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Tschüss und Danke, Ludo!

Mämä Sykora am Mittwoch den 29. August 2012


Es war letztlich nur noch eine Vollzugsmeldung, die unter «Nachrichten in Kürze» auftauchte. Ludovic Magnin beendet seine Aktivkarriere. Wegen Rückenproblemen. Dabei wissen alle, dass mehr dahinter steckt als körperliche Beschwerden. Denn Magnin kam aus der Bundesliga zum FC Zürich und hätte mit seiner Erfahrung und seinem Ehrgeiz seine jungen Mitspieler zu Höchstleistungen anstacheln sollen, damit die Mannschaft den Rivalen aus Basel wieder fordern kann. Es kam, wie man weiss, ganz anders. Magnin wurde von einem Nachwuchsspieler auf die Bank verdrängt; wenn er denn mal spielte, dann unterliefen ihm teils grobe Fehler, seinen Hang zu lamentieren behielt er dennoch bei. Er war für viele Fans ein Ärgernis, ein Missverständnis. Und ein teures noch dazu. Mit seinem Lohn hätte man sich gleich mehrere Verstärkungen leisten können.

Der Ärger war nachvollziehbar. Für Magnin selber sowieso. Als ich Anfang Jahr ein Gespräch mit ihm führte (siehe ZWOELF #28), war er sich sehr wohl bewusst, dass seine Leistungen nicht genügen konnten. Er akzeptierte seine Rolle als Ersatzspieler, ohne gleich zu resignieren. Er wollte der Mannschaft dennoch helfen, mit Ratschlägen und Aufmunterungen. Er wollte derjenige sein, «der sagt, was Sache ist». Genau danach hat der FCZ gesucht, nur klappte dies nicht wie gewünscht. Weil einer, der nicht mal spielt, den nimmt niemand wirklich ernst, wenn er auf den Tisch haut. Diese Kluft zwischen den Ansprüchen von Fans und sich selber und dem, was er zu leisten imstande war, hat Ludovic Magnin letztlich dazu bewegt, seine Karriere zu beenden. Es war ein weiser Entschluss.

«Neben dem Platz war ich der Captain»

Den Schweizer Fussballfans soll nämlich nicht jener Magnin in Erinnerung bleiben, der beim FCZ verzweifelt seine Form suchte, sondern jener, der zu den erfolgreichsten Schweizer Bundesliga-Exporten der Geschichte zählt. Meister und Cupsieger mit Bremen, Meister mit Stuttgart, Stammspieler, Nationalspieler. Seine Rushes brachten in Verein und Nationalmannschaft den so oft benötigten Überraschungsmoment. Wer erinnert sich noch an dieses verkorkste Spiel gegen Zypern in der WM-Quali 2006? Nichts ging bei den Schweizern, es stand 0:0, alle beschwörten Köbi Kuhn, mehr Stürmer zu bringen. Zum Entsetzen aller nahm Kuhn jedoch Spycher raus und brachte Magnin. Kurz darauf brach dieser in der ihm eigenen Art – einer seltsamen Mischung aus ungestüm und filigran – auf links durch, brachte die erste gute Flanke der Partie rein und schon hiess es 1:0. Dafür liebten ihn seine Fans, denn auch seine Einsatzfreude war vorbildlich, selbst wenn er sich dann und wann eine unnötige Gelbe Karte wegen Reklamierens abholte. Vom Platz geflogen ist er hingegen deswegen nie, wie er gerne betont.

«Ludo» wusste, was er konnte und was nicht. Ungeniert erzählte er mir, wie er zu Beginn bei Bremen heillos überfordert war mit dem Tempo und vor allem mit Training am Ball. Er beschränkte sich auf seine Stärken, und die kamen auch neben dem Platz zur Geltung. Zweimal holte er sich mit Überraschungsmannschaften die Schale, dafür musste es innerhalb der Mannschaft stimmen. Und darin war er besonders stark. «Neben dem Platz war ich der Captain», sagte er über seine Zeit in Stuttgart. Er sorgte dafür, dass der Spass nicht zu kurz kam. Über seine Streiche mit Mario Gomez existieren die wildesten Gerüchte.

«Der Spass muss im Vordergrund stehen»

Ein bisschen Verrücktheit ist für Magnin einer der Schlüssel für den Erfolg. Entsprechend wenig anfangen kann er mit den aalglatten Jungprofis: «In diesen Ausbildungszentren werden die Jungen heute sehr früh in gewisse Schienen gelenkt. Das heisst: keine Tattoos, kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Ausgang, um 22 Uhr ins Bett. Und das geht mir auf den Keks. Wie soll ein Charakter geformt werden, wenn man den Jungen keine Selbstverantwortung überträgt? Auch wenn die Jungen sicher taktisch und technisch viel besser sind als wir früher: Ich sehe oft nicht, dass sie Spass am Fussball haben, und der muss im Vordergrund stehen.»

Der Spass ist nun auch Ludo abhanden gekommen. Er konnte auf dem Platz nicht mehr jener Magnin sein, der eine Mannschaft weiterbringt. Und auch daneben waren seine Qualitäten nicht mehr gefragt. Der FCZ hat einen grossen Umbruch hinter sich und wagt einen Neuanfang mit unzähligen neuen Spielern. Da passt ein alternder, teurer Linksverteidiger, der seine Mitspieler auch als Freunde haben will, schlicht nicht rein. Nun widmet er sich der Ausbildung des Nachwuchses. Ich hoffe schwer, Ludo kann dem einen oder anderen jungen Spieler etwas von seiner Freude und seiner Verrücktheit einimpfen. So einen wie ihn in Top-Verfassung bräuchten nämlich noch so einige Mannschaften. Danke für alles, Ludo!

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28 Kommentare zu “Tschüss und Danke, Ludo!”

  1. René Baron sagt:

    Einer der glaubt, dass ein Charakter nur mit Party, Kiffen, und einem verrückten Lebensstil zu formen sei und aalglatte Jungspieler keine Verantwortung übernehmen könnten, sollte meines Erachtens nicht Jugendtrainer sein, sondern seine “Dumm kickt gut Attitüde” bei einem Dorfclub oder bierseeligen Grümpelturnieren in die hobbylose Nachfussballkarriere rüberretten.
    Ludo ist nicht nur alt geworden. Er hat auch die Entwicklung im Fussball verschlafen.
    Und so einer wird Trainer ? Gut für GC !

    • Michel Zenger sagt:

      Wo steht irgend etwas von “Party, Kiffen, und einem verrückten Lebensstil” ???

      • Mäse sagt:

        Rene Baron – hättest Du den Abschnitt fertig gelesen und nicht in guter Blickmanier nur den Anfang, hättest Du die Antwort gehabt.

    • Lars Hug sagt:

      Bedenkliche Aussage lieber Herr Baron. Genau wie Sie jetz gerade gemacht haben, macht es der Blick auch: Eine Aussage total aus dem Kontext reissen und eine eigene Geschicht erfinden!
      Denken Sie doch mal zurück an einen Keane, Scholes, Contona, Gascgoine, Fowler oder auch Totti, Kahn und Effenberg. Das waren Kämpfer und Fussballer, Vorbilder und immer bereit für den totalen Einsatz. Schauen Sie heute mal die neue Generation an. Den fällt Ihnen vielleicht auf was Magnin hier gemeint hat!

      • Nino sagt:

        Die Förderung und frühe Erfassung der jungen Spieler ist positiv. Fussball ist ein schöner Beruf, jeder Beruf muss erlernt werden, darum sind betreute Fussballcamps eine gute Sache, die sportlich ehrgeizigen Jungen haben so die Chance Sport und ein zusätzlich Berufs-Ausbildung zu kombinieren und sich auf die Anforderungen des Spitzensports vorzubereiten. Jene die das charakterlich nicht aushalten scheiden eh früh aus und werden sich einen anderen Beruf zuwenden.

  2. Dustin Peters sagt:

    Tja, wie noch nie ein schlechter Mensch gestorben ist (wenn man den jeweiligen Nachrufen glaubt) hat auch noch nie ein schlechter Sportler den Rücktritt gegeben. Plötzlich sind Dinge, die jahrelang ein Ärgernis waren positive Charakterzüge, und ungestümes vorpreschen, gefährliche Rushes. Wäre ich NT-Trainer gewesen, hätte LM nicht so viele Spiele gehabt, ich hätte den defensiv viel solideren Spycher vorgezogen.
    Natürlich hat LM mehr erreicht als die meistern anderen (je erreichen werden), und dafür gebührt ihm Respekt. Trotzdem werde ich ihn als das in Erinnerung halten was er war: Ein ewig reklamierender, technisch limitierter AV, mit schwächen in der Abwehrarbeit, dafür war nur jede 15. Flanke brauchbar…

    • tommaso sagt:

      Die Bedeutung von Christoph Spycher für die Nati ist sowieso viel zu wenig gewürdigt worden, Spieler seines Typs sind eben nicht für Schlagzeilen gut…

  3. Salvatore sagt:

    Schöner Beitrag. Er war wirklich ein Spieler, der das Herz immer in die Hand genommen hat. So was wünscht man sich als Fan!

  4. Daniel sagt:

    Danke Ludo – du hattest trotz aller Kritik, welche viele Leute immer wieder übten, eine tolle Karriere hingelegt. Deine Erfolge in der Bundesliga haben noch nicht manche Schweizer toppen können.

    Du hattest Feuer, Einsatzwille und manchmal auch überraschend filigrane Momente. Viel Spass als Trainer.

  5. Oli sagt:

    Das hat er verdient. Die Häme bei seinem Rücktritt war unangebracht. Wie sehr Typen seines Schlages fehlen, zeigt auch die Struktur der aktuellen Nati. Wer reisst den Mund auf, wenn es mal ein lautes Wort braucht? Natürlich braucht jedes Wort auch seine Leistung auf dem Feld.

  6. Roger Wehrli sagt:

    diese fair gehaltene laudatio gefällt mir schon bedeutend besser als das öde nachtreten eines wohl beziehungsgestörten journalisten im tages-anzeiger. danke ludo, warst ein guter!

  7. Urs sagt:

    Mämä, wann wirst du edlich Sportredaktor für den TA oder eine andere grosse Tageszeitung in der Schweiz?

    Dein Fussballblog ist das Kompetenteste und Interessanteste was man in Sachen Fussball in den Schweizer Medien findet! (ich bin übrigens weder FCZ- noch GC-Fan und beurteile das nicht aus Zürcher-Perspektive)…

  8. Pascal Disler sagt:

    Danke pour rien!!!! Was begann mit der Ankunft von Magnin? der Untergang! Er hat in wichtigen Spielen gepatzt und war allermeistens einer der grössten Unsicherheitsfaktoren im Zürcher Spiel. Schon zum Ende seiner Zeit bei Stuttgart hat er all seine Klasse verloren. Danke Magnin dass du nun endlich aufhörst, dem FCZ zu schaden. P. S. Magnin ist das Paradebeispiel für die Transferphilosophie (Idiotie) des FCZ.

    • Mäse sagt:

      DAnn sollte man nicht Magnin kritisieren sondern den angeblich unfähigen FCZ Vorstand. Wer’s besser macht, bitte einen Schritt vortreten. Im Übrigen geht es hier um Magnin und NICHT um den FCZ.

  9. Auguste sagt:

    hmm…, ein toller spieler ist am karriereende angekommen und tritt aus der arena. wie es seine etwas ungestüme, aber immer engagierte art verlangt, hat er sich nicht “rechtzeitig auf dem höhepunkt” seiner beachtlichen karriere verabschiedet, sondern erst als die leistung im harten wettbewerb nicht mehr genügte. ein spieler wollte sein liebstes spiel bis zum ende auskosten. das ist nicht elegant, aber couragiert und beherzt – ganz so, wie es sein fussball war.

    alles gute für die zukunft, m. magnin.

  10. Maultäschle sagt:

    Danke Ludo,

    für die Leistungen die Du für uns im VfB Trikot gezeigt hast. Danke für den Fußball, deine spaßige Art und nicht zuletzt eine
    Meisterschaft, die wir mit Dir erleben durften. Ich wünsche Dir als tadellosem Sportsmann alles gute für den Weg nach der
    Karriere!

    Alles gute Ludo und Merci

  11. Rene Botteron sagt:

    Wenn er tatsächlich ein ganz Grosser wäre, hätte er Ende letzter Saison seinen Rücktritt gegeben. Leider bleibt mir noch sein Interview zum Schluss der Saison 2010/2011 in Erinnerung als Ludo sich sowohl menschlich wie auch sportlich nicht korrekt verhielt und es nicht einmal für nötig hielt dem FC Basel zum Titelgewinn zu gratulieren. Das war unterste Schublade.
    Und den grössten Vorwurf muss man nach wie vor an Canepa / Bickel machen, denn in den letzten Jahren war Magnin definitiv der grösste Fehleinkauf der Vereinsgeschichte und das sowohl finanziell wie auch sportlich gesehen.

    • Gerber André sagt:

      Das sehe ich auch so, René Botteron, die Zeit von Canepa/Bickel sollte langsam aber sicher ablaufen!

  12. Hans vom Hübel sagt:

    Ich mochte ihn eigentlich lange Zeit über sehr. Er war neben dem Platz ein Spassvogel mit einer positiven Ausstrahlung. Auf dem Platz hat mir sein Wille und sein Einsatz gefallen, dank dem er es als technisch limitierter Spieler erstaunlich weit gebracht hat.

    Allerdings wird das Bild durch die letzte Zeit seines sportlichen Niedergangs getrübt. In der Niederlage zeigt sich die wahre Grösse eines Menschen und da büsste er bei mir einige Punkte ein.

  13. Fred sagt:

    “Frohnatur” Magnin, das Lachen oben auf der ersten Seite wirkt sehr gespielt. Dieser Rücktritt war bestimmt nicht in seinem Sinne.

  14. DAM sagt:

    Schlussendlich bleibt dann halt doch eher der letzte Eindruck und somit die meist schwachen Leistungen beim FCZ in Erinnerung, als die Bundesliga-Erfolge. Es ist vor allem für LM selbst schade, dass er den richtigen Zeitpunkt für den Abgang verpasste.

  15. Rolf Wegmann sagt:

    Ich war ehrlich gesagt auch nie ein grosser Fan von LM, aber sein Verhalten auf dem Platz, seine Vorstösse die z.T. eher an einen Spastiker erinnerten, waren irgendwie doch genial. Im Gegensatz zu vielen hochgelobten Jungstars hat er sich seine Meriten in der Bundesliga verdient. Für mich hat er mit seiner Art auf gewisse Weise Kultstatus erreicht, wovon viele Möchtegern’s in der Super League meilenweit entfernt sind. Ich vergleiche ihn ein bisschen mit Gilbert Gress, der erzählt grundsätzlich auch nur Müll aus seiner Strassburger Vergangenheit und ist als Experte unbrauchbar, aber lustig ist es allemal. Mach’s gut Ludovic Magnin und gib dir Mühe beim formen des FCZ-Nachwuchses.

  16. Nino sagt:

    Magnin hat seinen Weg gemacht, das Beste rausgeholt, hat Freude am Fussball, ist ein verrückter im positiven Sinne, ist ein Typ, er kann auf sich stolz sein. Seine Zeit als aktiver Fussballer ist nun vorbei, bin gespannt wie er sich als Trainer macht, schätze er wird ein Typ Hitzkopf Challandes. Vielleicht werden in Fussballcamps zukünftige Fussballer wie Roboter ohne Charakter gezüchtet, aber das müsste eiigentlich verhindert werden. Trotzdem ist gut wenn der Nachwuchs und das Talent früh erfasst und gefördert wird, die Spieler begleitet werden, der Spieler Sport und Beruf kombinieren kann, der zukünftige Umgang mit Medien, Disziplin und Taktik erlernt wird. Der Charakter eines Spielers darf dabei nicht gebrochen, höchstens gezähmt werden.

  17. Rüedi sagt:

    Warum wird hier eigentlich immer von charakterlosen Jungprofis geredet?
    Kennen hier irgendein Kommentator auch nur einen dieser Spieler persönlich?
    Nur weil man schon in jungen Jahren professionell auf die Geier Medien vorbereitet wird, damit man nicht in jedes Fettnäpfchen tritt, heisst das noch lange nicht, das es einem an Charakter fehlt.

  18. Dominik sagt:

    Den hätte ich früher immer gerne beim FCB gesehen.

  19. Peter Müller sagt:

    Endlich sagt einer, dass Magnin nicht nur ein teurer FCZ-Fehleinkauf war. Dass er lange Jahre mit schlitzohriger Lust immer wieder für überraschende Spielzüge gesorgt hatte, in der Bundesliga und der Nationalmannschaft.. Dass er eine schlappe oder resignierte Mannschaft mit seinem ansteckenden Optpimismus aufwecken und nach vorn lotsen konnte. Dass er ein “Vergifteter” war und doch mehr Humor hatte als die meisten auf dem Feld. Ein Charakter halt, wie es leider nur noch wenige gibt im Fussballbusiness.

  20. Hans Saurenmann sagt:

    Das war ein schlechter Anfang vom Ende, ich mag mich an kein einziges Spiel fuer der FCZ erinnern das Margin hingekriegt hat, alles leere Luft, hoffe der FCZ kriegt die Kurve. dies wird eine ausgeglichene Meisterschaft und der FCZ kann es sich schlicht nicht leisten im Mittelmass herumzuturnen. Und ploetzlich ist GC wieder ein Thema, schlafen eigentlich alle beim Verein FCZ und wo sind die Supporter? Eddy wuerde sich im Grabe herumdrehen…..
    Und Natuerlich alle “Alten Vereinsmitglieder” mich eingeschlossen (kann noch werden)…..
    Wie kann man nur ein solchen Spieler fuer den Nachwuchs einsetzen!!!!? Bin “Sprachlos und Konsterniert” bis auf die Knochen…