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Es lebe die neue EM!

Mämä Sykora am Freitag den 16. November 2012
Michel Platini im National Stadium in Warschau, April 2012. (Foto: Keystone)

Eine Europameisterschaft in mehreren Ländern ist eine gute Idee: Michel Platini im Nationalstadion in Warschau, April 2012. (Foto: Keystone)

Die Idee hatte Uefa-Präsident Michel Platini schon während der EM 2012 angekündigt, nun hat er sie noch etwas detaillierter ausgeführt: 2020 soll die Endrunde nicht mehr in einem oder zwei Ländern ausgetragen werden, sondern in 13 verschiedenen Staaten. Die Pläne stiessen weitherum auf Ablehnung und wurden als «Schnapsidee» abgetan. Zu Unrecht, denn es könnte die «Rettung» für die Europameisterschaft sein.

Einer der Kritikpunkte ist, dass bei dieser Revolution das Länderspezifische verloren geht. In Tat und Wahrheit gibt es dieses längst nicht mehr. Die Anforderungen an Stadien, Verpflegung, Fan-Zonen und Infrastruktur vonseiten der Uefa sind derart gestiegen, dass man als Besucher mittendrin nicht mal sagen kann, ob man nun in Charkiw, Bern oder Porto ist. Eine Endrunde ist bis ins kleinste Detail reglementiert, da bleibt kein Platz mehr für Länderspezifisches.

Natürlich werden auch die weiten Distanzen kritisiert. Die Gruppen sollen aber ohnehin im Land des Gruppenkopfs ausgespielt werden, weite Reisen fallen demnach nur in den K.-o.-Runden an. Zudem: Von Donezk nach Danzig waren es schon 2012 über 1500 Kilometer, da ist selbst Rom-Bukarest oder Basel-Stockholm weniger weit. Wenn die Gruppenspiele klug angesetzt werden, muss hier keine Zunahme der Reisedistanzen befürchtet werden.

Die Pros überwiegen auf jeden Fall. Für die letzten EM-Endrunden wurden unzählige Stadien errichtet, die heute kaum mehr genutzt werden. In Portugal stehen seither in Leiria, Coimbra, Faro, Aveiro, Guimarães und Braga völlig überdimensionierte und teilweise gar nicht mehr bespielte Arenen, gleiches gilt für viele der neuen Bauten in Polen und der Ukraine. Und es wäre ebenso der Fall, wenn etwa die Türkei, Aserbaidschan und Georgien oder Schottland, Irland und Wales die Endrunde 2020 zugesprochen bekämen. Das ist nicht nur ein kompletter Irrsinn, sondern auch für die Austragungsländer eine grosse finanzielle Belastung. Stadien sollten für die Anforderungen der Heimvereine gestaltet werden, nicht für 2-3 Partien an einer Endrunde und danach dem Verfall preisgegeben werden.

Das von Platini vorgeschlagene Format ist auch ein Weg, um das drohende Horrorszenario abzuwenden. Mit der unsinnigen Aufstockung auf 24 Teilnehmer besteht nämlich die Gefahr, dass die Stadien längst nicht immer gefüllt sein werden. Wer will denn schon etwa in Baku das Vorrundenspiel zwischen Ungarn und Slowenien schauen gehen? Mit Platinis Vorschlag gäbe es gleich 13 Gastgeberländer, die für volle Ränge sorgen würden. Ein cleverer Schachzug.

Eine EM mit diesem Modus greift auf bereits Bestehendes zurück – zumindest ein den Ansprüchen genügendes Stadion haben alle in Frage kommenden Austragungsländer – und verhindert so, dass sich die Gastgeber wegen unbrauchbaren Riesen-Arenen, überdimensionierten Flughäfen und Hotels in unnötige Unkosten stürzen und bringt die Spiele dahin, wo die Leute sind. Bei so vielen Austragungsorten ist eine Komplett-Gleichmachung zudem kaum mehr möglich, Lokalkolorit gibt’s demnach mit der neuen Umsetzung eher mehr als zuvor. So sollte eine Europameisterschaft sein. Mir fällt wahrlich nichts sein, was an diesem Plan schlecht sein sollte. Zwar wird der Plan lediglich als Ausnahme wegen des 60-jährigen Jubiläums der EM angepriesen, für mich könnte es aber gerne ab 2020 immer so sein. Es lebe die neue EM!

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23 Kommentare zu “Es lebe die neue EM!”

  1. Michel Zenger sagt:

    Jawoll !!! Es lebe mein Vornamensvetter.

    (weiterer Kommentar überflüssig)

  2. mostindianer sagt:

    die idee könnte von mir sein. will sagen: das ist mir vor platini schon in den sinn gekommen. eigentlich gibt es tatsächlich gar keine contra-punkte.

  3. Martin sagt:

    Das ist das Dümmste was ich zum Thema Fussball je gehört, resp. gelesen habe. Eine EM (oder auch eine WM) das sind ganz besondere Veranstaltungen, für die man sich zuerst qualifizieren muss und dann, als Höhepunkt, fährt man an dieses Turnier. Ein Ort, an dem es brodelt und von Fans aus allen Ländern wimmelt. Davon lebt doch diese Veranstaltung, alles andere ist doch wie Champions-League! Mal eben nach Bukarest fliegen oder nach Helsinki, wo soll da der besondere Kick sein, das haben wir ja schon in der Qualifikation!!!!!

    • Marcel sagt:

      Als regelmässiger EM und WM-Fahrer gefällt mir die Idee auch nicht. Es war immer etwas besonders in eine Region zu reisen um mit anderen Fans spiele zu sehen und zu feiern.
      Man würde besser die Endturniere nur noch in Ländern oder Regionen durchführen, wo die Infrastruktur schon steht und auch die ganzen Auflagen etwas entschlacken.

    • Dustin Peters sagt:

      Yep. Bin auch dagegen. Letztendlich ist’s nur ne weitere Massnahme noch mehr Geld zu scheffeln. Die erste SchnappsIdee war das aufstocken auf 24 Teams. Damit kurbelt man das Merchandising um weitere 8 Länder an. Um das Problem zu stemmen, dass so ausser den Big 5 (DE/EN/FR/ES/IT) noch kaum ein Land im Stande sein wird, eine EM zu organisieren, verteilt mans halt auf mehrere Länder. Würde man bei 16 Länder bleiben, sich mal vom Gigantismus verabschieden, könnte man die EM nach wie vor in einem, max. 2 Ländern durchführen. Warum reichen Stadien, die während der Qualifikation und im Meisterschaftsbetrieb reichen plötzlich nicht mehr aus?
      Die EM verliert so an Turniercharakter. Dazu wird den Ländern die Möglichkeit genommen, sich der Welt zu präsentieren. Man erinnere sich an die WM 2006. Deutschland hat diese Chance perfekt genutzt, das Motto zu Gast bei Freunden hat einen grossen Imagegewinn bewirkt.

    • Martin Eggenberger sagt:

      Eine Quali wird nach wie vor notwendig sein, auch wenn bei 24 Teams diese etwas weniger selektiert als heute. Die Gruppenspiele finden im Land des Gruppenkopfes statt, also in 6 Ländern. Das gibt wirklich Feststimmung in diesen Ländern, ohne dass sich diese in milliardenschwere Unkosten werfen müssen. Ich nehme an, Halbfinals und Final werden im selben Land gespielt, so dass gegen Ende des Turniers trotzdem noch ein klarer Host auszumachen sein wird.

      Ich finde: geniale Idee, könnte man von mir aus immer so durchführen!

  4. Reto Wehrli sagt:

    sehe ich genau so. ob diese idee aber an den traditionalisten scheitern wird? man wirds sehen.

  5. Tom Müller sagt:

    Das ist weder die Beste Idee aller Zeiten, noch das Dümmste, was je geschrieben wurde. Es ist eine Alternative mit Vorteilen (wie vom Mämä geschildert), aber auch Nachteilen. Ich würde vermissen: das Multikulti-Volkfest in den Austragungsstätten, das gemeinsame Feiern der Fans aus verschiedensten Ländern, Stadien, die nicht nur einfarbig geschmückt sind, …
    Nichtsdestotrotz bin doch eher ein Befürworter der Platini-Idee.
    Oder weshalb nicht: Eine normale Qualifikation, bei der sich 32 Mannschaften für ein KO Turnier qualifizieren. In der ersten Runde haben die Aussenseiter Heimrecht, bis und mit Viertelfinale die Favoritenmannschaften und Halbfinal/Finale werden an einem vordefinierten Ort gespielt.

  6. dres sagt:

    @Martin: Wenn Sie die EM in einem oder zwei Ländern austragen brodeln die Fans genau in der Stadt, in welcher ihre Teams spielen. Daran würde auch eine Ausweitung auf mehrere Länder nichts ändern.
    Ich finde die Idee sehr interessant. Die einzige Frage, die sich bei mir stellt, ist jene der Koordination. Da dürfte der Aufwand doch beträchtlich steigen. Aber weiter daran arbeiten, das kommt schon gut.

  7. Fredi sagt:

    Überhaupt nicht einverstanden, Mämä. Selbstverständlich geht das Länderspezifische verloren. Bei aller UEFA-Reglementierung – eine EM-Endrunde findet nicht nur in den Stadien statt, sondern ist ein Volksfest im jeweiligen Ausrichterland. Genau darum geht es bei einer EM und dieser Volksfestcharakter ginge mit dieser Schnapsidee völlig verloren. Und was ist mit den Fans, die ihrer Mannschaft hinterherreisen wollen? Gruppenspiele in Skandinavien, Viertelfinale in Portugal, Halbfinale in London und Finale in Istanbul – wirklich toll, momoll. Aber die UEFA-Funktionäre braucht das ja nicht zu kümmern, die können eh im Privatjet herumfliegen. Und dass ausserdem niemand erkennt, dass dieses Konzept in erster Linie dem Kohle scheffeln dient, gibt mir auch zu denken. Da aber die Meinungen offentlichtlich schon längst gemacht sind (d.h. wenn Platini etwas will, kriegt er es auch), muss man sich wohl damit abfinden und kann nur hoffen, dass es nur einmal dazu kommen wird.

    • Mäsi sagt:

      So krass seh ich’s nicht.

      Gruppenspiele an einem Ort passt.
      Achtelfinale und Viertelfinale des jeweiligen Tableau-Viertels in geographischer Nähe (z.B. D oder Ö/CH etc.)
      Halbfinale und Finale ebenfalls in geographischer Nähe.

      Also muss dazwischen gerade mal 2 Mal ein wenig weiter gereist werden. Je nach Austragungsorte und Modus ist das gar nicht mal so wild. Ins Flugzeug steigen muss man im Endeffekt sowieso – ob der Flug nun 1h länger dauert, spielt da auch keine Rolle mehr.

  8. Paul Müller sagt:

    Stimmt, die Idee ist nicht schlecht.
    Schwachsinnig war einfach, die EM auf 24 Mannschafte aufzustocken – entwertet a) die Qualifikation und b) vor allem auch die Gruppenphase, wenn selbst 4 der Gruppendritten noch in K.O.-Phase einziehen.

    Die infrastrukturellen Vorteile sprechen wie angetönt ebenfalls für diesen Wechsel.
    (Kleine Korrektur höchstens zur Ukraine, wo ich eine sehr schöne und stimmungsvolle Euro erlebte: die Stadien in Kharkov und Donetsk bestanden bereits vorher, das Olympiastadion in Kiev wurde modernisiert – diese werden alle heute regelmässig von den ansässigen (Spitzen-)klubs gebraucht. Nur dasjenige in Lemberg entstand neu, dient heute aber auch als Spielstätte von Karpaty.

  9. Markus sagt:

    Ganz Europa scheint mir zu verzettelt, und die Distanzen zu gross. Um die im Artikel genannten Vorteile (bestehende Stadien und sonstige Infrastruktur, immerhin ein wenig Lokalkolorit) dennoch erhalten, könnte ich mir ungefähr folgenden 16-Jahres Turnus vorstellen:
    Suedwesteuropa: Spanien, Portugal, Frankreich, Italien
    Suedosteuropa: von Wien bis Istanbul
    Nordeuropa: GB, Irland und Skandinavien
    Osteuropa: Von Bern/Berlin/Amsterdam bis Moskau

    • DK sagt:

      Den Gedanken hatte ich auch: machen wir doch regionale Turnier. 4-5 benachbarte Länder einer bestimmten Region, da reicht es wenn pro Land 2 grosse Stadien vorhanden sind.

      Beim Turnus fehlt noch die “Alpenregion” (sagen wir mal alle 64 Jahre, das reicht): Schweiz, Österreich und Liechtenstein. Ach nein, das war jetzt nur ein Scherz ;-))

    • Mäse sagt:

      Also die Distanzen sind in Europa sicherlich nicht zu gross. Da frag ich mich doch wie denn nationale Meisterschaften in Brasilien, Mexiko, Russland, Argentinien oder dergleichen funktionieren? Tun sie doch oder? Mir gefällt der Gedanke.

  10. Franz sagt:

    Vom Ansatz her sicher richtig. Dieser Ansatz heisst: Es steht weniger Geld zur Verfügung, weite Teile Europas sind am Verarmen, sowohl die öffentliche Hand als auch die Fans. Deshalb sollen bestehende Stadien und Infrastruktur genutzt werden und den Anhängern weite, kostspielige Reisen erspart werden. Aber bei 24 Mannschaften ist natürlich alles zu stark verzettelt, es ist dann wirklich wie bei der Champions League. Das Interesse wird sinken.

  11. hans nötig sagt:

    Vorneweg, mir ists egal, ich habe mir geschworen nie mehr für eine Werbeveranstaltung zu bezahlen, was da an einem EM oder WM Spiel abgeht ist schlichtweg krank.

    Was ich jedoch anmerken muss: Bei den Distanzen kommts ja nicht drauf an wie weit die sind, sondern wie oft man “umziehen” muss. Man geht ja nicht nur wegen dem Spiel dorthin, sondern schaut sich auch sonst noch die Stadt an etc, bei dem jetzigen Modus wars immer gut möglich in einer Woche 2-3 Städte sowie Spiele anzuschauen. Wenn ich nun von London nach Rom und danach nach Stockholm reisen soll ist das eben doch noch etwas anderes als von Danzig über Warschau nach Donezk (das das ist auch eine grosse Ausnahmen, die wenigsten Länder in Europa haben solche Distanzen wie die Ukraine oder auch Polen).

  12. Pedro sagt:

    Bei einer solchen Austragungsart gibt es Vor- und Nachteile. Demzufolge wuerde ich einen Kompromiss befuerworten: z.B. jede 3.Austragung oder alle 20 Jahre macht man eine solche EM, nur sollten dann auch ganz kleine Lander Spiele erhalten wenn sie 1 entsprechendes Stadion haben (auch das sollte machbar sein, kann ja dann als Nationalstadion vermehrt verwendet werden). Sollte sie in den grossen Laendern wie Russland, England, Spanien, Deutschland, Italien oder Frankreich (etc.) stattfinden, kann es ein alleiniger Ausrichter sein. Ansonsten ist eine Ausrichtung in 2 Laendern etwas das auch fuer kleinere Laender machbar ist.

  13. Barca sagt:

    Wenn es eine einmalige Angelegenheit ist, dann ok. Immer möchte ich das jedoch auch nicht. Es ähnelt zu sehr einer Champions League mit Nationen.
    Maximal zwei Länder sollten eine EM austragen. Selbstverständlich soll darauf geachtet werden, dass die Infrastruktur auch nach dem Anlass noch genutzt werden kann. Massenhaft leere und ungenutzte Bauten sind tatsächlich ein ökonomischer Unsinn und das muss beachtet werden. Die Austragung 2008 in der CH und AUT hat gezeigt, dass es auch in kleinerem Rahmen möglich ist, so ein Turnier auszutragen, ohne dass es danach Nachteile für diese Länder gegeben hat.