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Die Krux mit der «internationalen Erfahrung»

Mämä Sykora am Freitag den 5. Oktober 2012
Die Spieler von Borussia Dortmund verlassen nach dem 1:1 gegen Manchester United das Feld. (Foto: Keystone)

In der heimischen Liga kennt man seinen Gegner in- und auswendig: Die Spieler von Borussia Dortmund nach dem 1:1 gegen Manchester City, 3. Oktober 2012. (Foto: Keystone)

Kaum haben die europäischen Wettbewerbe begonnen und werden nach Niederlagen die ersten Erklärungsversuche fällig, hat sie in Matchanalysen, Pressekonferenzen und Nachberichterstattung ihren Stammplatz, die «fehlende internationale Erfahrung». Bei jedem Verein, der noch gar nie oder zumindest schon lange nicht mehr im Europacup vertreten war, gilt sie als einer der Hauptgründe für das Versagen. Doch ist dies überhaupt je angebracht?

In unserer Zeit, in der kaum ein Spieler oder Trainer über viele Jahre beim gleichen Verein unter Vertrag steht, scheint es absurd, überhaupt bei einem Verein von internationaler Erfahrung zu sprechen. Vergleicht man den Kader einer Mannschaft, die bis vor drei Jahren noch regelmässig europäisch spielte, mit demjenigen aus der aktuellen Saison, finden sich kaum mehr als eine Handvoll Spieler, die schon damals aufliefen. Internationale Erfahrung hat also eher ein Spieler als eine Mannschaft. Zudem: In fast jedem Verein in der Champions League oder der Europa League finden sich mehrere Nationalspieler, selbst viele der Nicht-Titulare haben schon bei anderen Vereinen Europacup-Luft schnuppern dürfen.

Und dennoch: Als Borussia Dortmund als souveräner deutscher Meister mit 10 A-Nationalspielern in der letztjährigen Champions League sang- und klanglos in einer machbaren Gruppe mit Arsenal, Olympique Marseille und Olympiakos Piräus als Gruppenletzter ausschied, hiess es allerorts, die Westfalen hätten «Lehrgeld bezahlen müssen» aufgrund der fehlenden internationalen Erfahrung. So schnell dieser Satz auch jeweils fällt in solchen Situationen, irgendwas muss schon dran sein. Denn der BVB etwa landete heuer in der Todesgruppe, besiegte mit beinahe unveränderter Mannschaft erst Ajax und trotzte am Mittwoch dem englischen Champion Manchester City ein Remis ab – ein unglückliches noch dazu. Ähnliche Leistungssteigerungen lassen sich auch bei anderen Teams beobachten. Beim FC Basel zum Beispiel: 2008 noch Kanonenfutter, 2010 immerhin Überwintern in der Europa League, 2011 die Qualifikation für die Achtelfinals.

Yevhen Khacheridi

An den internationalen Turnieren darf kein Team unterschätzt werden: Mönchengladbach-Spieler Igor De Camargo und Yevhen Khacheridi (Dynamo Kiew) kämpfen um den Ball, 29. August 2012. (Foto: Keystone)

Dieses Jahr folgte der nächste Bundesligist, dem die Rückkehr auf die europäische Bühne gründlich missriet. Lucien Favres Mönchengladbach scheiterte in der Champions-League-Qualifikation an Dynamo Kiew – das notabene jedes Jahr Europacup spielt –, und selbst in der Europa League kommt seine Equipe nicht vom Fleck. Einem 0:0 auf Zypern bei AEL Limassol folgte gestern eine Heimklatsche gegen Fenerbahçe Istanbul. Selbst wenn man den enttäuschenden Start der Fohlen in der heimischen Liga berücksichtig, kann dies den Ansprüchen nicht genügen.

Ja was ist es denn nun, das dafür sorgt, dass es Neulinge oder Wiedereinsteiger derart oft einen schweren Stand haben auf der europäischen Bühne? Ein Grund ist so simpel, dass er (zu) oft vergessen geht, auch wenn ihn Heiko Vogel mit schöner Regelmässigkeit wiederholt : Die Teams, die es bis in die Hauptrunde geschafft haben – egal in welchem Wettbewerb –, sind alle so richtig gut. Zwar sind es nicht immer nur die klingenden Namen, doch auch Topteams aus Weissrussland, Zypern und Belgien können Fussball spielen. Damit entsprechen die europäischen Wettbewerbe für die Vertreter der grossen Nationen in etwa der Stärkeklasse der Spitzengruppe ihrer Meisterschaften. Und da gibt es keine leichten Spiele.

Weiter sind selbst taktisch hervorragend geschulte Mannschaften wie die erwähnten Borussias sehr auf den Fussball in ihren Ligen eingestellt. Sie kennen die nationale Konkurrenz in- und auswendig und wissen, in welchen Partien sie eher das Spiel machen müssen, in welchen sie eher auf Konter lauern müssen. Dadurch ist in fast jeder Partie die Rollenverteilung klar, darauf stellen sich die Spieler ein. Im Europacup hingegen trifft man oft auf Gegner, die man nur vom Videostudium kennt, die zudem einen ungewohnten Stil pflegen, und von denen man noch keine Idee von der Stärke im Vergleich zur eigenen hat. Wer wie Dortmund letztes oder Gladbach dieses Jahr gewohnt ist, eine Partie zu dominieren, und auch im Europacup als Favorit ins Rennen geht, der läuft Gefahr, gegen einen effizienten Gegner mit dem gleichen Selbstverständnis ins Verderben zu rennen. Das Umschalten auf eine vorsichtigere, abwartendere Spielweise gelingt den meisten Mannschaften erst, nachdem sie mindestens eine Saison lang richtig untendurch mussten. Solche Debakel bleiben bei einem Verein im Gedächtnis, selbst wenn drei Jahre später die halbe Mannschaft ausgetauscht ist. Insofern heisst «internationale Erfahrung» nichts anderes, als dass eine Mannschaft noch vor nicht allzu langer Zeit so richtig auf den Deckel bekommen hat.

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17 Kommentare zu “Die Krux mit der «internationalen Erfahrung»”

  1. Rudolf Steiner sagt:

    Danke, endlich mal jemand der es ausspricht.

  2. josé bütler sagt:

    “fehlende internationale erfahrung”, als grund für das scheitern von borussia dortmund in der letzten kampagne der cl anzuführen, ist völlig lächerlich! die borussen haben ja jedes spiel dominiert, sie waren einfach zu wenig clever oder hatten das nötige wettkampfglück nicht auf ihrer seite. wer die bl so krass dominiert wie der bvb, der muss sich vor clubs wie arsenal, olympique marseille und olympiakos piräus nicht fürchten! aktuelle schlagzeilen wie: der bvb kann doch cl oder die borussia und europa, es passt doch … so ein sch….!!! solche idiotischen headlines nerven nur noch! was sicherlich punkte sind, die es zu beachten gilt sind folgende: grössere belastung durch engl. wochen, längere reisen, evtl. andere temperaturen, heissbllütigere fans, wobei die stehrampe in dortmund ja ihresgleichen sucht, etc.
    der bvb wird sich auch in dieser todesgruppe locker für den achtelfinal qualifizieren und dann europa erobern. heja bvb!
    ps: in genau zwei wochen gehts los ans ruhrpott-derby bvb : s04 ;o)

    • Hans Nötig sagt:

      Ich bin ebenfalls riesiger BVB-Fan (und am Derby übrigens auch dabei), aber was du schreibst, stimmt so schon nicht ganz. Natürlich hat Dortmund letzte Saison die Gegner meistens dominiert und war in der Mehrzahl der Spiele die bessere Mannschaft. Gleichwohl hat es nur zu 4 Punkten aus 6 Spielen gereicht. Diese Saison sind es nach 2 Spielen bereits gleich viel, und das gegen höher einzuschätzende Gegner. Was ist also der Unterschied? Aus meiner Sicht ist das Argument der fehlenden internationalen Erfahrung eben doch nicht unbeachtlich. Letzte Saison lief man den Gegnern reihenweise ins Messer und beging auf diesem Niveau tödliche individuelle Fehler. Dies ist diese Saison anders, man spielt weniger den Hurra-Fussball, wie noch letzte Saison (was nichts Negatives heissen soll, die Leistung am Mittwoch war phänomenal), sondern stellt sich besser auf den Gegner ein, agiert vielleicht etwas abwartender. Das ist meiner Meinung nach ein Lernprozess, welche die Mannschaft durchschritten hat, auf den sie letzte Saison – mangels internationaler Erfahrung – noch nicht zurückgreifen konnte. Ich bin mir sicher, dass du das gleich siehst. Was du wohl eher meinst sind die Beiträge, welche dem BVB letzte Saison die internationale KLASSE abgesprochen haben. Dass dies lächerlich ist zeigen zum einen die Ergebnisse diese Saison und zum anderen der Fakt, dass die Bundesliga – inklusive der selbsternannten Grossmacht aus dem Süden Deutschlands – seit zwei Jahren nach Strich und Faden beherrscht worden ist.

    • Franz Mueller sagt:

      Es ist nicht nur “fehlende internationale Spielpraxis” die Top-Klubs regelmässig bei sogenannten “Fussballzwergen” scheitern lässt! Oh Nein! Heute verfügen zumindest in Europa alle Klubs über gute Spione, die vor jedem Spiel grosse Gegner ausspähen, und allfällige Lücken erkennen können. Die Erkenntnisse fliessen dann in die Taktik. Kommt noch dazu, dass heute fast JEDES Land in Europa über gute Spieler verfügt, die alleine oder im Verbund grosse Teams schlagen können! Das war früher nicht so, als die CL-League von den immer vier oder sechs gleichen Vereinen dominert wurde. Neu ist auch, dass aus dem wilden Osten (Russland) die dortigen Klubs mit viel Geld aus dem Erdöl/Gas die besten Spieler weltweit zusammen kaufen können. Bald einmal sehen wir dann Zenith oder sonst einen Verein aus Russland im CL-Final, dessen bin ich mir sicher. Die SP-Dominanz nimmt ab, auch D und GB muss schmerzlich erkennen, dass auch andere noch gut oder gar besser Fussball spielen können. Und das ist gut so.

  3. David Beckham sagt:

    nebst “fehlender internationalen erfahrung” gibt es noch andere stupide dauerbrenner bei matchanalysen, insbesondere von interviewten trainern/spielern: “das ist halt im fussball so, wenn man kein tor macht, dann verliert man (unter umständen)” oder “das ist eben fussball” (=> es könnte ja auch schwingen sein, nicht wahr….). genau so einfallsreich drücken sich sogenannte kenner der szene aus, indem jedes dritte oder vierte wort “absolut” oder “sicher” ist.”eigentlich” normal würde martina hingis sagen

    • E. Schönbächler sagt:

      Rolf Fringer würde jetzt sagen: “Ich sage einmal…”

      Und ausserdem ist nach dem Spiel vor dem Spiel und der nächste Gegner sowieso der schwerste.

      Apropos Phrasen. Die Kurzinterviews im Radio und Fernsehen nach Spielende oder nach dem Rennen bringen meistens rein gar nichts. Als Vreni Schneider vor ca. 20 Jahren eine schier endlose Siegesserie hinlegte sagte sie im Zielraum fast immer zu TV-Reporter Victor Rohner: “Was soll ich noch sagen?”

  4. john wild sagt:

    Weiss ist grad nich das thema…nur wie war das mit den stimmungsvollen Englischen stadein? DO VS MC hörte nur die Dortmunder singen….Heja BVB !

    • Sandro berger sagt:

      @ john wilde. Thanx balotelli…naja und bvb gesaenge waren ja nur mittelmaessig laut und vorallem ned stylisch, da hab ich schon andere action gehoert. Finde das gehoert auch unter lehrgeld

  5. Karl Renner sagt:

    Der Spruch der “fehlenden internationalen Erfahrung”ist ungefähr der gleiche Blödsinn wie, “Derbys haben ihren eigenen Charakter”, “der Ball ist rund” Da sich im Fussball jedoch soviele Luschen bewegen, verwundern einem solche Dummheiten nicht.

  6. Hans Klemm sagt:

    Wenn schon der Begriff “internationale Erfahrung ” strapaziert wird, muss man doch auch feststellen, dass es eigentlich egal
    ist, ob der gesamte Verein diese Tradition hat oder nicht! Die Spieler, die neuerdings jährlich nur wegen ihren guten Leistungen
    bei anderen Mannschften regelrecht mit unnormal viel Geld von den vermeintlich Großen “geklaut” werden, bringen doch in den meisten Fällen neben dem eigenen Können auch die benötigte Erfahrung mit.

    An den Beispielen der beiden deutschen Vereine Dortmund und Bayern kann man wunderbar erkennen, dass aber das Quentchen Glück einfach immer mitspielt oder auch nicht. Während der Deutsche Meister zuhause gegen Ajax nach ständigem Anrennen nur durch den Last-Minute-Treffer von Lewandowski die ganz wichtigen drei Punkte zuhause noch holte, fehlte diesmal in Manchester nur eine knappe Minute zum Erreichen dieses Vorhabens, dazu noch sehr umstritten….

    Bei den selbstsicheren und immer sieggewohnten Bayern, die überlegen auswärts bei einer eher international nicht gerade hochkarätigen Mannschaft überlegen auftrat, nützte diese Vorstellung gar nichts, weil sie mit dem 1:3 tatsächlich “eins auf den Deckel” bekamen und damit kein Punkt im Reisegepäck des Rückfluges landete. Dort sollte man allerdings aufpassen, dass die – wie in jedem Jahr – eigentlich schon längst erwarteten internen Machtkämpfe zwischen zwei “Nichtaktiven” schnell wieder verstummen, damit endlich in dieser Saison wenigstens einmal auf dem Rathausbalkon ihrer Stadt gefeiert werden kann.

    • Sandro berger sagt:

      @hans klemm. Angenommen die situation waere umgekehrt. Der bvb kriegt den umstrittenen elfer in der 89min. Wuerdest du dann auch drei tage danach dies immer noch ausfuehren.? Und es war def. kein umstrittener elfer hand hoch ball geht aufs tor, arm geht zum ball. Unglueck oder einfach menschl. Reflex. P.s weidenfelder haette klar gelb gehoert..

  7. Auguste sagt:

    hmm…, internationale erfahrung ist z.b….

    – dass man weiss, dass man in charkiw oder donezk gegen eine brasilianische auswahl spielt
    – dass molde vor einer mannschaft, die von labbadia trainiert wird, keine angst zu haben braucht
    – dass joe hart vom storch eigentlich als josef hartl nach deutschland hätte geliefert werden sollen
    – dass cr7 der genialste “douche bag” der welt ist
    – dass sammer auf der bayern bank alle vorzeichen eines cl-spiels auf den kopf stellen kann
    – dass man sich auf schalke neuerdings hals-, bein- und armbruch wünscht
    – dass roberto di matteo gute chancen hat, das cl-finale wieder “dahoam” zu spielen
    – dass hulk heutzutage auch blau werden kann
    – dass heuer im san siro rot-schwarze rumpelfüssler kicken
    – dass scheichs mit parisern noch nicht richtig können
    – dass man in montpellier gerne mit dem finger auf den gegner zeigt
    – dass liverpool praktisch der englische fcz ist

    usw.

    • Daniel sagt:

      Liverpool der englische FCZ. Da fehlt nur noch ein Österreicher als Trainer und ein Rumpelstilzchen als Präsi.

  8. Daniel sagt:

    Naja mangelnde internationale Erfahrung kann man dem FC Basel nicht vorwerfen. Selbst die Übriggebliebenen bringen da noch einiges zusammen. Da ist ganz einfach der Wurm drin. Den Dortmundern fehlte letztes Jahr ein bisschen die Effizienz und Cleverness. Wie man gesehen hat wird das in der CL brutal bestraft. Sie auch die Bayern in Weissrussland.

  9. Nino sagt:

    Ich sehe das auch psychologisch. Könnte auch sein dass es am (unerfahrenen) Trainer liegt und seiner (zu vorsichtigen) Taktik. Beispielsweise würde der BVB gegen ManU nicht so voll drauflos spielen wie sie das in der Bundesliga tun, dies aus Respekt/Angst vor einem internationalen Gegner mit Ruf, egal ob ManU in Form ist oder nicht. Dann gibt es noch andere Einflüsse wie bei Gladbach, die letzte Saison über Limit spielten und jetzt die Ansprüche zu hoch sind.

  10. Bruno Froehlich Pego / Spanien sagt:

    Sehr guter Beitrag. In das Schema passen noch die Sprueche ; “schwierig gegen diesen Gegner mit so vielen CL-Titeln” wie wenn man von den Helden fruherer Jahre Blukonserven fuer Blutdoping aufbewahrt haette, oder “guenstiges Los, sind doch Gegner ohne klingenden Namen”, um dann wie jetzt die Bayern zu reagieren nach der Niederlage “habe immer gesagt es gibt keine schwachen Gegner mehr (Heinckes)”. Komisch ja, mussten doch alle Landesmeister werden oder ueber Spiele fuer europaeische Wettbewerbe qualifizieren. Es gibt nichts langweiligeres als journalistische Erguesse ueber verlorene oder missratene sportliche Leistungen. Oder wie ein Torhueter Sommer FCB, “ja drei Eier erhalten, ich muss mich mehr konzentrieren!” Konzentration eigentlich das Minimum was man von einem Berufsfussballer erwarten darf. Oder ?

  11. christoph fischer sagt:

    Sind alles Luschen wie Karl Renner sagt. Internationale Erfahrung haben ja 80% der Spieler der meisten Mannschaften, den soviele sind Ausländer, also International. Sie brauchen also viel Internationale Erfahrung im auch in der Bundesliga oder in der Premiere League etc zu spielen. Leider ist das so. Ich persönlich würde nach wie vor die 3 Ausländer Regel bevorzugen, dann hätte Geld nicht den selben Einfluss und Internationale Spiele würden auch International sein, nicht wie jetzt wo schon der Alltag nur noch International ist. Siehe Serie A oder Portugal. Da gibt es viele Spiele, da Spiel kein Italiener bzw. Portuguise.