fussball-und-andere-randsportarten/zum-beispiel-auf-der-schuetzenwiese

  16. Tom sagt:

    Bravo, ein toller Blog, da gibt’s gar nichts mehr hinzuzufügen!

  17. Simon Kaiser sagt:

    Ist leider so. Dazu kommt, dass Fussballer wohl zu den ungebildesten (ich bin selber auch Fussballer) Sportler dieses Planeten gehören. Ob nun Breitensportler oder Profis spielt meistens nicht einmal eine Rolle. Dass die Fans dem natürlich nicht nachstehen ist klar. So entstehen dann auch die “keine Ahnung von Fussball” Dialoge…

  18. manu sagt:

    Einmal mehr, Mämä, einfach nur fantastisch!

  19. Volltreffer! Danke, Herr Sykora, anzumerken gibt’s hier nichts mehr.

  20. romario sagt:

    also wenn man heute die kommentare auf blick.ch zum wechsel von serey die zum fcb liest, dann muss man einfach einsehen, dass gewisse leute keine ahnung von fussball haben. oder sind diese leute schlichtweg verblendet von ihrem hass oder neid? da habe ich doch tatsächlich kommentare gelesen, dass es nicht fair sei, in dr superleague spieler von anderen vereinen zu holen. oder dass der fc basel keine eigenen leute aus dem nachwuchs nachziehen würde etc. etc. ich glaube dass es hier in diesem blog nicht mal nötig ist all die nachwuchsspieler zu erwähnen die vom fcb in den letzten jahren herausgebracht wurden und immernoch werden. fazit: es gibt sehr wohl leute die GAR KEINE AHNUNG HABEN. und diese leute tun dies sogar noch offen kund. bitter!

  21. Black Eagle sagt:

    Na ja, der Bregy Georges hatte seine Chance, die Schweiz in den WM-Viertelfinal zu führen. Ausser seinem legendären Freistosstor zur Führung gegen die USA – von Beni Thurnheer mit dem noch legendäreren Spruch “Schweiz 1, Bregy 0” kommentiert (welcher by the way kurz darauf durch die Feststellung “Es gibt keinen zweiten Bregy” vor dem Ausgleichstor der USA getoppt wurde) – gelang ihm aber nichts wahnsinnig Ausserordentliches.

  22. Buschbrenner Rudi sagt:

    Genau deshalb haben die Young Boys in Ihren Statuen veranktert, dass verlieren Plicht ist. Bei dieser Ausgangslage kann jeder – ob er Ahnung hat oder nicht – immer schön mitdiskutieren und keinen kümmerts.