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Zwiespältiges Revierderby

Mämä Sykora am Montag den 22. Oktober 2012

Die Super-League-Runde dieses Wochenendes habe ich leider komplett verpasst. Ich konnte weder GCs neunten Sieg in Folge noch Murat Yakins ernüchternden Einstand mitverfolgen. Stattdessen habe ich endlich das nachgeholt, was für jeden Fussballfan zum Pflichtprogramm gehört: ein Matchbesuch in Dortmund. Und dann war es auch gleich noch das Revierderby.

Es gibt vieles, was einen Super-League-gewohnten Zuschauer im Signal-Iduna-Park beeindruckt. Die endlos steigende Kurve und die Lautstärke gehören natürlich dazu. Oder der an Scheusslichkeit nur schwer zu übertreffende Kaffee im Halbliterbecher. Aber fast erstaunlicher ist die Zusammensetzung des Publikums. Hierzulande macht die U-30-Generation einen beachtlichen Teil der Zuschauer aus, von denjenigen in Fantrikots gar nahezu 100 Prozent. In Dortmund pilgern hingegen ganze Grossfamilien in kompletter Montur zum Stadion, Grossmütter in den neusten Shirts ebenso wie Kinder in Meistertrikots. Im Fanshop wird vom BVB-Strandkorb bis zum BVB-Fön (mit drei Stufen) schlicht alles angeboten – und gekauft. Borussia ist mehr als ein Freizeitvergnügen für die Menschen hier.

Die Partie – insbesondere die Leistung der Schwarz-Gelben – konnte leider den Erwartungen der 80’000 nicht gerecht werden. Umso erstaunlicher deshalb die Szenen nach Spielschluss. Als die Schalker Fans im Siegestaumel ihre Heimreise durch die Tausenden Spalier stehenden Dortmunder antreten, standen wir noch bei Bier und Westfälischem Grillschinken mit Sauerkraut im Brötchen. Nicht wenige Gäste trugen provokative Shirts mit Anti-BVB-Aufdrucken («Zeckenbusters», «Scheiss BVB» oder noch expliziter). Und dennoch wurde der Zug kaum behelligt. Bei übertriebenen verbalen Anfeindungen stellte sich einer der diskret mitmarschierenden Polizisten vor den «Agent provocateur» und bat ihn in ruhigem Ton, dies zu unterlassen. Der Marsch endete bei der U-Bahn-Station, von wo aus überfüllte Waggons, in die sich sogar noch einige Schwarz-Gelbe quetschten, in Richtung Innenstadt losfuhren. Wir mochten uns fast nicht ausmalen, wie eine solche Aktion in der Schweiz enden würde. Und das, obwohl kein Spiel von der Bedeutung an diejenige des Revierderbys herankommt und ähnlich starke Emotionen bei so vielen Leuten auslöst.

Wir waren begeistert. Trotz dieser Affiche, trotz der Menschenmassen, trotz der extremen Rivalität und trotz der Provokationen im Stadion – Schalke-Fans hatten ein geklautes Dortmund-Banner präsentiert – kann also ein Spiel mit lediglich einigen Nickligkeiten über die Bühne gehen. Die Ernüchterung folgte mit der «Sportschau»: Schwere Ausschreitungen habe es gegeben, fast 200 Personen seien inhaftiert und acht Polizisten verletzt worden. Dass die Stadt «im Belagerungszustand» gewesen sei, wie gewisse Boulevard-Medien verkündeten, ist zwar kompletter Blödsinn, aber die Vorkommnisse waren nichtsdestotrotz mehr als unschön.

«Es ist unglaublich schade», liess sich die Dortmunder Polizeisprecherin zitieren. Und das meinte sie wohl im doppelten Sinn. Schade ist es, das überhaupt so etwas passieren muss, und schade ist auch der Zeitpunkt. Selten war es so ruhig im Vorfeld eines Revierderbys, und just am vergangenen Wochenende, kurz bevor die Liga über ein neues, von der Konferenz der Innenminister mitgetragenes Sicherheitskonzept berät, fällt so etwas vor, das den Verlauf der Diskussion nachhaltig beeinflussen könnte.

Wirklich mehr als schade, dass einige Dutzend Gewaltbereite das Fussballfest von Zehntausenden zerstören können. Gut möglich, dass es solche erstaunlich harmonischen Szenen nach dem Schlusspfiff für längere Zeit so nicht mehr geben wird. Nach dieser «Kriegserklärung der Ultras an die Polizei» (Adi Plickert, Vize der Polizei-Gewerkschaft) scheint es fraglich, ob dieses friedliche Nebeneinander aufgrund der Gefahr der Eskalation weiterhin so geduldet wird. Es wäre ein herber Verlust für die «Mutter aller Derbys».

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29 Kommentare zu “Zwiespältiges Revierderby”

  1. josé bütler sagt:

    ciao mämä, wieder einmal waren wir am selben ort, ohne es zu wissen und haben uns nicht erkannt ;o) ich war auch in dortmund, wir sind mit dem car ab windisch mit kurt mäder gefahren. und du?
    dein beitrag trifft den nagel auf den kopf. auch wir haben erst danach von den ausschreitungen erfahren, was ab und zu, zu hören waren, waren die sirenen, aber von krawallen, keine spur. das spiel war zum vergessen, aus bvb-sicht natürlich. für einmal hat jürgen klopp mit seiner taktikänderung die falsche wahl getroffen. wir haben nach dem spiel mit diversen schalkern noch erinnerungsphotos geknipst, war alles friedlich. die signal iduna arena, für mich halt immer noch westfalenstadion, ist ein einmaliger fussballtempel, dieses mal waren wir nicht auf der südtribühne, sondern hatten besten blick auf diejenige, einfach phänomenal, 25’000 fans und keiner der nicht gelb-schwarz trägt, einfach geil. “ein leben lang, keine schale in der hand” ;o)

  2. Kaller sagt:

    Bitte Westfalenstadion und nicht (auch wenn es die Sponstoren so wollen) Signal-Unsinn-Iduna-Park.

  3. Mike Müller sagt:

    Ich war auch im Stadion, habs ähnlich erlebt wie du. War völlig überrascht, als es hiess, es habe die schwersten Ausschreitungen seit Jahren gegeben. Die Situation nach dem Spiel blieb zum Glück ruhig. Allerdings sind auch viele Fans in den Fanshop gegangen – aus Angst vor Krawallen. Übrigens: Im Fanshop war auch ein Blauweisser. Er konnte unbehelligt durch den Shop pilgern. Zum Glück gibts auch noch vernünftige Fans.

  4. Mario sagt:

    Guter Blog danke. Mich würde noch interessieren, wie du an die Tickets für dieses Spiel gekommen bist?

  5. Blauwiis sagt:

    Waren auch dort. einfach nur klasse, kei Vergleich mit der SL in der Schweiz. Ist ja auch alles ein bisschen grösser in der BL. Spielqualität war eher duchschnittlich, aber Stimmung und Ambiente einmalig. Als richtiger Fussballfan muss man das mal erlebt haben. Werde das nie mehr vergessen.

  6. Enrico Rava sagt:

    >Wir mochten uns fast nicht ausmalen, wie eine solche Aktion in der Schweiz enden würde. Und das, obwohl kein Spiel von der Bedeutung an diejenige des Revierderbys herankommt und ähnlich starke Emotionen bei so vielen Leuten auslöst.

    Ja, wie denn? Wahrscheinlich genau gleich, T-Shirts mit Anfeindungen sind in Schweizer Stadien etwa so selten wie Fackelwürfe.

  7. Heimat sagt:

    Also ein Kollege von mir war auch am Spiel und hat schon vor dem Match berichtet, dass es vor dem Stadion gewaltig geknallt haben soll.

    Es war doch wie ein Derby in der Schweiz, Marsch zum Stadion mit Ausschreitungen, Pyros bei Beginn sowie zeigen von feindlichem Material mit Versuch von Heimfans dies zu rächen.

    Das ganze einfach in viel grösserem Rahmen resp. Ausmass.

    http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=8vTH9vZ9b2o

    • Daniel sagt:

      Vielleicht war Mämä an einem anderen Spiel. Beim Betrachten der Youtube Bilder wähnt man sich in einem Bürgerkrieg. Aber nur weiter verharmlosen. Die berittene Polizei und die kleine Srassenschlacht fährt vermutlich vielen Leuten voll ein. Hauptsache Action.

  8. Michael sagt:

    Unser Tempel ist vielleicht das beste Stadion der Welt. Einfach immer eine Geile Stimmung und “meistens” auch friedlich.
    Ich fahre praktisch zu jedem Heimspiel von Zürich nach Dortmund und habe es bis jetzt noch nie bereut.

    Haben ja schon lange gegen die Schlümpfe nicht mehr verloren, Mund abputzen und weiter gehts REAL kommt!
    Freue mich schon tierisch, dass wird eine riesen Sause:-)

    Heja BVB

  9. Martin sagt:

    Die Mutter aller Derbys ist sicherlich nicht das Revierderby, auch wenn es für mich als Bundesligafan das wichtigste ist. Wenn man überhaupt ein Aufeinandertreffen zweier Mannschaften als “Mutter aller Derbys” bezeichnen kann, dann sicherlich das “Old Firm” – also Celtic gegen die Rangers (schade dass es das in den nächsten 3 Jahren nicht geben wird…)

    • Daniel sagt:

      Die Mutter aller Derbies ist das mittelalterliche Fussballspiel zwischen den benachbarten Gemeinden des Dorfes Ashbourne in der Region Derbyshire. Was heute das wichtigste oder härtest umkämpfste Derby ist, ist Interpretationssache.

    • Andy Green sagt:

      Das wird es doch trotzdem geben, einfach als Testspiel oder “Freundschafts”spiel getarnt. Die Rangers könnten bestimmt die paar Pounds eines vollen Stadions gebrauchen… und sonst gibt es immer noch die Möglichkeit im Cup!

  10. Miri sagt:

    @ Michael, coole siäch..;-) Gib mir deinen vollen Namen und ich frag dich auf facebook an..,-) können ne Fhrgemeinschaft bilden und nach Dortmund fahren..,-) Jaaaaaa unsere Arena ist die beste in gaanz Europa..wurde von einer englischen Zeitung erst kürlich zum besten Stadion der Wet gewählt was stimmung, fans etc anbetrifft..;-)

  11. Simon Moser sagt:

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel, Mämä. Kleine Einschränkung Die Mutter aller Derbies ist natürlich nicht das Revierderby, sondern das Old Firm, welches ja nun für ein paar Jahre, zumindest im regulären Spielbetrieb, nicht mehr stattfinden wird. Klar mag die gelbe Wand beeindrucken, klar ist die Rivalität dieser beiden Traditionsclubs sehr gross, klar staunt man über die – bisweilen recht kreativen – Aktionen der beiden sich rivalisierenden Fanlager, um sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen. Trotzdem: ein echtes Derby wird innerhalb der Stadtmauern ausgetragen. Boca vs. River, Galatasaray vs. Fenerbahce, QPR vs. Chelsea oder eben die Mutter aller Derbies: Celtic FC vs. Rangers FC. Meine Meinung:-)

    • elvis sagt:

      gibt’s in vielen ländern. porto, madrid, mailand, etc, etc.
      allerdings darf eines nicht fehlen, wenn’s um stimmung geht: lazio vs as roma.

  12. Franz sagt:

    Was haben eigentlich diese weissen Schlapphüte der Schalke-Fans für eine Bewandtnis? Für mich sieht das etwas nach Nordafrika aus. Ja, ich oute mich als Schweizer, der sich nicht übertrieben für die BuLi interessiert. Also den Zweihänder nicht auspacken, merci 🙂

    • Cris Chelios sagt:

      Die Hüte wurde von den Schalke Ultras für 2 Eur verkauft und haben den Zweck ein einheitliches Erscheinungsbild abzugeben. Darum auch der Aufruf vor dem Spiel an alle Schalker in Blau zu erscheinen. Bezüglich Krawalle wird auch einiges aufgebauscht. So soll gem. Polizeibericht vom BVB eine Kneipe demoliert worden sein und das Inventar als Wurfgeschosse gegen Polizei verwendet worden sein. Effektiv ging aber gem. Ruhrnachrichten nur ein Plastikstuhl zu Bruch. Die Gewerkschaft der Polizei spielt eine üble Rolle in der ganzen Diskussion ähnlich wie in der Schweiz das Konkordat der Justizdirektoren oder wie dieser lächerliche Verien heisst. Aber Bundesliga ist halt schon geil.

      • Mämä Sykora sagt:

        Nachtrag: Die Hüte wurden vor allem getragen, weil den Schalke-Fans untersagt wurde, Fahnen und Transparente ins Stadion mitzubringen. Dies wiederum wurde verfügt, weil die Fans im letzten Derby im November Pyromaterial gezündet hatten. Es ist das sogenannte St.-Pauli-Modell: «Dieses sieht vor, Auswärtsfans grundsätzlich alle Freiheiten einzuräumen, diese Freiheiten für zukünftige Begegnung allerdings von der Befolgung bestimmter Verhaltensvorgaben abhängig zu machen.» (profans.de)

        • Cris Chelios sagt:

          Es erschwert auch die Identifizierung wenn alle gleich aussehen. Aber der Hauptgrund ist schon der, dass es einfach geil aussieht. Und von wegen Banner/Fahnen Verbot. Die Ultras haben wohl eindrücklich bewiesen, dass sie jedes Banner reinbringen, egal wie gross es ist……und dass es null Einfluss hat ob Pyros gezündet werden oder nicht. St.Pauli Modell voll unterlaufen, sowie jede Massnahme unterlaufen werden wird..

  13. A. Meier sagt:

    Es gibt wohl nur 1 Derby in Deutschland; und das ist Eintracht Frankfurt – Kicker Offenbach.
    Oder alternativ auch Lok gegen Chemie Leipzig.

    Der Osten hat da allgemein ein paar gute Klassiker auf Lager.

  14. Al neemah sagt:

    Mutter aller Derbys? Das ist aber erst seit diesem Sommer.
    The Old Firm – Rangers gegen Celtic Glasgow, dieses Derby wird wohl nie mehr übertroffen werden.

  15. Franz Brunner sagt:

    ob nun blauäugige fans die vorgänge verniedlichen bzw die polizeisprecherin (gewerkschaften) krawall angeblich herbeireden, fakt ist und bleibt dass es bei fussballspielen immer und immer wieder radau gibt—fussball ist eben emotionen und solcher blabla sind dann die erklärungen—kann mir mal einer erklären wieso denn bei einem derby wallabies gegen die all blacks (sicher genauso viel tradition wie ruhrderby) wenig polizei nötig ist, keine pyros abgefackelt werden, nach dem spiel fans gemeinsam “kippen” gehen etc etc sind rugby fans evt schlichtweg schlauer (oder weniger dämlich)?

  16. Ruedi Keller sagt:

    brunner: das vom weniger dämlich und bei anderen sportarten sagt man uns fussballfans immer und immer wieder. alles bla bla bla. sehen sie sich mal um: bei bar & pubs, eidg. turnfest !, nhl-stanleycup-final in montreal, ausgang in zürich, usw. – sind die jetzt auch alle dämlich ? und was “keine pyros abgefackelt” im zusammenhang mit gewalt zu tun hat, wissen wohl auch nur sie. oder ist der 1.august auch ein tag der gewalt.

    • Franz Brunner sagt:

      @R.Keller—statt irgendwas neues in die runde zu schmeissen, nehmen sie doch einfach mal zu meinen punkten stellung, zb radau bei fussballspielen—hat es etwa mit überdurchschnittlich hohem IQ zu tun?—pyros beim fcz mit verletzten, das ist keine gewalt, oder? klar, solange es zb ihren sohn nicht trifft—ich rede von rugbyfans, nicht von irgendwelchen dumpfen barbesuchern—und wann war denn der letzte stanleycupfinal in montreal? wie oft lesen sie von krawallen bei nhl spielen? klar, habe vergessen das das wegen der CH eishockeyszene von den zeitungen unterdrückt wird

  17. Ruedi Keller sagt:

    brunner: sorry: ich meinte vancouver, nicht montreal. die CH ist auch speziell, z.b. wegen den kurzen anfahrten der gästefans, logischerweise kein vergleich zu nordamerika. zu rugby weiss ich jetzt wirklich nichts. ob’s in new zealand eine auswärtsfahrer-kultur gibt, weiss ich nicht, vage es aber zu bezweifeln.

  18. Nino sagt:

    Wenigstens stimmt die Verpackung, über den Inhalt lässt’s sich streiten.Die BL hat also doch nicht die Qualität die von den Medien so sehr verkauft wird. Die BL lebt viel mehr von der Stimmung, Unterhaltung, ein Matchbesuch ist ein Event für jung und alt, das ist das Eintrittsgeld schon wert. Hier hat die Schweiz noch Nachholbedarf.

  19. Stocker sagt:

    Die Schweiz hat nicht nur in Sachen Stimmung noch Aufholbedarf, sondern klar auch in Sachen Qualität. Obwohl wir da in den letzten Jahren klare Fortschritte gemacht haben, sind wir noch meilenweit hinter unseren Nachbarligen (Ausnahme Österreich) zurück.
    Bezüglich Stimmung: Trotz der kurzen Anreisezeiten (hier auch schon erwähnt) bringen wir nie solche Zuschauerzahlen hin, da wir halt schlichtweg auch eine deutlich geringere Bevölkerungszahl haben.
    Auch ich habe meinen Dortmund-Spielbesucht noch vor mir. Ausgenommen Schweiz-Togo an der WM06 war ich noch nie dort. Werde ebenfalls in meinem Blog darüber berichten – Intressierte dürfen also gespannt sein.