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Lachen mit Norwegen

Mämä Sykora am Donnerstag den 11. Oktober 2012
Die Norweger haben einen speziellen Sinn für Humor: Kugelfussball. (Screenshot, siehe Video unten)

Die Norweger haben einen speziellen Sinn für Humor: Kugelfussball. (Screenshot, siehe Video unten)

Der Norweger ist gross, introvertiert, ebenso humor- wie emotionslos und von stoischer Ruhe. So zumindest das Klischee. Oder die Vergangenheit, wenn man den Erfahrungsberichten meiner Eltern Glauben schenken mag, die Anfang der 70er-Jahre von schweigsamen norwegischen Pächtern und Verkäufern zum Wahnsinn getrieben wurden. Vor allem jener Inhaber eines Anglergeschäfts, der auf die in Frage nach Würmern in Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch und Tschechisch ebenso regungslos blieb wie auf den Versuch meines Vaters, auf dem Boden kriechend einen Regenwurm zu imitieren. Norwegen war damals nicht nur kommunikativ ein Entwicklungsland, sondern auch fussballerisch. 1972 hatten die Skandinavier gerade den wenig ruhmreichen Hattrick geschafft, drei Qualifikationen in Folge als Gruppenletzte abzuschliessen.

Seither muss einiges passiert sein, da oben im Norden. Heute glänzen nicht nur deren Sportler mit beeindruckenden Sprachkenntnissen – man erinnere sich nur an die unzähligen multilingualen Siegerinterviews mit den Skifahrern Kjetil André Aamodt und Lasse Kjus –, und die neue Lockerheit war dem Erfolg definitiv zuträglich. 1994 qualifizierte sich Norwegen zum ersten Mal seit der Vorkriegszeit für die Fussball-WM, einer der Stützpfeiler jener Mannschaft war Stürmer Jan Åge Fjørtoft. Der langjährige England-Legionär und spätere Frankfurt-Spieler wurde jeweils nach Spielschluss von Mikrofonen umzingelt, weil er über jene bei Fussballern so seltene Prise Selbstironie («Der Trainer hatte nach den ganzen Ausfällen im Angriff nur noch die Wahl zwischen mir und dem Busfahrer. Da der Busfahrer seine Schuhe nicht dabei hatte, habe ich gespielt.») und einen herzhaften Humor («Ich weiss nicht, ob Magath die Titanic gerettet hätte. Die Überlebenden wären auf jeden Fall topfit gewesen.») verfügte.

Noch heute ist der allseits beliebte Fjørtoft für jeden Blødsinn zu haben. Für die TV-Show «Golden Goal» liess er sich u. a. zusammen mit den Ex-YB-Profis Lars Bohinen und «Mini» Jakobsen mit Pads an den Beinen ausstatten, die den Spielern auf Knopfdruck der «Trainer» einen Elektroschock verpassten, was einige interessante Spielzüge zur Folge hatte:

In der gleichen Sendung verpackten die lustigen Norweger die Spieler in aufblasbare Plastikhüllen, so dass sie bei Kollisionen wie Gummibälle wegspickten:

Dafür liessen sie nicht etwa alternde Stars antraben, sondern die Erstliga-Mannschaften von Fredrikstad und Sarpsborg. Diese beiden Folgen wurden vergangenen Winter gedreht, da war Morten Gamst Pedersen noch unangefochtener Stammspieler in der Nationalmannschaft. Seit 2004 spielt er bei den Blackburn Rovers, gleichzeitig war er auch Frontmann der Boygroup «The Players». Mit «This Is For Real» landete Pedersen zusammen mit seinen Profikollegen Freddy dos Santos, Kristofer Hæstad, Øyvind Svenning und Raymond Kvisvik einen Hit in Skandinavien. Achja, Kvisvik ist übrigens nicht nur elffacher Fussballnationalspieler, sondern lief auch viermal für die Unihockey-Nationalmannschaft auf und wurde mit seinem Verein ebenso oft Landesmeister in der Hallensportart.

Ich komme nicht umhin, mir diese Szenen in der Schweiz vorzustellen. Ein Alt-Internationalen-Spiel, bei dem sich Alain Geiger, Ciriaco Sforza und Alain Sutter mit unkontrollierten Zuckungen vor Kameras zum Affen machen? Ein freundschaftliches Trainingsmätschli zwischen dem FC Zürich und dem FC Luzern, bei dem die Akteure in Ganzkörper-Gummibällen stecken und sich mit kindlicher Freude über den Haufen rennen? Oder gar ein Live-Gig vor kreischenden Teenies mit Tranquillo Barnetta, Beni Huggel, Florian Stahel, Philippe Montandon und Alain Nef, der auch mit dem SV Wiler-Ersigen die Unihockey-Meisterschaft dominiert? Irgendwie stösst da meine Fantasie an gewisse Grenzen. Schweizer Fussballer und locker-lustig – das passt irgendwie nicht so ganz zusammen. Zumindest bei jenem Teilbereich, den wir mitbekommen.

Es ist alles sehr ernst hierzulande. Wohl etwa wie damals in Norwegen. Das mag sportlich zwar gewisse Vorteile haben, wenn Hitzfelds überseriöse Truppe morgen Freitag die lustigen Norweger ohne Punkte nach Hause schickt, wenn ich aber wählen könnte, mit wem ich nach dem Spiel lieber den restlichen Abend verbringen würde, würde ich auf jeden Fall die Skandinavier wählen. Ich würde sogar ohne mit der Wimper zu zucken auf die einkalkulierten drei Punkte verzichten, wenn es dafür einen Auftritt der Schweizer Ausgabe von «The Players» geben würde. Wirklich schade, dass sich anscheinend nur die Norweger jenen Spruch von Jan Åge Fjørtoft zu Herzen genommen haben: «Vielleicht ist es gar nicht so, dass ich so lustig bin. Sondern dass viele meiner Kollegen Fussball ein bisschen zu ernst nehmen.»

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5 Kommentare zu “Lachen mit Norwegen”

  1. Daniel sagt:

    Wo kann man diese Elektropads kaufen? Gewisse SL Vereine haben sicher Verwendung. Spontan kommen mir da der FCZ, YB, Luzern in den Sinn.

    • Auguste sagt:

      hmm…, ich könnte mir vorstellen, dass “tribünen-rolf” fringer damit hoch oben seinen spass hätte. gewiss mehr als unten vom fcz-schandbänkli aus. bickel konnte sich das gekicke auch nicht mehr ansehen. manchmal hilft da ja möglicherweise ein wenig distanz zum geschehen – aber gleich indonesien?

  2. Hinderlingq sagt:

    Wunderbarer Beitrag, Mämä. Noch herzhafter drüber lachen kann ich, wenn wir am Freitagabend die Wikinger mit einer Packung heimschicken. Hopp Schwiiz.

  3. suruam sagt:

    Wirklich sehr lustiger Beitrag. In Deutschland staunt man, wie gut die deutschen Fussballer rhetorisch sind… wohl durch die vielen Interviews geschult. Mit dem Humor ist es aber noch immer nicht weit her. Wo ist der denn überhaupt… ausser bei den Norwegern? Liegt es vielleicht auch an den Medien und deren Moderatoren? Ein Schweizer in Berlin

  4. Hugo Sanchez sagt:

    Mämä, das ist einer deiner besten Blogs überhaupt. Ich weiss nicht, wann ich zuletzt soooo gelacht habe. Vielen Dank!!